Archiv für den Monat November 2016

Zurueck in Bangalore

Liebe Leute,
hinter mir liegen zwei sehr reiche Wochen. Mit Beena habe ich eine sehr gute Zeit verbracht. Sie sagt mir immer, ich sei ihre Schwester. Wichtiger als mich in ihrer “Cultural Academy for Peace” zu engagieren, ist mir in dieser jeweils kurzen Zeit, sie mal rauszuholen, nach Mattancherry zu fahren und dort in der juedischen Stadt in Ruhe Mittag zu essen: Fritten und Seafood oder Fisch, Mango Lassie als Nachtisch, einkaufen gehen, mit den muslimischen Haendlern zu diskutieren. Und als kroenender Abschluss ein Ingwer-Eis am Meerufer zu verspeisen. Es ist das einzige Mal im Jahr, dass Beena so etwas tut. Und es tut ihr gut!! Auch so kommen laufend Anrufe, weil ein Maedchen aus dem Maedchen-Shelter urploetzlich zur Entbindung muss oder weil im Frauenhaus ein Problem entstanden ist.

Diese indischen Projektleiterinnen sind unglaublich gefordert. Sie haben einfach da zu sein. Wir haben sehr viele tiefe Gespraeche gefuehrt. Beena braucht Ermutigung. Unglaublich, was westliche Organisationen sich manchmal erlauben. Beena will auch keine Freiwilligen aus den USA mehr, die ihr durch eine Universitaet vermittelt wurden. Statt offen zu sein, lernen zu wollen, wuerden diese ihre Programme durchziehen, alles besser wissen. Und es braucht Leute, die diese Praktikanntinnen begleiten, die bezahlt werden muessen. Loehne sind schon lange ein Problem. Sind die jungen Sozialarbeiterinnen mal eingearbeitet, wird ihnen oft eine besser bezahlte Stelle angeboten und weg sind sie. Es wird kaum mehr aus Enthusiasmus, aus Ueberzeugung gearbeitet. Diese jungen Fraunen muessen ja auch verdienen. Sie werden sich eine Aussteuer leisten muessen. Alte, sehr gute Sozialarbeiterinnen sind oft ohne Rente und muessen schauen, wie sie durchkommen.

Beena wollte alles hoeren ueber das Frauentreffen in Jalgaon. Die indischen Projektleiterinnen, die oft Eigenunternehmerinnen aus Ueberzeugung sind, muessen besser vernetzt werden. Da gibt es schon viele konkrete Ueberlegungen.

Schon viele Jahre suchte ich Verbindung zu AVP Kerala. Schon letztes Jahr waere ich dort eingeladen gewesen. Ich konnte damals nicht, weil ich eine schwere Erkaeltung erwischte. Dieses Jahr waere ich eingeladen gewesen, ich konnte nicht, weil ich vier Tage wegen einer Erkaeltung keinen Fuss vor die Haustuere setzte. Im warmen Kerala bin ich immer feucht, respektive perlt der Schweiss runter. Dann kommt man in die Wohnung oder in Laeden, und es ist hoechste Aufmerksamkeit von Gastgebern, sofort den Ventilator anzumachen oder die Klimaanlage. Tja, das reicht fuer mich, um so mehr die Naechte auch so warm sind, dass auch ich nicht ohne fan auskomme… Am andern Tag laeuft die Nase…, schmerzt der Hals…

Obwohl ich meistens mehrere Monate zum Voraus melde, wann ich ungefaehr wo bin, kommen die Einladungen sehr oft so kurzfristig, dass ich sie auch nicht wahrnehmen kann.
Aber eines kann ich einplanen: am ersten Tag, wo ich in Cochin bin, gehe ich zu meinem Zahnarzt. Gesehen habe ich ihn dieses Jahr allerdings nicht. Es ging alles zu schnell. Ich habe dann Gruesse ausgerichtet. Ich betrat die Praxis und schaute mir die Schuhe an, die vor der Tuere lagen. Es waren eine ganze Menge. HM!! Ich brauchte ja nur eine Kontrolle und einmal Putzen. Eine Zahnarztpraxis darf nicht mit Schuhen betreten werden. Die Zahnarzt-Sekretaerin erblickte mich von weitem und schon sass ich auf dem Stuhl. Eine junge Zahnaerztin machte sich ans Werk, und eine halbe Stunde spaeter war schon alles hinter mir. Kosten: 7 Euro.
Etwas spaeter traf ich einen Inder, der in Rom lebt. Er erzaehlte mir lachend, dass er eben sich seine Zaehne habe putzen lassen fuer 7 Euros. Dann lachten wir beide.

In Kerala entwickelt sich etwas ganz Eigenartiges: Frueher waren Hausangestellte und KoechInnen voellig rechtlos, auch Feldarbeiter, Kokosnussbaumschneider, etc. Diese Berufe will heute niemand mehr ausueben. Alle Eltern sind moeglichst bestrebt, dass ihre Kinder zur Schule gehen und wenn moeglich studieren. Alle diese einfachen Berufe sind so Mangelware geworden, dass Wucherloehne verlangt werden koennen. So kann es vorkommen, das eine Hausangestellte oder eben jene Leute, die auf die Kokospalmen klettern, hoehere Loehne verlangen koennen als zum Beispiel ausgebildete Krankenschwestern.

Der Staat hat Kurse ausgeschrieben, dass sich wieder junge Leute melden, um die Kokospalmen zu pflegen. Es melden sich auch recht viele…., die dann in andere Laender abwandern, wo sie mit offenen Armen und noch hoeheren Loehnen empfangen werden.

Die Bauern befinden sich in einer misslichen Lage: Indien hat ein Freihandelsabkommen mit anderen suedostasiatischen Laendern abgeschlossen und importiert jetzt viel billiger als es die eigenen Bauern erzeugen koennen, landwirtschaftliche Produkte wie zum Beispiel Gummi. Vor einigen Jahren war der Preis so hoch, dass viele Farmer auf Kautschuk umgestellt haben, der jetzt nichts mehr abwirft. Die ganze Landwirtschaft ist in einer grossen Krise. Was vor einigen Jahrzehnten mit grosser Muehe erreicht worden ist und worum Millionen Bauern heute kaempfen, um eigenes Land, ist in Kerala nur noch eine Last. Man kann davon nicht mehr leben. Jedes Jahr gibt es weniger Reisfelder, ausser man ist Grossgrundbesitzer und hat Maschinen. Denn die vielen Kinder oder andere billige Arbeitskraefte gibt es nicht mehr…. Die Suizide nehmen zu.

