Archiv für den Monat Dezember 2015

Weihnächtliche Tage

Endlich mal ein Lebenszeichen von mir. Entschuldigung, dass ich mich bei vielen von Euch spät oder gar nicht gemeldet habe.

Ich bin am 15. Dezember gut in Düsseldorf gelandet. Schon am nächsten Tag fing es an mit Halsweh. Seither ist der Wurm drin. Dennoch hatte ich wunderschöne Weihnachtstage in Haus Overbach, wo ich an Weihnachten und Ostern und manchmal auch sonst anzutreffen bin. In Haus Overbach wird die gleiche salesianische Spiritualität gelebt. Die Sales-Oblaten (OSFS) sind eine Parallelgemeinschaft zu den Missionaren des hl. Franz von Sales (MSFS), bei denen ich in Indien meine Basisstation habe.

Die Sales-Oblaten waren in meinem Leben öfters wegweisend, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Durch sie bin ich nach Deutschland gekommen. Durch sie bin ich nach Indien gekommen, weil ich dort auch den ersten indischen MSFS persönlich kennen lernte. Hier kehre ich seit mehr als 20 Jahren immer wieder zurück wie in ein Elternhaus. Hier finde ich Ruhe und kann mich so richtig dem Gebet ergeben. Hier arbeite ich auf, und hier finde ich eine wunderbare Natur zur Erholung.

Während ich in Overbach weilte, fand in unserer Wethener Gemeinschaft eine ganz besondere Weihnachtsfeier statt: Schon in Indien war die Nachricht angekommen, dass einer der Männer seine Frau, die in einem türkischen Flüchtlingslager gelebt hatte, in die Arme schliessen konnte. Ein anderer konnte seine Frau und die vier Kinder wiedersehen. Noch dürfen sie nicht am gleichen Ort leben, aber es ist vorgesehen. Am Weihnachtsabend waren sie dann alle zusammen, um zu feiern, Syrer, Kurden, Gemeinschaftsangehörige, Muslime, Jesiden, Christen und was sich sonst so alles bewegt. Sie waren in Frieden und Freude zusammen. Weihnachten pur!

Die Weihnachts- und Osterbotschaft sind die Pfeiler in meinem Leben und die Kraftquellen für alles was ich unternehme. Alles soll im Namen Gottes geschehen. Sieht mein Inneres aus wie ein Stall, in dem Ochs und Esel hausen, so ist das der Ort, wo Jesus geboren werden und Gestalt annehmen will. Ich muss nur meine Herzenstür für ihn offen halten.

Weihnachten ist für mich auch nicht unbedingt an einen Tag gebunden, sondern findet immer wieder statt, zum Beispiel wenn ich Menschen froh machen kann, oft mit kleinen Dingen durch kleine Dinge, wie mit der Aktion mit den kleinen Münzen. Da danke ich nochmals ganz herzlich allen, die sich so viel Mühe gemacht haben, die kleinen Roten zu sammeln. Als ich nach Hause kam, lagen in meinem Zimmer schon wieder einige Röllchen mit Kupfermünzen für nächstes Jahr..     Obstverteilung Mittlerweile hat Asi schon geschrieben, dass er regelmässig Obst an die Jungs verteilt. Auf Weihnachten hatten sie auch ein gutes Essen, wahrscheinlich mit Hähnchen, das absolute Ah und Oh für die Jungs. Auch die Lehrer hätten sich gefreut über eine kleine Weihnachtsüberraschung. Diese Lehrer haben einen grausam kleinen Lohn. Eine Reiseteilnehmerin vom letzten Jahr hatte mir für jeden ein kleines Schweizermesser gegeben. Dazu steckte ich noch ein Scheinchen, umgerechnet 1,50 Euro, in einen Umschlag. Damit kann man Essen kaufen oder sich sonst was leisten, was sonst nicht drin liegt, sich zum Beispiel was nähen lassen. Die Freude muss sehr gross gewesen sein. Herzlichen Dank nochmals!!

