Archiv für den Monat September 2015

Die Reise nach Assam

Liebe Leute,

noch weiss ich gar nicht, wie ich diese Reise in Worte fassen soll. Immer wieder war ich in den Nordosten eingeladen worden. Jetzt, zu meinem Rentenanfang, habe ich mir diesen Luxus gegoennt. Der Nordosten besteht aus 7 Staaten, den sogenannten 7 Schwestern. Frei zugaenglich sind allerdings nur zwei, Assam und Meghalaya, „die Schweiz des Nordostens“. Viel mehr als dies wusste ich nicht.

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Die „sieben Schwesterstaaten“, Grafik von Furfur [CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Ein Visum fuer Arunachal Pradesh, das Land der aufgehenden Sonne, das sehr schoen sein muss, war ganz klar nicht zu bekommen. Es war sehr schwer, konkret verwertbare Informationen zu finden.

So unvorbereitet, so gelassen und entspannt, so gluecklich, dass ich mal gar nichts zu organisieren hatte, bin ich noch kaum je verreist. Pater John, der mich eingeladen hatte, hatte mir geschrieben, dass das Klima jetzt sehr angenehm waere. So langsam wuerde es Winter, d.h. Trockenzeit. Der Monsun war weitgehend ausgefallen. Welche Kleidung sollte ich mitnehmen, wenn ein Inder von baldigem Winter spricht? Doch einen Pullover? Oder die Regenjacke? Schliesslich entschied ich mich dagegen und packte nur meine Mehrzweckwolldecke ein.

Es wurde ein wunderschoener Flug nach Guwahati mit Zwischenlandung in Kolkata  (deutsch:  Kalkutta). Auch wenn diese Stadt nicht unbedingt ein Reiseziel von mir ist, so war ich doch sehr bewegt, als wir darueber kreisten. Kolkata liegt am Hoogli / Hugli, einem Nebenarm vom Ganges.

BrahmaputrarivermapBald sah man auch den Brahmaputra, den „Sohn Bramas“, der aus China kommt und einer der laengsten Fluesse der Welt ist. Er maeandert durch das ganze Assamtal, um sich schliesslich mit „Mutter Ganga“ zu vereinen und gemeinsam durch ein riesiges Delta durch Bangladesh in den Golf von Bengalen zu muenden. Bangladesh ist eines der aermsten Laender der Welt und wird durch die Klimaerwaermung als eines der ersten Laender ueberflutet werden.

Guwahati ist die Hauptstadt von Assam, mittlerweile eine Millionenstadt, die schnellst wachsende Stadt von ganz Indien. Viele Leute verlassen die Berge und Urwaelder und ziehen in die Staedte, wo sie sich ein besseres Leben versprechen. Die Slums wachsen mit den Zuwanderern. Die Bergregionen werden menschenleer.

Assam ist das Land der blauen Berge und der braunen Fluesse. Assam ist auch erdbebengefaehrdet. Hochhaeuser muessen erdbebensicher gebaut werden und duerfen nicht hoeher als 15 Stockwerke sein. Als in Nepal die Erde bebte, haette auch in Guwahati alles gewackelt.

Brahmaputra2

Am Brahmaputra

Im Nordosten Indiens gibt es auf kleinstem Gebiet mehr Sprachen und Staemme als sonst irgendwo auf der Welt. Die einen moegen wohl aus der Mongolei stammen, andere aus Tibet. Hier herrscht eine grosse Vielfalt an Kulturen. Pater John, der ein begnadeter Musiker ist, moechte die Musik dieser Voelker sammeln, damit sie im Umbruch und Einbruch der neuen Zeitstroemungen erhalten bleibt. Auch die Kirchenmusik soll inkulturiert werden. Wer weiss denn, dass es im Nordosten prozentual mehr Christen gibt als in allen andern Regionen Indiens. Zahlenmaessig sind die dichtbevoelkerten Staaten Kerala und Goa natuerlich ueberlegen. Im Nordosten sind bis zu 80% Christen, Nagaland hat fast 100%, in Kerala sind es 17%. Es sind die verschiedensten Bekenntnisse. Mizoram hat eine ueberwiegende Mehrheit von Baptisten. Auch die Katholiken sind sehr stark vertreten. Ueberall Kirchen und Kloester. Zu jeder Pfarrei gehoert eine Schule, die ohne weiteres ueber 1000 Kinder unterrichtet, ein Krankenhaus und irgendwelche Sozialstationen. Tausende Ordensleute sind im Einsatz, dank denen Assam und wohl auch die meisten anderen Staaten eine Alphabetisierungsquote von fast 100% haben. Soviel zum Thema Christen wuerden nicht nach Indien gehoeren. (In Kerala gab es schon im ersten Jahrhundert Christen, lange bevor es den Islam ueberhaupt gab.)