Traurig war fuer mich auch, die Felder zu sehen, als ich im Bus von Kerala nach Karnataka zurueckfuhr. Im Sueden von Karnataka gibt es viele Kleinbauern. Das ist das Gebiet, wo der Kampf ums Kaveri-Wasser tobt. Das zentrale Gericht hat nun entschieden, dass Karnataka Wasser nach Tamil Nadu abgeben muss, wie es seit Jahrzehnten abgemacht ist. Ueberall sah ich braune vertrocknete Felder. Nur die Reisfelder, die nahe an Kanaelen liegen, waren noch schoen gruen. Trotzdem reicht das Wasser auch in Tamil Nadu nicht, um die Pflanzungen am Leben zu erhalten. Jemand in Mysore hat mir gesagt, dass sie fuerchten, schon im Januar nicht mehr genug Trinkwasser fuer die Stadt zu haben…
Ich habe kuerzlich ein Poster gesehen mit dem Text: “Vielleicht brauchst du im Leben einmal einen Architekten, einen Rechtsanwalt oder einige Male bestimmt auch einen Arzt. ABER jeden Tag brauchst du dreimal einen Bauern…”

Sei einer Woche bin ich zurueck in Vinayalaya. Ich brauchte die Ruhe und das Gebet, aber auch den Frohsinn der MSFS. Im Moment sind vier Patres da, die Deutsch sprechen. Heute hat einer diese Sprache zur momentan wichtigsten Sprache in diesem Haus erklaert. Sonst war es eine typisch indische Woche, die sehr anstrengend war. Schon in Mysore waren die Landkarten nicht in der Zaehl eingetroffen, wie ich sie brauchte. Es ist enorm schwierig, Landkarten in Indien zu finden, die wir Europaer so unbedingt brauchen. Ich gehoere auch dazu.
Dann wollte ich die Schlafsaecke fuer die Schweizer Gruppe abholen. Mitte September hatte ich sie schon zum Schneider gebracht mit dem Hinweis, dass sie Ende Oktober fertig sein muessten, wenn ich wiederkaeme. Aber aus verschiedenen Gruenden kam ich einige Tage spaeter zurueck. Am 31. Oktober wurde das hinduistische Lichterfest, Divali, aehnlich wie unser Weihnachtsfest, gefeiert: Laeden zu. Am 1. November wird der Nationalfeiertag von Karnataka gefeiert. Laeden zu. Am 2. November empfing mich der Schneider mit grossem Aufatmen: Wo ich denn gewesen waere? Er wuerde unbedingt das Muster nochmals brauchen… Einer der Patres troestete mich: “Du bist in Indien!” Am Freitag Abend konnte ich die Schlafsaecke endlich abholen, nachdem ich nochmals eine Stunde gewartet hatte und es mittlerweile dunkel geworden war. Kein Problem! Der Bruder des Schneiders brachte mich mit dem Motorrad bis zur Bahnlinie, fuehrte mich sicher ueber die Geleise und wich nicht von meiner Seite, bis ich im Tor von Vinayalaya verschwunden war. Es gibt auch einen indischen Service… Am Samstag wurden die Dinger gewaschen und oben auf dem Dach getrocknet. Jetzt liegt alles bereit, dass die Schweizer Gruppe am Montag einfliegen kann.

Diese Woche vor dem Besuch ist wie die Woche vor Weihnachten: Einerseits ueberall Hektik, bis alles sauber und bereit ist. Andererseits eine riesige Vorfreude mit viel Neugierde: “Wer kommt denn dieses Jahr? Kennen wir schon jemanden?” Alle freuen sich wirklich wie auf Weihnachten. Der Schneider, der sich natuerlich auch ein Geschaeft erhofft, hat mir Suessigkeiten gegeben. Ich bin in Indien. Und meine beiden Deutschstudenten freuen sich auf die Gelegenheit, endlich diese komischen Leute aus dem Westen kennen zu lernen und ihre Sprachkenntnisse einzusetzen.

Damit verabschiede ich mich wieder fuer drei Wochen.
Herzlichste Gruesse ins so langsam winterlich werdende Europa,
Eure Schwester Myriam

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Peacemaker womens meet

Anmerkung: diesem Bericht werden später noch Bilder beigefügt.

Wie ich am Bahnhof von Jagaon wartete, bis jemand mich abholen wuerde, fiel mein Blick auf ein grosses Plakat: “Jains Irrigation”. Wenige Tage vorher hatte mich doch in Bangalore ein Ingenieur gefragt, ob ich nicht irgendwo Bewaesserungs-Spezialisten wuesste. Ich notierte mal den Namen.

Dann wurde ich in die “Gandhi Research Foundation” auf den Jainhills gebracht. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus.

Die Jain-Religion ist eine der Religionen, die unseren Indienreisenden vorgestellt wird. Sie entstand ungefaehr zur gleichen Zeit wie der Buddhismus als Reformbewegung gegen das Kastenwesen des Hinduismus. Jains leben absolut gewaltfrei, sind deswegen auch strikte Vegetarier. Die ganz Strengen tragen eine Mundbinde, dass sie ja keine Muecke verschlucken, und putzen die Strasse, auf der sie gehen, ehe sie einen Schritt machen. Sie duerfen nicht in der Erde arbeiten und sind deswegen meistens gute Geschaeftsleute. Es wird ihnen auch nachgesagt, dass es bei den Geschaeften dann nicht mehr so genau drauf ankaeme, z.B. beim Waffenhandel. Es gibt auch Jain-Moenche, die luftgekleideten. Die haben wir allerdings nicht gesehen. Jedenfalls hatte ich das Bild der lebensfernen Asketen in meinem Kopf.

Jetzt stand ich da und waehnte mich im Paradies. Ich kam ueber die Schoenheit des Ortes nicht aus dem Staunen heraus. Ueberall gruente und bluehte es. Diese Huegel waren vor ein paar Jahrzehnten noch Steppe gewesen, ausgetrocknet und unbebaut. Eine intensive Spiritualitaet war fast greifbar.

Am Morgen jubelten verschiedenste Voegel ihre Lieder zum Himmel. Am Abend hielten die Grillen und die Froesche ihr Konzert. Sogar die Affen, Languren, waren freundlicher als anderwo.

Ich wurde sehr herzlich von einem Dr. John Chelladurai empfangen. http://www.gandhitopia.org/profile/DrDJohnChelladurai

Wir begruessten uns fast wie alte Bekannte und waren sofort in ein tiefes Gespraech vertieft. Ich hatte den Mann noch nie gesehen. Er kannte Professor N.S. Ramaswami, Beena Sebastian, die eigentlich auch haette dabei sein muessen und noch einige andere. Er ist christlich erzogen worden, gehoert aber keiner Kirche an. Er interessierte sich fuer mein Leben als Begegnungsschwester. Normalerweise werde ich ja nur gefragt, welcher Kongregation ich angehoere und warum ich kein Ordenskleid trage. Einmal lachte er mich schelmisch an, als ich ueber die Sauberkeit des Ortes staunte: Nicht wahr, genau so sauber wie in einem Frauenkloster… Warum weisst du das?

Er wollte mehr von meinem Leben wissen. Ich sagte, ach, ich muss ein bisschen verrueckt sein. Viele haben mich immer wieder fuer verrueckt (crazy) gehalten, fuer vieles, was ich getan habe: als ich ins Kloster ging, als wir 1974 einen Biogarten anfingen, bis hin zu dem, was ich heute tue.

Er dachte ein wenig nach, dann sagte er: “Nein, nicht crazy, sondern gracy, gracily (gnadenvoll, begnadet)”.

Ich genoss zwar die ersten beiden Tage, aber John fand immer etwas, das ich machen konnte, z.B. einen kurzen Lebensabriss schreiben, der dann mit 49 anderen auf derTagung ausgestellt wurde. Am naechsten Tag wurde ich verdonnert, ein Telefoninterview fuer eine Tageszeitung in Bombay zu geben.

Das Essen war “pure vegetarian”, das heisst, kein Fleisch, kein Fisch und keine Eier, aber Milch in den Tee oder Kaffee und indischen Kaese (Paneer) in den verschiedensten Gerichten. Das Essen war sagenhaft gut. Ich verstehe viel von vegetarischer Kueche, aber das hatte ich noch nie erlebt. Es war nichts Aussergewoehnliches dabei, wie es bei uns oft der Fall ist, sondern alles ums Haus herum gewachsen, Bio, jede Menge von Bohnen, Erbsen, Linsen.

