Archiv für den Monat Juli 2016

Indien verbindet

„Der beste Weg sich selbst zu finden, ist sich im Dienst an den andern zu verlieren.“
Mahatma Gandhi

Liebe Leute,

am 31. August fliege ich das 10. Mal nach Indien! Mitte Dezember werde ich ungefähr 40 Monate in dem Land gelebt haben.

Wenn man mir das vor 10 Jahren gesagt hätte!! Oder gar vor 20 Jahren, als ich überhaupt nicht mehr wusste, wohin der Weg führen würde. Ich wollte nur meine Berufung als Begegnungsschwester leben, hatte eine Ausbildung für Friedensarbeit gemacht, aber wo sollte ich meine Fähigkeiten einsetzen können?

Mitte August werde ich meinen 65. Geburtstag feiern können. Normalerweise ist das kein besonderer Geburtstag. Für mich ist er sehr wichtig, denn nun bin ich ein halbes Jahr älter als meine Mutter geworden ist. Zwei ihrer Schwestern starben noch viel früher an Krebs. Mit grosser Dankbarkeit blicke ich zurück und gehe vertrauensvoll in die Zukunft. Auch mit Neugierde, wohin Gott mich weiter führen wird. Meine Eltern haben mir viel Liebe und einen tiefen Glauben mit auf den Lebensweg gegeben, Wurzeln und Flügel!!

So lange ich kann, möchte ich meinen Dienst in Indien weiter leisten. Die wichtigste und abenteuerlichste Reise in meinem Leben führte allerdings nicht nach Indien, sondern zu mir selbst. Eine GRUND legende Erfahrung im Kloster war: Je mehr ich mich in Gott verliere, um so näher finde ich den Mitmenschen.

Die Klostergemeinschaft gibt es mittlerweile nicht mehr. Die Welt ist mein Kloster.

Oft werde ich gefragt, ob mir denn dieses Indien immer noch Spass mache? Spass ist das falsche Wort. Es ist eine tief innere Erfüllung. Es gibt ja nicht nur Freuden, sondern auch Leid zu teilen. Die Armen geben mir mehr als ich ihnen gebe.

Zuhause lebten wir sehr einfach, ohne fliessend Wasser in der Küche und mit Plumpsklo. Aber wir hatten ein offenes Haus, egal ob es ein Schafhirte oder ein Pfarrer, ein Arzt oder ein Obdachloser war, der im Heustock schlafen wollte. Wir haben auch viel miteinander gefeiert und hatten oft Gäste. Wir haben immer gut gegessen und vor dem Haus blühten Blumen. Vielleicht finde ich diese Werte in Indien wieder bei vielen Armen. Diese haben sehr oft nicht genug zu essen, aber ein Kind, auch wenn es barfuss bis zum Halse ist, kann durchaus ein Silberkettchen um den Knöchel tragen. Oder rote Fingernägel. Wenn das Leben schon so hart ist, den Augenblick zum Feiern will man sich nicht nehmen lassen, mit einem Lied oder einem wilden Tanz. Während wir uns im Wohlstand um vieles sorgen, das nicht glücklich macht und das es auch nicht braucht. Ich stand schon im Supermarkt und wusste nicht, welche von den 35 Sorten Nudeln ich nehmen sollte. OK, die naheliegendste! Es war Samstags, kurz vor Torschluss, alle Regale noch voll…

Täglich verhungern oder sterben aus Armutsgründen 40 000 Kinder auf dieser Welt.

Letzten November feierte ich bei meinen Brüdern in Bangalore mein 40jähriges Professjubiläum. Es ist dort Brauch, dass man seine Festtagstorte zwar selber anschneiden muss, aber ein Freund oder eine Freundin stecken einem den Bissen in den Mund, während alle Anwesenden klatschen. Margrit Germann und Pater Henry übernahmen diese Rolle, zwei Menschen, die für mich in den letzten Jahren sehr wichtig waren. Ohne die eine oder den andern gäbe es vieles nicht, was mittlerweile zu einer glücklichen Bilanz gehört über das gemeinsame Wirken in diesem so ganz anderen Land.