Die anderen Religionen sind Hindus und Naturreligionen. Seit neuerer Zeit auch Muslime, die aus Bangladesh fluechten, dazu einige Sikh, aber kaum Buddhisten. Im grossen Ganzen herrscht unter den Religionen Frieden, abgesehen davon, dass es auch in allen Bekenntnissen immer wieder mal Fanatiker geben kann, auch unter den Christen. Evangelikale schaden mit ihrem Eifer oft mehr als sie nuetzen. Neben den vielen Stammesangehoerigen gibt es die „normalen“ Inder, die Kasten angehoeren, sowie Adivasis und jetzt eben viele Bangladeshi. Unter den Stammesangehoerigen sind grosse Bestrebungen nach mehr Unabhaengigkeit und autonomen Staaten. Ausserden gibt es Maoisten, die mittlerweile aber an Einfluss verloren haben. Dass unter diesen Verschiedenheiten nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, kann man sich gut vorstellen, doch die verschiedenen Religionen arbeiten gut zusammen.

So gemischt und bunt wie die Bevoelkerung ist auch die MSFS Gemeinschaft, was sehr fuer sie spricht. Bis heute gibt es Klostergemeinschaften, die mit Stammesangehoerigen nicht viel anfangen koennen. Das braucht Weite und Toleranz, macht aber verstaendlich, warum Inkulturation fuer die MSFs so wichtig ist und auch gelingt: sie leben und ueben sie im Alltag.

in Pater Johns Buero Pater John im gestreiften Hemd und sein Mitbruder Vorkis

Pater John im gestreiften Hemd und sein Mitbruder Vorkis

John ist in Assam aufgewachsen, aber sein Vater war ein Brahmane aus Nepal. John erwaehnt es so nebenbei, ist nicht so wichtig. Beruehrungsaengste hat er keine, ist voellig unkomplizert, ein Energiebuendel von Mensch. Neben seinem Theologiestudium hat er auch noch einen Abschluss als Toningenieur. Als er damals in Vinayalaya die Schweizergruppe traf, bat er einmal ‚Stille Nacht, Heilige Nacht‘ in der Originalsprache zu hoeren. Er hatte seine Gitarre in der Hand, hoerte ein bisschen zu und fing an zu begleiten. Nachher wurden noch Schweizerlieder gesungen. Er hoerte gut zu und spielte dann ganz schnell mit. Bei dem einen sang er sogar den Refrain, nachdem er ihn 2x gehoert hatte: Huudriaholeleia!!

John holte mich vom Flughafen ab und brachte mich ins Provinzhaus der MSFS in Guwahati. Ich staunte nur: Bekannte Gesichter strahlten mir entgegen und begruessten mich herzlich. Dann ging es los auf deutsch…. Ich war angekommen.

Die ersten 2 Tage war ich ziemlich platt. Mein Blutdruck, der sonst auf Bergeshoehen tanzt, lag im 2. Untergeschoss. Ich setzte die Blutdruckmittel ab und habe bis heute keine mehr genommen. Von nun an fuehlte ich mich zum Fliegen wohl.

Die ersten Tage in Bangalore hatte ich einen Jetlag von 4 1/2 Stunden ueberwinden muessen. Indien hat nur eine Zeitzone, die von Osten nach Westen reicht. Dazwischen etwa 3000 km. Am Morgen frueh um 6 sind die Strassen im Nordosten schon total belebt. Abends um 6 ist es laengst dunkel. So verlor ich das Zeitgefuehl vollends.

Eines Tages fuhren wir nach Meghalaya, in die Schweiz des Nordostens. Wir hatten gut gefruehstueckt, Spaghetti mit Gemuese und frittiertem Fisch.

NichtDerVierwaldstaetterSeeSondernImNordostenIndiens1Ich war sprachlos ueber die Schoenheit des Landes, glaubte mich am Vierwaldstaettersee, fuehlte mich wie auf den Jurahoehen. John erzaehlte und erzaehlte. Irgendwann bekam ich schwache Knie. Ich schaute auf die Uhr: 15 Uhr vorbei… Aber dann gab es ganz schnell Mittagessen im naechsten MSFS-Kloster. Die hatten schon auf uns gewartet….

Das Besondere an Meghalaya ist, dass dort das Matriarchat herrscht. Das Erbe geht von Mutter zu Tochter. Die Soehne gehen leer aus. Die heiraten dann ja doch in die Familie ihrer Frauen… Man sieht Maenner, die Babies hueten und wohl auch den Haushalt besorgen, waehrend die Frauen auf dem Markt sitzen und Geschaefte machen. Einer der Patres meinte lachend, sie muessten sich schon mal fuer Maennerrechte einsetzen.