Immer wieder hatte ich Uttera besucht (siehe auch:  Uttera mit 15 verheiratet). Uttera wohnt jetzt mit ihrem Mann und den beiden jugendlichen Söhnen auf dem Dach eines vierstöckigen Hauses in einem kleinen Raum mit Kochnische und was man in Indien Badezimmer nennt. Im Wohnzimmer steht ein Schrank mit Fernseher und Hindu-Hausaltar. Einige Jesusbilder gehören auch dazu. Kein Problem für Hindus. Gegenüber ist ein Bett, auf das sich die Besucher setzen. Stühle gibt es keine.
Weil Uttera jetzt nähen lernt, hat sie sich irgendwie auch eine Nähmaschine angeschafft, mit Handbetrieb. Ich hätte ihr auch Arbeit gehabt, aber Uttera war krank mit hohem Fieber. Das schlechte Wetter liess viele Leute krank werden. Wenn Uttera zum Arzt ging, warteten bestimmt schon 142 andere Menschen vor ihr. Einmal war ich dort, als sie unbedingt arbeiten gehen wollte. Sie ist Hausangestellte. Sie hatte schon 5 Tage nichts gearbeitet, was soviel heisst wie: Wir haben kein Geld mehr und ich habe Angst, dass ich meine Stelle verliere. Ich habe dann dafür gesorgt, dass sie ruhig zu Hause bleiben konnte. Ich gehe sehr gerne zu dieser Familie, die immer zufrieden und gastfreundlich ist. Natürlich muss ich dann auch was essen oder zumindest trinken. Diese Familie erinnert mich immer an die heilige Familie in Bethlehem. Auch diese vier Menschen haben eine besondere Ausstrahlung. Nie hätte mich Uttera angebettelt oder gejammert.

adventlich geschmuecktes VinayalayaAlle diese kleinen ‚Weihnachtsfeiern‘ in Indien wären nicht möglich ohne die Unterstützung der MSFS, bei denen ich in Bangalore, in Vinayalaya, jeweils mein Basislager habe, wo ich wirklich zu Hause bin. Auch die Reisegruppen finden hier ein Zuhause.

Pater Henry erledigt Weihnachtspost

Pater Henry erledigt Weihnachtspost

Ohne das Wohlwollen der MSFS, besonders von Pater Henry, wäre die Ankunft um einiges unpersönlicher und der Schritt zur indischen Kultur sicher schwieriger. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass sie uns so gewogen sind, obwohl die allermeisten unserer Projekte keine MSFS Projekte sind. Unser Einsatz wird sehr geschätzt. Wir tun es für Christus, nicht für uns.

Vor allem ist es nicht selbstverständlich, dass ich als Frau, als Europäerin, wirklich eine der Ihren bin. Ich bin immer von Neuem über das Vertrauen und die Wertschätzung erstaunt, die sie mir entgegenbringen. Ich bin so ganz anders als indische Schwestern. Kein yes, yes, father! Natürlich macht es zuweilen auch Spass, die Schwester so richtig aufs Korn zu nehmen, die wiederum auch nicht auf den Mund gefallen ist. Nirgends lache ich so oft wie in Indien.

CandellightdinnerWieviele gute Tischgespräche haben wir geführt über Gott und die Welt. Die MSFS sind auch weltweit tätig, von Südafrika bis in den Norden Kanadas, von Brasilen bis auf die Philippinen.

Pater Manoj

Pater Manoj

Besonders mit Pater Manoj, der schon 13 Jahre in Kamerun arbeitet, habe ich mich oft unterhalten. Er gab mir die Bitte mit auf den Weg, Menschen zu finden, die bereit wären junge afrikanische Mitbrüder in ihrem Studium zu unterstützen. In die Kirche wird in vielen afrikanischen Ländern sehr viel Hoffnung und Vertrauen gesetzt, aber sie ist bitter arm.

Oft haben wir auch über die Stellung der Frauen in der Kirche, besonders die Ordensschwestern diskutiert. Es gibt verschiedene Meinungen, aber eins ist sicher: Viele der Patres, die auch Theologie-Professoren sind, würden die Schwestern bedeutend mehr fördern als diese es oft selber wollen. Besonders die jungen Kerle halten nicht mit der Meinung zurück.

