Archiv für den Monat Oktober 2014

Die Wunder von Mysore

Wenn kein Wunder passiert, dann sei selber eines.
aus: „Mein Leben ohne Limits“
von  Nick Vujicic, der ohne Arme und Beine geboren wurde.

Liebe Leute,

Mysore, Luftbild. Quelle: commons.wikimedia.org

Mysore, die alte Königsstadt ist eine aufstrebende City, mit viel IT, aber auch mit Luxushotels mit dem zunehmenden Tourismus  und Erstklass-Spitälern, die man auch gut sieht, wenn man vom Chamundi Hill auf die Stadt blickt. Mittlerweile sollen es 300 000 Einwohner sein. Wer weiss das schon? Zahlen sind relativ in Indien. Vielleicht sind es auch bald eine Million, wenn man die Aussenbezirke dazu zählt. Mysore hat aber auch 82 Slums. Lisys Traum ist es, aus Mysore die kinderfreundlichste Stadt Indiens zu machen.

Nirgends wie in meinem Indienengagement habe ich erfahren, wie Gedanken Anstoss zu einer veränderten Wirklichkeit werden können. So haben die Indienreisen angefangen mit dem Gedanken einer Frau, die dann allerdings nie dabei war, mit der Frage an einen ‚ausgeliehenen‘ indischen Priester: „Henry, ich wüsste so gerne wie du in Deiner Heimat lebst.“ Daraus ist das interkulturelle Programm ‚Indien von Mensch zu Mensch‘ geworden, durch das besonders das Roshini-Projekt zum Leben erweckt wurde, aber auch in vielen anderen Situationen ein segensreicher Austausch geworden ist.

Lisy und ich haben heute morgen wieder darüber gesprochen, wo oft wir echte Wunder erleben in Situationen, wo eigentlich alles hoffnungslos scheint. Zuallererst muss man dran bleiben, hingucken und immer noch dranbleiben. Für mich ist es schon ein Wunder, mit so vielen Menschen, allen voran mit meiner Freundin Margrit Germann, verbunden zu sein, die einfach nicht aufgeben und sehr oft auch über den eigenen Schatten springen. Die meisten von uns sind nicht mehr ganz so jung, auch nicht besonders reich. Wir nennen das Roshini-Projekt das Wunder von Mysore. Oder die Brotvermehrung von Mysore.

Die ehemaligen Strassenmädchen gehen zur Schule. Im Hintergrund Shiva, der Rikshaw-Fahrer.

Die ehemaligen Strassenmädchen gehen zur Schule. Im Hintergrund Shiva, der Rikshaw-Fahrer.

Alles begann mit dem Wunsch von Lisy: „Ich könnte Universitätsprofessorin werden, aber ich will zu den Armen.“ Und sie ging mit leeren Händen. Sie fing einfach an, 2008, sammelte Slumkinder und gab ihnen am Abend zwei Stunden Unterricht. Tagsüber müssen sie den Lebensunterhalt für die Familie mitverdienen helfen. Wenn auch alle Initiativen gegen Kinderarbeit wichtig sind, kein indisches Kind wird in die Schule gehen, wenn die Familie hungert. Aber wenn sich irgend eine Möglichkeit eröffnet, dass sich beides vereinen lässt, dann sind sie mit Eifer dabei. So war es mit dieser Slumschule. Sechs etwas ältere Jungs waren dabei und viele kleine Mädchen. Die Jungs brachten die kleineren mit und begleiteten sie wieder zurück in den Slum.

Damals habe ich mich in Kalinga ‚verliebt‘, ein aufgewecktes Kerlchen, das tagsüber den Lebensunterhalt für die kranke Mutter und seine beiden Schwestern mit Singen und Tanzen als Hanuman verdiente. Der Vater war schon tot. Die Famile kam aus dem Urwald und hoffte wie so viele, in der Stadt ihr Glück zu machen. Eine der Ordensschwestern fragte ihn damals, ob er nicht Lehrer werden möchte. Nein, sagte er, ich will Schuldirektor werden!!!