Auch die eingeborenen Schwestern sind viel selbstbewusster als ihre demuetigen Mitschwestern aus dem Sueden. In Frauenkloestern ist es so noch schwieriger seinen Platz zu finden. Die Gemeinschaft, der Schwester Lisy vom Roshini Pojekt angehoert, wurde in Meghalaya fuer Einheimische gegruendet. Ich war mal mit ihr in einer Frauengemeinschaft aus Goa eingeladen. Lisy kommt aus Kerala. Als diese dies hoerten, sagten sie etwas abschaetzig: Ach, die Tribalfrauen, die bleiben ja doch nicht. Worauf Lisy stolz antwortete: Unsere Generaloberin ist eine Tribal.

Ich hatte John geschrieben, dass er fuer mich nichts Grosses organisieren sollte. Ich wollte mehr ueber seine Arbeit wissen. Er verstand es, das Schoene mit dem Praktischen zu verbinden. Eines Morgens frueh fuehren wir los, 2 Jeeps und 6 Mann und ich. Mehrere MSFS mussten an neue Einsatzorte gebracht werden. Wenn sie umziehen, haben sie nicht viel Gepaeck, ein paar Klamotten, einen Laptop, das Mobil und vielleicht eine Kiste Buecher. Ich durfte ganz vorne sitzen und erfuhr viel ueber Land und Leute. Hinten drin wurde diskutiert, viel gelacht und manchmal gab es auch Nachhilfe, wenn ich etwas nicht verstanden hatte.

Durch ganz Assam gibt es eine gute Autobahn, und auch viele gute Strassen, aber man darf die Kuehe und Ziegen (die „natural speedbraker“) nicht unterschaetzen, die besonders am Abend auf der Strasse lagern und seelenruhig wiederkaeuen. Die wissen, dass ihnen nichts passiert. Auf meine Frage, ob die denn keine Besitzer haetten, erhielt ich die Antwort: Hau‘ mal eine Kuh. Dann weisst Du ganz schnell, wer der Besitzer ist! Wenn doch mal ein Tier ueberfahren wird, melden sich eine Menge Besitzer und verlangen horrende Summen als Schadenersatz. Hm, ob die Autofahrer denn wirklich warten, bis die Besitzer ihnen an den Hals gehen?

Manchmal wird auch auf dem Nebenstreifen eine ganze Kuhherde getrieben oder eine Fahrradrikshaw tingelt einem auf der Autobahn entgegen. Viele Strassen haben so viele Loecher oder der Belag fehlt, dass man nur im Schritttempo fahren kann.

Mit ein paar Pausen zum Essen und den Halten in den verschiedenen MSFS-Stationen, wo es natuerlich auch noch Verpflegung gab, hatten wir um die 14 Stunden fuer die 540 km. Den Brahmaputra hatten wir an einer seiner schmalsten Stellen ueberquert, eine Bruecke von 4,5 km und einige Nebenarme mit kleineren Bruecken.

In der einen Schule war John selber Schueler gewesen. Einer der Patres, Tommy, hatte eben seinen Master in Sozialarbeit mit Bravour bestanden. Nun kam er an seinen ersten Einsatzort. Er ist voller Ideen und Plaene. Die MSFS haben im Nordosten ein Netzwerk mit den verschiedensten Aufgaben. Es lohnt sich den link zu oeffnen!! www.fasceindia.org

Thommy erzaehlte mir, dass sie jeweils fuer einige Wochen auch italienische Freiwillige haetten. Dann sagte er ganz leise: Kannst Du nicht hier bleiben? Schluck..

Ich versprach ihm, mich umzuhoeren, ob es in Deutschland eine Organisation gibt, die gut vorbereitete Freiwillige senden moechte. Zwei Tage spaeter bekam ich wie aus heiterem Himmel eine mail von einer Organisation, mit der ich eine Zeitlang in Kontakt gewesen war, dann aber laenger nichts mehr gehoert hatte. Mal sehen, was daraus wird…

Nachdem alle ihren Platz gefunden hatten, fuhren John und ich noch ganz nach Norden. Wir uebernachteten in einem Pfarrhaus. ‚Morgen fahren wir nach Arunachal. Ich muss dort in einer kleinen Pfarrei Messe lesen.‘ Wie bitte?

Kein Problem fuer den JeepIn dieser Nacht goss es aus Eimern. So konnte ich meine Wolldecke doch noch brauchen. Als ich am morgen aus dem Fenster schaute, sah ich nur See, Wasser ueberall. Kein Problem fuer den Jeep.

