Archiv für den Monat Oktober 2017

Bilder einer Reise, Teil 2: Badwell, Ausflug nach Gandikota und Hampi

Manchmal kamen wir an die Grenzen, wenn eine Strasse wieder in einem Zustand war, dass wir doppelt soviel Zeit brauchten wie vorgesehen. Und ausser Pater Riju konnte und wollte natuerlich keiner von uns fahren. Pater Riju hatte naemlich beschlossen, uns mit dem Jeep zu fahren statt den Linienbus zu nehmen… Den indischen Verkehr geniessen wir Europaer besser nicht hinter dem Steuer. Manchmal war es auch nicht der Zustand der Strassen, der den Zeitplan durcheinander brachte. Auf dem Weg lagen jede Menge MSFS-Niederlassungen. Da konnte man nicht einfach daran vorbeifahren. Da musste man mindestens Hallo sagen, Tee trinken, essen, die Schulen besichtigen oder die Kirche. Einmal waren wir dann so spaet dran, dass die kuerzere Strecke durch den Urwald schon geschlossen war und wir erst recht einen Umweg fahren mussten. P. Riju blieb immer gelassen und froehlich. Als wir zu spaeter Abend- respektive Nachtstunde in Badwell (https://en.wikipedia.org/wiki/Badvel) ankamen, erwarteten uns Asi und die kleinen Jungs vor dem Haus mit Blumengirlanden und Gesang!

Ich war froh, dass Riju, der ausgebildeter Sozialarbeiter ist, mit nach Badwell  kam. Ich hatte ihn gebeten, ein bisschen die Blicke schweifen zu lassen und Asi vielleicht den einen oder andern Hinweis zu geben. Asi kenne ich nicht anders als froehlich und guter Dinge, aber ich spuere auch, dass er manchmal ueberfordert und muede ist. Wer kann denn schon Jahr und Tag ueber 50 Jungen hueten ohne eine unterstuetzende Hilfe von aussen? Manchmal uebernimmt der Koch ein wenig die Uebersicht, aber das war es dann. Ich bin sehr froh, dass es einige gute Gespraeche von Mann zu Mann gegeben hat.

Maennerbild: P. Asirvad und P. Riju in der Mitte

Ein älterer Bericht von dort: https://schwestermyriam.wordpress.com/2015/12/13/kleine-und-groessere-schritte-die-die-welt-veraendern/

An einem Tag liessen wir den Koch allein mit den Jungs und fuhren ziemlich spontan an die Ostkueste, wo Asi einen Freund besuchen konnte, was er sonst ja auch nie kann. Und wir hatten das Vergnuegen, uns ein bisschen in den Wellen tummeln zu koennen.

Morgens um sechs stand der Bus abfahrbereit mit all den Jungs. Von uns war keiner bereit. Diesmal hatten wir uns in der indischen Zeit, respektive der Begeisterung der Jungs verschaetzt. Wer konnte sich da schon verschlafen?

Los gehts!

Total vertrauensvoll und anschmiegsam

Die Kueche hinten im Bus

Wir fuhren nach Gandikota, einer Ruinenstadt aehnlich wie Hampi. Aber wer kennt schon Gandikota https://en.wikipedia.org/wiki/Gandikota ? Touris verlaufen sich selten hierher. Es ist auch sehr weit weg vom Schuss. Unser Bruder Sunil hatte mir so viel mit leuchtenden Augen von seiner Heimat erzaehlt. Die Jungs interessierte die Geschichte weniger.

Sie stoben nur so aus dem Bus und wussten wohin…

Grand Canyon

Wir nahmen es etwas gemaechlicher. Bei Gandikota gibt es einen wunderbaren Canyon, der auch Grand Canyon von Indien genannt wird.

Gut gesaettigt nach einer Reismahlzeit fuhren wir weiter zu den Belum Caves (https://en.wikipedia.org/wiki/Belum_Caves), einem Hoehlensystem, das erst vor relativ kurzer Zeit der Oeffentlichkeit zugaenglich gemacht wurde. 50 Jungs in einer Hoehle drin! Aber auch nachher waren sie noch nicht muede. Das Spielen und Toben ging weiter.

Wir mussten leider Abschied nehmen.