Kalinga möchte weiter zur Schule gehen

Kalinga möchte weiter zur Schule gehen

Kalinga ist jetzt 18. Seine positive Lebenseinstellung hat er heute noch, möchte aber jetzt Mechaniker werden. Als das Roshini-Projekt offiziell als NGO anerkannt wurde, wurde es ein Ort, an dem Mädchen gefördert werden. Die Jungs hatten hier keinen Platz mehr. Da nutzte der ganze Protest nichts. Dank Lisys connections und Einsatz konnten aber alle weiter zur Schule gehen. Kürzlich machten sie mit Bestnoten einen staatlich anerkannten Schulabschluss. Sie könnten jetzt eine Mechanikerschule besuchen, an der nur halbtags unterrichtet wird und die zwei Jahre dauert. Aber die kostet im Jahr 10 000 Rupien, dazu noch Fahrtkosten und Essen, alles in allem pro Jahr etwa 150 Euros. Gibt es Menschen unter meinen Lesern, die bereit wären, für ein Jahr oder gar für beide diese Kosten zu übernehmen? Wir hören oft von teuren Programmen für Gewaltprävention. Hier könnten sechs Jungs davor bewahrt werden, eine Gang zu werden.

In der Schweiz könnte sogar eine Spendenquittung ausgestellt werden.

Übrigens ein neuer Kühlschrank kostet mehr, 330 Euros. Den kriegen wir auch noch hin. Ich biete meinen Indienreisenden immer an, für die Reise einen Seidenschlafsack zu bestellen, den die Lisy-Schwestern dann nähen. Das Stück kostet 30 Euros, das ist weit über dem, was das Material (Seide mit irdgendwas vestärkt) kostet. Diesmal sind es 18 Stück.  Damit ist der Kühlschrank mit Tiefkühlfach gesichert. Warum ist so ein Ding hier nötig? 20 Strassenkinder haben Appetit. Lisy weiss oft nicht, wie die Mäuler stopfen. Sie bekommt aber auch oft Essen, das von Festen, Hochzeiten, etc. übrig gelassen wird, meistens Biriany, ein Reisgericht mit Fleisch oder Gemüse. Das sind dann riesige Mengen, die in einem oder hochstens 2 Tagen gegessen werden müssen, morgens, mittags, abends. Es ist zwar ein Kühlschrank da, 18 Jahre alt, mehr muss ich nicht erklären.

Seit einiger Zeit arbeitet Saumia bei Lisy. Sie schaut zu den kleineren Kindern. Saumias Eltern gehörten zur absolut untersten Kaste, jene, welche die Latrinen putzen, ohne Handschuhe. Da muss ich auch nichts weiter dazu sagen. Saumias Vater hat es aber irgendwie geschafft, seine beiden Töchter in die Schule zu schicken. Die eine ist mittlerweile verheiratet, natürlich auch im Slum. Der Ehemann trinkt und schlägt sie oft. Saumia ging dann jeweils dazwischen und kriegte auch ihre Tracht Prügel ab. Saumia konnte noch 2 Jahre College machen, dann waren beide Eltern tot. Sie musste von der Schule, weil sie absolut niemanden hat ausser ihrer Schwester. Lisy traf sie bei den Mutter Teresa-Schwestern, als sie um Essen bat.

Lisy und Saumia

Lisy und Saumia

Lisy hat Saumia angestellt. Viel Lohn ist das nicht, Essen und Schlafen sind sicher. Dafür wird Lisy mal für die Hochzeit aufkommen müssen. Das gehört dazu.

Kürzlich hat Romea geheiratet. Auch Romea war ausgebildete Lehrerin. Sie war bei Lisy, weil sie vergewaltigt worden war und der Täter zwar verklagt, aber nicht belangt wurde. Darauf traute sie sich nicht mehr nach Hause. Sie hat einige Jahre bei Lisy gedient. Jetzt ist sie glücklich verheiratet und in guter Hoffnung. Nach ihrer Hochzeit waren mehrere junge Männer zu Lisy gekommen und hatten gefragt, ob sie auch eine Frau für sie hätte…

Saumia ist noch nicht so weit. Lisy hofft eine Spenderin zu finden, welche die zwei verbleibenden Jahre Ausbildung übernimmt.

Für heute genug der Slumgeschichten.

Alles Liebe und Gute, Eure Schwester Myriam

 

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