Manchmal wurde ich auch gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, dass Europa islamisiert wird? Nein. Die Indifferenz und die Aggressivität den Kirchen gegenüber gibt mir bedeutend mehr zu denken. Hier entsteht ein Vakuum, das eine Islamisierung, respektive Radikalisierung erst möglich machen würde.

jung und alt im speisesaalIm November wurde mein 40jähriges Professjubiläum gefeiert. Das war ein Fest. Auch die Schweizergruppe wurde miteinbezogen. An meinem ersten Professtag 1975 in Solothurn habe ich ein weisses Blatt Papier auf den Altar gelegt mit meiner Unterschrift und der Bitte an Gott aus meinem Leben einen Liebesbrief zu schreiben. Die Unterschrift gab ich zum Vornherein. Dabei hatte ich keine andere Absicht als in Solothurn, in unserm Kloster, zu leben und zu wirken. 1974 hatten wir einen Biogarten angefangen, damals gegen die Meinung so vieler, dass wir verrückt wären. Nie hätte ich auch nur daran gedacht, dass mein Leben eine solche Wendung nehmen würde. Gott hat auch auf vielen krummen Zeilen gerade geschrieben!! Und Gott hat Humor!!

Franz von Sales hat einmal gesagt: Kommt, lasst uns im Gebet erholen! Wie oft dachte ich am Abend: morgen schlaf ich mal länger. Wenn ich die Brüder am Morgen früh beten und singen hörte, war ich wach und bald danach mit ihnen in der Kapelle. Wir haben viel miteinander gebetet, am Morgen, am Mittag, vor und nach dem Abendessen. Solches Gebet verbindet. Einige sind grossartige Sänger und Musiker. Die jungen Mitbrüder bringen eine ganz intensive Energie in die Gemeinschaft und in die Gottesdienste.

mit der Klosterjugend in der eisdieleJa, dann brach unausweichlich der letzte Tag an. Am vorletzten war ich mit der Klosterjugend noch in der Eisdiele gewesen. Eis und Nutella machen Kinder froh und die ehrwürdigen Herren ebenso. Nutella kann man jetzt in ganz vielen Läden kaufen. Da kommt der ’sweet plastic‘ (Haribo), den die Schwester schon mal aus Europa mitbringt, nur noch auf Platz 3!!!

War öfter mal die Frage gewesen, wann ich denn abreisen würde, so gab es jetzt nur noch die Frage: Wann kommst du wieder? Am Morgen in der Messe wurde speziell für mich gebetet. Den MesseteilnehmerInnen wurden meine sämtlichen Tugenden aufgezählt und am Schluss ausführlich noch gedankt. So rasch war ich noch nie aus der Kapelle verschwunden. Ich brauchte Taschentücher!!

AbschiedsposterDer Tag verging rasch. Jeder wollte noch etwas Gutes sagen. Einer der Patres erwähnte, dass sie auch von uns Europäern viel gelernt hätten. Es ist ein Geben und Nehmen.
Um Mitternacht wollten wir losfahren zum Flughafen. Kurz vorher spazierte ich noch mit den jungen Mitbrüdern auf dem Vorplatz. Ich zeigte zum Himmel: Schaut, dort ist der Orion. Den seh’ ich auch, wenn ich zuhause bin. Denkt an mich, wenn ihr ihn seht, und ich denk an euch.

Der Flieger startete morgens viertel nach vier. Ich war so müde, dass ich den Start verschlief.
Nun bin ich schon 2 Wochen zurück. Ich habe unendlich viel Weihnachtspost, mails, Rückmeldungen auf den Blog erhalten. Einigen konnte ich leider noch nicht schreiben, aber ich werde es bestimmt so bald wie möglich tun.

Eine Folge eines Blogeintrags ist, dass es nun im Roshini-Projekt auf Weihnachten eine deutsche Freiwillige gab.

Ein ganz herzliches Danke schön für all euer Mittragen, Mitbeten, Spenden, euer Interesse. Das alles ist wichtig. Einem will ich ganz persönlich danken: Rainer, der meine Aufsätze mit Bildern schmückt und ins Internet stellt.

Ich wünsche allen ein gesegnetes Neues Jahr und wünsche Euch alles, was für Euch gut ist. Bleiben wir weiter miteinander auf dem Weg. In herzlicher Verbundenheit, eure Schwester Myriam

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Kleine und grössere Schritte, die die Welt verändern

Liebe Leute,

mein Credo ist immer wieder: Wo viele kleine Leute viele kleine Schritte tun, da veraendert sich die Welt. Einige von euch moegen sich an meine Sammelaktion der kleinen roten Muenzen erinnern, um sozusagen mit homoeopathischen Schritten die Welt zu veraendern.
(Siehe den Bericht vom September 2015: Die Fluegel wachsen wieder).