Die Fahrt ging Richtung Hampi weiter. Hampi ist so etwas wie das Ruetli fuer die Schweizer. Es sollte ein neuer Hoehepunkt werden.

Hampi ist eine alte Tempelstadt. Tempel, so weit man sieht, weit herum verstreut. Da ich das zweite Mal dort war, konnte ich es ruhig angehen lassen. Ich genoss es, einfach wieder da zu sein, mitten drin den Augenblick geniessen, die Menschen und die Landschaft auf uns wirken zu lassen.

Hampi

Hampi

Der Tempelelefant erhaelt zuerst sein Bad

dann besprengt er betende Maenner im Fluss, was als Zeichen des Segnens gilt

Frisches Kokosnusswasser erfrischt in der Hitze mehr als alles andere

Nach drei Tagen verabschiedeten wir uns aus der Obhut der MSFS. In dieser Zeit ist sehr viel geschehen auf beiden Seiten, ein tiefes interkulturelles Lernen, das durchaus einige emphatische Gespraeche forderte. Wer immer uns begleitet, bekommt selbstverstaendlich auch Lohn und die Unkosten werden erstattet. Das sind immer Menschen, die uns in Freundschaft verbunden sind.

Unsere indischen Schutzengel bewahren uns vor vielem, aber sie sind Freunde, und Freunde duerfen nach indischem Verstehen nicht bezahlt werden. Sie haben ja schon das Glueck, dass sie mit uns auf Reisen sein duerfen. Da braucht es dann schon ein behutsames Annaehern. Manchmal muss man auch klar machen, dass sie nicht unsere Diener, sondern unsere Freunde sind und sagen sollten, wenn sie etwas brauchen. In der Hitze essen wir zum Beispiel ganz anders als indische Menschen. Oder sie bestellen etwas, das wir eigentlich nicht moegen. Fuer sie ist die Gemeinschaft bestimmend. Wir sind Individualisten, ueber die sie sich oefters mal wundern. Wir haben alle voneinander gelernt.

Ich glaube, der Abschied fiel allen ein bisschen schwer. Mittlerweile habe ich den einen oder andern auch schon wieder gesehen. Sofort wird gefragt: „Wie geht es den andern? Was machen sie? Sind sie wieder gut angekommen?“

Der Nachtzug brachte uns nach Mysore. Treffpunkt Roshini-Projekt. Das Roshiniprojekt ist immer so etwas wie ein Heimwehpunkt. Wer einmal da war, will es immer wieder sehen. Martina war erstmals da, als der Grundstein gelegt worden war. Mittlerweile ist dank vielen engagierten Menschen ein Ort der Geborgenheit fuer Maedchen von der Strasse entstanden. Im Garten gruent und blueht es.

Kinder tanzen für uns

Die Kinder boten uns ein wunderbares Tanzprogramm. Mit ihnen unter einem Dach zu leben ist so ganz anders als irgendwelche Erzaehlungen. Die Maedchen begegnen einem mit viel Vertrauen und sind sehr anschmiegsam. Kaum zu glauben bei den vielen Horrorgeschichten, die hinter ihnen liegen.

Eng mit Roshini zusammen arbeitet Vijay, der fuer die naechsten Tage unser Begleiter wurde. Vijay ist Sozialarbeiter. Er leitet in Bangalore eine Schule, lebt aber mit seiner Familie in Mysore, wo er ein kleines Altenheim fuer Menschen von der Strasse aufgebaut hat, das er aus der eigenen Tasche finanziert. Die ganze Grossfamilie hilft mit bei der Arbeit. Auch die alten Leuten, die noch koennen, haben noch ihre kleinen Aufgaben. Dort leben auch noch einige ehemalige Strassenjungs. Wir wuerden sagen, das Ganze soll ein Mehrgenerationenzuhause geben fuer Menschen, die sonst nirgends hingehoeren. Jemand sagte einmal: Ein Inder ist noch lange nicht arm, wenn er kein Geld hat. Er ist arm, wenn er keine Beziehungen hat.

Vijay wuerde auch gerne ein wenig in’s Tourismusgeschaeft einsteigen. Als Reisefuehrer ist er sehr zu empfehlen, besonders fuer jene, die gerne ein wenig die andern Ecken sehen.

