Archiv für den Monat Oktober 2013

Tage bei Beena und andere Begegnungen

Liebe Leute,

nach den übervollen Tagen in Mysore bin ich nach Cochin gefahren. Ich bin eine leidenschaftliche Busfahrerin und wollte mal tagsüber fahren. Das hiess, dass ich die Nacht unterwegs verbringen musste, denn tagsüber gibt es keine Direktfahrten. Aber es war mir recht, im Urwald ein paar Stunden in Pattus Haus die Stille zu geniessen. Als erstes kläfften mir die beiden Köter entgegen. Ich sprach sie auf schwizerduetsch an, das offenbar alle Hunde dieser Welt verstehen. Jedenfalls verwandelten sie sich im Nu in 2 Schmusekatzen, die ich nicht mehr los wurde. Pattu und seine Frau freuten sich über alles über meinen Besuch und wichen mir auch nicht mehr von der Seite, allerdings haben sie mich auch mit bestem Essen versorgt. Sie freuen sich mächtig auf die nächste Schweizergruppe.

Ich genoss den Nieselregen, der das ganze Blumenmeer um Pattus Haus in noch schöneren Farben leuchten liess. Am andern Morgen musste ich früh raus. Pattu sagte, meine Übernachtung würde er dann bei der Gruppe auf die Rechnung setzen. Er brachte mich nach einem guten indischen Frühstück zur Busstation, steckte mir aber vorher noch ein in Zeitungspapier eingewickeltes Paket zu. Ich steckte es sorgfältig in die Tasche. So wird hier das Picknick eingepackt. Pattu denkt wirklich an alles.

Meine geliebten Busse klar lesbar angeschrieben

Meine geliebten Busse klar lesbar angeschrieben

Dann kam auch schon der Bus. 2x musste ich bis Cochin umsteigen, aber der nächste Bus fuhr auch gleich wieder los. Irgendwo konnte ich eben noch eine Tüte gepoppten Reis kaufen, zum Glück, denn als ich das Esspaket öffnete, kam ein Kilo feinster, gemahlener Kaffee aus Pattus Plantage zum Vorschein… Aber es lebt sich auch nicht schlecht einen Tag lang mit Wasser und gepopptem Reis.

Ich hatte alle Augen voll zu sehen. Die Strecke bin ich schon öfter gefahren, aber immer mit dem Nachtbus, einmal bei Vollmond. Jetzt konnte ich sie mal bei Tage geniessen. Irgendwo frühstückten noch ein paar Elefanten. Mitreisende machten sich einen Spass daraus, mir die Tiere immer wieder zu zeigen, sonst hätte ich nicht die Hälfte gesehen. Am meisten freute ich mich auf einen Bergpass, so ähnlich wie die Gotthard-Südwand in der Schweiz, Haarnadelkurve über Haarnadelkurve mit einer wunderschönen Aussicht weit über den Urwald ins Land hinein, und das mit indischer Fahrweise und einer Menge Affen auf der Fahrbahn. Die Strasse ist gut, fast durchgehend mit geschlossener Sicherheitslinie, wohl um die Mitte zu markieren. Ich bewundere die Busfahrer immer, wie sie mit ihren mächtigen Kisten solche Strecken fahren. Natürlich geben sie buchstäblich den Ton an, gleichzeitig verständigen sie sich mit Hand- und Hupzeichen, wer wann überholen kann, besonders bei schweren Lastwagen, die den Berg hochkriechen und die Strecke blockieren würden. Sie können millimetergenau aneinander vorbeifahren. Jeder hat jeden im Blick. Kommt halt einer entgegen, wenn überholt wird, muss der die Geschwindigkeit drosseln, bis der andere wieder auf seiner Seite ist.

Leere Busse gibt es in Indien nur, wenn sie abgeschleppt werden oder am ganz frühen Morgen, bevor der Fahrer die Türen aufschliesst, aber es ist eine Eigenheit dieser Busse, dass immer alle noch Platz haben. Es können noch so viele Passagiere drin sein, der Fahrkartenverkäufer (TT) übersieht keinen und weiss auch, wer wann wo aussteigt. Mir gegenüber sind sie besonders aufmerksam. Sonst fahren ja auch keine Weissbrote mit dem Bus.

