Archiv für den Monat Oktober 2014

Die Wunder von Mysore

Wenn kein Wunder passiert, dann sei selber eines.
aus: „Mein Leben ohne Limits“
von  Nick Vujicic, der ohne Arme und Beine geboren wurde.

Liebe Leute,

Mysore, Luftbild. Quelle: commons.wikimedia.org

Mysore, die alte Königsstadt ist eine aufstrebende City, mit viel IT, aber auch mit Luxushotels mit dem zunehmenden Tourismus  und Erstklass-Spitälern, die man auch gut sieht, wenn man vom Chamundi Hill auf die Stadt blickt. Mittlerweile sollen es 300 000 Einwohner sein. Wer weiss das schon? Zahlen sind relativ in Indien. Vielleicht sind es auch bald eine Million, wenn man die Aussenbezirke dazu zählt. Mysore hat aber auch 82 Slums. Lisys Traum ist es, aus Mysore die kinderfreundlichste Stadt Indiens zu machen.

Nirgends wie in meinem Indienengagement habe ich erfahren, wie Gedanken Anstoss zu einer veränderten Wirklichkeit werden können. So haben die Indienreisen angefangen mit dem Gedanken einer Frau, die dann allerdings nie dabei war, mit der Frage an einen ‚ausgeliehenen‘ indischen Priester: „Henry, ich wüsste so gerne wie du in Deiner Heimat lebst.“ Daraus ist das interkulturelle Programm ‚Indien von Mensch zu Mensch‘ geworden, durch das besonders das Roshini-Projekt zum Leben erweckt wurde, aber auch in vielen anderen Situationen ein segensreicher Austausch geworden ist.

Lisy und ich haben heute morgen wieder darüber gesprochen, wo oft wir echte Wunder erleben in Situationen, wo eigentlich alles hoffnungslos scheint. Zuallererst muss man dran bleiben, hingucken und immer noch dranbleiben. Für mich ist es schon ein Wunder, mit so vielen Menschen, allen voran mit meiner Freundin Margrit Germann, verbunden zu sein, die einfach nicht aufgeben und sehr oft auch über den eigenen Schatten springen. Die meisten von uns sind nicht mehr ganz so jung, auch nicht besonders reich. Wir nennen das Roshini-Projekt das Wunder von Mysore. Oder die Brotvermehrung von Mysore.

Die ehemaligen Strassenmädchen gehen zur Schule. Im Hintergrund Shiva, der Rikshaw-Fahrer.

Die ehemaligen Strassenmädchen gehen zur Schule. Im Hintergrund Shiva, der Rikshaw-Fahrer.

Alles begann mit dem Wunsch von Lisy: „Ich könnte Universitätsprofessorin werden, aber ich will zu den Armen.“ Und sie ging mit leeren Händen. Sie fing einfach an, 2008, sammelte Slumkinder und gab ihnen am Abend zwei Stunden Unterricht. Tagsüber müssen sie den Lebensunterhalt für die Familie mitverdienen helfen. Wenn auch alle Initiativen gegen Kinderarbeit wichtig sind, kein indisches Kind wird in die Schule gehen, wenn die Familie hungert. Aber wenn sich irgend eine Möglichkeit eröffnet, dass sich beides vereinen lässt, dann sind sie mit Eifer dabei. So war es mit dieser Slumschule. Sechs etwas ältere Jungs waren dabei und viele kleine Mädchen. Die Jungs brachten die kleineren mit und begleiteten sie wieder zurück in den Slum.

Damals habe ich mich in Kalinga ‚verliebt‘, ein aufgewecktes Kerlchen, das tagsüber den Lebensunterhalt für die kranke Mutter und seine beiden Schwestern mit Singen und Tanzen als Hanuman verdiente. Der Vater war schon tot. Die Famile kam aus dem Urwald und hoffte wie so viele, in der Stadt ihr Glück zu machen. Eine der Ordensschwestern fragte ihn damals, ob er nicht Lehrer werden möchte. Nein, sagte er, ich will Schuldirektor werden!!!

Kalinga möchte weiter zur Schule gehen

Kalinga möchte weiter zur Schule gehen

Kalinga ist jetzt 18. Seine positive Lebenseinstellung hat er heute noch, möchte aber jetzt Mechaniker werden. Als das Roshini-Projekt offiziell als NGO anerkannt wurde, wurde es ein Ort, an dem Mädchen gefördert werden. Die Jungs hatten hier keinen Platz mehr. Da nutzte der ganze Protest nichts. Dank Lisys connections und Einsatz konnten aber alle weiter zur Schule gehen. Kürzlich machten sie mit Bestnoten einen staatlich anerkannten Schulabschluss. Sie könnten jetzt eine Mechanikerschule besuchen, an der nur halbtags unterrichtet wird und die zwei Jahre dauert. Aber die kostet im Jahr 10 000 Rupien, dazu noch Fahrtkosten und Essen, alles in allem pro Jahr etwa 150 Euros. Gibt es Menschen unter meinen Lesern, die bereit wären, für ein Jahr oder gar für beide diese Kosten zu übernehmen? Wir hören oft von teuren Programmen für Gewaltprävention. Hier könnten sechs Jungs davor bewahrt werden, eine Gang zu werden.

In der Schweiz könnte sogar eine Spendenquittung ausgestellt werden.

Übrigens ein neuer Kühlschrank kostet mehr, 330 Euros. Den kriegen wir auch noch hin. Ich biete meinen Indienreisenden immer an, für die Reise einen Seidenschlafsack zu bestellen, den die Lisy-Schwestern dann nähen. Das Stück kostet 30 Euros, das ist weit über dem, was das Material (Seide mit irdgendwas vestärkt) kostet. Diesmal sind es 18 Stück.  Damit ist der Kühlschrank mit Tiefkühlfach gesichert. Warum ist so ein Ding hier nötig? 20 Strassenkinder haben Appetit. Lisy weiss oft nicht, wie die Mäuler stopfen. Sie bekommt aber auch oft Essen, das von Festen, Hochzeiten, etc. übrig gelassen wird, meistens Biriany, ein Reisgericht mit Fleisch oder Gemüse. Das sind dann riesige Mengen, die in einem oder hochstens 2 Tagen gegessen werden müssen, morgens, mittags, abends. Es ist zwar ein Kühlschrank da, 18 Jahre alt, mehr muss ich nicht erklären.