Suedlich des Brahmaputra steigen die blauen Berge auf. Noerdlich ist eine grosse Ebene, in der vor allem Reis und der beruehmte Assamtee gedeihen. Dann ganz ploetzlich und ziemlich steil steigen Berge aus der Ebene auf, die Berge von Arunachal Pradesh, dem noedlichsten Bundestaat im Nordosten, das an Tibet und China grenzt.  Wenn es hier regnet, ergiessen sich Sturzbaeche ueber Nordassam.

Hier gibt es sehr viel Militaer- und Polizeipraesenz. Die Angst ist gross vor dem grossen Nachbarn. Das Trauma von 1962 bleibt unvergessen, als dieser ploetzlich einmarschierte und bis heute einen Teil von Arunachal als sein eigen beanspruchte. Deshalb werden die Einwohner von der Zentralregierung sehr mit Privilegien bei Laune gehalten, dass sie sich ja nicht auf die andere Seite schlagen oder sich von andern Einfluessen einnehmen lassen. Sie muessen zum Beispiel keine Steuern bezahlen. Selbst Inder aus anderen Staaten brauchen einen Spezialausweis. Ungefaehr einen km vor diesen Bergen verlaeuft die Grenze. Dieser Grenzstreifen ist noch offen fuer alle.

Grenze nach ARJohn und ich fuhren los auf einer sehr neuen Strasse, die abrupt in einem Riesensee endete. Dies ist die Grenze, grinste John. Da drueben ist der Checkpoint, aber nicht fuer uns. Das Problem ist nicht, durchs Wasser zu fahren, man weiss bloss nie, wie tief es ist. Die Huckelpiste tauchte dann wieder auf und verschwand in einer Schlucht. ‚Dort hinten ist der Checkpoint. Da duerfen wir nicht hin.‘ John bog links ab. 10m Huckelpiste, 5m Wasser, 10m Huckelpiste… Als wir das 5. Mal  ein- und wieder auftauchten, fragte ich John allen Ernstes, ob er denn schwimmen koennte…. eintauchen auftauchen

Die Leute vom Volk der Adi (link englisch) warteten schon auf uns. Ich staunte immer, wie offen die Leute auf uns zu kamen. Ich erhielt sofort Sprachunterricht: Jai Jisu, was auf Hindi so viel heisst wie Gruess Gott, aber bedeutend schwieriger auszusprechen ist, als es auf dem Papier steht. Aldu ist Adi und bedeutet Danke.

Von John habe ich den Eindruck, dass er saemtliche Leute in Assam kennt oder mindestens sie ihn. Diesen Gottesdienst zu erleben, in dem ich kein Wort verstand und die Predigt ziemlich lange dauerte, war fuer mich wie eintauchen in eine warme Thermalquelle. Diese Lebensfreude und Begeisterung der Menschen zu spueren, in ihre Gebete und ihren Glaubenseifer eingetaucht zu sein, war Balsam auf meine Seele. Man muss es erlebt haben.

Einkleidung1Nach dem Gottesdienst wurden wir in eine (Gross-)Familie eingeladen. Sofort wurde ich eingekleidet nach Adi-Art. Es gab natuerlich Tee und Snacks. Als ich bat, das Haus fotografieren zu duerfen, lachten sie. Dann aber erklaerte ich, dass ich in Bangalore einen Schweizer Professor fuer nachhaltige Architektur kenne, der sich fuer solche Haeuser der Einheimischen interessiert. Da waren sie stolz!!!

Die Haeuser sind aus Bambus und mit Ried gedeckt, das sie aus dem Wald holen. An vielen Stellen stehen die Doerfer auf Pfaehlen, der vielen Ueberschwemmungen wegen. Im Innern gibt es aber Elektrizitaet, einen Fernseher und einen Kuehlschrank, alles eben, was einen modernen Lebensstil ausmacht.

Schliesslich fuhren John und ich noch weiter in den Osten, dorthin wo die Eisenbahn auch zu Ende ist und ein riesiges Tor nach Arunachal die Leute herzlich willkommen heisst. John wollte seine Schwester besuche. Ich musste draussen warten.

Tor zum verbotenen Land

Tor zum verbotenen Land

Nochmals uebernachtete ich in einer Pfarrei mit grosser Schule und mit Hostel fuer die Jungs. Es ist bezeichnend, dass die MSFS-Gemeinschaften immer sehr klein sind, 3 bis 6 Mann. Sie geben einige Stunden in der Schule, aber der Lehrkoerper besteht fast ganz aus einheimischen Lehrkraeften. Sie werden vom Schulgeld der Kinder bezahlt. Sehr viele Kinder werden aber von den MSFS finanziert, dass sie ueberhaupt in die Schule gehen koennen. Zu jedem Schulkomplex gehoert auch eine Schwesterngemeinschaft, die sich um die Maedchen kuemmert.