Viele  Menschen haben mit vielen kleinen oder groesseren Schritten fast 300 Euros zusammengebracht, und einige SpenderInnen sorgten dann noch fuer etwas mehr. Besonders beruehrend war, dass auch zwei Kinder mitbeteiligt waren, Cornelia und Felix, die ihre Klassen miteinbezogen haben.

Nun endlich konnte ich in’s heisse Andhra fahren, um das Geld hinzubringen. Andhra Pradesh ist ein sehr armes und wildes Land. Touristen haben dort nicht viel verloren, ausserdem ist es seeeehr heiss und trocken. Deswegen bleibe ich auch immer nur kurz dort. Mein Projektpartner ist Asirvadam, ein Priester des Bistums Kadapa (Cuddapah), mit dem ich schon viele Jahre befreundet bin. Seit drei Jahren ist er verantwortlich fuer ein Knabenhostel weit draussen in Badwell (Badvel), einer Kleinstadt, in die kaum Weisse kommen.

Kleinstadt Badwell

Kleinstadt Badwell

Ich mag dieses Staedtchen in seiner Buntheit, mit seinem Chaos, mit den neugierig freundlichen Leuten, von denen schon mal jemand englisch spricht.

Asis kleine KerleIm Hostel sind 50 Jungs aus den umliegenden Doerfern, meistens Bauernkinder aus sehr armen Familien, einige sind auch Halb- oder ganz Waisen. Die Eltern bezahlen umgerechnet einen Jahresbetrag von ungefaehr 7 Euros pro Jahr. So hat Asi pro Kind und Malzeit 5 (fuenf) Rupien zur Verfuegung. (Die Hundeleckerli, mit denen ich meine Sammelglaeser dekorierte, kosten 12 cents oder 7 Rupien.) Jeden Tag gibt es 3x Reis mit Gemuesesauce. Die Jungs, welche so richtig im Wachsen sind, verschlingen unglaubliche Mengen davon. Noch nie haette ich einen meckern hoeren. Sie sind auch nicht viel anderes gewohnt.

Diese Jungs faszinieren mich. Sie kommen aus einer ganz andern Armut als die Kinder aus den Slums, was ich Elend nenne. Diese Armut hat noch eine bestimmte Wuerde. Alle Leute hier sind arm. Die Bauern treiben ihr Vieh, Kuehe, Ochsen und Ziegen in das karge, savannenartige Land mit vielen Bueschen, Disteln und Dornen. Ich staune nur, dass die Tiere hier genuegend Nahrung finden. Obwohl ein Grossteil der Bewohner Muslime sind, ist die Schweinezucht weit verbreitet. Ueberall zischen kleine schwarze Schweinchen ueber die Strassen, suhlen sich genuesslich in den stinkenden Abwasserkanaelen und lassen sich ueberhaupt nicht beeindrucken von dem immerwaehrenden Verkehrchaos.

Hier bin ich SchweinDie Kuehe lagern auf den Strassen, Hunde schlafen halb auf der Fahrbahn und lassen sich ueberhaupt nicht stoeren. Es stoert sich auch niemand an ihnen. Ich habe nie ein ueberfahrenes Tier gesehen.

Es gibt auch einige Reisfelder, etwas mageren Mais oder Faecherhirse, der jeweils auf die Strasse gekippt wird, damit der Verkehr darueber rollt. Am Abend wird dann das gedroschene Getreide eingesammelt. Wovon die Bauern in den Doerfern aber wirklich leben, ist mir ein Raetsel geblieben. Aber sie haben ihre Wuerde. Ihren Kindern wird einmal die sehr grosse Aufgabe zufallen, die Landwirtschaft in die Zukunft zu bringen und auch das Land zu behalten. Eins der grossen Elends in Indien ist ja, dass die Kleinbauern immer mehr verarmen, zu Leibeigenen der Multinationalen Konzerne werden und schliesslich nur noch im Suizid einen Ausweg sehen. Dann bekommt wenigstens die Witwe eine Rente. Es loeschen sich auch ganze Familien aus.

Als ich die Jungs fragte, was denn ihr Traumberuf sei, lag ganz klar ‚Polizist‘ vorne. Auch die Armee braucht sich nicht um Nachwuchs Sorgen zu machen. EINER (!) wollte Bauer werden, ein anderer Arzt!