Zu dieser Einrichtung gehoert auch eine landwirtschaftliche Schule, und wenn ich richtig verstanden habe, auch ein wissenschaftliches Agrarinstitut. Das alles war gegruendet und aufgebaut worden von Bhavarlal H. Jain, einem Mann aus ganz armer Familie, der sich zum Multimillionaer hocharbeitete. Er erfand die Mikroirrigation, die weniger Wasser braucht, aber effizienter bewaessert. Die ganzen Jainhills, die jetzt ein gruenes Paradies sind, waren einmal ausgetrocknete Huegel. Heute sind es vielfach Obstplantagen. Bhaul Jain, wie er auch genannt wird, hat seinen Reichtum nicht gescheffelt, sondern immer wieder eingesetzt fuer die Armen. Er hat Millionen von Bauern das Leben zum Guten gewendet. Entsprechend wird er auch verehrt. In meinem Zimmer lagen Buecher von und ueber ihn, die ich sofort verschlang. Leider ist er nur wenige Monate vorher verstorben. Jetzt fuehren seine vier Soehne den Konzern, der in 160 Laendern arbeitet: www.jains.com Es lohnt sich, den Film anzusehen. Die Firma ist zu 100% nachhaltig, produziert auch Solarstrom und Biogas. Es war der Traum vom Gruender, dass es nie einen Krieg um Wasser geben sollte. Das war seine Gewaltfreiheit.

Es war eben Festivalszeit verschiedener indischer Goettinnen. Zwei InderInnen und ich wurden eingeladen, daran teilzunehmen. Auch diese Schule war von Bhaul Jain gegruendet worden. Die Schuelerinnen und Schueler hatten wunderbare Taenze einstudiert. Ich staunte, mit welcher Offenheit die verschiedenen Lehrerinnen ihre Ansprachen gestalteten: In keinem Land wuerden so viele Goettinnen verehrt wie in Indien, Indien wuerde stets als Mutterland bezeichnet und doch haetten so viele Frauen keine Rechte, wuerden misshandelt und missbraucht, bis hin zur Ermordung, Maedchen wuerden abgetrieben, nur weil es Maedchen seien. An die Maedchen gewandt, rief eine der Lehrerinnen: “Realize your power! Realize your dignity!”

Dann wurde ein Lied gesungen zur Ehre der verschiedenen Goettinnen und auch fuer alle Religionen. Selbstverstaendlich hing auch ein Bild von Maria, der Mutter Jesu, und von Mutter Teresa bei den Bildern der indischen Goettinen. Die Jains haben Mutter Teresa schon zu ihrer Lebzeit als Heilige, respektive als Goettin verehrt!

Noch erstaunter war ich, als ich die jungen Leute auf English singen hoerte: “Jesus, komm doch wieder und rette die Welt. Jesus, komm wieder und segne die Zukunft dieser Maedchen und Jungen.”

Beim Verlassen der Schule naeherte sich uns eine Frau. Sie war in einen einfachen blauschwarzen Sari gekleidet und kam mir vor wie die Jungfrau Maria. Sie verabschiedete sich von uns und dankte, dass wir gekommen waren. Sie fragte mich, woher ich kaeme. Aus der Schweiz. Ach, da waere sie eben vor kurzem gewesen. Erst spaeter sagte jemand, das waere die Schwiegertochter von Bhaul Jain gewesen… Die arbeiten mit Materialien aus der Schweiz. Ich traf sie spaeter nochmals und war ueberwaeltigt von ihrer Einfachheit…

So langsam trudelten die Frauen aus den verschiedenen Laendern und Kontinenten ein. Bei mir im Zimmer schlief eine Philippinin, die auf hoechster Ebene mit den muslimischen Rebellen verhandelt und hofft, auch bald zu einem Waffenstillstand zu kommen. Ich sprach sie auf den Praesidenten an. Ach, die Medien wuerden immer nur das Schlimme berichten. Sie wuerde ihn schon seit seiner Kindheit kennen. Er haette ein loses Mundwerk. Das muesste er noch lernen, aber sonst waere er besser als sein Ruf. Er haette in den wenigen Wochen seiner Amtszeit ein Abkommen mit den Kommunisten ausgehandelt, was der vorhergehende Praesident nie fertig gebracht haette.

Diese Frau war so begeistert von der Tagung, dass sie spontan fuer naechstes Jahr ein Treffen der womens peace maker auf den Philippinen organisieren will. Und dann wird hoffentlich Beena dabei sein!

Am andern Morgen war dann auch Jill Carr Harris, die Frau von Rajagopal, da. Ich traf sie auf meinem Morgenspaziergang. Sie lud mich gleich zum Fruehstueck ein. Es war, als ob wir uns schon lange kennen wuerden.

Am Sonntag Morgen war ein Marsch mit Rajagopal und Ekta Parishad, der Bewegung, die er gegruendet hat, durch Jalgaon angesagt. Ich traf ihn, als er mit einer Frau ebenfalls zum Fruehstueck kommen wollte, aber das war offenbar nicht bis zu den Fruehstueckmachern durchgedrungen, so dass er sich ohne wieder verabschieden musste. Die junge Frau im weissen Sari kam mir vor wie Schneewittchen. Erst bei naeherem Hinsehen merkte ich, dass unter dem dunklen Haar doch ein paar weisse Straehnchen hervorschauten. Sie erzaehlte mir, dass sie Politikerin sei. Irgendwann gab es dann doch noch eine Tasse Kaffee. Rajagopal sagte mir spaeter, dass dies die hoechste Polizeichefin ihres Staates sei, und zwar waere es ihr gelungen, Terroristen dingfest zu machen ohne sie zu erschiessen.

Der Marsch durch Jalgon war zu Ehren Gandhis, dessen Geburtstag am 2. Oktober gefeiert wird. Er endete in einem riesigen Zelt. Die ganze Prominenz, auch der Sohn von Bhaul Jain, Rajagopal und einige Vertreter anderer Religionen, darunter auch ein katholischer Priester, nahmen auf der Tribuene Platz. Wir andern gingen nach hinten ins Zelt. Da kam jemand und nahm mich bei der Hand. Zusammen mit zwei Inderinnen musste ich auf die Tribuene. Meine Knie wurden weich. Warum gerade ich? Das fragten mich nachher auch einige Inderinnen. Keine Ahnung (Friedensfrauen sind doch nicht etwas eifersuechtig?)

Den ganzen Tag war dann Programm im Gandhi-Zentrum, Gesaenge, Taenze, Farben, Musik, man kann es nicht in Worte fassen. 50 Adivasi Frauen wurden dabei besonders fuer ihren Einsatz geehrt. Wir Auslaenderinnen von 30 Laendern mussten ebenfalls auf die Buehne. Von der Schweiz war eine ganze Gruppe Frauen da. Ekta Parishad wird von der Schweiz aus finanziell unterstuetzt.

Ganz bewusst waren VertreteInnen von Georgien, Armenien und Aserbeidschan eingeladen worden. Eine Palaestinenserin war da. Ida kam aus Trinidad / Tobago.

Kanada war gut vertreten. Lee Ann kannte eine PAG-Kollegin von mir, mit der sie im Sudan zusammen gearbeitet hatte. Sie hatte Reinhard Voss aus Wethen im Kongo kennen gelernt und selbstverstaendlich kannte sie Beena Sebastian. Diese hatte leider absagen muessen.

Kolumbianische Frauen hatten im Auftrag von Justitia et Pax mit den FARC-Rebellen verhandelt. Sie waren die grossen Heldinnen. Ein 52 Jahre dauernder Krieg war zu Ende. Am naechsten Tag kam die Nachricht, dass der Vertrag von der Bevoelkerung knapp abgelehnt worden war. Die Landbevoelkerung, die am meisten gelitten hatte, hatte ihn angenommen. Dennoch erhielt der Praesident den Friedensnobelpreis. Die kolumbianischen Frauen sagten darauf nur: eigentlich wuerde der Preis dem Volk gehoeren.

