Archiv für den Monat Juni 2014

Komm heiliger Geist und störe mich

Liebe Leute,
in wenigen Tagen geht die Osterzeit zu Ende mit dem Pfingstfest. Ich weiss, dass viele von uns mit diesem Fest nichts mehr anfangen können und mit Kirche schon gar nichts. Mit vielen Pfingstpredigten kann ich auch nichts anfangen. Um so mehr beschäftigt mich ein Gedanke, der eigentlich kaum je weitergedacht wird, der mir aber sehr wichtig ist. Am meisten denken meine indischen Brüder darüber nach:

In der Apostelgeschichte 1, 14 heisst es: Die Apostel (…) verharrten einmütig im Gebet mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern. Maria betet mit den Aposteln, den gleichen Gesellen, die ihren Sohn verleugneten, verrieten, verliessen, als es brenzelig wurde. Maria war ganz Mutter. Auch wenn dazwischen die Auferstehung Jesu liegt, ich muss ehrlich sagen: Mit denen mich zusammensetzen und beten? Nie wieder!! Mir fällt es schon bei viel kleineren Dingen oft schwer zu verzeihen.

Wieviel Ringen und Verzeihen muss Maria da durchgemacht haben? Was wäre aus der Kirche geworden ohne dieses Verzeihen und wieder dabei sein Marias? Maria war offen für die verändernde Kraft Gottes, unfassbar, doch heilend und neues Leben schenkend.
Eine meiner besten Freundinnen hat dem Mörder ihrer Tochter verziehen. Sie wollte sich nicht auch noch ihr Leben durch Hass zerstören, obwohl auch sie lebenslänglich hat. Meine Freundin ist jemand, die auf einmalige Weise Trost spenden kann und es auch tut. Auch in ihr wirkt diese unglaubliche veränderne Kraft, für mich heiliger Geist. Ich weiss von meinem Dienst im Knast, wie viel es einem Menschen bedeuten kann, wenn ihm verziehen wird.

So viel Kraft zum Frieden liegt in unseren Händen, respektive in den Herzen von uns kleinen Leuten.

Übrigens eines meiner Lieblingsgebete: Komm heiliger Geist und störe mich, wo ich gestört sein soll! (Man sollte es nicht leichtsinnig sprechen!)

Eben habe ich eine Nachricht und einen Gruss von Pater Joy, dem Direktor vom Kinderdorf ‚Nest‘ bekommen. Als ich vor 7 Jahren das erste Mal dort war, war alles noch sehr armselig: 18 Kinder in einem Raum, essen, Schularbeiten machen, schlafen. Jemand von der Reisegruppe sagte: Ach, die armen Kinder, die müssen auf dem Boden schlafen. Der damalige Direktor schüttelte den Kopf und antwortete: Was ist daran so schlimm? Wir haben doch immer auf dem Boden geschlafen.

Mittlerweile ist ein wunderschönes Kinderdorf daraus geworden. Die Kinder schlafen in Betten, die ihnen gespendet wurden. (Jetzt gibt es schon europäische Besucher, welche die hübschen Kinderhäuser als Luxus bezeichenen.)

Internationale Freiwillige aus Deutschland und Spanien arbeiten dort. Auch von der naheliegenden Universtät kommen Studenten, um Nachhilfe zu geben. Das Konzept der Patres ist anerkannt geworden.

Wenn Geld da ist, wird gebaut. Das ist alles andere als einfach, weil die Patres absolut nichts mit Schmiergeldern am Hut haben. Die Bauarbeiter sind sehr arme Leute, die mit ihren Familien von Baustelle zu Baustelle ziehen, wenig verdienen und schwer, oft auch sehr ungeschützt schuften müssen. So können die Kinder kaum zur Schule. So viel ich weiss, liessen sich die Gründer von ‚Nest‘  auch durch Bauarbeiterkinder zu dieser Gründung bewegen.

NEST ist eine Abkürzung von „Nurturing and Education for Social Transformation“, soll aber auch durchaus die Bedeutung für Nest im Sinn von zuhause haben. Das soll ein lebenslanges Zuhause für die Kinder sein, auch wenn sie längst erwachsen sind. Das ist in Indien noch viel wichtiger als hier in Europa. Oder achten wir in Europa einfach zuwenig auf ein Nest, wo die Kinder Geborgenheit finden? Wenn ich manchmal `meine`Leute im Gefängnis so erzählen höre… 14 Heime durchgemacht…

Bisher gingen die Kinder in eine öffentliche Schule. Nun wird ein Schulhaus gebaut, das auch Kindern von ‚aussen‘ dienen soll. Gleichzeitig wird es den Patres etwas finanzielle Unterstützung geben. Die ältesten Kinder sind zu Jugendlichen herangewachsen, die sich sich für ein Studium oder eine andere Ausbildung entscheiden müssen und das kostet eine Menge Geld. Nichts von chillen nach dem Abitur!! Ausbildung soll möglichst gefördert werden, dass sie später auf eigenen Füssen stehen können. Besonders für Mädchen ist dies wichtig.

