Bericht von Margrit Germann: Reise in den Nordosten von Indien, 26. bis 30. Nov. 2016

Mein Flug ging von Bangalore nach Guwahati. Nach drei Stunden Flugzeit war ich dort und wurde zuerst von einem kleinen, rundlichen Mann mit Mandelaugen begrüsst, indem er mir eine handgewobene Schleife und Schultertuch umhängte. Noch nie habe ich etwas gehört oder gesehen von diesem Mann!

Lisy, Rahamat die Nähschullehrerin, Vijay und seine Frau und P. Peter vom Bubenheim standen weit im Hintergrund und warteten auf mich.  Es hat sich dann herausgestellt, dass Jonas, dieser kleine rundliche Mann, unsere ganze Reise durch drei Bundesstaaten im Nordosten organisiert hat.

Viele Jahre hat Sr. Lisy im Nordosten gearbeitet, bevor sie nach Mysore berufen wurde. In den sieben Bundesstaaten im Nordosten wohnen ca. 300 verschiedene Völkerstämme mit eigener Kultur und eigener Sprache. Eigentlich ist es friedlich dort und doch gibt es immer wieder Konflikte zwischen diesen Stämmen. Vor allem gibt es ganz unwirsche, abgelegene Gebiete. Wenn es ein Ende der Welt gibt, so ist es sicher in Nagaland! Berge, Wald und Gebüsch, soweit das Auge reicht, unasphaltierte Bergstrassen und immer wieder Hangrutsche, Landwirtschaft, die nur auf kleinen terrassierten Feldern möglich ist. Man versucht der Natur abzugewinnen was irgendwie möglich ist. Ananasplantagen, Reis, Getreide, wenig Obst. Nur zwei dieser Bundesländer sind mit Eisenbahnen erschlossen.

Während dieser Zeit als Sr. Lisy im Nordosten arbeitete, kam sie durch ihre Arbeit in ganz arme, weit abgelegene Dörfer. Jonas gehört zu einem Stamm, der total von der Welt weg sind. Als kleiner Knabe wollte er eine Schule besuchen, was damals nicht für alle Kinder möglich war. Schwester Lisy hat es ihm ermöglicht in eine Klosterschule/Internat zu gehen und später eine Ausbildung zu machen.

Heute ist Jonas ein top ausgebildeter, gutverdienender Ingenieur in einer IT-Firma. Leiter von, – weiss Gott was! Ohne Sr. Lisy wäre er damals nie in eine Schule gekommen. Jonas hat sich sehr gefreut, diese Gelegenheit zu nutzen, eine viertägige Reise im Nordosten zu organisieren und alles zu bezahlen! Endlich könne er sich mal dankbar zeigen an Sr. Lisy, und es sei ihm eine grosse Ehre mit uns diese Reise zu machen.
Mit seiner Frau und seinen vier adoptierten Kindern reiste er mit uns. Zwei der Kinder, ein Mädchen 16 Monate alt, der Knabe 12 Monate, sehen aus wie Zwillinge. Dann haben sie noch ein Mädchen von 13 Jahren und eines von 17 Jahren adoptiert. Kinder, die aus seinem Stamm abgewiesen und ausgesetzt wurden. Jonas und seine Frau wollen ihnen ein schönes Leben und beste Ausbildung ermöglichen. Wir sagten zu ihm, dass es für diese vier Kinder ein Glück sei, dass sie adoptiert worden sind und sie ihnen gute Eltern seien. Da sagte er: «Was? Nicht die Kinder haben Glück, wir sind überaus glücklich und dankbar diese Kinder zu haben und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. Wir sind beschenkte Leute, diese Kinder sind unsre Freude und Glück!»

So ging dann unsere Reise in zwei gemieteten Autos mit Fahrer weiter, durch wunderbare Gegenden. Manchmal habe ich mich gefühlt wie am Vierwaldstättersee. Berge, Seen, Flüsse, blühende Kirschbäume, wunderbare Blumen und viel Wald. Durch die Nacht reisten wir zweimal im Nachtzug. Ein ganz anderes Indien! Das Land ist arm aber sauber! In diesen sieben Nordoststaaten herrscht das Matriarchat, das heisst, die Unternehmen, Fabriken, Gemeinden, Stadt, Spitäler usw. werden mehrheitlich von Frauen geleitet. Es gibt eine geregelte Kehrichtabfuhr. Möglichst für alle Kinder wird eine Gelegenheit zum Besuch der Grundschule angeboten, auch in den weit entfernten Gebieten.

Wir besuchten Ausbildungscenter und Schulen, den Kriegsfriedhof in Kohim, Märkte, Kirchen, Stammesmuseum, bekamen Einblick in die Völkerstämme mit ihren Kulturen und trafen ganz interessante Leute. Es war sehr eindrücklich. In Guwahati und Shillong sind Fahrradrikscha ein beliebtes Verkehrsmittel. Von kirchlicher Seite wird überall sehr viel geleistet. Schulen, höhere Ausbildungen, Schulen für Behinderte und für taubstumme Kinder eine eigene Schule, Spitäler, Alterspflege etc. In einem grossen Schulungscenter werden dieselben Ausbildungskurse mit denselben Lehrplänen angeboten, wie wir es im Roshini/Don Bosco Tech anbieten. Für Schule und Ausbildung wird viel aufgebaut. Diese Schwestern und Patres arbeiten fast um Gotteslohn. Nur für die allernötigsten Grundbedürfnisse ist gesorgt. Ein primitives Zimmer, etwas zu essen, ein paar Kleider und ein Gebetsbuch – mehr haben sie nicht. Auch aus privater Initiative, vielfach von jungen Leuten, wird enormes aufgebaut. Da ist schon eine Zukunft da.

Nach intensiven eindrücklichen Tagen ging es zurück nach Mysore, wo ich noch einige Tage verbracht habe, bevor es auch für mich Zeit war heimzugehen.

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