Eine Quaekerin aus Kenia vom AVP-Projekt war anwesend. Sie betreut in ihrer Heimat Fluechtlinge und macht Trauma-Arbeit. Einmal sagte sie: Sie haette nie gross zur Schule gehen koennen. Es sei so grossartig, dass sie sich hier so wohlfuehlen duerfe.

Zwei Frauen waren aus Kambodscha, einige Universitaetsprofessorinnen aus Schweden und Kanada, und so weiter.

Aus Pakistan durfte leider niemand kommen. Umgekehrt duerfen auch Inderinnen nicht dorthin fahren. Beena hat es schon mehrmals versucht.

Durch alle Schichten, Bildungsstufen und Staaten waren die Inderinnen vertreten. Es gab darunter auch Anwaeltinnen und andere hochstudierte Persoenlichkeiten. Am meisten gefielen mir die Adivasifrauen, die kaum je zur Schule gegangen waren. Die haben ein Sebstbewusstsein und eine Begeisteung, da kann man nur staunen. Eine 90jaehrige Tamilin, Krishamma, wurde ausgezeichnet, die seit ihrem 12. Lebensjahr sich fuer Landreformen einsetzt. Sie wurde ‘Gold of India’ genannt. Sie sprach englisch und hindi, obwohl sie als Maedchen bestimmt nicht in der Schule war.

Eigentlich fehlen die Worte, um dies alles zu beschreiben. Es gibt so viele Leute, die sich gegen alle Hoffnungslosigkeit einsetzen und durchhalten.

Es gibt auch die unterschiedlichsten Projekte, die einen fuer Landreformen, andere pflanzen Baeume fuer alle Maedchen, die nicht leben duerfen, nur weil sie Maedchen sind. Eine Frau erzaehlte, wie sie sich im eigenen Dorf gegen Maedchenhandel einsetzte und dabei zwischen die Fronten geriet. Eine andere setzt sich gegen das Unwesen der Tempelprostitution ein.

Von Ekta Parishad gibt es auch einen Zweig fuer Kuenstler. Gauri, eine hochausgebildete indische Taenzerin, tanzte das Leben Gandhis. Eine ganze Truppe tanzte das Leben von Kasturba, der Frau an Gandhis Seite, die viel zu wenig bekannt ist.

Ein Frau konnte leider nicht mehr dabei sein: Sie hatte sich viele Jahre fuer Ekta Parishad eingesetzt. Sie freute sich wahnsinnig, dass sie zum Treffen fahren durfte. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges hatte sie einen Zusammenbruch. Sofort wurde die Ambulanz gerufen. Die Frau rief aus: “Ich will nicht ins Krankenhaus. Ich will ans Treffen. Ich will mein Leben fuer dieses Land hingeben.” Das waren ihre letzten Worte.

Ich koennte natuerlich noch lange erzaehlen. Es war, als ob das Weltgeschehen sich verdichtet haette, das Gute wie das Boese, aber immer wieder flammte die Hoffnung auf, der Wille zu “Jai Jaghat!!” Der Ruf, der immer wieder ertoente und soviel heisst wie “Sieg fuer die Welt.” Oder frei uebersetzt koennte man auch sagen: “Wir schaffen das!!” Rajagopal wollte kein Land genannt haben, um Nationalismus zu verhindern.

Er ist ein bescheidener, einfacher Mann, der sowohl einen grossen Frieden als auch grosse Lebensfreude ausstrahlt. Egal, ob einer ein Maschinengewehr traegt, ob ein einfacher Bauer oder eine vornehme Frau vor ihm steht: Er begegnet jedem auf Augenhoehe in unglaublicher, aber echter Freundlichkeit. Auch er hatte eine schwere Nachricht in diesen Tagen einstecken muessen: In einem andern Staat hatte die Polizei auf Bauern geschossen, die Land besetzten. Einige waren getoetet worden, andere lagen schwer verletzt im Krankenhaus.

Rajagopal setzt seine grosse Hoffnung auf die jungen Leute. Es waren auch immer eine grosse Gruppe PraktikantInnen mit dabei, junge Filmemacher und andere.

Nach drei Tagen verabschiedeten sich die meisten Inderinnen. Wir Auslaenderinnen teilten uns in Gruppen auf und fuhren ins Feld. Meine Gruppe reiste nach Gwallior. Dabei kamen wir auch in Bhopal vorbei, wo heute noch die Fabrik steht, die vor etwa 30 Jahren einen schweren Chemieunfall verursachte, der bis heute noch nicht gesuehnt ist.

Ich hatte das Glueck. auf dieser mehrstuendigen Bahnfahrt laenger mit Rajagopal zu reden. Fuer ihn ist Verzeihen und Versoehnen sehr wichtig und gehoert unbedingt zur Friedensarbeit.

Er fragte mich, wie es denn aussaehe mit den Fluechtlingen in Deutschland. Man wuerde immer nur Negatives hoeren. Ich war so stolz und gluecklich, ihm sagen zu koennen, dass in unserem kleinen Dorf die Integration klappe und die Leute sehr gut aufgenommen waeren. Solche Orte und Menschen gaebe es noch viele, aber sie kommen halt meistens nicht in die Schlagzeilen, oder bestenfalls, wenn ein Fluechtling einem verunglueckten-AFD Politiker das Leben retten wuerde…

In Gwallior fuhren wir zuerst in den Ashram, wo Rajagopal angefangen hatte. Er sagte, vor 10 Jahren haette er uns noch nicht dahin mitgenommen. In diesem Ashram leben auch zwei ehemalige Terroristen. Wie alt sie sind, wissen sie nicht so genau. Der eine war sehr jung, als er zu der Raeuberbande ging. Er waere so arm gewesen und haette niemanden gehabt, es war seine einzige Ueberlebenschance. Der andere hatte ein Stueck Land, das man ihm wegnahm. Darauf erschoss er diese Leute und wurde Raeuber. Dank Rajagopals Vermittlung haben beide spaeter ihre Waffen abgegeben und kamen in ein offenes Gefaengnis. Dort durften jene, die Familie hatten, diese mitnehmen. Sie lernten Agrikultur, lernten lesen und schreiben. Beide sind heute alte, glueckliche Menschen. Solche ehemaligen Raeuber gibt es noch viele. Ich habe einen Mitarbeiter von Rajagopal gebeten, ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben und ihr Credo an die Gewaltlosigkeit und was sie anderen Gefangenen raten wuerden. Versprochen ist es. Ich hoffe, es wird auch gemacht werden. Ganz wichtig, diese Maenner haben sich mit den Menschen ausgesoehnt, denen sie Gewalt und Unheil angetan haben.

Diese Gegend, das Chambal Valley, war auch die Heimat von Poolan Devi, der Koenigin der Banditen, die dann viele Jahre im Gefaengnis sass, dann aber ins indische Parlament gewaehlt wurde. Eins Tages wurde sie auf offener Strasse erschossen.

Wir haben verschiedene Doerfer besucht, in denen Menschen um ihr Land gekaempft haben oder noch tun. Immer wurden wir mit viel Freude, Gesang und Girlanden begruesst. Wenn Leute von so weit herkommen, dann muss doch das, was sie tun, gut sein!!