Hier nun die Mail von Pater Joy:
Uns geht es allen sehr gut. Es ist richtig warm hier. Eigentlich bräuchten wir etwas Regen.  Wir haben uns am 29. März von Sr. Rosamma, unserer langjährigen und überaus geliebten Hausmutter verabschiedet. Sie hat eine andere Aufgabe in ihrer Gemeinschaft bekommen. Aber so ist unser Leben. Es war sehr schwer für uns alle, besonders für sie und für die Kinder.
Ihr Nachfolgerin heisst Schwester Klaramma. Sie gehört ebenfalls einem Säkularinstitut an.
Die älteste, Sony, hat ihr X-Klasse (Public Exam) geschrieben. She has passed with 81% Marks, was vorzüglich ist. Dieses Jahr nehmen wir auch noch drei neue Kinder. Zwei sind Waisen und eine ist Halbwaise. Jetzt haben wir 51 Kinder.
Die deutschen Freiwilligen haben ihren Urlaub schon gehabt. Momentan bemalen sie mit einigen grösseren Kindern zusammen unser Haus. Sie sind alle sehr fleissig.
Am 2 Juni beginnt das neue Schuljahr. Voher müssen wir unser Schulgebäude fertig kriegen. Es gibt momentan viele Arbeiter und viel Arbeit hier.

So sieht Bauen in Indien aus:

PaterRijouAufDerBaustellePater Rijou auf der Baustelle.

PaterJoyKontrolliertDieArbeitenAufDemDachPater Joy, der Direktor, im blauen Hemd,  auf dem Hausdach mit den Bauarbeitern.

esWurdeEinfachEinStockwerkDraufGesetztWenn Geld da ist, wird weitergebaut. Ein Stockwerk wird oben drauf gesetzt.

Ich bin nach wie vor am Zusammenstellen des Programms mit Beena Sebastian, die am 25. Juli nach Wethen kommt. Vom 1. bis 8. August wird sie in Konstanz bei den 100-Jahrfeierlichkeiten des internationalen Versöhnungsbundes als Delegierte von Asien teilnehmen.

Auch hier tut sich sehr viel. Die Renovierungsarbeiten gehen ihrem Ende entgegen und der Aufbau des Projektes ‚offenes Haus, kreative Flamme, nehmen immer mehr Gestalt an. Im Atelier wird schon wacker gemalt. Sogar ich habe wieder angefangen Farben zu mischen. Mittlerweile ist auch eine Küche im Atelier eingerichtet. Wer mal in Atelieratmosphäre speisen oder feiern möchte, oder Ferienreisende aus der Schweiz, oder mal Dorfleute, die sich einen Kaffee machen und klönen (sich unterhalten) möchten… Was immer, es ist vieles im Werden. Ich hoffe, dass bis zu meiner Abreise nach Indien am 16. Sept.schon so viel gewachsen ist, dass auch ohne mich etwas weiterläuft. Sobald ich kann, schicke ich den link.

Eben hat eine Freiwillige in Israel mich auf eine sehr interessante Initiative aus der Schweiz aufmerksam gemacht. So einfach kann etwas mehr Mitmenschlichkeit sein. Ich lebe ja in einer Gemeinschaft, die auch solche Ziele hat. Da kann noch mehr werden. Es muss nicht heute oder morgen sein, aber vielleicht doch schon bald…
Hier mal ein ausnahmsweise nicht internet-basiertes Projekt zur Ermöglichung und Förderung des Teilens von selten benötigten Gegenständen in der Nachbarschaft. Das Projekt stammt zwar aus der Schweiz, möchte aber ausdrücklich einen größeren Wirkungskreis haben (so werden z.B. die benötigten Sticker kostenlos auch nach Deutschland geschickt!) http://www.pumpipumpe.ch/das-projekt/
Mitmachen ist sehr einfach und kostenlos. Und außerdem kann man sich über den ein oder anderen Schweizer Ausdruck freuen ;)

Viel Spaß beim Teilen!
Ich wünsche euch allen ein frohes Pfingstfest,

Eure Schwester Myriam

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