Seit einiger Zeit arbeitet Saumia bei Lisy. Sie schaut zu den kleineren Kindern. Saumias Eltern gehörten zur absolut untersten Kaste, jene, welche die Latrinen putzen, ohne Handschuhe. Da muss ich auch nichts weiter dazu sagen. Saumias Vater hat es aber irgendwie geschafft, seine beiden Töchter in die Schule zu schicken. Die eine ist mittlerweile verheiratet, natürlich auch im Slum. Der Ehemann trinkt und schlägt sie oft. Saumia ging dann jeweils dazwischen und kriegte auch ihre Tracht Prügel ab. Saumia konnte noch 2 Jahre College machen, dann waren beide Eltern tot. Sie musste von der Schule, weil sie absolut niemanden hat ausser ihrer Schwester. Lisy traf sie bei den Mutter Teresa-Schwestern, als sie um Essen bat.

Lisy und Saumia

Lisy und Saumia

Lisy hat Saumia angestellt. Viel Lohn ist das nicht, Essen und Schlafen sind sicher. Dafür wird Lisy mal für die Hochzeit aufkommen müssen. Das gehört dazu.

Kürzlich hat Romea geheiratet. Auch Romea war ausgebildete Lehrerin. Sie war bei Lisy, weil sie vergewaltigt worden war und der Täter zwar verklagt, aber nicht belangt wurde. Darauf traute sie sich nicht mehr nach Hause. Sie hat einige Jahre bei Lisy gedient. Jetzt ist sie glücklich verheiratet und in guter Hoffnung. Nach ihrer Hochzeit waren mehrere junge Männer zu Lisy gekommen und hatten gefragt, ob sie auch eine Frau für sie hätte…

Saumia ist noch nicht so weit. Lisy hofft eine Spenderin zu finden, welche die zwei verbleibenden Jahre Ausbildung übernimmt.

Für heute genug der Slumgeschichten.

Alles Liebe und Gute, Eure Schwester Myriam

 

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Mit kleinen Schritten hoffnungsvoll die Welt verändern

malalaAllen Menschen in Pakistan und überall auf der Welt, die mit kleinen Schritten trotz allem hoffnungsvoll die Welt verändern: herzliche Gratulation!

Liebe Leute,

es war erwartet, dann aber doch eine Überraschung, dass dieses junge Mädchen den Friedensnobelpreis erhalten hat und mit ihm der Inder Kailash Satyarthi, der sich für die gleichen Ziele einsetzt. Das war ein Schuss ins Schwarze vom Komitee der Preisvergabe. Auch hier freuen sich die Leute sehr über diese Entscheidung.

Mittlerweile habe ich die Biographie von Malala gelesen und bin begeistert. Auch für sie sind immer wieder kleine Schritte wichtig. So sagte sie zu ihrem Vater: „Wir setzen uns für Frauen und Kinderechte ein, aber unsere Mutter kocht und putzt immer noch für uns.“ Seither macht der Vater das Frühstück!!

Obama sagte sie, was sie von den Drohneneinsätzen in Pakistan hält. Und von sich selber sagt sie: „Ich bin eine Friedensaktivistin für Kinderrechte und Demokratie, aber bei meinen Brüdern bin ich eine Diktatorin.“

Als ich das Buch von Malala kaufte, fragte ich den Verkäufer: „Hier ist doch ein christlicher Buchladen?“ „Ja, warum?“ „Warum liegt dann „Mein Kampf“ direkt neben Malalas Buch?“

Beena im Büro mit Kolleginnen

Beena im Büro mit Kolleginnen

Seit einer Woche bin ich in Kerala bei Beena Sebastian. Wir haben sehr viele Wolkenbrüche, von einer Heftigkeit, dass man nur froh sein kann, wenn man drin ist. Nachher ist es wieder fürchterlich heiss und von einer erdrückenden Schwüle, dass man am liebsten auf allen Vieren kriechen würde. Alles Einflüsse eines Zyklons, der über die Staaten Andrah und Odya hinweggefegt ist, von dem kaum berichtet wurde in der westlichen Presse. Wo es früher Zehntausende Tote gab, hatte der indische Staat Hunderttausende evakuiert, so dass es nur noch 21 Tote gab, 21 zu viel, aber eine Höchstleistung vom indischen Staat, die es durchaus zu würdigen gilt.

Seither ist es regnerisch, doch den Regen im Urwald habe ich genossen, war ich doch gut versorgt bei Pattu und dessen Frau in der Unterkunft der Schweizergruppe zwischen Kaffeeplantagen und Urwaldbäumen auf 1100m Höhe. Ich hatte mal wieder den Tagbus gewählt, um nach Kerala zu fahren. Dann muss ich jeweils unterwegs übernachten. Das ist für mich dann auch immer eine gute Zeit, um das bisher Erlebte nochmals Revue passieren zu lassen. Ich gehöre zur Gattung der Wiederkäuer.

Einmal im Jahr überholt Pattu sein Haus und die Räume für die Gäste. Das ist, bevor die Schweizergruppe kommt. Diesmal hat er neue Vorhänge gekauft. Er ist schon voller Vorfreude, wollte alles über die kommende Gruppe wissen. Was er alles besorgen und kochen will, dafür müsste die Gruppe zwei Wochen, nicht bloss zwei Tage bleiben.

Nach der Zeit im wilden Andrah und der Urwaldregion fiel es mir recht schwer, durch das immer mehr brodelnde Kerala zu fahren. Der Verkehr wird immer dichter, überall wird gebaut, viele alte Kerala-Bauten verschwinden, die Wohntürme werden immer höher. Die Reisfelder werden immer seltener. Es gibt auf dieser Strecke kaum mehr unbebaute Gegenden. Auch da greift jetzt der Staat ein, um den Reisanbau zu sichern.

