Archiv für den Monat Oktober 2016

Die kleinen Schritte und die langen Busfahrten zu den kleinen Jungs

(Sehe auch: Kleine und groessere Schritte, die die Welt veraendern)

Eine Busfahrt von Bangalore nach Kadapa (Cuddapah) in Andrah Pradesh dauert 8 Stunden. Allein bis zur Stadtgrenze von Bangalore sind es zwei Stunden. Faehrt man die Gegenrichtung und kommt in den Abendverkehr hinein, braucht es mindestens noch eine Stunde laenger, manchmal auch zwei. kadapa-bangalore-mapNachdem die Stadt endlich hinter einem liegt, faehrt man durch eine wilde, wunderschoene Gegend. Spaetestens jetzt ist der Moment gekommen, wo der Fahrer ein Video einlegt, in einer Hoellenlautstaerke, Gewalt von A bis Y und bei Z gibt es das grosse Happyend. Der Superheld heiratet seine Angebetete, die er eben noch aus groesster Todesnot errettet, nachdem er alle Missetaeter umgebracht hat.

Meistens schaffe ich es, links vom Fahrer zu sitzen, so dass dieses ganze Geschehen ueber mich hinweg rauscht. Gott sei Dank ist diese Unterhaltung noch nicht auf allen Langstreckenfahrten ueblich.

In Kadappah erwarteten mich fuer die Einheimischen angenehme 35 Grad Celsius. Im April/ Mai wird es gar bis zu 50 Grad warm. Wie sie das schaffen, ist mir ein Raetsel. Tatsaechlich sterben sehr viele Leute, Alte, aber auch Kinder, an der Hitze und es wird immer waermer. Die Hitze ist auch der Grund, warum ich nie laenger als einige Tage dort bin.

Dieses Jahr war genug Monsun gefallen. Chennai hatte sogar unter Wasser gestanden. Und zu meinem Glueck regnete es auch die naechsten Tage. Dafuer wurde die Waesche nicht mehr trocken. Am Morgen ziehe ich sehr gerne saubere und trockene Waesche an.

Reisen in Indien heisst auch oft, nicht bloss geographische Distanzen zuruecklegen, sondern auch Zeitreisen.

Pater Asirvadam erwartete mich freudestrahlend und in Schweiss zerflossen, denn er schleppte eine 10-kg-Kiste Brot mit sich herum. Wenn er denn schon mal in der Stadt war, wollte er den Jungs was Gutes tun. Am andern Morgen bekamen sie ein leckeres Fruehstueck. Sie moegen dieses labbrige, etwas suessliche Toastbrot und verschlingen Unmengen davon zusammen mit einem Loeffel Chutney. Wenn das Chutney aufgegessen ist, dann eben trockenes Brot. Fuer diese Kinder gilt buchstaeblich: trockenes Brot ist nicht trocken, kein Brot ist trocken. Dazu gibt es naemlich ein Glas Wasser zum Fruehstueck. Auf meine Frage, ob es denn nicht Kaffee oder gar Milch dazu geben koennte, kam prompt die Antwort: „Dazu sind es zu viele. Das vermoegen wir nicht.“

Da habe ich dann schon an unsere Wohlstandskinder denken muessen. Ich glaube, dass die allermeisten Kinder bereit waeren mit armen Kindern zu teilen, wenn sie darauf aufmerksam gemacht wuerden. Oder Konfirmanden oder Erstkommunikanten. Da koennte ich manchmal schon weinen.

sanjay-feiert-7-geburtstagAn dem Morgen hatte der kleine Sunjay seinen 7. Geburtstag. Er bekam eine Blume geschenkt und alle sangen ein Lied. Seit einigen Jahren hat sich das Geburtstagfeiern auch eingebuergert. Das heisst noch lange nicht, dass es dann auch so ist. So ungefaehr. Seit die Muetter ihre Kinder in den Krankenhaeusern gebaeren, wird registriert. Die andern… nun ja…