Strassenbezeichnung in Mysore

Strassenbezeichnung in Mysore

So lange ich in den Städten bin, ist es auch kein Problem, denn die TTs sprechen alle englisch, nur im Urwald ist das nicht mehr gewährleistet. Vor allem sind dort die Busse nur noch in einheimischen Buchstaben angeschrieben. Meistens bringt mich jemand zum Bus, instruiert den TT und los gehts bis zum Umsteigebusbahnhof. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Bus ausgefallen ist und ich auf einen andern warten musste, dann wird wieder jemand genau instruiert, und der oder die gibt die Botschaft an den nächsten weiter. Manchmal gebe ich einfach das Handy dem Schaffner, oder sie rufen selber bei meiner Bestimmungsperson an, um sicher zu sein, wo ich abgeholt werde. Für mich ist das eine wichtige Vertrauens- und Lebenserfahrung. Schliesslich bin ich hier eine analphabetische Ausländerin mit anderer Hautfarbe… So habe ich mich noch nie gefühlt.

Wenn ich dann dem einen oder andern als Dank einen Kugelschreiber ins Brusttäschchen stecke, leuchten die Augen, als hätten sie ein Riesengeschenk bekommen.

Ziemlich müde aber glücklich kam ich nach 10 Stunden bei Beena an. Die Tochter öffnete die Türe und rief: Welcome home! Willkommen zu Hause.

Ich war vor 11 Jahren Freiwillige in der von Beena gegründeten Cultural academy for peace (CAP): http://www.culturalacademy.org

Beena Sebastian bekommt Preis

Beena Sebastian bekommt Preis überreicht

Ich war vom internationalen Versöhnungsbund IFOR angesprochen worden und dem Ruf gefolgt. Beenas Vater, ein anglikanischer Pastor, ein grosser Sozialreformer und Kollege von Gandhi, hatte den indischen Versöhnungsbund FORI gegründet. Seine Tochter ist ganz in diese Fussstapfen getreten. Sie hat Sozialarbeit, Psychotherapie und Mediation studiert. Später in Bangalore und mittlerweile verheiratet, hat sie zuerst bei einer Blindenorganisation und dann bei der Kindernothilfe gearbeitet. Schon sehr früh hat sie mit Familienberatung angefangen, weil sie sehen musste, dass viele Frauen allein für die Familie aufkommen mussten, weil die Männer tranken. Der Alkohol ist ein weit verbreitetes Übel, obwohl weder die Muslime noch die Hindus Alkohol trinken. Bei den Katholiken wird vor der Eheschliessung genau nachgefragt, ob der Mann trinkt. Und trotzdem…

Besonders zwei Erlebnisse liessen Beena, die mittlerweile nach Cochin umgezogen war, das Frauenhaus gründen: Eine Frau, psychisch krank gemacht von den Angehörigen und misshandelt, wollte sich in ihrer Verzweiflung mit drei Kindern in einen Fluss stürzen, wurde aber im letzten Moment gerettet und zu Beena gebracht. Eine andere Frau kam zu ihr, weil ihr Mann im Gefängnis sass. Er hatte eine Waffe bei sich getragen. Jemand sah dies und meldete es der Polizei. Der Mann war aber nicht kriminell, sondern hatte den Verfolgungswahn und musste psychiatrisch behandelt werden. Jahre später traf Beena diese Familie wieder, als alles besser war. Mittlerweile hat sich ein festes Netz von Freiwilligen, Psychiatern, RechtanwältInnen, Richtern um die CAP gebildet. Es gibt mehrere angestellte SozialarbeiterInnen. Eine zeitlang existierte ein 2. Frauenhaus, in dem eher junge Mädchen Zuflucht fanden. Dieses musste dann aufgegeben werden wegen zu hoher Miete. Heute gibt es nur noch den Shanti Bhavan, das Friedensheim, ein Bau, der vom Staat ohne Miete zur Verfügung gestellt wurde. Heute leben dort 48 Frauen mit 12 Kindern in 4 Schlafsälen. Unter den Frauen sind auch 10 Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren, die vergewaltigt oder sonst misshandelt wurden, die schwanger sind oder mittlerweile ihre Kinder zur Welt gebracht haben.

