Die Situation im Roshini Center in Mysore, November/Dezember 2016

Von Margrit Germann, Förderverein Roshini
Rückblick auf meinen Aufenthalt im Roshini Center in Mysore. Nov./Dez. 2016

Zuerst darf ich Euch allen ganz liebe Grüsse von Sr. Lisy ausrichten und für jede Unterstützung ihre Dankbarkeit weitergeben.

Erfreuliches und Schmerzliches gehen jeden Tag ineinander. Es ist schön zu sehen, dass sich die Kinder im Heim gut entwickeln, sich wohlfühlen und gute Schüler sind. Sie lachen und können fröhlich sein, trotz den schlimmen Erfahrungen, Misshandlungen und Verletzungen, die sie bis zur Aufnahme ins Heim erleben mussten. Drei grössere Mädchen aus dem Kinderheim waren auf dem Heimweg nach der Schule einem Menschenhändler in die Hände geraten. Nach einem Tag des Bangens wurden sie von der Polizei aufgefunden und befreit. Das Schicksaal, einem Bordellbesitzer verkauft zu werden, blieb ihnen erspart.

Dank Spenden konnte in diesem Jahr die Umzäunungsmauer auf drei Seiten des Geländes fertig erstellt werden. Die vierte Seite wird nächstens angefangen. Die Kosten sind höher ausgefallen, da aus Sicherheitsgründen die Mauer höher als geplant gebaut wurde.

Auf dem Hausdach wurden einige m² Solarpanels angebracht zur Aufbereitung von warmem Wasser.

Auch konnte Sr. Lisy noch 10 zusätzliche Betten kaufen. Im Speisesaal fehlen noch Tische und Bänke/Stühle. Aber solches Inventar hat in Indien keine Priorität. Zum Essen und Aufgaben machen sitzen die Kinder auf dem Boden.

Es hat mich sehr gefreut, die drei Lehrer zu treffen, die bei Don Bosco Tech die Berufsbildungsklassen führen. Obwohl sie unter sehr primitiven, engen Verhältnissen arbeiten müssen, führen sie die Klassen mit grosser Leidenschaft und Überzeugung. Sie mögen es kaum erwarten, bis auf dem Roshini Gelände ein eigenes Schulhaus gebaut werden kann.

Sr. Lisy und weitere Projektleiter von Mysore haben Ende November an einem Projektleiterkurs in Guwahahty Assam teilgenommen. Es sei ein sehr intensiver Bildungskurs gewesen und für sie eine Hilfe, um die Projekte erfolgreich zu führen.

Sr. Lisy und Sr. Mathilda gehören dem indischen Orden «Sisters Mary Help of Christian» an. Zusammen mit den Seminaristen von Don Bosco feierten wir am 1. Dez. im Roshini Kinderheim in einer würdigen, schlichten Feier die Eröffnung des Jubiläumsjahres «75 Jahre Schwesterngemeinschaft». Stefano Ferrando, ein italienischer Don Bosco Priester wurde vor dem zweiten Weltkrieg in Shillong-Nordostindien zum Bischof berufen. Um die unglaublich grosse Not der Bevölkerung im Nordosten zu lindern halfen ihm junge Frauen in Krankenheimen, Schulen und Familienbetreuung. Sechs von diesen jungen Frauen wurden die ersten Schwestern im neuen Orden, den Bischof Ferrando gegründet hat.

Nebst viel Erfreulichem bleiben Sorgen und tägliche Schwierigkeiten nicht aus.

Der ersehnte Monsun ist dieses Jahr im Bundesstaat Karnataka und vielen andern Gegenden fast völlig ausgeblieben. Der Grundwasserspiegel sinkt und viele Gegenden leiden unter enormer Trockenheit. Im Roshini Center sind fast 2 Hektaren Bananen zur Ernte bereit. Der Ertrag ist viel geringer. Doch Sr. Lisy hofft, nebst der Selbstversorgung wenigstens die Unkosten decken zu können.