Der Empfang von Beena und ihrer Familie war äusserst herzlich. „Welcome back home“, rief Premu, Beenas Tochter.

Junger Händler auf Kochi

Junger Händler auf Kochi

Back home, so kam es mir auch am Meer auf Kochi vor, wo meine Strassenhändler und Rikshawdriver leben. Eigentlich hatte ich im Schatten eines grossen Baumes ein paar Postkarten schreiben wollen, aber es war immer jemand zum Plaudern da. Noch ist nicht Tourizeit. Die Jungs warten auf Arbeit. Viele der Stände sind noch nicht aufgebaut. Um so mehr Zeit haben sie zum Quatschen. Und es ist unglaublich, welches Gedächtnis die Kerle haben. Irgendwo ist ein Bücherstand, wo ich letztes Jahr mehrere Bücher des gleichen Titels kaufte. Auch da war noch alles leer. Als ich daran vorbeigehen wollte, stand der Junge plötzlich vor mir mit genau dem Buch, das ich letztes Jahr mehrmals kaufte. Er hätte dann wieder welche, meinte er. Wie konnte er wissen, dass ich vorbeikam?

Ich ging bei einem Laden eines Frauenprojektes vorbei. Die Chefin sass dort und rief: „hi, bist du wieder da? Hast du mir keinen Rosenkranz?“ Doch hatte ich. Sie freute sich mächtig und zog ein blaues Glaskreuz aus dem Kleid: „Das hast Du mir letztes Jahr geschenkt.“ Am andern Tag wusste das auch mein muslimischer Rikshawfahrer. Schliesslich ist er der Freund des Gewürzladenbesitzers von nebenan.

Mittlerweile habe ich ziemlich alles für die Deutsch/Schweizergruppe organisiert. Es ist top schön zu erleben, wie sich alle auf die Gruppe freuen. Das ist wirklich ein interkulturelles Programm, durch alle Gesellschaftsschichten hindurch.

Der Frau vom Frauenprojekt habe ich Infomaterial gegeben, falls sie merkt, wenn irgendwo Frauen oder Mädchen in Not sind. Erst kürzlich haben Beena und ihre Mitarbeiterinnen dort in der Umgebung ein missbrauchtes Mädchen herausgeholt. Sie hatten Aufklärungsunterricht gegen Missbrauch in einer Schule gegeben, worauf sich das Kind meldete. Die Schulleiterin wollte dies aber nicht wahrhaben. So einfach sind diese Dinge nicht und dann muss unbedingt höchste Sicherheit gewährt werden.

Nun soll es auch Sticker mit der Nummer der Helpline geben. Mal schauen, ob ich in Kochi Leute finde, welche sie auch aufkleben, z. B. auf die Rikshaws oder in den Läden der Frauenprojekte.

Natürlich wüssten auch meine Männerfreunde von dieser Arbeit, aber die werden sich hüten, etwas zu verraten. Die müssen schliesslich dort leben und arbeiten. Ich kann mir aber vorstellen, dass der eine oder andere im Versteckten durchaus Hinweise geben würde.

In Beenas Haus tut sich was. Die Tochter ist bald 30 und sollte verheiratet werden, sonst könnte es schwierig werden. Sie ist recht gross für eine Inderin. Der Mann sollte unbedingt grösser sein und ein wenig älter. Während ihre Schwester genau wusste, wen sie haben wollte, einen ehemaligen Klassenkameraden, kümmert sich Prenu wenig darum. „Das können die Eltern besser. Die haben mehr Erfahrung.“ So wird denn munter gesucht, Freunde und Verwandte helfen wacker mit. Einen Fehler dürfen der junge Mann und seine Familie nicht begehen: Wenn gefragt wird, wie viel Geld die Brauteltern denn bereit wären zu bezahlen, ist er unten durch. Sebastians verkaufen ihre Tochter nicht. Schliesslich ist sie hochausgebildete Ingenieurin.

Beena und ich sind viel zusammen. Es gibt nicht nur vieles zu besprechen. Es ist mir auch wichtig, dass auch sie als Projektleiterin mal raus kommt. Sie sagt eh immer, ich würde Kochi besser kennen als sie.

Beena hat jetzt wieder ein zweites Frauenschutzhaus, eines für junge Mädchen, die missbraucht oder vergewaltigt wurden oder irgendwie auf Abwege gekommen sind. Das Haus steht unter Polizeischutz. Wer rein- oder rausgeht, wird registriert. Besonders wenn Mädchen ihre Peiniger anzeigen, sind sie in höchster Gefahr.

18 Mädchen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren leben im Heim. Viele sind auch psychisch schwer geschädigt. Alles muss sorgfältig weggesperrt werden, was Suicidgefährdete gebrauchen könnten… Einige sind eher schwach begabt, eines ist fast blind. Sie teilen sich in drei Zimmer. Mit dem Geld, das Beena aus Wethen mitgenommen hat, konnte sie Hochbetten kaufen, Eisengestelle mit Matratzen, damit die Mädchen nicht mehr auf dem Betonboden schlafen müssen.

Sie haben einen sehr strengen Tagesablauf. Um 6 Uhr ist Tagwache. Nur ganz wenige dürfen raus zur Schule. Einige haben Fernunterricht. Sie müssen natürlich auch mitarbeiten, putzen, waschen, kochen, Gartenarbeit machen, etc. Einige Stunden arbeiten sie künstlerisch in der Gruppe, so dass sie eventuell auch später damit etwas Geld verdienen können. So lernen sie in der Gruppe arbeiten, was in Indien besonders wichtig ist, als auch Rücksicht auf Schwächere zu nehmen.

Von den Mädchen gefertigter Schmuck

Von den Mädchen gefertigter Schmuck

Im Moment machen sie sehr schöne Ohrringe aus Papier, aber auch Karten mit getrockneten Blumen, etc. Falls sich jemand als Freiwillige angesprochen fühlen würde, um den Mädchen etwas Handwerkliches beizubringen, dann bitte, herzlich willkommen.

Der Staat bezahlt die Miete für dieses Haus, ein sehr schönes grosszügiges Gebäude, kein Vergleich zu dem alten Kasten, wo die Frauen wohnen. Etwa 30 Frauen mit 15 Kindern teilen sich dort vier Räume.