Das Lehrerzimmer

Das Lehrerzimmer

Zu Asis Hoheitsgebiet gehoert eine kleine Schule mit 200 SchuelerInnen. Die Landessprache Telugu ist Unterichtssprache, aber mit Englisch als Schulfach. Diese Schule ist offen fuer alle Religionen. Auch die Lehrer sind Angehoerige verschiedenster Religionen. Ich habe nach ihren Loehnen gefragt. Der Bestverdienende bekommt umgerechnet etwas mehr als 30 Euros im Monat. Alle andern sind darunter.

Die Christen sind eine verschwindend kleine Minderheit. Deshalb ist das Knabenhostel fuer katholische Jungen reserviert, dass sie eine fundierte Glaubensvermittlung bekommen und auch andere christliche Kollegen kennen lernen.

Von Bangalore bis Badwell sind ungefahr 9 Stunden Busfahrt. Von Badwell nach Bangalore 12, weil der Bus am Abend regelmaessig ins absolute Verkehrschaos von Bangalore kommt. Fuer die letzten 20 km braucht er dann 3 Stunden. Das Fahrgeld hin und zurueck betraegt keine 10 Euros.

Jedesmal werde ich von den Boys mit Liedern und Blumen empfangen. (Daran muss man sich auch gewoehnen.) Obwohl es Landkinder sind, sind sie kein bisschen schuechtern. Von diesem Moment an bin ich nie mehr allein, ausser wenn ich mich in mein Zimmer einschliesse. Sind es nicht die Jungs, sind es die Maedchen von der nahen Schule. Sie kennen mich, weil ich auch jedesmal in der Schule antreten und vor dem Unterricht zu den Schuelerinnen sprechen muss. Natuerlich werde ich auch mit Girlanden empfangen. Als Geschenk erhielt ich 2 rote Aepfel, die hier so beliebt und teuer sind.

Ansprache vor Schulbeginn

Ansprache vor Schulbeginn

Jeden Tag vor Schulbeginn stellen sich die Kinder draussen vor dem Schulhaus auf. Dann gibt es ein Gebet, das allen Religionen entspricht. Dann spricht der Schulvorsteher, das Headgirl oder der Headboy hat was zu sagen, eben auch Gaeste wie ich, dann werden die Prinzipien der Schule rezitiert, alles sehr militaerisch. Schliesslich wird noch die Nationalhymne gesungen. Diesmal ermunterte ich die Kinder moeglichst englisch zu lernen, auch wenn sie auf dem Dorfe aufwachsen und Telugu die Umgangssprache in der Schule ist.

Mittlerweile habe ich schon Uebung, vor Schuelern zu sprechen. Eine Woche vorher hatte mich ein Kollege nach Tamil Nadu eingelden, wo er ein spezielles Schulprogramm fuer Englisch hat. Es war der sogenannte english language day, ein Schulfest, wo die Kinder moeglichst motiviert werden sollten, English zu lernen. An dieser English Medium Schule sind 2000 Studierende. Tom sagte nur: „Kannst du bitte, nachdem ich gesprochen habe, etwas sagen, um die jungen Leute zu motivieren?“ Wenn sie aus den Doerfern kommen, haben die oft keinen Bock englisch zu lernen. Schluck! Er sagte noch kurz, an wen ich mich zuerst zu wenden haette: Schuldirektor, Ehrengast, Lehrer, eine ganze Litanei. Dann war ich dran. Das Publikum hatte offenbar gar keinen Bock auf die Reden und war sehr laut. Tiefer Atemzug, „Vanakam!“ Das einzige Wort in Tamil, das ich kann. Und das einzige Wort in Tamil, das an dieser English PR verwendet wurde. Ein Atemzug Stille, dann brach Jubel los. Ich erzaehlte ihnen, dass ich leider nicht mehr in Tamil sagen kann, als dieses eine Wort. Deswegen waere ich so dankbar, dass wir uns auf Englisch unterhalten koennten. Als junges Maedchen haette ich englisch lernen wollen, obwohl das damals unueblich war. Ich haette nie gedacht einmal nach Indien zu kommen. Und ich waere sehr dankbar, wenn ich mit europaeischen Freunden in tamilische Doerfer ginge und jemand englisch spreche, auch wenn es wichtig sei, die eigene Kultur wert zu schaetzen. Unsere Welt sei ein globales Dorf geworden. Ich wuerde in Deutschland in einem kleinen Dorf von 500 Einwohnern leben. Bei uns lebten auch Fluechtlinge aus dem Iran und Syrien, eine Frau aus Afrika, eine Familie aus Brasilien und ein Student aus Mexiko. Es waere auch schon mal ein Tamile vorbei gekommen. Da waere es gut englisch zu sprechen. Wenn wir eine gemeinsame Sprache sprechen, dann koennten wir auch am Frieden bauen. Als ich unser Dorf Wethen erwaehnte, das auf keiner Landkarte zu finden sei, da war ich sehr stolz auf unser Dorf.