In Indien gibt es noch 50 Millionen Landlose, respektive Leute, die nomadisch leben. Das heisst nicht, dass sie von der Kultur her nomadisch waeren. Das gibt es auch. Es sind auch Leute gemeint, die immer einem Job, einer Ueberlebensmoeglichkeit nachreisen, die Slums bevoelkern und dann auch oft Aids in die hintersten Doerfer bringen, wenn sie zu ihren Familien zurueckkehren. Zum Beispiel: Delhi hat 15 Millionen Einwohner. Taeglich kommen nochmals so viele Menschen dazu, die dort arbeiten oder Arbeit suchen.

Es sind auch Adivasis, die frueher mal im Urwald lebten, Fruechte und Kraeuter sammelten und ein ungeheures Pflanzenwissen hatten. Sie haben fuer ihre Beduerfnisse auch gejagt. Dann wurde das ploetzlich Schutzgebiet. Die Menschen standen ohne jegliche Lebensmoeglichkeit da.

Dann gibt es jene, die sich bei Grossgrundbesitzern verschulden und dann ein Leben als Sklaven fristen muessen, offiziell verboten, aber wen stoert das? Alle 25 Minuten macht ein indischer Bauer Selbstmord.

In einem Dorf, wo wir waren, erzaehlten die Leute, dass sie das Land schon verschrieben bekommen hatten. Da hat ihnen die Urwaldbehoerde Pflanzensamen auf die bebauten Felder gesaet, ein Dornengewaechs, das sie nur mit groesster Muehe wieder loswerden konnten.

In einem andern Dorf, auch im Urwaldgebiet (nicht alles, was als Urwald gilt, ist auch Schutzzone) mussten die Maenner in einem Steinbruch arbeiten. Das Dorf besteht fast nur aus Witwen, Kindern und ein paar alten Maennern. Die jungen Maenner sind alle an Staublunge gestorben, Lebenserwartung 35 Jahre.

In nochmals einem andern Dorf herrscht eine Dorfchefin. Die bringt der Polizei das Fuerchten bei. Die Adivasis hatten die Landrechte schon, als ein reicher Mann sich an sie heranmachte. Er sagte ihnen, sie sollten das Land bebauen. Er wuerde ihre Waren dann verkaufen. Gesagt, getan. Nur dass die Dorfleute nie Geld gesehen haben. Als sie sich wehrten, kam die Polizei, die bestochen worden war und schlug die Frauen grausam. Irgendwann gelang es ihnen, einen Polizisten zu ueberwaltigen und zu Boden zu werfen. Dann setzten sich die Frauen auf ihn, so dass er gar nichts mehr tun konnte.

Bei dem einen Dorf konnten die Bauern ihr Land schon fuer sich bestellen. Frueher mussten sie in die nahe Stadt fahren, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen. Jetzt fuehrt der highway direkt an ihrem Land vorbei. So koennen sie direkt verkaufen, ohne lange Wege.

Jemand fragte, was denn die Maenner sagten, wenn die Frauen so selbstbewusst wuerden. Kurzes Stillschweigen, dann standen einige Maenner auf und sagten, sie wuerden das gut finden. “Wir arbeiten zusammen, wir kaempfen zusammen um bessere Lebens-moeglichkeiten.”

Schwieriger ist das Thema Schule: “Es muss uns doch jemand helfen, die Felder zu bestellen. Wir haben gar kein Geld fuer Schulbuecher.” Es gibt aber auch Doerfer mit winzigen Schulhaeuschen.

Dann gibt es auch die Maenner, die im Geheimen wieder ein Stueck Land verkaufen und das Geld in Alkohol umsetzen. Incredible India!

Die Doefer sind unglaublich arm. Der Staat foerdert jetzt die Latrinen. Dass es in jedem Dorf wenigstens eins dieser Haeuschen gibt, dass wenigstens die Frauen geschuetzt sind, wenn sie mal muessen. Auch in den Staedten gibt es eine Menge neue und saubere Toiletten.

Eine staatliche Muellabfuhr gibt es nach wie vor nicht, auch in den Staedten nicht. Aber der Staat foerdert dennoch viele Initiativen fuer Green India, Clean India. Der Unterschied zu frueheren Jahren ist deutlich.

Der Staat hat zum Ziel, dass letztlich jeder indische Mensch ein Handy haben sollte… Es gibt auch Dorfhaeuser, in denen es Elektrizitaet gibt. Dort versammelt sich das ganze Dorf um den Fernseher….

Rajagopal war es wichtig, dass wir Menschen aus allen Schichten begegneten. Glaubwuerdig waren mir laengst nicht alle. Wir hatten auch viel mit Presse zu tun. War nicht mein Ding. Vor allem, wenn man merkte, dass diese Leute gar nicht begriffen oder begreifen wollten, worum es geht.

In den Doerfern haben wir gesehen, wie Getreide und Rupien gesammelt wurden. Jeden Tag eine Handvoll Getreide oder Reis und eine Rupie. Der Weg der kleinen Schritte. Damit soll 2018 der naechste grosse Marsch der Armen nach Delhi organisiert werden und er soll noch groesser werden als der Marsch von 2012. Trotzdem ist auch Ekta Parishad auf Geld aus dem Ausland angewiesen. Rajagopal ist sehr darauf bedacht, dass Ekta Parishad eine Bewegung bleibt und keine politische Partei wird. Nur so koennen sie mit allen Seiten verhandeln.

Die Regierung hat viel versprochen, aber wenig gehalten. Rajagopal will marschieren, bis alle Vertraege eingeloest sind. Er sagt: “Diese Leute sind gewoehnt, am Boden, auf der Strasse zu schlafen. Sie sind gewoehnt, grosse Strecken zu Fuss zurueck zu legen. Sie sind gewoehnt, einfach zu leben. Sie sind bestens geeignet, auf diesen Maerschen durchzuhalten und ihr Recht einzufordern. Man muss mit dem arbeiten, das da ist.

Fuer 2019 – 2020 ist noch ein groesseres Projekt geplant: Ein Friedensmarsch von Delhi nach Genf, der ungefaehr ein Jahr dauern soll und auch durch Krisenlaender wie Pakistan und Afghanistan fuehren soll.

Crazy oder gracy? Die Vorbereitungen laufen schon.

Am 9. Oktober fuhren wir nochmals ein paar Stunden mit dem Zug nach Delhi zu einem internationalen Filmfestival fuer friedensengagierte Frauen, das erste seiner Art weltweit.

Als erstes besuchten wir die Staette, wo Gandhis Asche ruht. Ich war sehr beruehrt von dieser Staette und waere am liebsten in stillem Gedenken dort geblieben. Stattdessen hielt uns ein 90jaehriger Professor, der Gandhi noch persoenlich gekannt hatte, einen Vortrag ueber seine Philosophie der Gewaltfreiheit und Frauenpower. Am Abend war dann die Eroeffnung des Filmfestivals und so ging es weiter, von morgens 9 Uhr bis Abend 9 Uhr oder auch spaeter. Ich kenne dieses Timing von internationalen Treffen bei Beena Sebastian. Die Inderinnen fuehlen sich pudelwohl, aber die Auslaenderinnen, vor allem jene aus dem Westen, koennen dann irgendwann nicht mehr, was sehr schade ist, denn was geboten wird, ist hochkaraetig.

Es war auch kaum moeglich, am Abend gemachte Notizen zu verarbeiten. So ist das allermeiste, was ich niederschreibe, aus dem Kopf. Nach Tagen konnte ich die Notizen oft nicht mehr zuordnen.