Zwei Sozialarbeiterin haben im Mädchenheim eine Stelle, und zwei Frauen, die im Frauenhaus waren, haben dort ebenfalls Arbeit, die eine als Köchin, die andere als Watchfrau beim Tor. Ich nehme an, dass alle verstehen, warum ich diesmal keine Bilder beifüge.

Beena erzählt immer wieder von schrecklichen Schicksalen. Sie hat aber grosse Mühe, gute Mitarbeiterinnen zu finden. Die jungen Sozialarbeiterinnen kommen und machen wertvolle Erfahrungen, werden dann aber weggeheiratet oder werden bald nach der Hochzeit schwanger oder sie werden vom Staat weggelotst, der viel höhere Löhne bezahlen kann als die NGOs. Wer kann, schwenkt natürlich auf eine staatliche Stelle um. Dort ist die Arbeitszeit kürzer, man kann die andern Organisationen kontrollieren und dafür noch Geld verlangen, Korruption pur. Es gibt mittlerweile auch ein staatliches Frauenhaus, aber da würden die Insassen oft weglaufen.

Beena und ihre Mitstreiterinnen sind laufend unterwegs von einem staatlichen Büro zu einem andern. Dies scheint hier ein (unbeliebter) Volkssport für engagierte Leute zu sein.

Es gibt einen Kreis recht bedeutender Persönlichkeiten, die Beenas Arbeiten unterstützten. Sie hat mir von einem alten Hindurichter erzählt, den ich auch kenne. Er feierte eben seinen 100sten (hundertsten) Geburtstag und soll ihr für einen Jahresbericht eine Würdigung schreiben.

Da Beena und viele ihrer MitarbeiterInnen auch älter werden, werden Hausfrauen und andere Leute gesucht, welche bereit wären, Arbeit ehrenamtlich in der Cultural Academy for Peace zu machen.

Mit dem Geld, das Beena aus der Schweiz mitgenommen hat, hat sie nochmals eine Motor-Rikshaw gekauft. Eine der jungen Rikshawfahrerinnen ist so weit, dass sie wieder andere Frauen anlernen kann.

In beide Häuser ist die Schweizergruppe zu einem Abendessen eingeladen, auf unsere Kosten natürlich.

Beena hat mir mehrmals gesagt, wie dankbar sie für die Begegnungen in Deutschland und der Schweiz ist.

In Deutschland war sie am meisten von den Verantwortlichen der Polizeikreisbehörde Höxter beeindruckt, besonders auch von der zuständigen Polizei-Verantwortlichen für Frauenfragen. Sie hat es aber auch genossen, in Wethen mit all den Leuten zu sprechen und zu begegnen. Es wäre so unglaublich gewesen, wie viele plötzlich da gewesen wären, auch in der Schweiz.

Immer wieder sprach sie über die Begegnung in der Schweiz in der Facenda. Am liebsten würde sie eine Facenda für ihre jungen Leute in Indien gründen. Ich habe ihr vorgeschlagen, eine Gruppe InderInnen nach Europa zu schicken, um zu lernen….

Ihre Schwester Suseela habe ich nicht gesehen. Nicht einmal Beena kommt an sie ran. Die hat eine UN-Stelle für Kinderrechte und ist UNICEF-Botschafterin. Sie muss der Polizei und auch Rechtsanwälten von ganz Kerala Unterricht und Kurse geben über die neuen Kinderschutzgesetze, Berichte schreiben, Rückmelden, etc.

Seit Jahren versuche ich Kontakte mit AVP India  zu knüpfen. In Irland ist es mir an der Weltversammlung dann gelungen, aber ich hatte so viel Arbeit nachher, dass ich nachher nichts mehr unternehmen konnte, um so mehr als mich meine AufGABE in der eigenen deutschen PAG-Gruppe sehr beschäftigt. Wir geben in den Gefängnissen Kurse, erleben oft eine grosse Wandlung und viel guten Willen, aber wenn sie rauskommen, sind kaum mehr Kursmöglichkeiten mehr da, respektive, die alten Freunde, die alte Umgebung ist wieder Realität. Da arbeitet viel in mir.

Erst jetzt hatte ich wieder Kontakte zu PAG India. Beena hatte mich sogar gebeten, ein Training bei den Frauen zu machen. Mein Englisch ist aber nicht subtil genug für diese Aufgabe, und es ist Brauch, dass wir immer im Team arbeiten. Was mich aber ganz besonders fuchste, war, dass genau in den zwei Wochen, wo ich in Cochin war, in Trivandrum Kurse gelaufen sind. (Das sind aber auch wieder vier Stunden mit dem Zug.) Das habe ich aber zeitlich und auch kräftemässig nicht geschafft. Nächstes Jahr möchte ich unbedingt etwas vereinbaren, dass ich bei diesen indischen Kursen dabei sein kann. Da ist zum einen der kulturelle Unterschied, aber auch die Tatsache, dass mehrere Kurse nacheinander stattfinden, nicht im Gefängnis, sonders mit Haftentlassenen. Wahrscheinlich kommt dann auch jemand von der Cultural academy for Peace mit, vielleicht sogar Beena selber.

Die indische Studentin arbeitet mit viel Interesse am Uebersetzen des PAG Mandalas

Was ich dann getan habe, war das Herzstück unserer Philosophie, die Blume der verändernden Kraft, auf English und in Malayalam zu schreiben und im Büro aufzuhängen. Eine indische Studentin, die bei Beena als Freiwillige in einem Forschungsprojekt über Frauenhandel arbeitet, machte begeistert mit. Mal sehen. was daraus wird.

Jetzt bin ich wieder in Urwaldnähe in einem Ashram der MSFS, wo ich mich ein wenig ausruhe und mich auf die kommenden Aufgaben vorbereite. Nebenbei zähme ich auch noch einen Hund.

Am Wochenende ist dann Mysore und nachher Bangalore wieder dran. Die Gruppe aus der Schweiz ist schneller im Anflug als man denkt.