Die CAP ist auch politisch sehr aktiv und kämpft für bessere Gesetze. Das geht manchmal bis Delhi. Beena will unabhängig sein von politischen Parteien als auch Religionsgemeinschaften. Jede Frau, die Hilfe braucht, soll sie auch erhalten. Das heisst aber auch, dass die finanziellen Mittel bescheiden sind, besonders seit eine kanadische Organisation das Bezahlen der Löhne für die Sozialarbeiterinnen eingestellt hat, wegen Spendenrückgang.

Familienberatung wird ganz gross geschrieben. Beena betont immer wieder, dass Frauenemanzipation nicht viel Sinn macht, wenn nicht auch die Männer emanzipiert werden.

Ganz wichtig war es auch, die Polizei auszubilden, wie sie mit diesen Frauen umzugehen habe, die nachts auf den Strassen oder Bahnhöfen gefunden werden. Früher wurden solche Frauen oft genug auch noch von der Polizei aufs Schändlichste behandelt.

Ein weiteres Friedensprojekt ist der interreligiöse Dialog. Wenn die Religionsgemeinschaften die Frauen unterstützen, ist schon viel getan.

Beena hat in diesem Anliegen schon viele Länder und Organisationen besucht und dort vorgesprochen. 2005 war sie mit 999 anderen Frauen für den Friedensnobelpreis 2007 vorgeschlagen, der dann allerdings an Al Gore vergeben wurde. Sie hat aber mehrere andere Friedenspreise erhalten.

Eine der schönsten Erinnerungen an meine Freiwilligenzeit ist eine Kampagne in der Touristenmeile am Meer in Kochi. Die Mädchen hatten Plakate in verschiedenen Sprachen und Schriften gemalt. Erwartungsgemäss war von den reichen Touris nicht viel zu erwarten. Einige Deutsche sagten, sie wären hier, weil sie in Indien schon eigene Projekte unterstützen würden. Ein wohlbeleibter Landsmann von mir meinte: Frauen- und Kinderhandel gehört zur südasiatischen Kultur…

Wir kamen ins Gespräch mit einem israelischen Exsoldaten, mit einem indischen General und mit vielen Leuten, die in Kochi leben, aber keine Ahnung hatten von CAP.

Da war aber auch noch was ganz anderes. An der Stelle, wo wir unsern Stand aufgeschlagen hatten, gibt es viele Strassenhändler und allerlei buntes Volk. Von denen wurden wir äusserst genau beobachtet. Nach einiger Zeit kamen sie vorbei, um zu sehen, was wir da machten. Schliesslich brachten sie Tee. Von dieser Zeit her muss wohl mein Draht zu meinen Rikshawfahrern und Strassenboys herrühren, die irgendwie etwas verkaufen, um zu überleben oder ihr Studium zu verdienen, doch davon später.

RikshawFahrschule1200

Frauen werden zu Rikshawfahrerinnen ausgebildet

Eins der neuesten Projekte der CAP heisst „Women on wheels“: Frauen auf Rädern als Rikshawfahrerinnen, was ein totaler Einbruch in die Männerdomäne ist. Es kann für Frauen aber auch Schutz bedeuten, besonders in der Nacht, wenn sie von einer Frau gefahren werden. Ausserdem wissen diese Rikshawfahrerinnen bestens Bescheid, haben sie doch selber das Frauenhaus und alles, was damit zusammenhängt, erlebt.

Mit vier Schweizergruppen bin ich in Beenas Projekten gewesen, nun kommt die fünfte. Im September haben sich einige der Ehemaligen in der Schweiz zusammengetan zu einem Benefizessen zugunsten einer Rikshawaktion von Beena. 5000 Franken kamen zusammen. Beena lässt allen ganz herzlich danken für die grosse Unterstützung. Aber auch allen bekannten und unbekannten SpenderInnen aus Wethen schickt Beena ihre dankbaren Grüsse. Beena kann tatsächlich Spendenquittungen ausstellen, die aber in der Schweiz nicht anerkannt werden. In Deutschland will ich es jetzt versuchen.