Am Abend waren wir meistens noch irgendwo eingeladen. Einmal haben wir im muslimischen Zentrum zu Abend gegessen. Dort war auch die einzige muslimische Imamin Indiens dabei. Ein anderes Mal waren wir Gast bei der nordindischen Kirche. Das ist ein Zusammenschluss von verschiedenen evangelichen Kirchen in Nordindien. Ueberall wo wir waren, wurde immer wieder gebetet. Das ist eine Selbstverstaendlichkeit. Ich konnte die Gebete auch gut nachvollziehen. An diesem christlichen Abend hat mich das Gebet aber ganz besonders beruehrt. Der Pastor began mit: VATER.. Das erste Mal, dass ich wieder dieses vertraute VATER… hoerte…

In meinem Leben habe ich noch nie so viele Filme nacheinander gesehen, immer mit guten Diskussionen dazwischen. Oft waren die RegisseurInnen anwesend. Einige Filme waren auch von Maennern gedreht worden. Am meisten war ich ueber einen srilankischen Regisseur erstaunt und seinen Film, der nur 15 Minuten dauert, aber die Geschichte geht unter die Haut: Eine Kriegerwitwe auf Sri Lanka bringt ihrem Sohn bei, wie er bei einem Theater in der Schule einen Soldaten zu spielen hat. Zuerst kaufen sie ein grosses Spielzeug-Maschinen-gewehr. Dann lernt er exerzieren. Er soll seinem gefallenen Vater Ehre machen. Als sich der Junge schlafen legt, kommt unerwartet ihr Liebhaber vorbei. ER will dem Jungen das Kriegsspiel beibringen. Doch die Mutter lehnt ab, weil das Kind schon schlaeft. Da passiert poetzlich ein bewaffneter Ueberfall. Das Haus wird beschaedigt, aber es wird niemand verletzt. Ganz benommen sitzt der Soldat mit der Frau in Deckung. Ploetzlich bricht er in Traenen aus: Er will gar nicht mehr Soldat sein, sondern moechte mit seiner Geliebten und dem Kind in Frieden leben koennen. Als draussen wieder alles ruhig ist, verabschiedet er sich. Als er wenige Meter vom Haus entfernt ist, flammt das Feuer wieder auf und er wird toedlich getroffen. Am andern Morgen sieht man, wie der Junge wieder Exerzieren moechte, aber die Mutter sitzt erstarrt und gedankenverloren da…

Ob es ein Weg zum Frieden waere, wenn alle Maenner so ehrlich sein koennten und zur Einsicht kaemen, dass es andere Wege zum Frieden geben muss als durch Kriege..

DYING DREAMS, 19 min. Sudath Abeysiriwardane, Sri Lanka.

Diese Filme duerften alle vom Internet herunter ladbar sein.

BOXING GIRLS OF KABUL, 54 min. Ariel Nasr, Docu

NO MORE TEARS,SISTER, 78min. Sri Lanka Helene Klodawsky, Docu

DAUGHTER OF THE NIGER DELTA, 56min. Isle van Lemoen, Docu

DAUGHTERS OF THE FOREST, 56min. Samantha Grant,Paraguay, Docu

THE WOMEN’S REVOLTION IN JEMEN,56min. Docu, SEHR EMPFEHLENSWERT

INVOKING JUSTICE, 87 min. Indien Deepa Dhanraj, Docu, Musliminnen in Suedindien kaempfen um ihr Recht.

WOMEN OF TIBET, A QUIET REVOLUTION, 57min. Rosemary Rawcliffee, Docu

GULABI GANG, 96min. Nishta Jain,Indien, DOCU, SEHR EMPFEHLENSWERT

THE ROAD I KNOW 59, Yirmian Arthur Yhome, Nordostindien, Docu. Dieser Film hat mich sehr beruhrt, weil ich diese Strasse und das Land kenne, so weit es fuer Auslaender zugaenglich ist. Hier moechte John mit Hilfe von AVP Peace groups aufbauen.

LYARI NOTES, 70 min. , Miriam Chandy Menacherry &Maheen Zia, Pakistan / Indien, Docu

Ich wuenschte, Friedensfilmfestivale wuerden zur Regel werden!!!

Ich hatte noch einen Tag laenger in Delhi bleiben wollen, wenn ich schon da war. So koennte ich endlich mal den Taj Mahall sehen. Ich war gottenfroh, dass ich diesen Tag noch hatte, aber nicht fuer den Taj Mahall, sondern um ein wenig abschalten zu koennen.

Am 15. Okt. flog ich nach Kerala. Vor dem Flughafen gab es noch eine Schreckenssekunde: Das Fugticket war von der Schweiz aus bestellt worden. Ich druckte es auf deutsch aus. Datum: 15. Okt. Der Watchman vor dem Flughafengebaeude machte mir klar, dass das gar nicht geht. Es muss oct, mit c geschrieben sein. Er liess mich nicht ins Gebaude rein. Ich musste zuerst zum Indigo Buero, wo es dann allerdings gar kein Problem war, das Ticket nochmals auf englisch auszudrucken… Ich hatte genuegend Zeit einberechnet. Die Maschine startete mit einer Stunde Verspaetung und kam mit einer Stunde Verspaetung in einem verregneten, aber Gott sei Dank, recht kuehlen Kerala an. Ich hatte richtigerweise drei Tage im Cherai Beach Resort gebucht, um ausruhen zu koennen und mir einige Ayurveda Massagen verpassen zu lassen, um meine harten Ruecken- und Beinmuskeln wieder fit zu kriegen. Das Cherai Beach Resort ist ein wunderbarer Ort, im Osten ein See, im Westen das Meer, im Osten wunderbare Sonnen- und Vollmondaufgaenge, im Westen sinkt die Sonne am Abend ins Meer, dazwischen ein Landstreifen von ungefaehr 100 Metern.

Ich kam ziemlich k.o. an. Beena hatte die drei Tage fuer mich reserviert, da es ueber mail weder fuer mich noch fuer die Gruppe moeglich war. Da muss jeweils Beena ran.

Als ich auf die Anmeldestelle zu ging, schauen mich zwei braune Augenpaare gross an: “Wer bist Du denn?” “Nee, keine Anmeldung.” Ich verwies auf Beena Sebastian. “Wer ist das?” “Schweizergruppe?” “Nie gehoert.” Ich gab dem jungen Mann mein Handy. Er soll sie mal anrufen. Da zischte der Manager aus seinem Buero, begruesste mich ueberschwaenglich, gab Anweisungen, Discount (schliesslich bringe ich ihm im November die siebte Gruppe, macht mehr als 100 Ayurveda-Massagen). Jetzt klappte aber alles ganz schnell.

Ich genoss die Tage am Meer aus vollem Herzen, am Morgen frueh, wo ich auch mal einen Delphin sah und Abends spaet. Dazwischen ging ich Schwimmen oder schlief mich einfach aus. Am dritten Tag holte Beena mich ab. So hatte sie auch mal einen Tag frei. Dann hiess es bei Sebastians: “Welcome back home!!”

Herzliche Gruesse von Eurer Schwester Myriam aus dem warmen und feuchten Kerala.

Zurueck zur Friedensarbeit

In jedem katholischen Gottesdienst wird um Frieden gebetet. Man wuenscht sich den Frieden. “Gehet hin in Frieden!” Oder: “Gehet hin und bringet Frieden!”

Trotzdem gleichen viele Kirchgemeinden eher Schlachtfeldern denn Staetten des Friedens.

Schon als Kind fuehlte ich mich hilflos, wenn das Thema Frieden angesprochen wurde. Als 12jaehrige las ich regelmaessig die Zeitung. Da gab es die guten Amerikaner und die boesen Kommunisten, zum Beispiel. Da war die Versoehnung zwischen Franzosen und Deutschen. Die Hippies der 60er Jahre machten “Love, not War”. In Nordirland schlugen sich gegenseitig Katholiken und Protestanten tot. In England begegnete ich 1971 einem IRA-Mann, der in unserem Kloster um Essen bat. Die irische Koechin unterhielt sich lange mit ihm. Das war doch auch ein Mensch. Der Vietnam Krieg schien ohne Ende. Das Thema Welthunger war omnipraesent unter uns jungen Leuten. Das waren oft die gleichen Leute, die heute als Rentner ihre Tage im Cafe verbringen, ueber die Fluechtlinge schimpfen und ihre Oldtimer spazieren fahren.