Dann wankte ich mit durchweichten Knien an meinen Platz, den Traenen nahe. Neben mir sass der Ehrengast, ein Bildungsminister. Er beugte sich zu mir und raunte: „Well done!! That was useful.“ Dann war er dran.

Da war es mir wohler bei Asis Jungen. Es waren uebrigens nur 35 da, weil die andern krank zuhause lagen. Das schlechte Wetter hat in Suedindien ganze Fieber-Epidemien ausgeloest. Es waren auch schwere Krankheiten darunter wie Malaria und Dengue-Fieber.

Krankenstation

Krankenstation

Wenn die Jungs ernsthaft krank werden, muessen sie in ihre Familien zurueck. Asi hat kein Geld fuer Medikamente, aber viele Muetter kennen noch Hausmittelchen, die sehr effizient wirken. So soll Papayablaettersaft sehr wirksam sein gegen Dengue.

Die Burschen sind zwischen 6 und 15 Jahren alt. Morgens um 6 ist Tagwache. Die Morgenwaesche findet unter freiem Himmel statt mit viel Seife und Schaum. Dann Morgengebet und Yoga. Um 7 kommt ein Freiwilliger, der Nachhilfe in Englisch gibt. Halb 8 Fruehstueck.

Das Schlafgemach der Jungs

Das Schlafgemach der Jungs

Dann werden Schlaf- und Speiseaal gruendlich gereinigt und aufgeraeumt. Anschliessend noch Studium. Um 9 beginnt die Schule bis etwa um eins. Dann Mittagessen. Alle SchuelerInnen von der Schule bekommen vom Staat Mittagessen. Was uebrig bleibt, darf Asi fuer seine Jungs holen. Die bringen denn auch die verschiedenen Kessel freudestrahlend mit. Nach dem Mittagessen nochmals 2 Stunden Schule, dann eine Stunde Ballspiele oder auch Schach und aehnliches. Um 5 wird wieder gewaschen, diesmal auch die Kleider.

Schulaufgaben

Schulaufgaben

Anschliessend Hausaufgaben bis zum Abendbrot. Ich hatte Asi schon letztes Jahr Geld fuer Essen bringen wollen. Da bat er mich, ob er nicht einen Inverter kaufen duerfe, damit die Kinder die Schulaufgaben regelmaessig machen koennten. Sehr oft falle der Strom aus. Das Resultat konnte ich jetzt bewundern. Siehe auch: Der Mensch lebt nicht vom Reis allein, 8. Oktober 2014

Asi und ich ueberlegten lange, was als zusaetzliches Essen gegeben werden koennte. Ich wollte ja auch keine unnoetigen Beduerfnisse wecken. Und Asi ist kein Ernaehrungsfachmann. Es sollte moeglichst lange was geben, das satt macht. 2x im Jahr, an Weihnachten und bevor sie in die Schulferien fahren, gibt es Haehnchen. Trotzdem entschieden wir uns gegen mehr Fleisch. Fisch?  Oder einmal die Woche ein Ei? Asi machte mich darauf aufmerksam, dass die Jungs doch schon am Sonntag ein Ei haetten. Stimmt. Ich war mal an einem Sonntag da. Die Eier wurden gekocht. Einige der Jungs wurden gerufen die Eier zu schaelen. Ich ging mit. Wir kamen nicht weit mit schaelen. Die Eier stanken dermassen, dass wir sehr schnell mit Reis und Gemuesesauce zufrieden waren. Ich konnte auch jetzt gut auf Eier verzichten. Wir entschieden uns dann fuer Obst. Jeden Tag eine Frucht fuer ein Kind. Asi fing sofort an zu rechnen. Super, dann wuerde das Geld genau bis im Maerz reichen, bis die grossen Ferien anfangen. Selbstverstaendlich darf Asi, wenn es einen Engpass mit der Nahrung gaebe, auch anders entscheiden. Aber es muss klar abgesprochen sein: Zum Beispiel hatte ich dem Koch Geld gegeben, um Obst zu kaufen. Er kaufte davon so viel er konnte, Bananen, Mandarinen, Grenadine und einen Apfel. So erhielten die Jungs zum Mittagessen je eine Banane und eine Mandarine. Zum Abendessen sollten sie den Rest bekommen. Ich bat den Koch dann, dieses Obst am andern Tag zu geben.