Beenas Toechter Prenu links und Cuckoo mit Sohn Jo Das Baby schlaeft

Beenas Töchter: Prenu links und Cuckoo rechts mit Sohn Jo. Das Baby schläft.

Dieses Jahr war alles ganz anders. Beena hat mehr als 30 Jahre ehrenamtlich in der CAP gearbeitet, 52 Wochen im Jahr, es gibt nur eine Ausnahme und die war dieses Jahr wieder eingetreten: Wenn sie Grossmutter wird. Dann ist sie nur noch für die Familie da. Ihre verheiratete Tochter Cuckoo hat eine Tochter zur Welt gebracht. Der Sohn ist schon 4 Jahre alt.

Eine Tochter verlässt ihre Familie, wenn sie heiratet und wird in die Familie ihres Mannes aufgenommen. Einige Wochen vor der Geburt kehrt sie ins Haus der Mutter zurück, die sie auf das grosse Ereignis vorbereit, sie mit ayurvedischen Ölen massiert und sie einfach kurzum verwöhnt. Geburt ist Frauensache. Da haben die Männer nichts zu suchen. Nach der Geburt bleibt die Tochter noch etwa 6 Wochen im Haus ihrer Eltern, wird massiert und versorgt. Manchmal wird auch eine Frau angestellt, die das macht, denn jetzt kommen alle Verwandten vorbei, wollen das Baby sehen und nehmen sich sehr viel Zeit dazu. Natürlich wird auch etwas zum Essen und Trinken angeboten. Unglaublich, wer da alles verwandt ist. An den Samstagen und Sonntagen war Beena jeweils ganz erschöpft. Unter der Woche müssen die meisten tagsüber arbeiten. Das waren dann die Gelegenheiten, wo wir miteinander sprechen konnten.

Es gab zwei Hauptthemen: Die Gründung einer Solidaritätsgruppe in Deutschland wie es in der Schweiz schon Anfänge gibt und das 100-Jahr-IFOR-Jubiläum im August 2014. https://www.versoehnungsbund.de/node/464
http://ifor-mir.ch/website-ifor

Die Solidaritätsgruppe ist schon lange Thema. Dabei geht es nicht nur um Geldspenden, sondern auch um Freiwillige, am besten Frauen im reiferen Alter, die zum Beispiel im Frauenhaus Handarbeiten lehren könnten oder Studentinnen für Sozialarbeit, die bei Beena ein Praktikum machen, was schon mehrmals vorgekommen ist. Die allermeisten sind begeistert, aber dann bricht der Kontakt ab. Angedacht war auch schon ein Austausch von Lehrerinnen, auch das hat nicht geklappt. Kommunikation und Information sind sehr schwierig mit indischen Projekten, leider auch in der CAP. Beena selber kann die ganze Korrespondenz auch gar nicht leisten. Da möchte ich die andere Tochter von Beena einschalten, Prenu, von Beruf Softwareingenieurin. Sie engagiert sich ebenfalls bei IFOR und hat sich auch bereit erklärt, mitzumachen. Neben Menschen aus den Reisegruppen möchte ich durch Prenu auch ehemalige Freiwillige anschreiben. Mal sehen, was daraus wird.

Ich habe Beena auf den Senior Expert Service aufmerksam gemacht, der von der deutschen Wirtschaft gefördert wird: http://www.ses-bonn.de Es gibt so viele Senioren, deren Lebenserfahrung und Können vielen Menschen eine bessere Zukunft ermöglichen könnte. Stattdessen sitzen viele in den Cafes herum und werden so auch nicht zufriedener.

Ein grosser Traum von Beena ist seit Jahren ein eigenes Friedens- und Therapiezentrum, aber die Bodenpreise explodieren dermassen, dass das der liebe Gott schon selber möglich machen muss.

