Archiv für den Monat November 2016

Zurueck in Bangalore

Liebe Leute,
hinter mir liegen zwei sehr reiche Wochen. Mit Beena habe ich eine sehr gute Zeit verbracht. Sie sagt mir immer, ich sei ihre Schwester. Wichtiger als mich in ihrer “Cultural Academy for Peace” zu engagieren, ist mir in dieser jeweils kurzen Zeit, sie mal rauszuholen, nach Mattancherry zu fahren und dort in der juedischen Stadt in Ruhe Mittag zu essen: Fritten und Seafood oder Fisch, Mango Lassie als Nachtisch, einkaufen gehen, mit den muslimischen Haendlern zu diskutieren. Und als kroenender Abschluss ein Ingwer-Eis am Meerufer zu verspeisen. Es ist das einzige Mal im Jahr, dass Beena so etwas tut. Und es tut ihr gut!! Auch so kommen laufend Anrufe, weil ein Maedchen aus dem Maedchen-Shelter urploetzlich zur Entbindung muss oder weil im Frauenhaus ein Problem entstanden ist.

Diese indischen Projektleiterinnen sind unglaublich gefordert. Sie haben einfach da zu sein. Wir haben sehr viele tiefe Gespraeche gefuehrt. Beena braucht Ermutigung. Unglaublich, was westliche Organisationen sich manchmal erlauben. Beena will auch keine Freiwilligen aus den USA mehr, die ihr durch eine Universitaet vermittelt wurden. Statt offen zu sein, lernen zu wollen, wuerden diese ihre Programme durchziehen, alles besser wissen. Und es braucht Leute, die diese Praktikanntinnen begleiten, die bezahlt werden muessen. Loehne sind schon lange ein Problem. Sind die jungen Sozialarbeiterinnen mal eingearbeitet, wird ihnen oft eine besser bezahlte Stelle angeboten und weg sind sie. Es wird kaum mehr aus Enthusiasmus, aus Ueberzeugung gearbeitet. Diese jungen Fraunen muessen ja auch verdienen. Sie werden sich eine Aussteuer leisten muessen. Alte, sehr gute Sozialarbeiterinnen sind oft ohne Rente und muessen schauen, wie sie durchkommen.

Beena wollte alles hoeren ueber das Frauentreffen in Jalgaon. Die indischen Projektleiterinnen, die oft Eigenunternehmerinnen aus Ueberzeugung sind, muessen besser vernetzt werden. Da gibt es schon viele konkrete Ueberlegungen.

Schon viele Jahre suchte ich Verbindung zu AVP Kerala. Schon letztes Jahr waere ich dort eingeladen gewesen. Ich konnte damals nicht, weil ich eine schwere Erkaeltung erwischte. Dieses Jahr waere ich eingeladen gewesen, ich konnte nicht, weil ich vier Tage wegen einer Erkaeltung keinen Fuss vor die Haustuere setzte. Im warmen Kerala bin ich immer feucht, respektive perlt der Schweiss runter. Dann kommt man in die Wohnung oder in Laeden, und es ist hoechste Aufmerksamkeit von Gastgebern, sofort den Ventilator anzumachen oder die Klimaanlage. Tja, das reicht fuer mich, um so mehr die Naechte auch so warm sind, dass auch ich nicht ohne fan auskomme… Am andern Tag laeuft die Nase…, schmerzt der Hals…

Obwohl ich meistens mehrere Monate zum Voraus melde, wann ich ungefaehr wo bin, kommen die Einladungen sehr oft so kurzfristig, dass ich sie auch nicht wahrnehmen kann.
Aber eines kann ich einplanen: am ersten Tag, wo ich in Cochin bin, gehe ich zu meinem Zahnarzt. Gesehen habe ich ihn dieses Jahr allerdings nicht. Es ging alles zu schnell. Ich habe dann Gruesse ausgerichtet. Ich betrat die Praxis und schaute mir die Schuhe an, die vor der Tuere lagen. Es waren eine ganze Menge. HM!! Ich brauchte ja nur eine Kontrolle und einmal Putzen. Eine Zahnarztpraxis darf nicht mit Schuhen betreten werden. Die Zahnarzt-Sekretaerin erblickte mich von weitem und schon sass ich auf dem Stuhl. Eine junge Zahnaerztin machte sich ans Werk, und eine halbe Stunde spaeter war schon alles hinter mir. Kosten: 7 Euro.
Etwas spaeter traf ich einen Inder, der in Rom lebt. Er erzaehlte mir lachend, dass er eben sich seine Zaehne habe putzen lassen fuer 7 Euros. Dann lachten wir beide.

In Kerala entwickelt sich etwas ganz Eigenartiges: Frueher waren Hausangestellte und KoechInnen voellig rechtlos, auch Feldarbeiter, Kokosnussbaumschneider, etc. Diese Berufe will heute niemand mehr ausueben. Alle Eltern sind moeglichst bestrebt, dass ihre Kinder zur Schule gehen und wenn moeglich studieren. Alle diese einfachen Berufe sind so Mangelware geworden, dass Wucherloehne verlangt werden koennen. So kann es vorkommen, das eine Hausangestellte oder eben jene Leute, die auf die Kokospalmen klettern, hoehere Loehne verlangen koennen als zum Beispiel ausgebildete Krankenschwestern.