Euch allen ganz herzliche Grüsse,
Eure Schwester Myriam

Gedanken von Esther zur gemeinsamen Reise

Liebe Indienfreunde und Interessierte

Von Myriam wisst ihr nun bereits einiges von unserer gemeinsamen Reise. Wir haben viel gesehen und erlebt. Wir gönnten uns auch „Ruhetage“, um die Eindrücke etwas wirken zu lassen. Da wir meistens in Begleitung von Myriams Freunden unterwegs waren, fühlten wir uns nie in Gefahr. Da die Busse jeweils in indischer Schrift angeschrieben sind, waren wir froh um unsere Schutzengel. In Indien gibt es 22 anerkannte Sprachen. So ist es nicht selbstverständlich, dass ein Bewohner des Bezirks Karnataka die Schrift im Bezirk Andhra Pradesh lesen kann. Diese Tatsache fand ich aus europäischer Sicht erstaunlich. Aus indischer Sicht und den gegebenen Möglichkeiten verständlich.

Nach meiner Ankunft in Bangalore holte uns Pater Asirvadam aus Badvel ( Andhra Pradesh ) ab. Unterwegs wurde uns vom katholischen Bischof von Kadapah eine kurze Audienz gewährt. Myriam berichtete unter anderem über ihre Arbeit in den Gefängnissen in Deutschland und ihre Friedensarbeit. In Indien bestehen ebenfalls solche Projekte. Nach einem obligatorischen Foto wurden wir verabschiedet.

In Badvel war für mich die Hitze wegen der hohen Luftfeuchtigkeit zeitweise eine Herausforderung, vor allem wenn nachts der Luftventilator aussteigt! Die Kinder und Jugendlichen begegneten uns sehr aufmerksam und höflich. Ich war beeindruckt von deren Disziplin, sei es beim Lernen oder den Haushaltsarbeiten. Vor Schulbeginn müssen alle Schüler im Hof stramm stehen und täglich die Nationalhymne singen. Das wirkt ziemlich militärisch, doch für die Kinder ist es selbstverständlich. In Badvel sind sich die Bewohner nicht an Europäer gewohnt. Oft wurden wir angestarrt oder diskret beobachtet. Ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt. Die Naturgegebenheiten dieser Gegend sind vielfältig. Vor Sonnenuntergang besuchten wir auf den Hügeln kleine Tempel in der nahen Umgebung. Die jeweiligen Stimmungen, mit Sicht in die Berge, waren einzigartig.

Hampi

Nach einer Bustagesreise erreichten wir mit Pater Asirvadam die Stadt Hospit in der Nähe von Hampi. In Hampi trafen wir viele indische Touristen, konnten uns jedoch entspannt auf dem Gelände bewegen. Das Kulturgelände war erstaunlich sauber und immer wieder waren Abfallkübel sichtbar. In den von uns bereisten Gegenden eine Seltenheit. Während der Busfahrt wird einfach alles aus dem Fenster geworfen.

Am zweiten Tag besuchten wir einen Staudamm in der Nähe von Hospit. Der Stausee war viel grösser als der Bodensee. Die Bedeutung des Wassers in diesem grossen Land lässt sich nur erahnen.

Nach 2 Tagen reiste Pater Asirvadam wieder nach Badvel zurück und wir nahmen den Nachtbus nach Mysore. Nach 8 Stunden Fahrt trafen wir dort am Busbahnhof ein. Im Bus reisten nur wenig Frauen mit. Ich staunte immer wieder über die Fähigkeit der Inder einfach überall schlafen zu können. Kaum sitzen sie im Zug oder Bus schlafen sie oder führen Handygespräche.

Seit meinem letzten Besuch im 2013 wurde im Haus von Schwester Lisy einiges renoviert und neue Vorhänge montiert. Zudem wurde auf dem Dach ein zusätzliches Zimmer angebaut. Ich fühlte mich dort wohl, wozu die junge „Hausmutter“ Magdalena viel dazu beigetragen hat. Pater Peter kam für einen kurzen Besuch vorbei. Im Moment betreut er 40 Jungen in seinem Haus. Ein Besuch des Königspalastes durfte nicht fehlen. Nicht nur in Mysore ist mir die Polizeipräsenz aufgefallen. Die meist grossen und sportlichen Männer waren für mich ein Blickfang, waren sie doch „nur“ mit einem Stock ausgerüstet. Eine gewisse Nervosität der Polizei ist bei grösseren Menschenansammlungen spürbar. Die Angst vor Anschlägen ist aktuell.

Myriam begleitete mich mit dem Bus nach Bangalore. Viele Aufgaben warteten auf sie. Endlich konnte sie sich ausgiebig ihren schriftlichen Aufgaben widmen und diverse Gespräche führen. In Vinalyalaya interessierten sie sich für unsere Erlebnisse und waren um uns besorgt. Am letzten Tag hielten wir uns kurz auf der Dachterrasse auf. Myriam zeigte mir die inzwischen fertig gestellten Hochhäuser gleich nebenan. Dort wohnen angeblich Inder, welche vom Ausland zurückgekehrt sind. Sie haben ein eigenes Shoppingcenter mit teuren Boutiquen, und verkehren so nur unter sich. Sie kommen kaum mit dem anderen Indien in Kontakt und leben in ihrem Ghetto. So vielschichtig ist dieses Land!

Langsam rückte meine Heimreise näher. Viele Inder begegneten uns mit offenem Interesse. Ich war froh keine einzige Schlange gesehen zu haben! Wir blieben beide gesund und konnten unfallfrei reisen. Geschätzt habe ich die einfache indische Küche.

Mir ist klar, wie privilegiert ich lebe und wie selbstverständlich wir Bildung und Sicherheit in Anspruch nehmen können. Die besuchten Projekte sind sehr wertvoll und brauchen jede Form von Unterstützung. Der neu gegründete Förderverein ist eine von vielen Möglichkeiten.

Gespannt warte ich auf die weiteren Blogeinträge von Myriam.