Das andere grosse Thema ist das Hundertjahr-Jubiläum von IFOR in Konstanz vom 1. bis 3. August 2014. Beena ist als Delegierte von ganz Asien eingeladen. Ich werde sicher auch dort sein. Das nähere Programm werde ich bei Erscheinen in meinen Blog stellen.

Es muss noch alles mit IFOR abgesprochen werden, doch was schon mal angedacht ist, ist folgendes: Beena fliegt in der letzten Juliwoche von Kochi nach Zürich, wo sie von ihren Schweizer Freunden abgeholt wird. Dann könnte ein Benefizessen mit Beena in St. Gallen stattfinden. Beena kann auch zu allen Frauenthemen Stellung nehmen. Ich könnte mir auch ein Podiumsgespräch vorstellen. Ich hoffe, dass sie sich mit meinem pakistanischen Bruder wird treffen können, der in Pakistan ähnliche Arbeit leistet und der mit einer ähnlichen Organisation aus Bangladesh angeschlossen ist. Pakistanische und indische Frauen würden gerne zusammen arbeiten, aber die Hohe Politik lässt es nicht zu. Als der Pakistanische IFOR gegründet wurde, war Beena eingeladen, aber sie bekam keine Einreisegenehmigung.

Auch von Freiburg im Breisgau klang schon eine Idee an. Vielleicht würde sogar etwas mit Fernsehen oder Presse möglich, positive Berichterstattung. Ich glaube daran, dass viele kleine Leute mit kleinen Schritten die Welt verändern können.

Wie erwähnt finden dann die Feierlichkeiten von IFOR rund um den Bodensee statt. Auch da ist noch nichts Offizielles.

Nachher möchte ich Beena mit nach Wethen nehmen. Hier wiederum sind auch schon einige Gedanken im Werden: Vortrag bei einer Frauenorganisation, Begegnung mit der Deutschen Polizei, etc. Nachher kann Beena nach Zürich zurückfahren und von dort nach Indien zurückfliegen.

Leute, meldet Euch, ich sammle!! Vieles werde ich auch erst nach Indien weitermachen können.

Wichtig ist mir auch immer, dass die Projektleiterinnen etwas für sich tun können: einfach mal raus aus allem. Männer können das viel besser und indische Frauen überhaupt nicht.

Faehre zwischen den Inseln

Fähre zwischen den Inseln

Also fuhren Beena und ich mit der Fähre ins alte Kochi. Schon letztes Jahr hatte ich sie mitgenommen. Nachher erzählte sie mir, dass sie schon viele Jahre nicht mehr dort gewesen sei. Sie wollte nun öfters mit ihrer Familie dahin. Im vergangenen Jahr schaffte sie es nicht. Wir fuhren zuerst zum Jainstempel. Einer meiner Rikshawfahrer hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Die Jains sind eine alte Religion, ungefähr zur Zeit des Buddhismus entstanden als Reform zum Hinduismus. Sie sind absolut gewaltfrei, haben rigorose Speiseregeln und dürfen absolut keine Feldarbeit leisten, denn dadurch würden sie Leben vernichten. Obwohl sie eine sehr kleine Glaubensgemeinschaft sind, haben sie grossen Einfluss. Sie sind geschickte Geschäftsleute, Banker und dergleichen. Anju Jain, der Chef der Deutschen Bank, gehört dieser Religion an. Sie betonen, dass die Schöpfung eins ist und dass Tiere und Menschen gleichwertig sind. Deshalb gibt es in diesem Tempel jeden Tag eine sehr eindrückliche Zeremonie. Auf den Dächern ringsum warten hunderte von Tauben. Es wird ein Gebet gesungen und dann Futter ausgestreut. Ich kam mir vor wie im Film Die Vögel. Alle Anwesenden erhielten Futter in die Hände, das wir den Tauben entgegen streckten. Setzten sich darauf und pickten ganz zart die Reiskörner auf. Ich war sehr berührt. Auch das feine Gefieder zu spüren. Beena war begeistert. Sie unterhielt sich lange mit einem jungen Jainpriester, Sohn von einer reichen Geschäftsfamilie vom Punjab. Sein Lebenszeugnis war sehr beeindruckend. Beena merkte sich seine Handynummer und lud ihn zum nächsten interreligiösen Treffen der CAP ein. .