Eigenartigerweise essen die Inder sehr wenig Obst, obwohl es jede Mengen davon gibt. Salat gibt es auch keinen. Der Apfel, den der Koch gekauft hatte, war fuer mich bestimmt. Seine Frau schaute ihn mit leuchtenden Augen an. Aber als ich ihn ihr schenken wollte, lehnte sie energisch ab. Da schnitt ich den Apfel in zwei Teile und gab ihr den einen. Wie so ein Apfel doch alles Glueck der Welt bedeuten kann. Ich ass meine Haelfte natuerlich auch und spuelte das ueberreife, voellig trockene Fruchtfleisch mit Wasser den Hals hinunter.

Eine andere Geschichte war die Sache mit dem Tischtuch. Asi und ich assen in der kleinen Kueche. Was mal ein Plastiktischtuch gewesen war, hing in Fetzen vom Tisch. Ich fragte Asi, ob ich ein neues kaufen duerfte. Er seufzte nur. Ich schnappte mir zwei der Burschen. Am liebsten waeren alle 35 mitgekommen. Aber zwei reichten auch. Wir zogen von Laden zu Laden. Die Jungs erklaerten, was ich wollte. Es gab auch ein Plastiktischtuch, nur zu klein und schlechte Qualitaet. Nein, danke. Wo koennten wir denn ein groesseres finden?  Bereitwillig wurden wir an den naechsten Laden verwiesen. Die hatten aber das gesuchte auch nicht. Naechster Tip, wo wir so was finden koennten. Schliesslich mussten wir eine Treppe hoch. In einem muslimischen Laden gab es ein sehr schoenes geeignetes Tuch, nur der Stoffrest war doppelt so gross wie ich ihn brauchte. Kann man den nicht entzwei schneiden? Nein, geht gar nicht. Was sollte denn der Stoffhaendler mit dem Rest machen? Das war ja noch mehr als doppelt so gross. Schliesslich machte er ein brauchbares Angebot: Wenn ich das 2. Tuchstueck auch kaufen wuerde, dann gaebe er mir den Rest gratis dazu. OK!! Ein solches Angebot kann man nicht ausschlagen. Ich bezahlte keine 2 Euros dafuer. Asi strahlte vor Freude! Ich legte den Stoff auf den Tisch und ging mal eben in mein Zimmer. Als ich nach unten kam, war das neue Tuch schoen auf dem Tisch ausgerollt. Unglaublich, wieviel besser die Kueche aussah.

Am letzten Abend wollten die Jungs noch eine grosse Vorfuehrung machen. Am Vorabend sassen Asi und ich in der Kueche und redeten miteinander. Schliesslich wurden wir immer leiser. Ueber uns droehnte die Betondecke. Da oben uebten 35 Jungs Kunststuecke und tanzten nach Bollywood Art. Der bunte Abend war denn auch bunt, laut und voller mit Begeisterung eingeuebter Kunststuecke.

Bollywood laesst gruessen

Bollywood laesst gruessen

Fuer Kunststuecke sind sie immer gut

Irgendwas Besonderes wollte ich den Kerlen dann doch noch bieten. Mit einem andern Jungen klapperte ich saemtliche Eisdielen oder was wenigstens so aussah in Badwell ab. Schliesslich bekamen wir doch noch das Gesuchte, und nach etwas markten gab es die auch noch billiger. Es war das absolute Highlight. Die meisten der kleinen Kerle hatten noch nie Icecream gegessen.