3692Wir werden dieses Jahr die 8. Reisegruppe mitnehmen, insgesamt sind es über 100 Personen, die so dem indischen Menschen auf Augenhöhe begegnet sind und Land und Leute lieben und wertschätzen lernten. Ungefähr ein Dutzend Menschen machten die Reise mehrmals mit. Viele von ihnen, zusammen mit einem grossen Freundeskreis, unterstützen mittlerweile die besuchten Projekte oder sind uns durch Gebet und Freundschaft verbunden geblieben. Einige wollen jeweils auch unseren Reiseplan haben, um in Gedanken nochmals unsere Wege mitzugehen. Freundschaften sind entstanden. Schon mehrmals gab es Besuch von indischen Freunden. Nach 40 Jahren habe ich in mein Heimatdorf zurück gefunden. Schon mehrmals gab es dort ein Treffen als auch in der Ostschweiz, wo die meisten Reisenden herkommen. Wir trafen uns wieder in ‚little India, Samosa‘, in der Engelsgasse 8 in St. Gallen bei unserem Freund Ganesh. Er stammt aus einer sehr armen Gegend, Orissa, an der Ostküste Indiens, wo Touristen keinen Zutritt haben. Dort hat er seine Projekte, baut Brunnen und hilft so weit es möglich ist. Als ich ihn besuchte, war er eben mit Madagaskar am Telefonieren, weil von dort auch jemand um Hilfe gebeten hatte. Unsere Weltkugel ist klein geworden.

601Wer einmal in St. Gallen gerne gut indisch essen gehen möchte, dem sei das kleine Restaurant sehr empfohlen. Es gibt dort auch Kochkurse für indische Küche. Man unterstützt dabei auch noch die Armen dieser Welt. www.samosa.ch

Besuch hatte ich auch hier in Wethen. Zwei Gruppen ehemaliger Indienreisenden suchten mich HEIM hier in Wethen. Es waren unglaublich schöne Tage. Hier im Dorf leben drei Ehemalige und eine vierte Frau kommt ebenfalls aus der Gegend. So war es ein Deutsch – Schweizerisches Treffen. Ernst, der immer wieder kommt, hat schon gute Freunde hier. Die SchweizerInnen lernen auch einen ganz anderen Flecken von Deutschland kennen als es allgemein bekannt ist in der Schweiz. Hier ist es sehr ländlich. Es gibt so viele liebliche Ecken, so viel Interessantes aus der Geschichte, Möglichkeiten zum Rad fahren oder Wandern. Viele wollen wiederkommen!

Wethen_Mai_2008

Wethen, im Hintergrund Warburg und der Desenberg

Als ich kürzlich durch unser 500-Seelen-Dorf stiefelte, kam mir eine Gruppe spielender Kinder entgegen: deutsche, syrische, deutsch-ugandische und brasilianische Kinder. Auch unser Dorf ist bunt geworden. Unsere Gegend erhielt sogar eine Ehrung, wegen guter Integration der Flüchtlinge.

Kürzlich sass ich an der Mangel. Grosse Tischtücher sind sehr schwierig zusammen zu falten, wenn man alleine ist. Ich krallte mir die erste Person, die vorbei kam: Ein junger Iraner, der mir zwar gerne half, aber offenbar das erste Mal Tischtücher faltete.

Es gab auch traurige Momente, Gespräche, die mich tagelang beschäftigten. In einem indischen Restaurant kam ich mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch. Sie essen gerne indisch, sind auch schon viel gereist. Auch in Indien waren sie 2x, aber das reicht. Das Land wäre ja ganz schön. Aber schrecklich diese Armen. Überall nur Bettler und Müll. In den Hotels wollen immer alle nur Geld, Geld..! Und Ungeziefer überall! Nee, da wollen sie nicht mehr hin. Ähnliche Rückmeldungen bekomme ich öfters von Touristen, die Indien bereisten.