Als erstes zog ich mit Asi und einem Jungen los. Wir wollten zum Markt und dann sonst noch ein paar Kleinigkeiten kaufen. Die beiden Plastikeimer in meinem Badezimmer waren eher Bruchstuecke. Wollte ich einen hochheben, um etwas darin auszuwaschen oder das Klo zu spuelen, blieb mir bestimmt ein Stueck davon in den Haenden. Dazu brauchte es einige Klobuersten und was wir verwoehnten Europaeer halt so brauchen. Vergass ich am Morgen den Eimer zu fuellen, hatte ich am Nachmittag kein Wasser zum Spuelen. Als ich einige Tage spaeter wieder auf einem westlichen Thron sass mit funktionierender Spuelung, kam ich mir wirklich wie eine Koenigin vor und dankte Gott fuer dieses Privileg.

Auf dem Markt, ganz links Pater Asirvadam

Asi war auch sehr gluecklich, sich mal ein paar Alltagsdinge aussuchen zu koennen. Dank einer groesseren Spende kann er nun auch etwas entspannter die naechsten Monate angehen. Vielleicht kann er auch mal Fisch fuer die Kinder kaufen.

Bei aller Armut sind die Jungs unendlich froh und fleissig. Sie koennen zur Schule und was lernen. Zuhause muessten sie arbeiten. Von einem 15jaehrigen war eben ein Onkel verunglueckt und hospitalisiert worden. Waehrend diesen Tagen konnte der Junge nicht zur Schule gehen.

hausaufgabenVon den 60 wollen die allerwenigsten Bauer werden. Was soll aus dem Land der Vaeter werden, das denen auch gehoert? Es ist viel karges Land dabei.

Eines Abends sah ich, wie zwei der Jungs sich schlugen. Ich zog sie auseinander und fragte nach der Ursache. Der eine weinte: „Der plagt mich immer, weil ich so dunkle Haut habe.“ Am Abend haben wir dann alle darueber gesprochen, wie schoen Haut ist, egal ob dunkel, hell, weiss, rot oder blau. „Oder hat jemand von euch oranges Blut?“

Asi hat auch drei Jungs aufgenommen, die Priester werden wollen, aber noch zu jung sind, um ins kleine Seminar zu gehen. Sie sprach ich noch speziell an. „Wenn ihr wirklich Priester werden wollt, dann achtet darauf, dass ihr nie auf jemanden hinabschaut. Achtet auf Augenhoehe, auch wenn ihr euch buecken muesst.“

Fuer Caroline, ein Maedchen, dass viele kleine Muenzen fuer die Jungs gesammelt hatte, schrieben und zeichneten wir Karten.

Besonders schoen war fuer mich auch, dass sich Menschen von frueher an mich erinnerten, zum Beispiel der Schneider, der vor zwei Jahren ein Kleid fuer mich genaeht hat oder der Mann im Supermarkt. Asi hat immer von den Supermaerkten gesprochen, wenn wir einkaufen gingen. Waehrend in Bangalore Nutella schon ziemlich eingebuergert ist, war es in Badwell nicht zu finden. Die Ladenbesitzer erkundigten sich ausfuehrlich, was das denn sei.

Ich haette den Jungs so gerne mal Nutella besorgt. Naechstes Jahr dann aus der Metro Bangalore…

Zum Abschluss gab es wie gewohnt ein Riesen Fest nach Bollywood Art, mit viel Tanz und lauter Musik. Das Fest fing schon beim Ueben an. Das hat so richtig Spass gemacht. Ich hatte auch noch Icecream gekauft, aber da der Strom ausgefallen war und der Kuehlschrank respektive das Kuehlfach nicht funktionierte, gab es die Icecream auch schon beim Ueben. Hat auch Spass gemacht.

Asi betont auch immer wieder, wie dankbar er ist fuer den Inverter, den er von uns bekommen hat, damit die Jungs regelmaessig ihre Schulaufgaben machen koennen, auch wenn der Strom ausfaellt.

gemeinsam-schlaeft-am-bestenAuf der Rueckreise von Badwell bin ich immer in Gedanken versunken. Am liebsten wuerde ich weinen, weniger der armen Leute wegen. Diese Armut hat bedeutend mehr Wuerde als jene der Slumbewohner. Sondern weil ich dann oft an unsere Wohlstandskinder denken muss, was sie alles brauchen und doch selten diese herzliche Freude ausstrahlen, wie orientierungslos viele sind und alles sch…se finden. Wie hilfsbereit diese Bauernkinder sind. Manchmal denke ich, dass die Zukunft ihnen gehoert.