Herzliche Grüsse an alle Indienfreunde und Interessierte

Esther Hilti

Der Mensch lebt nicht vom Reis allein

Liebe Leute,

Die letzten 14 Tage waren mehr als abwechslungsreich. Ich bin mit meiner Kollegin Esther nach Andrah gefahren, um Pater Asirvad und seine Jungs zu besuchen. Es war so heiss, dass man auf den Zehennägeln hätte Spiegeleier braten können, wäre man an die Sonne gegangen. Meistens hielten wir uns tagsüber drinnen auf.

Von Andrah heisst es in meinem Reiseführer, dass es für Touris nichts Besonderes bietet. Ich würde hier auch nicht hingehen mit Leuten, die von Indien nur wissen, was in den Reiseführern steht. Esther war eine perfekte Kollegin.

Andrah hat besonders unter dem Klimawandel zu leiden. In der heissesten Zeit kann es 50 Grad werden. Der Monsun kommt nur noch spärlich, dafür prasseln die Ausläufer der Zyklone im Golf von Bengalen über das Land. Die füllen zwar die Wasserreservoire, entsprechen aber nicht dem Rhythmus der Landwirtschaft.

Badvel ist eine sehr ländliche Gegend, wild, nicht sehr fruchtbar. Es gibt recht viele Ziegen und Wasserbüffel, die offenbar von Dornen und ähnlichem leben können. Die Wasserbüffel werden „Verkehrsadministratoren“ genannt, weil sie in aller Ruhe durch den chaotischen Verkehr wackeln können, als ob es den nicht gäbe. Und es wird angehalten und gewartet, bis Seine Majestät sich besonnen hat, wohin des Weges. Es gibt auch jede Menge Schweine, die durch die Strassen zischen oder genüsslich in den stinkenden Abwasserkanälen entlang der Häuser ein ausdauerndes Bad nehmen.

Stoffkauf unter kundiger Beratung

Stoffkauf unter kundiger Beratung

Die Gesellschaft ist sehr unterschiedlich: Die Frauen in ihren bunten Saris oder Churidars, dazwischen Musliminnen, vollverschleiert in ihren schwarzen Chadors. Viele Jungs tragen Jeans. Die Muslime ihr Käppi dazu, die Hindus ihre Zeichen auf der Stirne und die Christen ein Kreuz oder einen Rosenkranz um den Hals. Die meisten Männer stecken allerdings in ihren traditionellen Kleidern, weisse oder bunte Tücher. Hindus sind auch oft in orange gekleidet. Die katholischen Nonnen gehören meistens indischen Gemeinschaften an und tragen ebenfalls ockerfarbene Saris, die Priester ihre weissen Kutten.

Weisse sind hier eine Sensation. Jedenfalls ist der Selbstwert des Schneiders rasant gestiegen, dass er für ein fremdes Wesen ein Kleid nähen durfte.

Welch eine Freude über den Auftrag von einem fremden Wesen

Welch eine Freude über den Auftrag von einem fremden Wesen

Zur Post mussten wir 3x. Wir hatten eigentlich nur Briefmarken gewollt für unsere aus Bangalore mitgebrachten Postkarten. Gab es nicht. Das 2. Mal war eigentlich schon geschlossen und wir zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Beim 3. Mal war Powercut. Wir warteten mindestens drei Viertelstunden, bis die PCs wieder liefen. Dafür durften wir hinter dem Schalter Platz nehmen. Ich wollte ein Päcklein nach Germany wegschicken. Ich glaube, dem Beamten kam der Stromausfall gerade recht, dass er sich orientieren konnte, wie man so etwas macht. Das Porto kam billiger als wenn man das gleiche Paket in Deutschland für Deutschland schickt. Schliesslich klebten wir auch unsere Postkarten mit den erhältlichen Briefmarken voll.

Pater Asirvadam und seine Jungs beim Frühstück

Pater Asirvadam und seine Jungs beim Frühstück

Asi, wie ich meinen Freund nenne, ist der Leiter für ein katholisches Knabenheim. Die Jungs kommen aus ganz armen Familien auf dem Land, manchmal sind sie auch Halb- oder Ganzwaisen. So können sie hier zur Schule gehen und bekommen Unterricht im christlichen Glauben. Die dazu gehörende Schule ist für alle offen, auch kommen die Lehrer aus allen Religionen. Die Jungs sind einerseits privilegiert. Sie dürfen zur Schule und haben 3x am Tag zu essen, Reis mit Gemüsesauce. Hähnchen gibt es zum Schulabschluss oder an Weihnachten. Die meisten werden nach der Schule in ihre Dörfer zurückkehren und das Land ihrer Väter weiter bebauen. Sie haben eine grosse Aufgabe vor sich, denn sie werden diejenigen sein, die das traditionelle Indien in die Neuzeit führen werden. Sie werden hoffentlich von den Politikern weniger manipulierbar sein als es die ungebildeten Massen immer noch sind.

Einige werden vielleicht ein Stipendium bekommen und irgend ein College schaffen. An Intelligenz und Lerneifer fehlt es den Kerlchen nicht. Sie strahlen eine Lebensfreude aus, die ich unter westlichen Kindern sehr oft vermisse. Langeweile kennen sie nicht. Esther und ich haben immer wieder über ihre Ruhe und Disziplin gestaunt. Ich habe mal Asi gefragt, ob es denn nie eine Keilerei und den 50 Jungs gäbe. Nee, hin und wieder ein Gerangel, aber das sei jeweils rasch behoben. Asi und ein Mitbruder sind die beiden einzigen, die für die Horde zuständig sind.

Frisch aus der Wäsche

Frisch aus der Wäsche

Die Boys haben einen sehr strengen Tagesplan: Morgens halb 6 ist Tagwache, dann Gebet und Meditation, Studium für die Schule, vor dem Morgenessen muss der grosse Schlafraum, wo sie alle auf Matten auf dem Betonboden schlafen, und der Essraum, wo sie alle auf dem Betonboden sitzend essen, gefegt und nass gewischt werden. Auch dem Koch muss manchmal noch geholfen werden, zum Beispiel Gemüse rüsten, Zwiebeln schneiden. Ab 9 ist Schule bis 12, dann Mittagessen. Ab halb 2 ist wieder Schule bis 4 Uhr. Anschliessend eine Stunde Spiel, eine Stunde Arbeit, Bad, Studium, um 8 ist Abendessen, dann Spiel, Tanz, alles was Spass macht, Nachtgebet, Gute Nacht-Gespräch. So gegen halb 10 ist Ruhe.

