Archiv für den Monat Mai 2016

Eine gute und eine schreckliche Nachricht von Beena Sebastian

Liebe Leute,

von Beena Sebastian habe ich Bilder bekommen von der Feier des 30jährigen Jubiläums des Bestehens der „cultural academy for peace“. Am 9. April fand in Cochin eine grosse Feier statt, die zusammenfiel mit dem Gedenktag für alle Opfer von sexuellem Missbrauch, Verstorbene als auch Überlebende.

7659Sowohl die Frauen des Frauenhauses Shanthi Bhavan (Haus des Friedens) als auch die Mädchen des NIRBHAYA-Heimes waren eingeladen. Das Nirbhaya-Heim ist ein geschlossenes Haus, das auch vom Staat Kerala unterstützt wird. Hier leben minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs als auch Vergewaltigungsopfer, die oft in Lebensgefahr sind, weil sie Angehörige angezeigt haben. Ihre Lebensgeschichten sind eine schrecklicher als die andere. Hier gibt es Arbeits- und Kunsttherapie. Mädchen, die nicht in Gefahr sind, dürfen auch die Schule besuchen oder eine Ausbildung machen.

Seit 30 Jahren arbeiten Beena und ihre MitstreiterInnen unermüdlich für die Befreiung der Frau als auch für ein partnerschaftliches Miteinander von Mann und Frau. Sie haben die Polizei in Cochin ausgebildet, dass alle wissen wie in diesen Fällen mit den Opfern umzugehen ist – keine Selbstverständlichkeit in Indien. Oft sind Polizisten selber Täter. Zusammen mit anderen NGOs wurde auch auf politischer Ebene schon einiges erreicht, wobei die politische Ebene und das, was an der Basis im Alltag geschieht, zweierlei Dinge sind.

Die Cultural Academy for Peace (CAP), wie das ganze heisst, ist offen für alle, egal welcher Religion oder Weltanschauung und politischen Partei jemand angehört. Das ist mit ein Grund, warum immer wieder Geldnot da ist, denn viele Spenden wären verpflichtend um nur eben dieser Gruppe zu helfen. Nach wie vor ist es ein Traum von Beena, mal ein eigenes Zentrum für die Frauen zu haben, wo Therapie, Beratung, Ausbildung, etc. unter einem Dach stattfinden könnten. Mehrmals mussten ihre Häuser und das Büro aus Geldmangel anderswohin verlegt werden.

Man mag ahnen, was diese Frau in den 30 Jahren alles mit- und durchgetragen hat und doch habe ich sie eigentlich nie verzagt erlebt. Immer wieder hat sie ein gutes Wort für alle und bleibt gelassen, auch wenn die Medien mal wieder über sie herfallen, wenn sie Intrigen oder  Drohungen für ihr persönliches Leben oder das ihrer damals noch kleinen Töchter aushalten musste. Ich habe immer wieder gestaunt, mit welcher Kraft und Entschlossenheit Beena solchen Strömungen stand gehalten hat. Beena hat sich auch nie für einen einseitigen Feminismus engagiert, sondern partnerschaftliches Miteinander war stets ihr Ziel.

7318Nun also wurde gefeiert, mit Tanz und Musik, wie das so üblich ist. Trommlerinnen und eine Frauenband mit Schlagzeugerinnen waren engagiert worden. So hart das Leben in Indien sein kann, feiern und sich freuen können sie. Ungefähr 500 AktivistInnen, ehrenamtliche und professionelle MitarbeiterInnen, verschiedenste säkulare und religiöse Gruppen, staatliche und kirchliche VertreterInnen und NetzwerkpartnerInnen waren anwesend. Für viele war das Fest ein Indikator, dass die CAP endlich öffentlich anerkannt ist. Prominente Persönlichkeiten vom Staat als auch ReligionsvertreterInnen, Rechtsgelehrte, RichterInnen vom höchsten Gericht, eine bekannte Journalistin, ja sogar eine Filmschauspielerin und eine Sängerin waren anwesend. Ein Staatsanwalt sagte: ´Entwicklung ist der neue Begriff für Frieden. Ohne Frauen gibt es keine Entwicklung. Frauen sind befähigt Instrumente des Friedens zu werden.´

7405Der Höhepunkt des Tages war das Entfachen der traditionellen Lampen. Eine Kerze wurde an dieser traditionellen Lampe entzündet und spendete das Licht für alle Anwesenden, die alle eine Kerze in der Hand hielten. Alle diese Lichter symbolisierten `Frauenpower`, die Kraft der Frauen als auch ein Ausdruck der Solidarität mit den unzähligen Opfern, die um Gerechtigkeit und ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Diese Lichter standen auch für die HOFFNUNG , dass ein Wandel in unserer Gesellschaft stattfinden möge, der zu einer echten Frau-Mann-Partnerschaft führen möge, die Hoffnung auch, dass allen Missbrauchsopfern Gerechtigkeit widerfahren werde. Sowohl die Bewohnerinnen des Mädchenheimes als auch die Frauen des Frauenhauses, alle waren da und nahmen aktiv an den Feierlichkeiten teil.