Dann gingen wir essen. Shrimps und Fritten und zum Nachtisch Mango Lassi. Und dann war shoppen angesagt. Beena hat eine Schwäche für bunte Öllampchen aus Glas, fand aber diesmal nichts passendes.

Ein Ort, an den wir immer gerne hingehen, ist ein Projektladen, wo Fischerwitwen und andere arme Frauen ihre Handarbeiten verkaufen. Bewusst werden dort alte Handarbeitstechniken ausgeübt, die in Europa schon fast vergessen sind wie Klöppeln, petit Point und andere Stickereien, Häkeln, aber auch Nähen. So habe ich 2 Blusen erstanden, oder besser, Thomas hat sie mir fast geschenkt.

Ein anderes ‚Muss‘ ist der Gewürzladen meiner Rikshawfreunde.

Die Leute vom Gewuerzladen ganz rechts Babu

Die Leute vom Gewürzladen. Ganz rechts Babu.

Ich hatte vorher erwähnt, dass ich zu den Strassenhändlern und Rikshawfahrern eine besondere Beziehung habe. Ich kann auf Kochi keinen Schritt gehen, ohne einen Bekannten zu treffen. Diesmal ist mir folgendes passiert: Ich strich um einige Stände herum, als einer der Jungs auf mich zu kam und sagte: Du hast doch vor 2 Jahren an diesem Stand dort dem alten Mann einen Spazierstock abgekauft. Der ist vor 6 Monaten im Meer ertrunken. Ich war platt. Tatsächlich habe ich den Stock vor 4 Jahren gekauft…

So habe ich mich auch mit mehreren Rikshawfahrern angefreundet, alles Muslime, die gemeinsam einen Gewürzbioladen aufgemacht haben. Bio, nun gut, aber sie haben tolle Sachen. Daneben machen sie auch noch Führungen durch die Altstadt von Kochi.

Wenn ich den Laden verlasse, ist meine Tasche vollgestopft mit Gewürzen. Manchmal ist es mir fast peinlich, immer wieder so beschenkt zu werden.

Beena staunt jeweils, wie unkompliziert wir miteinander umgehen. Es war auch interessant zu sehen wie Mahin reagierte, als er Beena und mich bei der Fähre abholte. Er freute sich mächtig, streckte mir zur Begrüssung die Hände entgegen. Bei Beena, der man ansieht, dass sie eine etwas vornehmere indische Dame ist, verhielt er sich, wie es sich für einen guten Rikshawfahrer gehört: Distanziert, unterwürfig. Erst als Beena sich mit ihm unterhielt, taute er auf. Babu ist etwas legerer: Deine Freunde sind meine Freunde. Jedenfalls hatten wir alle viel Spass miteinander.

Mahin mit seinem Rolls Royce

Mahin mit seinem Rolls Royce

Es ist auch unglaublich, mit wie viel Fantasie sie ihre Kistchen aufpeppen. Als ich Mahin sagte, er solle uns in seinem Ferrari noch an einen bestimmten Ort bringen, antwortete er: Ferraris haben schon viele, dies ist ein Rolls Royce!!

Eine andere Geschichte ist die Fischbude. In Kochi am Meer kann man frischen Fisch kaufen und sie in einem der vielen Hotels grillen lassen. Jetzt haben einige der Jungs dort eine Bude aufgemacht, wo sie die Fische direkt grillen. Die Einrichtung ist äusserst einfach. Aber zum Grillen braucht es auch nicht viel. Die Getränke holen sie an den Ständen ringsum. Da könnte man bedenkenlos hingehen. Aber die reichen indischen Touris tun es bestimmt nicht und die Europäer haben Angst, es könnte nicht sauber genug sein. Jedenfalls war ich immer der einzige Gast. Dafür kam stets jemand zum Plaudern vorbei, besonders die Rikshawfahrer. Und jedes Mal wurde der Fisch grösser, zum gleichen Preis, versteht sich. So habe ich schon sehr viele gute Tipps bekommen, weiss wo ich einkaufen kann und welche Rikshaws ich nehmen kann ohne übers Ohr gehauen zu werden.