Im Speisesaal

Im Speisesaal

Ich habe diesen Ort schon letztes Jahr besucht. Nirgends war ich innerlich so hin und her gerissen. Diese Kinder sind viel ärmer als die Kinder in den anderen indischen Projekten, die ich kenne. Aber sie sind in der Regel nicht traumatisiert wie die Strassenkinder oder die Kinder im „Nest“. Trotz Armut geht es ihnen besser als vielen anderen Kindern in Andrah oder sonstwo auf der Welt, die weder in die Schule können noch genügend zu essen haben, vor allem aber tiefe Wunden in der Seele tragen..

Ich darf dann gar nicht an unsere übersättigten, anspruchsvollen, oft auch gelangweilten und zufriedenen Kinder der westlichen Welt denken. Was ist Armut? Was ist Reichtum?

Die Jungs helfen dem Koch

Die Jungs helfen dem Koch

Das Essen, das die Jungs bekommen, darf pro Mahlzeit gerade soviel kosten wie in Deutschland zwei Hundeleckerli, 5 Cent. Ich liebe Hunde und weiss, welchen sozialen Wert sie oft haben in unserer vereinsamenden Gesellschaft. Es hat sich aber auch eine ganze Industrie um sie herum gebildet, inklusive Hundepsychologen und Hundefriseuren und ausgewähltem Futter, damit die allergischen und neurotischen Tiere möglichst alt werden.

Ich hatte angefangen, die kleinen roten Münzen zu sammeln. Esther hatte in der Schweiz die Fünfer gesammelt, etwas Kleineres gibt es dort nicht mehr. Ein ganzer Freundeskreis hatte sich uns angeschlossen. Meine Absicht war gewesen, den Kindern Proteine zu bringen, Sojafleisch oder getrockneten Fisch. Ich wollte aber auch nicht unnötige Bedürfnisse wecken und fragte Asi, was denn gut wäre. Er hatte einen ganz anderen Wunsch: So oft, wenn die Kinder Hausaufgaben machen sollten, fällt der Strom aus. Oft können sie gar nicht richtig arbeiten. „Ich wäre so froh um einen Inverter“. Das ist ein Gerät, das den Strom speichert und somit die Stromausfälle überbrücken kann. Schluck, aber Esther und ich haben es geschafft. Wer es nicht gesehen hat, kann sich nicht vorstellen, mit welch strahlenden Gesichtern die Knaben am ersten Abend, wo der Inverter angeschaltet war, ihre Hausaufgaben machten. Hähnchen gab es zum Abschied auch noch einmal. Die Jungs hatten nämlich nachher 10 Tage Schulferien, die sie in ihren Dörfern verbringen.

Doch vorher tanzten sie uns einen Abend lang ihre Bolliwood-Kunststücke vor.

Am letzten Abend sass ich ganz lange vor dem Haus. Der Sonnenuntergang ist kurz. Es war angenehm warm. Ich war zutiefst glücklich und dankbar. Vom nahen Tempel klang Musik und Gesang herüber. Irgendwann rief der Muezzin sein Gebet und schliesslich wurde vom Kirchturm der Rosenkranz übertragen.

Indien ist keine heile Welt. Aber diesen Frieden in dieser Vielfalt erlebe ich nicht in unseren Breitengraden.DSC03614_600pxAm nächsten Morgen fuhren Ester, Asi und ich los. Indische Priester können sich kaum Ferien oder Ausflüge gönnen. Aber wenn sie eingeladen werden, dann können sie sich leichter als in unseren priesterarmen Gebieten in Europa herausziehen. So hatten wir einen guten Reiseführer, und Asi freute sich wie ein Schuljunge, dass er etwas Neues sehen durfte. Wir waren in den verschiedensten Bussen unterwegs. Nicht so ganz einfach, denn in diesen Gebieten sind wir Europäer Analphabeten. Das meiste ist nur noch in Telugu angeschrieben. Wir sahen wunderbare Landschaften, aber auch durch Steinbrüche zerstörte Gegenden.

Die Belum Caves wurden von einem Deutschen entdeckt und sind erst seit wenigen Jahren den Besuchern zugänglich, wunderschön, aber mit einer Temperatur von 35 Grad. Dann fuhren wir nach Hampi, der alten Tempelstadt, weiter. Asi hatte dies in der Schule wohl alles gelernt, aber jetzt mit fast 50 Jahren sah er diese Stadt zum ersten Mal. Er war ausser sich vor Freude. Wahrscheinlich hat er auch das erste Mal in einem Hotel übernachtet. Für mich war es in Indien übrigens auch das erste Mal.

Einfach haben wir beide es ihm nicht gemacht. Besonders Esther war darauf bedacht, dass der Müll nicht wie üblich irgendwo hingeschmissen wird. Einmal habe ich ihn beeindruckt, als ich auf einer wunderschönen Tempeltreppe ein paar weggeworfene Schlappen zusammenlas und zu einen Mülleimer trug. Asi sagte nachher, er hätte sehr viel gelernt. Mit den Jungen wolle er auch mehr auf Müllentsorgung Acht geben.

Tatsächlich gehören die Zumüllung und die verschmutzten Abwasser zu den grössten Problemen Indiens. Es gibt kaum eine organisierte Müllentsorgung, auch in den Städten nur ansatzweise. Mülleimer gibt es auch kaum, auch in Parks oder anderen besonderen Orten, wo Plastik angeblich strikt verboten ist. Und gibt es die Mülleimer, kommen bestimmt die Affen, holen alles raus und verstreuen es in der ganzen Gegend.

Jetzt hat der indische Ministerpräsident eine grosse Offensive gestartet. Tausende von Freiwilligen sollen das Land säubern. Bis das an der Basis angelangt ist, wird es wohl wieder einige Jahre dauern. Auffallend ist allerdings, dass viele Jungunternehmer sehr kreativ sind in Umweltschutz und Müllverwertung.

