Welcome back home!

„Be the change that you wish to see in the world.“
Gandhi

Nach einem frohen Abschiedsabend in meinem Zimmer, Sardinenparty (in meinem Zimmer haben immer alle Platz), vielen guten Wuenschen und auch ein paar Wermutstropfen („du wirst uns fehlen“) und nach einem angenehmen Flug bin ich in Bangalore gelandet. Das sind nur wenige Tage her, doch kommt es mir vor, als waere ich nie weggewesen. Immer wieder hiess es: „Welcome back home! Gut, dass du wieder da bist. Wir haben dich vermisst.“ Ich habe schon sehr viele MSFS gesehen. Hier in Vinayalaya ist Provinzhaus und Gaestehaus, wo man sich immer wieder begegnet, alte Gesichter und neue Gesichter. Peinlich nur, wenn ich dauernd die Namen durcheinander bringe!

Hier herrscht auch ein sehr intensives gemeinsames Gebetsleben, das mir sehr wichtig ist, morgens frueh und abends vor und nach dem Abendessen. Da wird die ganze Welt mithineingenommen und auch die verschiedenen Zeiten, die Lebenden und die Verstorbenen. Gemeinsames Stundengebet, das rund um die Welt gebetet wird und gemeinsames stilles Gebet ist sehr wichtig in der salesianischen Spiritualitaet. Franz von Sales sagte einmal: Kommt, lasst uns im Gebet erholen! Hier wird Kraft getankt. Da spuert man die Begeisterung fuer Christus und die Menschen. Nach Franz von Sales soll durch den Alltag und die taeglichen Begebenheiten Gott erfahren werden. Hier ist Gott nicht bloss eine Theorie oder Energie. Hier heisst Gott DU.

Ich vermisse ein wenig meine Deutschstudenten, dafuer spreche ich sehr viel Franzoesisch mit dem Hausoberen, der einige Jahre in Friburg gelebt hat. Auch war einer der ersten kamerunischen MSFS da. Er spazierte in einem lindengruenen afrikanischen Kleid umher mit ebenfalls lindengruenen Hosen. Ich finde das so viel schoener als die verjeansten Maenner und auch besser als Priesterkragen. Diese Farbenfroheit sagt doch einfach etwas ueber die Menschen aus. Diese Farbigkeit vermisse ich in Europa. Als er zum Flughafen fuhr, hatte er sich allerdings ganz brav in Jeans gekleidet.

Stoffkaufen braucht Zeit

Die ersten Tage waren gefuellt mit Terminen, Gespraechen, Einkaufen, Vorbereiten fuer die Indienreisenden. Hier braucht Einkaufen Zeit.

Zuerst herzliche Begruessung, dann Nachfrage ueber alles, was seit dem letzten Jahr passiert ist. Vielleicht ist auch der Sohn oder der Vater im Laden, den ich noch nicht kenne oder ein junger Man stellt glueckstrahlend seine junge Frau vor. Dann wird die ganze Auswahl hervorgeholt und gehandelt. Mittlerweile hat oft auch jemand Kaffee oder Tee geholt.

Natuerlich koennte ich auch ins Warenhaus. Gibt es mittlerweile alles. Aber mir sind die Begegnungen wichtig, die Menschen, die dahinter stehen. Zum Beispiel der eine Stoffverkaeufer ist ein Tamile, der ein kleines Geschaeft eroeffnet hat. Dann holte er langsam seine armen Verwandten nach und gab ihnen im Laden Arbeit. Solche Menschen zu unterstuetzen ist mir wichtig.

Waehrend des Wochenendes war ich bei Schwester Lisy im Roshiniprojekt. Wir hatten uns sehr viel zu erzaehlen. Waehrend des Jahres hoere ich nie viel von ihr. Da ist sie zu beschaeftigt. Vor 10 Jahren habe ich sie kennen gelernt, als sie eben den Doktor in Indologie machte, aber sie wollte zu den Armen. Sie fing mit nichts als einem brennenden Herzen an. Dann kamen engagierte Menschen dazu, fuer mich ein Zeichen einer wunderbaren Zusammenfuehrung. Sowas kann man sich gar nicht ausdenken. Jetzt steht das Kinderheim. Ein Schulhaus fuer die Erwachsenenberufsbildung ist geplant und soll moeglichst bald gebaut werden. Das Bauen wird rapide teurer.

Die deutschen Freiwilligen haben sich gut eingelebt

Schwester Lisy hat zwei deutsche Freiwillige, mit denen sie sehr zufrieden ist und die sich schon gut eingelebt haben. Es ist eine Freude, die beiden zu sehen!

Lisy integriert sich auch immer mehr in ihrer Umgebung. Leute kommen vorbei und bringen Essen fuer die Kinder. Ein Baumeister spendet jeden Monat Fleisch fuer die Maedchen. Laufend kommen Menschen vorbei, bringen was, wollen was.
Ein grosses Problem ist die medizinische Versorgung der Kinder. Da muss sie dann schauen wie sie das schafft. Wenn ich denke, welche medizinische Versorgung unseren degenerierten Haustieren angetan wird.