Am andern Morgen kam John mit einem Mitbruder, Pater Vorkis aus Arunachal an, der nach Guwahati reisen musste. So konnten sie sich beim Fahren abwechseln. 600 km lagen vor uns.

Nochmals fuhren wir in die alte Schule von John, wo wir einen neuen Schuldirektor hingebracht hatten. Er und der scheidende Prinzipal begleiteten uns dann zurueck zum Auto. Da stand unerwartet eine Gruppe kleiner Maedchen, die weinten und im Chor schrieen: „No, father, don’t go, don’t go. Father, don’t go.“ Die Traenen kullerten nur so ueber ihre Gesichter. Das war wohl der bewegendste Moment der ganzen Reise. Zum Glueck musste dieser Pater noch nicht an diesem Tag zurueckreisen. Ich glaube, er schluckte auch einige Traenen hinunter.

Pater Vorkis war ein sehr redseliger Begleiter. Er konnte nicht fassen, dass ich nicht nach Arunachal reinkonnte. ‚Das naechste Mal meldest du dich bitte frueh genug bei mir. Das besorgen wir schon!! Dann fing er an, mich mit Spezialitaeten zu locken. Hast du schon mal Eichhoernchen oder Hund gegessen? Auch Seidenraupen und Wespen sind lecker. Aber fuer spezielle Gaeste wie du, haben wir noch was ganz besonderes bereit: Getrocknete Ratte!! Bevor der Reis geerntet werden kann, fallen die Ratten in die Felder ein. Da kann man sie gut fangen. Ratte schmeckt total lecker… Als ich dann zurueck in Bangalore war, fragte prompt eins der Schlitzohren, ob ich denn vielleicht Spezialitaeten im Nordosten gegessen haette?

Vielleicht sind jetzt einige Leute in Ohnmacht gefallen. Ich selber dachte noch laenger ueber das Angebot nach. Diese Voelker leben von dem, was sie haben, was sie im Wald und auf den Feldern finden. Sie sind voll im Kreislauf drin, waehrend wir oft so verkrampft nach einer nachhaltigen Ernaehrung suchen. Oder als mein Vater ein Kind war, assen die Leute Fisch aus dem Fluss und die Kinder mussten im Sumpfgebiet Froschschenkel holen. Diese waeren heute natuerlich eine Umweltsuende hoch drei. Ich muss sie auch nicht haben. Aber damals war es das Naheliegendste. Die Froesche verschwanden erst, als die Suempfe trocken gelegt wurden. Mein Vater konnte uebrigens lecker Katze zubereiten…

John ist der Kopf oder besser das Herz der Jugendseelsorge in allen Staaten des Nordostens. Durch die christliche Erziehung haette sich nicht nur die Bildung verbessert, sondern auch das Konfliktverhalten haette sich stark veraendert. Frueher waere noch einiges anders geregelt worden. ‚Mit Handarbeit‘, wurden meine Brueder im Knast dies wohl bezeichen.

Die Jugendarbeit hat neben vielen anderen die Aufgabe, die jungen Leute aus den verschiedenen Staemmen und Voelkern und Religionen zusammen zu bringen. Sie ist eine allgemeine Weiterbildung fuer Gesundheitsvorsorge, Orientierung fuer die Zukunft, Nachhilfe der aelteren fuer die juengeren und viel anderes. Auch das Thema Menschenhandel wird besprochen. Die jungen Leute sollen auf der Hut sein und die Augen offenhalten. Ein ganz grosser Schwerpunkt ist die Friedens- und Versoehnungsarbeit zwischen den verschiedenen Ethnien. Ein ganzes Netzwerk von Peace clubs wurden geschaffen. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, merkte aber, dass John noch gerne eine konkrete Weiterbildung fuer die verschiedenen Gruppen haette. Das sind ideale Voraussetzungen fuer das Projekt Alternativen zur Gewalt oder (englisch) www.avp.international, bei dem ich mitarbeite. Das Faszinierende bei PAG ist fuer mich, dass in einem workshop Hochintellektuelle als auch fast Analphabeten sitzen koennen, und jeder wird angesprochen. Das koennte es sein auch fuer John und seine Schuetzlinge.

Sofort fragte ich meine Teamleaderin an, ob sie mir unser Grundlagen-Mandala mailen koennte. Innert kuerzester Zeit war es da. Herzlichen Dank!!

AVPengVoll bunt, wie es eben auch nach Indien passt. Natuerlich gibt es auch in Indien AVP, aber 3000 km weiter weg in Kerala. Nepal ist die Heimat von John und in einer Nacht mit Bus und Zug zu erreichen. Dort koennte er sich zum Trainer ausbilden lassen. Er war auch sofort Feuer und Flamme. Gebe Gott, dass es klappt.