Irgendwann war ich auch beim Zahnarzt. Vor 11 Jahren hat mir der alte Meister die erste Brücke eingesetzt. Mittlerweile sind es drei. Alles noch tadellos. Mehr als Zähneputzen musste nicht sein. Kostet 500 Rupien, ca. 6 Euro. Auch in Indien wird der Zahnarzt teurer. Früher waren es nur 2.80 Euros.

Am letzten Abend wünschte sich Beena noch Fritten für die ganze Familie, was ich natürlich gerne tat. Am andern Morgen nahm ich vorerst Abschied und fuhr mit dem Bus wieder Richtung Norden. Es regnete in Strömen. Der Herbstmonsun hat so richtig zugeschlagen. Ich liebe es, im Bus zu sitzen, wenn es strätzt. Nur die Storen muss man ganz schnell runterlassen, weil es keine Glasscheiben gibt. Sonst ist die Dusche inklusive. Diesmal hatte ich von Beena auch ein Picknick mit. Ein bisschen schlafen, dann kam die Sonne wieder und schliesslich ging es auch wieder die Haarnadelkurven hinauf, erneut in den Urwald. Der TT war hilfsbereit wie immer.

Ich habe Zeit gebraucht, um all die Eindrücke zu verdauen und die Gedanken zu ordnen. Deshalb habe ich drei wunderbare Tage in einem ganz neuen Ashram der MSFS zugebracht. Das Hauptgebäude ist erst seit 6 Monaten fertig gestellt, wunderschön, aber ohne jeglichen Luxus, falls eine Waschmaschine kein Luxus ist. Das Modell ist einzigartig: Man füllt die Wäsche in die Maschine ein, schüttet Waschpulver darüber und einen Eimer kalten Wassers hinterher. Dann Knopfdrücken, die Maschine wäscht, vorausgesetzt es kommt kein Stromausfall. Nach einer bestimmten Zeit wird das Wasser abgelassen, neuer Eimer mit Wasser zum Spülen hinterher, dann kann man alles in die Trommel zum Auswinden tun. Aufhängen muss man selber.

divine light ashram Moderne Kueche mit Koch

„divine light-ashram“. Moderne Küche mit Koch

Es leben 3 MSFS im Haus, die froh sind. wenn sie nicht alles von Hand waschen müssen. Bei meiner Ankunft war eben der Koch krank. Ob ich ihnen nicht kochen würde? Doch, gerne, nur esst Ihr auch, was ich machen werde? Nun gut, Reis war schon gekocht, Kartoffeln, Eier, Butter gab es nicht, dafür süsses Toastbrot und allerlei Gemüse. Die Milch war eben gebrochen. Zuerst wollte ich Käse daraus machen, aber es war zu wenig. Ausserdem: Inder und Käse… Am andern Tag kam der Koch dann doch, obwohl er sich kaum bücken konnte. Er hat eine Diskushernie.

Die Sache mit dem Essen hat sich schnell erledigt. Die Herren haben mich auf ihre Pastoralbesuche mitgenommen. Da wird man in jedem Haus eingeladen. Beeindruckt hat mich einmal mehr der Einsatz dieser Priester. Kein Weg zu weit oder zu steil. Auch hier gibt es sehr viele Christen, die aus Süd-Kerala eingewandert sind. Am stärksten vertreten sind die Muslime. Neben einer Kirche steht eine Moschee, ein Tempel, Kirchen der verschiedensten Bekenntnisse, nochmals eine Moschee und jede Menge Klöster. Das Zusammenleben funktioniert sehr gut.

Johnny im Urwald Im Hintergrund der abgestorbene Bambus

P. Johnny im Urwald. Im Hintergrund der abgestorbene Bambus

Pater Jonny, der in Urwaldnähe, 15 km vom Ashram entfernt, Pfarrer ist, kennt alle seine Schäfchen, besucht sie zuhause oder sie kommen zu ihm. Der Familienseelsorge wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Jonny macht Familienberatung, Psychotherapie und versteht auch vieles von alternativem Heilen. Er ist auch Yogameister. Wir haben sehr viele und intensive Gespräche geführt, am liebsten oben auf dem Flachdach.