7447Es war ein herzergreifender Moment, als alle wie aus einem Mund die Stimmen erhoben und  sich gegenseitig das Versprechen gaben, mit all den Missbrauchsopfern und allen Opfern von Gewalt solidarisch zu sein und sie in ihrem Ringen um Gerechtigkeit zu unterstützen und die nötige Hilfe zu leisten. So soll die kleine Flamme Hoffnung weiterleuchten und zu einem Feuer der Stärke und der Wandlung werden, wegweisend sein für alle Frauen.

OHNE FRIEDEN IST ENTWICKLUNG NICHT MÖGLICH UND OHNE FRAUEN WIRD WEDER FRIEDEN NOCH ENTWICKLUNG STATTFINDEN.

(„WITHOUT PEACE, DEVELOPMENT IS IMPOSSIBLE AND WITHOUT WOMEN NEITHER PEACE NOR DEVELOPMENT CAN TAKE PLACE”)

7669Die Feier endete mit farbenfrohen, wundervollen Tänzen der Bewohnerinnen des Frauenhauses und des Mädchenheimes.

7739Das war am 9. April. Niemand ahnte, wie rasch diese beschworene Solidarität nötig sein würde, um die Aufklärung eines schrecklichen Verbrechens voranzutreiben.

Am 28. April wurde in Cochin auf bestialische Art und Weise ein Dalith-Mädchen (Angehörige der untersten Kaste) namens Jisha vergewaltigt und ermordet.

JishaJisha wuchs mit ihrer Mutter in grosser Armut auf. Der Vater hatte sich schon lange aus dem Staub gemacht. Die Mutter lebte von Gelegenheitjobs, um ihre Tochter zur Schule schicken und ausbilden lassen zu können. Sie lebten in einer armseligen Hütte, die nicht mal richtig abgeschlossen werden konnte. Da Jisha aus unteren Gesellschaftsschichten kam, war es offensichtlich den zuständigen Autoritäten nicht gross der Mühe wert, dieses Verbrechen aufzuklären. Ohne eine Gruppe von StudentInnen der Rechtswissenschaften (in Kerala studieren bedeutend mehr Mädchen als Jungen Recht ) und ohne die Massenmedien, durch eine engagierte Journalstin, wäre der entsetzliche Vorfall nicht in die Öffentlichkeit gekommen.

Jisha houseWeder die Nachbarn noch die Lokalbehörden setzten sich für eine genaue Aufklärung des Verbrechens ein. Niemand hatte was gesehen noch gehört. Die Polizei arbeitete schlampig, und die Obduktion war ebenfalls oberflächlich. Nach einem Tag wurde der Körper zur Verbrennung freigegeben und in Eile eingeäschert.

Durch die ganze Region ging ein Aufschrei des Protestes.

27Die CAP organisierte eine grosse Demonstration, genannt „Black Day“. Prominente Persönlichkeiten, Frauenrechtsorganisationen, SozialaktivistInnen, Frauen und Männer aus allen Gesellschaftsschichten nahmen daran teil. Sie waren schwarz gekleidet. Sie forderten eine sachgemässe Aufklärung und forderten die Höchststrafe für die Täter, besseren Schutz und mehr Rechte für die Opfer, besonders jene, die am Rande der Gesellschaft leben. Sie äusserten Solidarität mit allen Überlebenden und forderten die Regierung auf, eine Wiederholung solcher Vorfälle in Zukunft zu verhindern.

Mittlerweile wurden mehrere mutmassliche Täter verhaftet.

Ich danke allen, die diese Solidarität in irgendeiner Weise mittragen. Am 3. September wird in St. Gallen wieder ein Benefizessen für Beena Sebastian und ihre Arbeit stattfinden. Eine genauere Einladung folgt später.
Eure Schwester Myriam

SORRY JISHA

sorry  jisha
for this culture of silence,
did not hear you crying,
nor your mother’s wailing,
our society is deaf.

sorry jisha
for the label ’dalit’ given,
pushed you to the fringes,
hushed your aspirations,
now our guilty conscience hurts.

sorry jisha
for shattering your dreams,
brutally stabbing,
cruelly agonizing,
now we ask, “who? why?”

dear jisha,
we the living
will fight for justice,
literate kerala women,
though ashamed,
still have the guts to stand together,
and clamour for
the safety, security,
and dignity of womanhood.

the stale traditions,
the patriarchal waves
will not push us back.
we pledge to stand up
together we move forward.

Rosie Martin, 07.05.2016

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