Ein anderes vorzuegliches Buch, das ich weiterempfahl, ist das Buch von Reinhard Voss aus dessen praktischer Taetigkeit im Kongo. Dr. Reinhard J. Voß, Apprendre la Non-Violence de la Bible. Tome 1: Manuel de formation, à l´intention des Commissions Diocésaines Justice et Paix en RDC, Kinshasa, 3ème édition 2013 und Dr. Reinhard J. Voß, Apprendre la Non-Violence de la Bible. Tome 2: Exercices pratiques et Exercices de communication, Kinshasa, 2ème édition 2013. Schon hat Reinhard die Erlaubnis zur Uebersetzung und Herausgabe ins Englische gegeben. Herzlichen Dank, Reinhard!

Ein anderes Buch, das sehr interessierte, ist die Biographie von Rajagopal P.V. – ein Leben fuer den gewaltlosen Widerstand, von Carmen Zanella, die den Friedensaktivist selber interviewte. Mehr: http://www.carmenzanella.com/de/Das-Erbe-von-Gandhi.html Interesse zur Uebersetzung in indische Sprachen ist ebenfalls da.

Auch der Film ‚Millions can walk‘, der ueber den Marsch der Adivasi 2012 fuer mehr Rechte berichtet, hat Interesse hervorgerufen. Dieser Marsch wurde ebenfalls von Rajagopal organisiert.

So sind viele kleine Saemchen ausgesaet. Das Wachstum muss ein anderer geben.

Waehrend ich Indien unsicher mache, macht Pater Henry in der Schweiz Aushilfe und trifft viele ehemalige Reiseteilnehmer. So entsteht Freude und Verbundenheit unter den Menschen, Globalisierung im positivsten Sinn..

Ein ganz herzliches Danke schoen an alle, die meine Arbeit mit Rat, Tat, Wohlwollen und Gebet unterstuetzen.

Herzlichste Gruesse von Eurer Schwester Myriam

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Freudig erwartet

Ihr Lieben alle,

Einige wissen es schon: nach einem frohen Abschiedsabend und der liebevollen Begleitung bis zum Bus am andern Morgen hatte ich einen guten Flug mit Emirates ueber Dubai nach Bangalore, wo ich wieder freudig erwartet wurde. Nach 3 Tagen habe ich einigermassen ausgeschlafen und mich vom Jetlag erholt. Es sind 4 1/2 Stunden Zeitverschiebung. Auch das Essen, no problem! An die vorbeistampfenden Zuege habe ich mich auch schon wieder gewoehnt. Dann schweigt man halt, bis sie vorueber sind und fuehrt das Gespraech nachher weiter.
Vinayalaya war noch nie so schoen

Jetzt wohne ich vorerst wieder im Provinzialhaus der Missionnare des hl. Franz von Sales, MSFS. Es gab viele herzliche und ueberaschende Wiedersehen. Oder besser: es war, als ob ich nie weg gewesen waere. Die MSFS erlebe ich als sehr ausgepraegte Persoenlichkeiten, meistens hoch studiert und welterfahren. Was Gandhi sagte, gilt auch fuer sie: My life is my Mission. Sie sind eine Maennergemeinschaft mit ungefaehr 1200 Mann, davon 95% Inder, die auf allen Kontinenten arbeiten, insgesamt in ueber 40 Laendern.  LInk: MSFS South West India, Vinayalaya, Bangalore

Hier in Vinayalaya kommen Heimkehrer hin oder jene, die auf die Papiere zum Ausreisen warten. Einige machen ein Zweitstudium, andere sind aus gesundheitlichen Gruenden hier, weil sie hier besser versorgt werden koennen als in der indischen Pampa. Bangalore ist eine Stadt der Spitaeler und einer medizinischen Versorgung, die mit jeder westlichen Stadt mithalten kann. Auch die Reisegruppen aus der Schweiz und Deutschland wohnen jeweils am Anfang und Ende ihrer Reise hier.

Ich wurde jetzt schon 100x gefragt, wann kommen sie denn? Wieviele? Waren die auch schon da, oder sind es neue? Die Vorfreude auf die Gruppe ist jetzt schon deutlich spuerbar.

Ich staune immer wieder, welche Wertschaetzung und wieviel Vertrauen mir entgegen gebracht wird. Es sind ja auch indische Maenner, die im Westen oft als Machos gelten. Im Moment bin ich uebrigens Ladenhueterin. Wir waren alle zu einer Abendveranstaltung eingeladen, aber ich hatte keinen Bock und liess mich auch nicht ueberzeugen. So bin ich jetzt alleine im grossen Haus und huete den Laden…

Ich denke, der Grund, warum ich mich hier so zuhause fuehle, ist die gemeinsame Salesianische Spiritualitaet, die in Indien weit verbreitet, im entchristlichten Europa fast vergessen ist. Salesianische Spiritualitaet ist ein Weg der Einfacheit, gepaart mit viel Lebensfreude und Einsatzbegeisterung. Salesianisch leben heisst aus einer tiefen Gottesbeziehung leben und einer grossen Naehe zum Mitmenschen in der Mystik des Alltags.