Seit 8. November ist grosse Finanzkrise in Indien. Um den Schwarzgeldmarkt mehrheitlich zu stoppen, hat Premierminister Narendra Modi alle 500 und 1000 Rupie Banknoten als nicht mehr annehmbar erklärt. Wer solche Geldscheine hat, ist gezwungen diese auf der Bank zu wechseln. In der ersten Woche konnte man solche Geldscheine, jedoch max. 4000 Rupie pro Tag und ab zweiter Woche noch für max. 2000 Rupie pro Tag, eintauschen gegen 2000er Rupie Noten. Das erfordert stundenweise Schlange stehen vor der Bank. Mit einer 2000 Rupie Note einkaufen und bezahlen, ist fast unmöglich. Das Kleingeld ist rar geworden und darum kann beim Einkaufen kein Rückgeld gegeben werden. Viele kleine Geschäfte mussten mindestens vorübergehend, schliessen. Der Warenmarkt ist völlig zusammengebrochen. Für Kleinladen-Besitzer ist es katastrophal. Zum Vergleich: Fr. 1.- = ca. 66 Rupie.

Bis zum 30. Dezember 2016 sollten alle Inder ein Bankkonto eröffnen und nur unter Beweis, wo das Geld verdient wurde, das sie zu Hause eventuell gespart haben, kann es auf das Konto einbezahlt werden. Die Leidtragenden sind einmal mehr die Armen. Sebastian, Beena’s Ehemann, ein guter Kenner der indischen Finanzwirtschaft, hat mir gesagt, dass in Indien über 80% der Bevölkerung kein Bankkonto haben. Was heute verdient wird braucht man morgen zum Überleben.

Nebst Bananen hat Sr. Lisy eine Hektare Tomaten angepflanzt, die zurzeit reif sind und für den Frischmarkt bestimmt waren. Im Jahre 2015 war der Erlös für ein Kilo Tomaten ca. 40 Rupie. Die Preise sind nun auf 2-3 Rupie pro Kilo gefallen und können nicht verkauft werden. Es ist schmerzlich zu sehen, wie die reifen Tomaten in bester Qualität auf den Boden fallen und verfaulen. Der nötige Zusatzverdienst wird Sr. Lisy sehr fehlen. Da nichts verkauft werden kann, hat sie die Bewohner im nahen Slum aufgerufen im Roshini Center gratis Tomaten zu pflücken.

Die Landwirtschaft im Allgemeinen ist durch die Trockenheit und zusätzlich durch die Finanzkrise sehr betroffen. Zuckerrohr, teilweise auch Reis, Fächerhirse, anderes Getreide und Gemüse ist unverkäuflich geworden. Es gibt keine Ausgleichszahlungen, Subventionen oder Versicherungen. Viele Bauern die von der Landwirtschaft leben, verzweifeln. Die Suizidrate unter Bauern ist sehr hoch.

Auf der Wiese vom Don Bosco Seminar werden zwei Kühe gehalten zur Selbstversorgung von Milch. Was normalerweise in dieser Jahreszeit eine grüne Wiese ist, ist nun alles braune Erde. Den Kühen werden Äste von Laubbäumen verfüttert. Wie lange noch? Bereits verlieren die Bäume die Blätter wegen der Trockenheit. Der nächste Regen/Monsun kommt Mitte Mai!

Hier lernt man schnell, was echte Probleme sind!

Gleich neben dem Eingang zum Roshini Center ist eine kleine, gut geführte Ayurveda Klinik, wo Sr. Lisy gute Medikamente für die Kinder holen kann. Ayurveda Behandlungen sind im Bundesstaat Kerala sehr gefragt und ein gutes Geschäft. Hier in Karnataka ist es, teils auch aus Aberglauben, verpönt. Dazu kommt, dass neben der Klinik vor vielen Jahrzehnten ein kleiner Friedhof war. Heute ist dort nur noch Gestrüpp. Bis heute glauben die Leute, dass diese Grabstätten schlechte Energien bis zur Klinik ausstrahlen.

Trotz allen Sorgen und Problemen ist bei Sr. Lisy und ihrem Team immer viel Zuversicht da. Klagen und jammern ist nicht ihr Ding.

Mit herzlichen Grüssen

Margrit Germann

Leider kann ich keine Fotos einfügen, da ich meine Kamera liegen gelassen habe. Hoffe, später noch Fotos zu bekommen. Sorry!

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