Mit 21 Jahren sass ich auf dem Golan auf einem zerschossenen Panzer und fragte Gott: “Was kann ich fuer den Frieden tun?”

1975 ging der Vietnamkrieg zu Ende. Dieses Erlebnis hat mich bis heute gepraegt. Auch der schlimmste Krieg kann zu Ende gehen. Und es sind nicht immer die Parteien, welche am meisten Waffen haben, die siegen. Auch Nordirland und Sri Lanka haben einigermassen zum Frieden gefunden. Ich weiss noch, wie ich unglaeubig den Kopf schuettelte, wenn in Deutschland von Wiedervereinigung gesprochen wurde. Unvorstellbar!

In den 80er Jahren wurde in unserem Kloster sehr viel Menschenrechtsarbeit getan. Ich setzte mich fuer einen verschollenen vietnamesischen Bischof ein. Einige Jahre spaeter kam er frei und schrieb mir einen Dankesbrief. Leider konnte ich die Beziehung nicht aufrecht erhalten, und Bischof van Thuan starb viel zu frueh in Rom.

Kontemplation war fuer mich nie Passivitaet. Wer Jesus nahe ist, ist dem Brot des Lebens und dem lebendigen Wasser nahe. Der kann nicht im ersten Stock Geranien giessen, waehrend die Welt um ihn herum in Flammen steht.

Und Feuer kann man nicht mit Feuer loeschen, sondern mit Wasser. Das ist die Philosophie zur Gewaltfreiheit von Rajagopal.

Dann kam das Jahr 1989 und die oekumenische Versammlung der europaeischen Kirchen fuer Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schoepfung. Das erste Mal in der Geschichte waren die Grenzen aufgehoben, dass um das Dreilaendereck in Basel die Leute frei marschieren konnten. Der Jubel und die Hoffnung waren gross. Im gleichen Jahr fiel die Berliner Mauer und kurz darauf der eiserne Vorhang.

Dann begannen die Balkankriege. Ich machte eine Ausbildung fuer Friedensarbeit. Statt auf dem Balkan landete ich in Indien und war vorerst enttaeuscht. Ich war an einem Institut fuer salesianische Spiritualitaet, das heute vielleicht das weltbeste Institut dieser Richtung ist. Franz von Sales lebte in seiner Zeit (1568 – 1622) die Gewaltfreiheit unter Einsatz seines Lebens. Es war die Zeit der grossen Glaubenskriege. Es wurden viele Buecher ueber ihn geschrieben, aber leider nie aus der Sicht von Frieden, Versoehnung und Gewaltfreiheit. Man hat ihn verfroemmelt. Im Institut gab es einen amerikanischen Professor, der furchtbar schlaue Buecher ueber Franz von Sales geschrieben hat, die kein Mensch von der Strasse lesen konnte. Mit ihm legte ich mich an: “Warum ist Gewaltfreiheit kein Thema in den katholischen Hochschulen fuer Theologie? Versoehnung ist ein Hauptthema fuer jeden Priester. Gewaltfreiheit muesste in jedem Religionsunterricht zur Sprache kommen.”

Doch der Unterrichtsplan ist schon uebervoll, und Theologen zu ueberzeugen eine Heidenarbeit…

Letztes Jahr besuchte ich einen MSFS-Freund in Assam. John ist Jugendseelsorger im ganzen Nordosten, in dem sehr viele Konflikte schwelen. Wie Rajagopal setzt er seine Hoffnung auf die Jugend. Die beiden haben sich auch schon kennen gelernt. Da John eigentlich Nepali ist und Nepal so quasi um die Ecke liegt, habe ich ihm geraten, mit Alternatives to violence project (AVP) Nepal Kontakt aufzunehmen, was schliesslich erst die letzten Wochen gelang, nachdem ich an die Zentrale in Amerika geschrieben hatte. John hofft nun bald die Ausbildung zum Trainer machen zu koennen.

Ein weiterer Ërfolg ist vielleicht, dass eine Verbindung zwischen AVP Kerala und einem Gefaengnis in Mysore moeglich wird. Ich bleibe am Ball.

Bei meinem ersten Indienaufenthalt war ich auch enttaeuscht, dass in Indien Gandhi ungefaehr noch so viel eine Rolle spielt wie bei uns Jesus Christus im Strassenverkehr.

Seit dem Meeting in Jalgaon habe ich auch diese Ansicht korrigieren koennen. Offenbar besinnen sich im Moment ganz viele Leute wieder auf die Werte von Gandhi, besonders junge Leute.

Ich habe kein Studium, das mir einen Job fuer Friedensarbeit ermoeglicht haette.

Ich musste selber anfangen, das Naheliegendste tun und das war dann doch ein halbes Jahr als Freiwillige in Serbien nach der NATO-Bombadierung in Novi Sad. Den Uebergang ins Jahr 2000 erlebte ich auf der zerbombten Donaubruecke “Most Slobode (Bruecke der Freiheit)”. Ich lebte in einer baptistischen Gemeinde, mit einfachen Menschen, die sehr viel unter dem Krieg gelitten hatten. Vor allem lernte ich viele Maenner kennen, biedere Familienvaeter, die wenige Monate vorher noch Kriegsverbrecher waren. Mit ihren Frauen wollten und konnten sie nicht ueber ihre Erlebnisse sprechen. Die meisten fingen spaeter an zu trinken oder landeten aus irgend einem Grund im Gefaengnis. Das war fuer mich der Grund, mich dem Projekt Alternativen zur Gewalt (deutsche Abkuerzung PAG) anzuschliessen. Seit Jahren engagiere ich mich in einem Gefaengnisteam in einer deutschen JVA. Einer der Gefangenen, ein Bosnier, hat mir mal gesagt: “Ich hatte eine wunderschoene Kindheit und Jugend. Dann kam dieser Krieg. Wir MUSSTEN das Toeten lernen. Jetzt sitze ich hier im Knast und bin ein Verbrecher.”

Das Faszinierende bei PAG ist, dass in einem Kreis Hochintellektuelle als auch Analphabeten sitzen koennen und jeder kann mitmachen. Ich brauche in der JVA auch keinen Doktortitel, sondern muss faehig sein, mit einem Neonazi zusammensitzen zu koennen und Kaffee zu trinken, waehrend er mir erzaehlt und ihm zuzuhoeren.

2002 wurde ich unerwartet vom internationalen Versoehnungsbund angefragt, ob ich bereit waere, fuer ein halbes Jahr als Freiwillige nach Kerala zu fahren, in die Cultural Academy for Peace. Ich war. Das war auch der Beginn der langen Freundschaft mit Beena Sebastian.

2007 wollte ich ein letztes Mal nach Indien. Ich wollte alle die mir liebgewordenen Menschen nochmals sehen, besonders auch Professor N.S. Ramaswami, dem ich viel verdanke. Eine junge Frau und eine kleine Reisegruppe kamen mit. Das Programm “Indien von Mensch zu Mensch” war geboren. Eine Frau sagte beim Abschied: “Ich geh‘ nur nach Hause, wenn ich wiederkommen darf.” Mittlerweile hat Margrit Germann jede Reise begeleitet und mit unermuedlichem Einsatz den Foerderverein des Roshini-Projektes aufgebaut. Unterdessen sind es ueber 100 Menschen, die an diesen Reisen teilgenommen haben und Indien wirklich von Mensch zu Mensch kennen lernten. Margrit und ich arbeiten bewusst ehrenamtlich. Nur unsere Unkosten sollen gedeckt sein, nicht weil es eine Discounter-Reise sein soll, sondern dass auch Leute mit wenig Geld, aber viel Interesse mitkommen koennen.