Hier ist ein Ort, an dem erschöpfte europäische Seelsorger auftanken und Neuorientierung finden könnten. Und vor allem eine begeisterte Nachfolge Jesu vorgelebt bekommen.

Auf den ersten Blick kommt es einem vor wie im Paradies. Überall Palmen, Bananen, blühende Büsche. Man hat einen weiten Rundblick in die Berge, alles Urwaldschutzgebiete. Im Paradies ist aber der Wurm drin. Der indische Staat möchte die Westghats, die Berge, welche die ganze Westküste säumen, unter Naturschutz stellen und ein riesiges Biosphärenreservat einrichten. Umweltbelastende Industrien sollen verschwinden. Der Bergbau darf nicht mehr ausgeweitet werden. Neuerschliessung von Bodenschätzen würde verboten. Die Leute, die in diesen Gegenden wohnen, sollen dort bleiben, dürfen aber nicht weiter in den Urwald eindringen, auch die Urbevölkerung nicht, die schon seit Menschengedenken im Urwald lebt.. Es gibt verschiedene Versionen, zum Beispiel, dass auch der Highway, die kürzeste Verbindung nach Mysore, die aber durchs Schutzgebiet führt, geschlossen werden soll. Das macht den Leuten Angst.

Oder hier ist ein grosses Tigerreservat. Aus mir unbekannten Gründen wurden dort von woanders her noch Tiger ausgesetzt. Diese Raubkatzen haben aber ihre Reviere. Die ansässigen Tiger lassen die Neueindringlinge nicht in ihre Territorien. Also bleiben diese draussen zwischen Wald und Siedlungen und bedrohen Menschen und Tiere in den Dörfern, was auch wieder zu Protesten bis zu Gewaltakten und Beseitigen der Tiger bedeutet.

Grosse Probleme machen auch die Elefanten. Letztes Jahr ist der Bambus gestorben. Alle 60 Jahre blüht der Bambus und stirbt dann und zwar grossflächig über verschiedene Reservate hinaus. Bambus ist aber die Hauptspeise der Elefanten. Also kommen auch sie aus dem Wald und holen sich, was ihnen schmeckt, z.B. Bananen oder Kokospalmblätter. Johny hat mir einen Kokoshain gezeigt, der innert weniger Minuten verwüstet wurde.

Johnny spricht mit einer Frau im Urwald

Johnny spricht mit einer Eingeborenen-Frau im Urwald

Seit jeher haben die Adivasis im Wald gelebt. Das waren keine gebildeten Menschen nach unserem Verständnis. Die hatten aber durch ihre Naturverbundenheit ein sehr grosses Wissen. Viele dieser Stämme wurden jetzt umgesiedelt an den Waldrand. Sie bekommen grosse Vergünstigungen, gratis Reis, freien Wohnraum, kostenlose Bildung für die Kinder, was zu viel Eifersucht und Neid unter jenen andern führt, die hart für ihr Leben arbeiten müssen und es dennoch kaum reicht. Die Urwaldbewohner waren nicht gewohnt in unserem Sinn zu arbeiten. Jetzt sind viele Alkoholiker und dümpeln vor sich hin. Was jetzt wenigstens zu funktionieren scheint, sind Internatsschulen nur für Adivasikinder. Vielleicht schaffen sie es einmal eine bessere Zukunft zu gestalten.

Tja, ich wäre ja so gerne noch geblieben, aber der Wagen, der rollt. Der Bus hat mich mittlerweile nach Mysore zurückgefahren. Die Puddingstrasse vor Lisys Haus ist durch den Monsun noch schlimmer geworden. Ich habe hier noch einige Dinge für die Schweizergruppe zu erledigen. Lisy hat auch noch Anliegen.

Mitte der Woche fahre ich nach Bangalore zurück.

Euch allen ganz herzliche Grüsse, Eure Schwester Myriam

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