Auch ausserhalb bin ich schon einigen treuen Altbekannten begegnet. Mit Prya und ihrer Mutter (siehe fruehere Blogeintragungen) habe ich gestern Kaffee getrunken. Heute war ich im Stoffladen, um einiges fuer die kommende Gruppe zu bestellen. Da der Durchgang vom Ladentisch mit Kundschaft versperrt war, huepfte der Stoffverkaeufer schwupp einfach darueber.

Bald werde ich nach Assam fliegen, etwa 3000km nordoestlich.. Bin mal gespannt.

Mit herzlichsten Gruessen, Eure Schwester Myriam

 „Be the change that you wish to see in the world.“ Gandhi

Die Flügel wachsen wieder

Liebe Leute, bald ist es schon wieder so weit: Am 9. 9. fliege ich zum 9. Mal nach Indien. Ich freue mich auf die verschiedenen Projekte. Am liebsten würde ich alle mitnehmen, welche diese Werke auf die eine oder andere Weise unterstützen. Euch allen möchte ich gaaanz herzlich danken.

Über die Projekte habe ich schon längere Zeit nicht mehr berichtet, einfach weil mir die Zeit oder die Informationen gefehlt haben. Hier nur einige Blitzlichter: Das Haus für die Strassenmädchen im Roshini-Projekt ist fertig gestellt und die Kinder sind eingezogen. Ich hoffe, dass demnächst ein neuer Bericht kommt. Was Sr. Lisy und der Roshini-Förderverein und viele andere in den wenigen Jahren geleistet haben, kann man sich gar nicht vorstellen. Ich werde nun öfter gefragt, ob denn noch weitere finanzielle Hilfe gebraucht würde. Ja, gerne. Es kommt auch der letzte Heller an seinen Bestimmungsort und es können mittlerweile Spendenquittungen ausgestellt werden.

Die Schule, welche jetzt auf Sparflamme in 3-Monatskursen junge Erwachsene ausbildet, sollte ja auch noch gebaut werden, vor allem aber wollen die Kinder essen, brauchen Schulmaterial, Kleider, Medikamente. Immer wieder wird das Geld für’s Essen knapp. Nicht nur im Roshini-Projekt. Der Leiter des Heimes für die Strassenjungs hatte 28 von ihnen mit Windpocken und hohem Fieber im Bett, und die restlichen 24 mussten auch versorgt werden. Tag und Nacht war er bei ihnen. Kein Geld für den Arzt, und das Essen wurde auch knapp. Auch Pater Asirvadam hat von seinen Bauernjungen in Andrah geschrieben. Alles geht gut, die Jungs sind fleissig in der Schule. Nun ja, im März wäre mal das Geld fürs Essen ausgegangen. aber dann hätte sich wieder ein Sponsor gemeldet. Woher nehmen diese InderInnen ihre Kraft und ihr Gottvertrauen?

Überall auf der Welt hungern Kinder, auch in Deutschland. Trotzdem werden über die Hälfte aller Lebensmittel vergeudet. In was für einer Welt leben wir??? Oft sagen Leute, dass sie sich so hilflos fühlten und gerne mehr tun würden. Als ich das letzte Mal aus Indien zurück kam, liessen mich diese Gedanken nicht los. Wir können nicht die Welt erlösen, müssen wir auch nicht, aber wir können viele kleine Schritte tun. Ich ging in einen Laden, der Tierfutter verkauft. Eigentlich wollte ich Hundeleckerli für 6 Cent kaufen, so viel hat Asi nämlich für eine Kindermahlzeit im Budget. Ich entschied mich dann für ziemlich die billigsten, 12 Cent pro Leckerli, mit Angaben über die Inhaltsstoffe, Vitamine, etc. und mit Ablaufdatum. Ich muss sagen, dass Hunde meine besten Freunde sind, auch solche, die manchmal etwas schwierig sind. Ich weiss um die soziale Notwendigkeit der Haustiere, die viele Menschen vor noch grösserer Einsamkeit bewahren. aber irgendwie stimmen die Verhältnisse nicht mehr. Ich klebte die Leckerlis auf leere Marmeladengläser und 3 Etiketten dazu. Sie sollten mit kleinen Roten gefüllt werden, Einer, Zweier, Fünfer. und sie wurden gefüllt!