Indien von Mensch zu Mensch ist interkulturelle Friedensarbeit: Dem Fremden begegnen. Eine ganz andere Welt aushalten und schaetzen lernen. Sieben Religionen begegnen, auch der christlichen, Menschen erleben, die sich mit aller Kraft fuer andere einsetzen. Auch die westliche Wohlfuehlreligion mit andern Augen betrachten und den weitverbreiteten Narzissmus unter die Lupe nehmen. Und vielleicht auch einiges in unserer Heimat wieder wertschaetzen, das wir uns nicht mehr so bewusst sind.

Unglaublich, was in diesen Jahren alles entstanden ist durch diese Gruppen: Solidaritaet, Freunschaften, Lebensqualitaet fuer viele, neue Horizonte, besonders fuer Menschen aus den Slums. In einem besonders tragischen Fall konnte das Leben einer schwangeren Frau und deren Kind gerettet werden.

Fuer mich tat sich dieses Jahr ein neues Tor auf, von dem ich noch nicht weiss, wohin es fuehrt.

Seit ich den Film ‘Millions can walk’gesehen habe und das Buch von Carmen Zanella “Das Erbe von Gandhi” gelesen habe, bin ich von der Persoenlichkeit von Rajagopal P.V. begeistert. Ein Mann aus einfachen Verhaeltnissen waechst in einem Gandhi-Ashram auf. Siehe auch Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Rajagopal_P._V. Er verpflichtet sich der Gewalfreiheit. Mit 22 Jahren zieht er mit ein paar Kollegen in eine Gegend, die von Banditen beherrscht wird. Die jungen Maenner setzen ihr Leben aufs Spiel.

Gewaltfreiheit wird oft als Schwaeche oder als Spleen von Idealisten angesehen. Sowohl Rajagopal als auch Gandhi beweisen das Gegenteil. Sie durchlitten Verwundungen, Wut, Angst, Demuetigungen, Verleumdungen, die ganze Palette, aber sie gaben nicht auf. Es war ein langwieriger Prozess, der das letzte von ihnen forderte. Rajagopal erkannte auch immer mehr, dass die Armut die Menschen ins Verbrechen trieb und suchte nach Auswegen. Die Regierung wurde in die Verhandlungen miteinbezogen. Es sollten keine Todesurteile gefällt und die Familien der Banditen sollten unterstützt werden.

Ich zitiere aus dem lesenswerten Buch: “Das Erbe von Gandhi”, von Carmen Zanella, Stämpfli Verlag:

Nach zähen Monaten der Diskussionen und Verhandlungen nach allen Seiten, geschah das Wunder. Fast 200 Bandenmitglieder legten ihre Waffen nieder. Im Laufe der nächsten 2 Jahre wuchs die Zahl auf mehr als tausend. (……)

Durch die Begegnungen und die Zeit im Gefängnis änderten viele der ehemaligen Bandenmitglieder ihr Leben radikal. Sie lernten lesen und schreiben und äusserten den Wunsch, spirituelle Texte zu studieren sowie ihre Religion auszuüben. Zahlreiche von ihnen kehrten nach Jahren der Gefangenschaft wie Heilige zurück. Sie hatten sich komplett verändert und ihr Gesicht und die Art, wie sie redeten und sich verhielten, waren völlig verwandelt. (…)

Diesen Menschen musste ich kennen lernen.

Da war es mir auch recht, an einem women’s meeting teilzunehmen. Ich muss ehrlich sagen, ich tue mich oft schwerer mit Frauen als mit Maennern. Ich hatte eine sehr starke Mutter, eine wunderbare Frau. Sie war sehr direkt. So lernte ich nie, mit Neid oder Eifersucht umzugehen. Ich war auch ungefahr 20 Jahre alt, als ich merkte, dass nicht jeder Vater das Fruehstueck macht fuer seine Frauen. Er war einfach ein Fruehaufsteher. Meine Eltern haben alles zusammen gemacht: gearbeitet, gekocht, gewaschen, damals noch mit Waschhafen. Partnerschaft, Geschwisterlichkeit, ist mir bis heute sehr wichtig. Ich habe auch ein Problem, wenn gesagt wird, dasss wir Frauen bedeutend mehr faehig waeren fuer Friedensarbeit als Maenner. Es gibt so viel Gewalt unter Frauen, angefangen von den Schwiegertoechtern, die von den indischen Schwiegermuettern in den Tod getrieben werden, bis hin zur Maedchenbeschneidung, die samt und sonders von Frauen vorgenommen wird, die das selber erlebt haben, bis hin zur subtileren Gewalt unter Frauen, Neid, Eifersucht, Mobbing. In Deutschland gibt es auch schon Haeuser fuer geschlagene Maenner.

Frieden kann nur geschehen, wenn Frauen und Maenner gleichberechtigt miteinander arbeiten und sich achten.

Sicher bauen Frauen anders Frieden als Maenner. Wenn beides zusammenspielt, dann kann Frieden nachhaltig sein.

Rajagopals Frau Jill, die ich mittlerweile sehr schaetzen gelernt habe, berief fuer den 1. bis 12. Oktober eine Konferenz fuer Frauen ein, die sich fuer Frieden und Gerechtigkeit engagieren.

Wenn ich gefragt wurde, wo ich mich denn einsetze, sagte ich immer: “In Deutschland in einem Maennerknast und in Suedindien in sozialen Projekten.”

Tatsaechlich sind unsere Teamleiterin in der deutschen JVA und ich uns einig, nie in einem Frauenknast arbeiten zu wollen.

In Indien bin ich Schwester bei den MSFS und als solche geschaetzt und willkommen, etwas was eigentlich fast nicht moeglich sein koennte, in Indien nicht und in den Koepfen vieler Leute auch nicht.

Daneben ist Beena Sebastian meine grosse Freundin. Sie hat in ihrer 30jaehrigen Frauenarbeit die Polizei ausgebildet fuer einen achtsamen Umgang mit Frauen. Heute gibt sie Kurse fuer Maenner-Empowerment, die so gut besucht werden, dass gar nicht alle Interessenten Platz finden.

Am Abend des 27. September bestieg ich in Banglore den Zug nach Jalgaon im Staate Maharastra. Es war einmal mehr eine Reise durch verschiedene Staaten und Zeiten. Und ich bleibe unterwegs.

Mit herzlichen Gruessen, Eure Schwester Myriam

Aus den Vatikan Nachrichten, 22.9.2016: Indien
Die Gewalt gegen die „unterste Kaste“ der Dalit hat in den vergangenen Jahren zugenommen: dies bestätigen die Daten des „National Crime Record Board“, die bei einer Konferenz über die Dalit vorgestellt wurde. Wie aus dem Bericht hervorgeht, kam es im Jahr 2015 vermehrt zu Fällen krimineller Gewalt gegen Dalit, darunter auch Mord und Vergewaltigung. Die Daten seien besorgniserregend, zitiert der vatikanische Fidesdienst den Jesuitenpater A. Xavier John Bosco, Leiter des Jesuit Social Centre mit Sitz in Secunderabad: seit die radikale Hindupartei des Premierministers Narendra Modi an der Regierung ist, hätten gewaltsame Episoden gegen Dalit deutlich zugenommen. (fides)