Eigentlich hatte ich von Badwell direkt nach Hause fahren wollen, denn ich brauchte noch einige Tage Ruhe, um mich auf Nordindien vorzubereiten. Aber da gibt es auch die MSFS-Schule auf dreiviertel Weg. Wenn ich denn schon mal in der Gegend waere… Schliesslich liess ich mich bequatschen. Ich muesste nur einmal umsteigen, alles ganz einfach. Kurz vor der Umsteigestadt Madanapalli wurde ich nochmals angerufen. Alles klar, zeitlich gut drauf, super, nur noch wenige km. Ich war in Gedanken versunken und machte mir nichts draus, dass der Bus anhielt. Aber er fuhr nicht mehr weiter. Kolonnen von Bussen und Lastwagen. Das Gedraenge auf der Strasse wurde immer dichter, bis schliesslich gar nichts mehr lief. Ich habe nie vernommen, was wirklich war, ob ein Unfall oder eine Blockade aus politischen Gruenden.

Es blieb nichts anderes uebrig als auszusteigen und nach vorne zu wandern. Mit meinen beiden Taschen ging ich sicher weiter einen km und die Sonne schien auch. Die einzigen, die sich noch einen Weg suchen konnten, waren die Motorraeder querfeldein und die Rikshaws hinterher. Nur gab es keine leeren Rikshaws mehr. Ganze Familien klebten da drin. Irgendwann musste doch diese verflixte Stadt kommen!!

Ploetzlich, wie aus dem Boden heraus, stand eine leere Rikshaw vor mir. Der Fahrer verlangte nicht mal einen ueberhoehten Preis. Ich stieg ein und los ging’s durch Wege und Pfade, die ein Kamel wohl lieber gemieden haette. Der Fahrer brachte mich genau zum richtigen Bus. Bald setzte sich eine Frau neben mich und begann Erdnuesse zu essen. Die Schalen warf sie wie ueblich auf den Boden. Ich legte ein Tuetchen zwischen uns und bat sie, die Schalen dort hinein zu tun. Sie entschuldigte sich, fing an noch mehr Erdnuesse zu schaelen und steckte mir eine ganze Handvoll zu. Die Schalen kamen ins Tuetchen. Wir kamen ins Gespraech. Sie musste genau dorthin, wo ich auch hin musste und nochmals einen Anschlussbuss nehmen sollte, wie mir telefonisch mitgeteilt wurde. Alles kein Problem! Nach einigen km kam mir die Gegend ploetzlich vertraut vor. SFS School Malur. Stooop!!! Ich muss raus!! Der Bus hielt genau vor dem Schultor und liess mich austeigen. Eigentlich war ich KO.

mittagessen-auf-dem-schulhof1

Mittagessen auf dem Schulhof

Aber ich war wieder zuhause bei meinen Bruedern. Alle drei hatte ich oder hatten mich schon mal erlebt, als sie im Noviziat waren. Im Januar 1999 hatte ich ihnen eine Ansprache gehalten. Daran erinnerten sie sich noch. Besonders dem einen, Sami, war ich immer wieder begegnet. Mittlerweile ist er Pfarrer und ausgebildeter Sozialarbeiter. Er ist Tamile, zu denen ich eh einen speziellen Draht habe, und als Tamile versteht er sich super auf Agrikultur. Eine Zeitlang wohnte er aus gesundheitlichen Gruenden in Vinayalaya. Eines Tages kam er und sagte, er wuerde in eine Pfarrei versetzt, wo kannada gesprochen wird. „Sprichst Du kannada?“ „Nein, nur ein wenig, aber ich werde es lernen.“ Die MSFS haben den Brauch, dass wenn einer versetzt wird, eine Abschiedsmesse gehalten wird, in der der Scheidende allen persoenlich dankt. Ich habe Sami so bewundert, als ich ihn sagen hoerte: „Ich danke meinen Vorgesetzten, dass sie mir eine kannada Pfarrei zutrauen.“ Da haette ein junger Ordensmann in Deutschland oder der Schweiz wohl anders reagiert…