Auch unsere Reisenden sehen die Müllhaufen, kaum haben sie das Flughafengelände verlassen. Oder die ausgehungerten Strassenhunde. Oder sie ärgern sich, dass ein Busfahrer eine Stunde auf uns wartet und kaum sind wir losgefahren, zur nächsten Tankstelle fährt, um gemütlich Benzin zu zapfen.

Aber nach drei Wochen unterhalten sich unsere Leute über die Gastfreundschaft, über die strahlenden Kinderaugen, beneiden die Leute um ihre Gelassenheit. Von der letzten Gruppe fragte mich mal jemand: Wo sind denn eigentlich die Bettler? Wir haben kaum welche gesehen. Auch um Trinkgeld wurden wir nicht angemacht. Tja, wir waren halt nicht in Luxushotels…

Solche Rückmeldungen machen mich glücklich. Manchmal heisst es ganz einfach: Ich bin mit so vielen Vorurteilen gekommen. Sie sind alle weg. A propos Müll: Es gibt eine Menge privater Recycling-Initiativen und jeden Tag mehr, manchmal einfach mit viel Fantasie, manchmal mit grosser wissenschaftlicher Grundlage. In Mumbay tüftelt ein Wissenschaftler daran aus recyceltem Plastik Kraftstoffe herzustellen für Autos, von denen es auch jeden Tag mehr gibt….

So schön ist das Haus mit Blumen geschmückt ...

So schön ist das Haus mit Blumen geschmückt …

... und so sieht es von der Nähe aus

… und so sieht es von der Nähe aus

In Bangalore haben wir auch einen Schweizer Architektur-Professor kennen gelernt, der umwelt- und kulturfreundlich baut. Es lohnt sich reinzugucken: www.in-ch-architects.com

Von meinen indischen Freunden höre ich um diese Jahreszeit nur wenig. April und Mai sind die heissesten Monate in Südindien. Da kann es bis 50 Grad warm werden. Da geht gar nichts mehr. Grosse Schulferien. Im Juni/Juli ist Monsun. Da regnet es Bindfäden. Die Schule beginnt wieder. Keine Zeit zum Schreiben.

Nur Pater Asirvadam hat sich gemeldet mit einem Rückblick auf das letzte Jahr. Siehe auch: Kleinere und grössere Schritte, die die Welt verändern. Er hatte 63 kleine Jungs im Alter von 7 bis 15 Jahren im Hostel zu betreuen. Ein Praktikant hilft zeitweise mit. Ein Koch mit seiner stets kränkelnden Frau ist für das Essen zuständig. Manchmal müssen die Jungs auch antreten zum Zwiebel schälen (in keinem Land werden mehr Zwiebeln gegessen als in Indien) oder sonst ein wenig mithelfen. Sie sind Söhne armer Kleinbauern und sollen eine gute Schulbildung erhalten. Die Schule, die sie besuchen, ist keine English Medium School (mit englisch als Umgangssprache), sondern der Unterricht wird in Telugu erteilt, aber Englisch ist Unterrichtsfach. Asi ist es wichtig, dass sie noch Nachhilfe in Englisch bekommen, dass die Begabteren unter ihnen später in einer weiterbildenden Schule mitkommen. Drei Monate hatte er noch einen Zusatz-Englischlehrer angestellt, dem er insgesamt 1000 Rupien bezahlte, umgerechnet 15 Euros…

Asi kaufte auch viele Sportartikel: Fussbälle, Cricketschläger, aber ebenso anspruchsvolle Spiele wie Schach, dass Jungs viel spielen und Sport treiben können, aber auch die geistliche Bildung in Religion, Gebet, Meditation, Yoga ist sehr wichtig: den eigenen Glauben vertiefen, die anderen Religionen respektieren. Grundlagen zum Frieden. Ich wundere mich immer, wie friedlich die Kerlchen miteinander umgehen. Die Grösseren achten auf die Kleineren.