Auf der Heimfahrt hatte ich Zeit viel nachzudenken. Ueber das Erlebte, ueber die Menschen, denen ich begegnet war und viel anderes. Es waren eben die Tage der grossen Regen- und Flutkatastrophe in Chennai und an der Ostkueste gewesen. Bei uns hatte es bedeutend weniger geregnet.

Badwell nach den Regen

Badwell nach den Regen

Fuer mich waren die Temperaturen total angenehm, fuer die Einheimischen herrschte totaler Winter, eben mit Erkaeltungen, Fieber und dergleichen. Nur gut 100 km weiter weg war die Hoelle losgewesen. Die ganze Gegend stand unter Wasser. Die Flugzeuge hatten Fussbad und was in der Luft war, musste nach Bangalore umgeleitet werden. Alles stand still. Einer unserer jungen MSFS musste an diesem Tag nach Chennai, 6 Stunden mit dem Schnellzug. Er sollte irgendwas erledigen. Ploetzlich stand er mit seiner Arbeitstasche bis zur Brust im Wasser. Es muss unheimlich rasch gegangen sein. Er konnte sich gluecklicherweise retten und triefend nass einen Bus erreichen und zurueck fahren. Diejenigen, die es mal wieder am haertesten traf, waren die armen Leute.

Land unterDie Ueberlandstrassen sind in gutem Zustand und fuehren meistens ueber eine Art Deich. Aber alles, was nicht betoniert oder geteert ist, war nur brauner Lehmpudding, ueber den sich nur die Schweinchen freuten. Gluecklich, wer vom Bus direkt auf den Bussteig springen konnte. Schon auf der Hinfahrt war mir aufgefallen, dass es viel gruener war als sonst. Die vielen Seen hatte ich auch noch nie wahrgenommen. Erst mit der Zeit daemmerte es mir, dass diese wunderschoene Landschaft … Ueberschwemmungsgebiet war. Spaeter sah ich in der Zeitung eine Stadt, wo ich eine Woche vorher noch gewesen war, voellig ueberschwemmt.

Gedanken machte ich mir auch ueber die vielen alten Frauen, die im Bus waren. Wahrscheinlich waren die meisten nicht aelter als ich oder sogar juenger. Ich achtete auf ihre Gesichtszuege, oft schmerzlich oder verbittert. Diese Frauen waren zur gleichen Zeit wie ich jung. Was hatten sie sich vom Leben ertraeumt? Was hatten sie alles durchgemacht? Wie waren sie mit ihren eigenen Toechtern oder Schwiegertoechtern umgegangen? Oder hatten nur ihre Soehne leben lassen?  Leider ist es so, dass Frauen, die selber sehr viel durchgemacht haben, wieder genau so hart zu ihren Schwiegertoechtern sind. Gewalt zwischen Frauen, ein absolutes Tabuthema. Die Gedanken kamen nicht grundlos. Eine hochausgebildete junge Frau, die ich sehr schaetze, wurde von ihrer Schwiegermutter und ihren Schwaegerinnen so fertig gemacht, dass sie einen Zusammenbruch hatte. Es gibt natuerlich auch das andere. Als Premu. die Tochter von Beena Sebastian ins Haus ihrer Schwiegermutter zog, sagte ihr diese: „Wenn mein Sohn Dich nicht gut behandelt, dann sag es mir!“

Ich kam in ein sehr feuchtes Bangalore zurueck. Mein Zimmer muffelte. Alles, was Baumwolle war, hatte die Feuchtigkeit angezogen, auch die Bettuecher. Es macht gar keinen Spass da hinein zu kriechen. Zum Glueck hatte ich meinen Seidenschlafsack und meine Mehrzweckswolldecke, in die ich mich kuscheln konnte. Auch die Waesche trocknete nur schwer. Nach vier Tagen waren die Socken immer noch nass.

Es gab sehr viele Leute, die froh gewesen waeren, wenistens in einem feuchten Bett zu schlafen und die auch keine Socken brauchten. Sie hatten alles verloren. Viele waren krank, waehrend es mir gesundheitlich all die Zeit in Indien, ausser einer Erkaeltung im Oktober, total gut ging.

Mit herzlichen Gruessen aus meinen letzten Tagen in Indien.

Eure Schwester Myriam

„Be the change that you wish to see in the world.“  Gandhi