Der Staat hat Kurse ausgeschrieben, dass sich wieder junge Leute melden, um die Kokospalmen zu pflegen. Es melden sich auch recht viele…., die dann in andere Laender abwandern, wo sie mit offenen Armen und noch hoeheren Loehnen empfangen werden.

Die Bauern befinden sich in einer misslichen Lage: Indien hat ein Freihandelsabkommen mit anderen suedostasiatischen Laendern abgeschlossen und importiert jetzt viel billiger als es die eigenen Bauern erzeugen koennen, landwirtschaftliche Produkte wie zum Beispiel Gummi. Vor einigen Jahren war der Preis so hoch, dass viele Farmer auf Kautschuk umgestellt haben, der jetzt nichts mehr abwirft. Die ganze Landwirtschaft ist in einer grossen Krise. Was vor einigen Jahrzehnten mit grosser Muehe erreicht worden ist und worum Millionen Bauern heute kaempfen, um eigenes Land, ist in Kerala nur noch eine Last. Man kann davon nicht mehr leben. Jedes Jahr gibt es weniger Reisfelder, ausser man ist Grossgrundbesitzer und hat Maschinen. Denn die vielen Kinder oder andere billige Arbeitskraefte gibt es nicht mehr…. Die Suizide nehmen zu.

Traurig war fuer mich auch, die Felder zu sehen, als ich im Bus von Kerala nach Karnataka zurueckfuhr. Im Sueden von Karnataka gibt es viele Kleinbauern. Das ist das Gebiet, wo der Kampf ums Kaveri-Wasser tobt. Das zentrale Gericht hat nun entschieden, dass Karnataka Wasser nach Tamil Nadu abgeben muss, wie es seit Jahrzehnten abgemacht ist. Ueberall sah ich braune vertrocknete Felder. Nur die Reisfelder, die nahe an Kanaelen liegen, waren noch schoen gruen. Trotzdem reicht das Wasser auch in Tamil Nadu nicht, um die Pflanzungen am Leben zu erhalten. Jemand in Mysore hat mir gesagt, dass sie fuerchten, schon im Januar nicht mehr genug Trinkwasser fuer die Stadt zu haben…
Ich habe kuerzlich ein Poster gesehen mit dem Text: “Vielleicht brauchst du im Leben einmal einen Architekten, einen Rechtsanwalt oder einige Male bestimmt auch einen Arzt. ABER jeden Tag brauchst du dreimal einen Bauern…”

Sei einer Woche bin ich zurueck in Vinayalaya. Ich brauchte die Ruhe und das Gebet, aber auch den Frohsinn der MSFS. Im Moment sind vier Patres da, die Deutsch sprechen. Heute hat einer diese Sprache zur momentan wichtigsten Sprache in diesem Haus erklaert. Sonst war es eine typisch indische Woche, die sehr anstrengend war. Schon in Mysore waren die Landkarten nicht in der Zaehl eingetroffen, wie ich sie brauchte. Es ist enorm schwierig, Landkarten in Indien zu finden, die wir Europaer so unbedingt brauchen. Ich gehoere auch dazu.
Dann wollte ich die Schlafsaecke fuer die Schweizer Gruppe abholen. Mitte September hatte ich sie schon zum Schneider gebracht mit dem Hinweis, dass sie Ende Oktober fertig sein muessten, wenn ich wiederkaeme. Aber aus verschiedenen Gruenden kam ich einige Tage spaeter zurueck. Am 31. Oktober wurde das hinduistische Lichterfest, Divali, aehnlich wie unser Weihnachtsfest, gefeiert: Laeden zu. Am 1. November wird der Nationalfeiertag von Karnataka gefeiert. Laeden zu. Am 2. November empfing mich der Schneider mit grossem Aufatmen: Wo ich denn gewesen waere? Er wuerde unbedingt das Muster nochmals brauchen… Einer der Patres troestete mich: “Du bist in Indien!” Am Freitag Abend konnte ich die Schlafsaecke endlich abholen, nachdem ich nochmals eine Stunde gewartet hatte und es mittlerweile dunkel geworden war. Kein Problem! Der Bruder des Schneiders brachte mich mit dem Motorrad bis zur Bahnlinie, fuehrte mich sicher ueber die Geleise und wich nicht von meiner Seite, bis ich im Tor von Vinayalaya verschwunden war. Es gibt auch einen indischen Service… Am Samstag wurden die Dinger gewaschen und oben auf dem Dach getrocknet. Jetzt liegt alles bereit, dass die Schweizer Gruppe am Montag einfliegen kann.

Diese Woche vor dem Besuch ist wie die Woche vor Weihnachten: Einerseits ueberall Hektik, bis alles sauber und bereit ist. Andererseits eine riesige Vorfreude mit viel Neugierde: “Wer kommt denn dieses Jahr? Kennen wir schon jemanden?” Alle freuen sich wirklich wie auf Weihnachten. Der Schneider, der sich natuerlich auch ein Geschaeft erhofft, hat mir Suessigkeiten gegeben. Ich bin in Indien. Und meine beiden Deutschstudenten freuen sich auf die Gelegenheit, endlich diese komischen Leute aus dem Westen kennen zu lernen und ihre Sprachkenntnisse einzusetzen.

Damit verabschiede ich mich wieder fuer drei Wochen.
Herzlichste Gruesse ins so langsam winterlich werdende Europa,
Eure Schwester Myriam

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