K800_Bild 034Ich nehme etwa 200€ mit, die auf diese Weise zusammen kamen. Wenn die Gläser voll waren, durfte das Leckerli seine Bestimmung erfüllen. Was ich als das Allerschönste empfand, dass auch Kinder und eine Lehrerin mitgemacht haben. In der Schweiz gibt es die ganz kleinen Münzen nicht mehr. Eine gute Kollegin hat auf diese Weise mit 20ern 100 Schweizer Franken gesammelt. Wie lange Asi Essen für seine Jungs haben wird, kann jeder für sich selber ausrechnen.

Beena Sebastian hat sehr schöne Bilder geschickt vom Onam-Fest. Das ist ein Erntedankfest, das hauptsächlich in Südindien gefeiert wird. Es ist das Fest mit den wunderbaren Blumenteppichen.

(Bilder anklicken zum Vergrößern).

Feste feiern können die indischen Menschen. Wenn das Leben noch so hart ist, aber es wird gefeiert. Die Bilder sind aus Beenas Frauenhaus, da wo 40 Frauen und einige Kinder in 3 Räumen wohnen. Mindestens hat seit einigen Jahren jede ein Bett. Vorher schliefen sie mit ihren Kindern auf dem Boden. Zwei unserer Indienreisenden haben sich dermassen von diesem Projekt beeindrucken lassen, dass nun schon zum 3. Mal ein Benefizessen für diese Frauen stattfindet. Die Speisen werden mit viel Liebe und Arbeit selber zubereitet.

Anfangs September hielten die beiden Freiwilligen, die eben nach einem Einsatzjahr im Kinderdorf Nest zurückgekehrt waren, einen Vortrag. Ihr Wunsch war es, vom Sinn eines solchen Aufenthaltes zu erzählen, Erfahrungen mitzuteilen und vielleicht andere junge Leute zu einem solchen Jahr zu ermutigen. Und Vorurteile beseitigen. Ein besonderer Moment war, als ich die Mutter der einen Referentin fragte: Wie haben Sie denn reagiert, als Ihre Tochter ankam und sagte, sie wolle nach Indien? Oh Schreck!! Aber dann liess sie sich bald beruhigen, als begeisterte Nachrichten ihrer Tochter eintrafen. Heute ist sie sehr glücklich über die Entscheidung ihrer Tochter. Es waren zwischen 40 und 50 Personen anwesend, davon sehr viele junge Leute.

Ich selber war letztes Jahr bei der Aussendung der jungen Leute gewesen. Da kamen besorgte Eltern auf mich zu. Was sie denn noch für Ihre Kinder tun könnten? Ich riet ihnen, schauen sie darauf, dass Ihre jungen Leute gute Sandaletten mit Fussbett mitnehmen. Sonst haben sie nach einem Jahr kaputte Füsse. Das ist tatsächlich ernst gemeint.

Auch in Wethen gab es beglückende Erlebnisse. Zuerst gab es ein Dorffest und dann das vierzigjährige Jubiläum unserer ökumenischen Gemeinschaft. Beide Male versorgten uns die syrischen Flüchtlinge mit leckerem Essen, das sehr viel Anklang fand. Hätte man mich in dieser Zeit gefragt, wie ich Himmel beschreiben würde, dann hätte ich gesagt: Himmel ist, wenn in Wethen gefeiert wird und die Syrer mitten drin sind. Diese Menschen, die schon so viel mitgemacht haben, sind im Dorf gut angekommen und sehr beliebt. Ich bin so stolz auf unser kleines Dorf.

Seit Anfang September bin ich im Rentenalter. Das bedeutet für mich eine grosse Befreiung. Wie lange ich denn jetzt noch nach Indien fahren wolle? So lange, wie meine Gesundheit es zulässt. Ich will nicht auf Teufel komm raus jung bleiben, sondern in Würde altern. Ich hoffe auch, dass ich den richtigen Moment zum Aussteigen finden werde. Vorerst gibt es keinen Grund dazu. Im November kommt wieder eine Reisegruppe dazu und für nächstes Jahr, 2016 habe ich eben eine Interessentenliste zusammen gestellt…

Jetzt möchte ich einfach allen von Herzen danken, die mit im Boot sitzen, auch wenn sie zuhause bleiben, aber uns in Gedanken, Gebeten und auf vielerlei andere Weise unterstützen. Ohne all dies wären meine Einsätze gar nicht möglich. Besonders für das Gebet bin ich sehr dankbar. Es ist ein besonderer Segen, dass weder mir noch den Reisegruppen je etwas passiert ist oder dass je jemand ernsthaft krank geworden wäre.

Ich grüsse euch alle von Herzen und werde wieder vermehrt von meinen Erfahrungen berichten.

god bless you!