Es gibt auch nicht nur Erfolgsgeschichten.
Immer wieder kommt es vor, dass einst hoffnungsvolle junge Menschen abtauchen in die Unterwelt. Das schnelle Geld lockt schon sehr. So machen viele die Drecksarbeit bei Drogendealern bis hin zu Menschenhandel. Oder es gibt auch Maedchen, die zu lange auf der Strasse lebten und dahin zurueckkehren. Dennoch darf sich die Bilanz sehen lassen. Es muessen allein ueber 2000 sein, welche die dreimonatige Berufsausbildung mit anschliessendem Praktikumsjahr erfolgreich abgeschlossen haben und jetzt gut im Leben stehen. Das sind auch IT-Ingenieure / Ingenieurin, Krankenschwestern, Lehrerinnen.
Was Lisy in diesen Jahren geschuftet und durchgestanden hat bis hin zu gesundheitlichen Konsequenzen, das ist uebermenschlich. Aber es ist auch bewunderungswuerdig, wie ganz viele aus der Schweiz und Deutschland mitgeholfen haben, dass das Leben so vieler junger Menschen eine positive Wendung nahm. Einen Menschen in Indien ausbilden heisst auch immer einer ganzen (Gross)-Familie den Lebensunterhalt sichern.

Dann hoer ich schon mal Saetze wie: Warum diese Helferei und Geldsammlerei fuer Indien? Die haben die Atombombe und die meisten Milliardaere der Welt! Ja und? Wir sind, selbst wenn wir nicht zu den ganz Reichen dieser Welt gehoeren, eine privilegierte Schicht, eine Minderheit in der Weltbevoelkerung. Auch unsere Laender verkaufen Waffen in diese Laender oder profitieren von Billigprodukten, die mit der Arbeitskraft vieler Armer hergestellt werden. In unserer Gesellschaft geschieht eine unerhoerte Verschwendung. Wir verbrauchen ungehemmt Ressourcen dieser Welt, zu denen die Armen nie Zugang haben, egal in welchen Laendern, die oft von ihrem Land vertrieben werden. Hauptsache, mein Bauch ist voll? Die Unterprivilegierten sollen sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ziehen?

Schwester Lisy und Vijay, unser Reiseleiter in Mysore, bei einer Besprechung

Viele unserer Indienreisenden geben andere Rueckmeldungen: Diese Gastfreundschaft! Diese leuchtenden Augen der Kinder und ihr Fleiss in der Schule! Viele Menschen hier sind zufriedener mit dem was sie haben als viele Europaer.
Ich wollte am Sonntag Abend nach Vinayalaya zurueckkehren, weil am Montag wieder ein Termin anstand, den ich nicht versaeumen wollte, aber Bahnfahrkarten gab es keine mehr, und was wir alle nicht checkten: Es war Ende eines Hindufestivals, Urlaubsende fuer die Bangalorer. Jemand wollte mich unbedingt mit einem kleinen Gasauto hinfahren. 150 km, 3 Stunden mit dem Auto. Die meiste Strecke ist Autobahn, indische Autobahn. Zeitweise kamen wir auch gut voran. Aber es muessen mehrere Staedte durchquert werden. Da wird die auf jeder Seite zweispurige Strecke urploetzlich drei-, vier- oder fuenfspurig, je nach Fahrzeuggroesse. Egal, ob man links oder rechts ueberholt. Man faehrt, wo Platz ist. Um es kurz zu machen: Statt drei Stunden brauchten wir schliesslich deren sieben!! So viel zum Genuss des indischen Verkehrs.

Das Wetter ist sehr feucht, aber angenehm von der Temperatur her. Es ist immer noch Monsoon, heftiger Monsoon mit kraeftigem Regen in der Nacht, tags bewoelkt mit hin und wieder Sonnenschein. Die Menschen sind sehr froh um das Wasser, nachdem der Monsoon fast 2 Jahre lang mehr als knapp ausgefallen ist. In der Mysorer Gegend gab es fast Krieg um das Wasser. Sharen, der Kuechenjunge und ich haben heute miteinander auf dem Dach die Wolldecken fuer die Indienreisenden im November gewaschen. Hat Spass gemacht.

Waesche auf dem Dach

Wie Ihr seht, es geht mir rundum gut. Ich danke allen, die mich in Gedanken und Gebeten oder sonst irgendwie unterstuetzen. Morgen ziehe ich um in ein anderes Haus der MSFS oestlich von Bangalore. In wenigen Tagen beginnt die alternative Reise fuer Ehemalige. Dann duerften meine Nachrichten etwas laenger ausbleiben.

Mit den allerherzlichsten Gruessen,
Eure Schwester Myriam

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