Einmal mehr habe ich mir Gedanken gemacht über die Touristen aus dem Westen. Sie sehen überall den Unrat. Da wo viele Fremde kommen, wird natürlich auch gebettelt. Die Händler und Rikshawfahrer drängen sich einem auf. Wo aber bleiben die echten menschlichen Kontakte? Die Werte, die dieses Land zu bieten hat. Und ich habe manch einer Touristin nachgeschaut, die ihren schönen Körper in kurzen Höschen und grosszügigem Ausschnitt präsentierte. Tja, welchen Eindruck müssen die Einheimischen von uns westlichen Frauen haben?

Jetzt bin ich wieder in Mysore, im Roshini-Projekt von Sr. Lisy. Esther ist in die Schweiz zurückgekehrt. Über das Roshini-Projekt habe ich im vorhergehenden Brief ausführlich berichtet. Ich bin glücklich zu sehen, wie sich das Haus hier entwickelt hat. Für die Mädchen gibt es mehr Toiletten. Schlafen tun sie nach wie vor auf dem Betonboden auf Matten, die jeden Morgen zusammen gerollt werden. Sr. Lisy hat ein eigenes Zimmer bekommen und die anderen Schwestern haben es auch etwas bequemer.

Dafür stockt es mit dem Bau des Schulhauses. Das Baumaterial ist in den wenigen Jahren so teuer geworden, dass sie es fast nicht mehr schaffen. Der Architekt hatte sehr lange Geduld, aber im Moment kommt er wohl auch an die Grenzen.

Am 4. Oktober ist in der Schweiz ein Gönnerverein für Roshini gegründet worden. Jetzt können Spendenquittungen ausgestellt werden. Jeder Rappen ist willkommen. Der Ozean besteht auch aus einzelnen Tropfen!

Im Moment sind hier immer noch Ferien. Lisy hat die meisten Mädchen in ein anderes Kloster geschickt, damit es hier auch endlich mal etwas ruhiger ist. Es ist auch eine neue Schwester, Mathilda, angekommen, eine ältere Frau (50+), die einen sehr guten Eindruck auf mich macht. Sie wird die ideale Gefährtin für Lisy sein. Die anderen Schwestern sind nämlich immer noch im Studium und letztlich keine tragenden Stützen. Da spielte sich eine lustige sehr menschliche Szene ab. Ich hatte für die Kinder ein Kilogramm Haribo-Kram mitgebracht. Als ich die Dose Lisy gab, sah ich, wie ihr geradezu das Wasser im Mund zusammen lief. „Das reicht auch so noch für die Kinder“, sagte sie und schon war die Dose geöffnet und wir drei Alten hatten ein Haribo-Fest.

Ein ganz anderes Fest bescherte mir Shiva, der Rikshawdriver. Er holt mich immer vom Bus ab, wenn ich ankomme, natürlich nicht am offiziellen Busstand, sondern da, wo alle Einheimischen aussteigen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich in den Augen der Busticketverkäufer einen Quantensprung mache, wenn ich dort aussteige.

Shiva freut sich immer, aber diesmal war er ausser sich, fuchtelte in der Luft herum, rannte in den Bus rein und konnte nicht schnell genug die Tasche herausholen und los ging’s. Irgendwie war heute sein glücklichster Tag, weil seine Tochter… Wirklich verstanden habe ich erst am Abend nach der Erklärung der Schwestern.

Wenn ein Hindumädchen ihre erste Monatsblutung hat, wird sie 14 Tage lang wie eine Königin geschmückt und verwöhnt. Sie trägt den ersten Sari und wenn möglich noch Goldschmuck, fast wie eine Braut. Der ganze Familenclan trifft sich. Der Vater steht einer Zeremonie vor. Da war ich leider zu spät. Das Haus war herausgeputzt. Früher wohnte die Familie in einer miserablen Unterkunft. Jetzt haben sie drei Räume, eine kleine Küche, einen recht grossen Raum mit einem Schrank, wo sich das Alltagsleben abspielt und der gross genug ist, dass an einem Fest alle Platz haben, die kommen, besser alle Frauen. Die Männer müssen draussen an der Hitze bleiben, und ein Schlafzimmer mit 2 Betten. Die Kinder schlafen wahrscheinlich im Wohnzimmer auf dem Boden. Stühle und Tische gibt es dort keine.

Shivas Familie

Shivas Familie

Shivas Tochter ist 12, der Sohn 14, aber der ist schwerstbehindert. Nach einer Herz-OP blieb er Spastiker. Sein Rückgrat ist total verkrüppelt. Mittlerweile kann er dank einer Therapie wieder ein wenig gehen. In Deutschland könnte er eine Schule besuchen und sich ausbilden lassen. Dieser Sohn ist die grosse Sorge von Shiva. Seine Tochter ist im Moment sein ganzer Stolz. Als mich mal jemand fragte, ob es möglich wäre, ein indisches Kind zu sponsorn, machte mich Lisy auf diese Tochter aufmerksam. Sie hatte sie schon mehrmals vor der Türe ihrer Schule stehen gesehen, weil der Vater das Schulgeld nicht bezahlen konnte… Wenigstens diese Sorge ist Shiva im Moment los.

Shiva fragte mich etwas ängstlich: Würdest Du auch bei uns essen? Selbstverständlich esse ich mit euch! Jetzt war seine Freude perfekt. Es gab wunderbares Lamm-Biriany. Die grösste Freude, die man indischen Menschen machen kann, ist, wenn man mit ihnen isst.

Spontan kommt mir die Idee, wenn unsere verwöhnten Firmlinge und Konfirmanden etwas vom Überfluss ihres Festtages, der oft dann wieder schnell vergessen ist, mit einem bedürftigen indischen Kind oder irgend einem armen Kind teilen würden…..

In wenigen Tagen hoffe ich in Cochin zu sein und Beena zu treffen. Seit sie in Europa war, habe ich kaum mehr etwas von ihr gehört.

Bis dann, herzliche Grüsse nach Europa, Eure Schwester Myriam