Es wurden viele Feste gefeiert mit Gesang und Tanz, Marke Bollywood. In den indischen Schulen wird der Kindertag richtig gross gefeiert. Asis Jungs wurden beschenkt mit Süssigkeiten, Obst und Hähnchencurry. Auch eine Schulreise gehörte dazu: Die ganze Meute wanderte etwa 10 km weit zu einem See, wo sie schwimmen durften. Zur Feier des Tages gab es ebenfalls Süssigkeiten und Früchte.

Asi ist voller Dankbarkeit, dass im vergangenen Jahr nie ein schwerer Unfall passiert ist und auch sonst alles gut gelaufen ist. Die Schüler haben gut gearbeitet und ihre Examen bestanden.

Einzig Ende März, zu Schulende, nun ja, da wäre das Essen knapp geworden. Aber er hatte dann das Glück, dass ein Sponsor gefunden wurde, so dass das Schuljahr mit Erfolg abgeschlossen werden konnte.

Wir mögen über einige Details schmunzeln. Aber diese Kinder sind immer noch privilegiert.

Ich wollte Asi unterstützen. Das muss nicht viel sein, aber einfach zu spüren, da ist noch jemand hinter mir. So habe ich vor einem guten Jahr die Aktion gestartet kleine rote Münzen zu sammeln. Asi hat 5 Cent, 6 Rupien, für ein Kinderessen. Wir können die Welt eh nur in kleinen Schritten verändern. Wir können nicht allen helfen, aber mal ein paar kleine Rote abgeben, das tut niemandem weh. Ich verglich diese 5 Cent für Kinder mit dem Geld, das wir für das Wohlbefinden unserer Hunde ausgeben. Das kam einigen in den falschen Hals..

Ich konnte dann um die 300 Euros für die Jungs mitnehmen. Nach Absprache mit Asi sollte das Geld vor allem für das Zusatznahrungsmittel OBST verwendet werden. Er wäre auch frei gewesen in einer Notsituation das Geld anderweitig zu brauchen. Jetzt hat er dafür gedankt. Das Geld hat wirklich bis zum März gereicht, 3x Obst in der Woche.

616Als ich von Indien nach Hause kam, lagen schon wieder etliche Röllchen mit kleinen Münzen in meinem Zimmer. Jetzt habe ich einen ganzen Eimer voll. Besonders gefreut hat mich, dass schon letztes Mal Kinder mitmachten. (Das wäre doch auch mal eine Idee für Firmlinge oder Konfirmanden.) Ja, sogar Behinderte schlossen sich an, wollten was tun. Völlig überrascht war ich, dass Caroline, eine Schülerin auf dem Gymnasium, in ihrer Schule 5,8 kg kleine Münzen gesammelt hat. Wo viele kleine Menschen viele kleine Schritte tun, da verändert sich die Welt…

Asi hat schon gemeldet, dass er auch in diesem Jahr das Geld gerne wieder für Obst ausgeben würde. Ich selber träume davon, dass mal ein Zahnarzt die Zähne der älteren Jungs ansehen würde, auch dass sie alle mal unterrichtet würden, wie man Zähne richtig putzt. Noch ist mir die Nummer zu gross. Vor allem, wenn das Essen knapp ist und das Wasser ist auch ein kostbares Gut. Im Hostel selber wird sehr auf Hygiene geachtet. Jeden Abend um 5 ist grosse Wäsche mit viel Seife und Schaum und dann werden auch gleich noch die Kleider gewaschen. Am Morgen sind sie dann wieder trocken.

So weit die Neuigkeiten von mir und was ich von Indien erfahren habe. Ich wünsche allen einen frohen, erholsamen Sommer und sende euch meinen herzlichsten Dank, eure Schwester Myriam

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