Der zweite im Bunde ist Riju, den ich vom Kinderdorf Kengeri her kenne und sehr schaetze. Er ist Direktor von einer sozialen Einrichtung, die in den armen Bauerndoerfern Sozialarbeit macht. Dazu gehoert unter anderem eine Schule, in der arme Frauen naehen lernen. Geplant war, dass sie dann in die Dorfer zurueckkehren, um dort einen kleinen Lebensunterhalt zu verdienen. So sollte die Abwanderung gestoppt werden, aber das hat nicht geklappt. Dazu sind die Doerfer zu arm. Jetzt ist die Schule so gestaltet, dass die Frauen in der Schule nicht nur naehen lernen, sondern da bleiben koennen und verschiedene Waren kommerziell hergestellt werden. So verdient die Schule etwas, die Frauen haben Arbeit und wandern nicht in die Slums nach Bangalore ab.

Der dritte im Bunde ist Schuldirektor einer kleineren Schule, 1200 Kinder, eine kleinere Schule. 2000 Kinder sind eine grosse Schule. Dort gibt es verschiedenen soziale Einrichtungen, die ich noch nicht so kenne, wohl auch eine Klasse fuer Schulabbrecher, welche den Anschluss wieder finden moechten.

Noch am gleichen Abend nahm Sami mich mit zur Messe. In der nahen Umgebung ist ein Krankenhaus mit Schwestern, die auch ein Haus fuer ledige Muetter haben und mit Riju zusammenarbeiten. Letztes Jahr hatte ich diese Schwestern schon kennen gelernt. Waehrend der Predigt merkte ich, dass Sami von mir erzaehlte und warum wir uns kennen. Nach der Messe musste ich nach vorne. Eine Girlande wurde mir um den Hals gelegt und dann gab es eine herzliche Begruessung mitten in der Kirche. Schliesslich wurden wir auch noch zu den Schwestern eingeladen.

Eigentlich hatte ich am andern Morgen frueh fahren wollen, aber Riju wollte mir noch dies und das zeigen und ueberhaupt, um vier wuerde er auch nach Bangalore fahren. OK, dann halt um vier. Viertel nach waren wir am Bahnhof, um viertel nach sechs fuhr endlich der Zug. Wegen der ueblen Wassergeschichte hatte man ihn an der Grenze von Tamil Nadu nach Karnataka nicht passieren lassen. Es war ein Zug, in dem man nicht mehr hinfallen konnte, aber in dem alle Platz fanden, die mit wollten. Gott sei Dank war Riju dabei.

Nachts um halb neun kamen wir in Vinaylaya an. Jetzt brauchte ich noch einige Tage Erholung im Gebet, um zu verdauen und mich auf das grosse Treffen Friedensengagierter Frauen aus aller Welt als auch der eingeborenen Grassrootwomen in Nordindien vorzubereiten: INTERNATIONAL WOMENS MEET ON NONVIOLENCE AND PEACE, 2ND -12TH OCT  Deshalb bestieg ich am Abend des 27. September in Bangalore den Zug nach Jalgaon im Staate Maharastra. Mein Kopf war voller Gedanken, Fragen, Ueberlegungen. Ich hatte genuegend Zeit. Die Fahrt dauerte 22 Stunden, 1.282 km weit und kostete ungefaehr 12 Euros. Ich wusste von der Gegend genau so viel wie die Leser dieses Berichtes. Ich wollte Zeit haben, mich an die total neuen Umstaende zu gewoehnen und mich auf das Treffen der internationalen Peace women vorbereiten.

Der naechste Bericht kommt bestimmt.

Ein herzlicher Gruss an Euch alle, Eure Schwester Myriam

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