Martina, Pflegefachfrau fuer alte Leute mit einer der Bewohnerinnen des kleinen Altenheimes. Um das Altenheim zu finanzieren, hat Vijay eine Farm aufgebaut, wo er allerlei Tiere haelt: Huehner, Kaninchen, etc. So bekamen wir einen Einblick ins laendliche Leben.

Ein Motorrad mit Kuhfutter beladen.

Die Ochsen sind unersetzliche Zugtiere

Das Getreide wird auf die Strasse geschuettet. Der darueberfahrende Verkehr amtet als Dreschmachine.

Schliesslich wird auch noch alles geworfelt und dann zusammen genommen.

Jetzt nach dem Monsun bluehen ueberall diese wunderbaren Baeume.

Ich wollte der Gruppe auch Ooty  zeigen in den blauen Bergen des Nilgiris. Ooty war von den Englaendern entdeckt und als Sommerstadt benutzt worden. Es liegt auf ueber 2000m Hoehe. Das beruehmteste ist wohl die Nilgiris-Schmalspurbahn.

Im Nilgiris waechst viel Tee und viel Gemuese, besonders Moehren.

Herr der Teeplantagen

Moehrenfelder

Verladung der Moehren. Es ist unglaublich wie die Menschen sich freuen, wenn man sich fuer ihre Arbeit interessiert.

Leider wurde das Wetter immer schlechter, so dass wir die Flucht ergriffen und nach Mysore zurueckkehrten.

Fuenf Indienreisende auf 2640m Hoehe und kein Sonnenstrahl. Auf dem Markt und im Parfumshop in Mysore liess es sich besser leben…

Drei Damen im Parfumshop bei einem alten Bekannten warten auf den Tee…

Das allererste Projekt, das ich vor 10 Jahren meinen Indienreisenden zeigte, war das Kinderprojekt der MSFS in Kengeri, im Westen von Bangalore. Damals war es ein armes Huettchen mit 18 Kindern. Jetzt hat es sich zu einem stattlichen Kinderdorf entwickelt. Die Aeltesten sind schon auf dem College. So kam der Wunsch von der Gruppe selber, auch noch nach Kengeri zu fahren, um so mehr, als P. Riju eben auch dort fuer einige Jahre im Einsatz war.

Die Begeisterung war gross. Nicht nur die von uns ueber das, was geworden ist, sondern die der Kinder. Sie flogen geradezu auf Pater Riju und hingen wie Trauben an ihm. Auch die Angestellten freuten sich ueber alles. Schade, dass es gar keine Zeit gab, diese Szenen im Bild fest zu halten. Sie sprachen Baende ueber die Beliebtheit des jungen Paters

als auch ueber die Kinder, die eine liebevolle Erziehung in einer gesunden Umgebung bekommen.

Ich denke, unsere Indienreisenden sind sehr beeindruckt mit vielen neuen Erfahrungen nach Hause zurueckgekehrt. Vielleicht berichten sie selbst noch in diesem Blog : -)

Eure Schwester Myriam

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Bilder einer Reise, Teil 1: Malur

 

Willkommen

Es war eine Reise, die viel Freude gebracht hat. Es war ein Geben und Empfangen. Wir waren eine Gruppe von fuenf Leuten, im Alter, von den Berufen, von der Weltanschauung her sehr verschieden. Zwischen der juengsten und dem aeltesten lagen 40 Jahre. Aber wir verstanden uns, gingen aufeinander ein, halfen einander aus, unkompliziert, was der Augenblick erforderte. Ueberall wurde uns grosse Gastfreundschaft entgegen gebracht. Die Einheimischen freuten sich ueber uns an unserem Interesse fuer ihr Leben. Besonders freuten sie sich, wenn wir mit ihnen Tee tranken oder assen. Das bedeutet fuer sie eine besondere Ehre.

Fuer mich war es auch eine Reise, die auf grossem Vertrauen aufgebaut war. Fast zufaellig haben wir letzes Jahr darueber gesprochen, dass diese Reise auch ueber Malur (Wikipedia-Artikel, engl.)  oestlich von Bangalore fuehren koennte. „Ja, dann muss uns aber auch einer von euch begleiten. Ich kenne die Gegend zu wenig und es ist eine Erstlingsreise“. Eigentlich hatte ich von Bangalore nach Badwell zu den kleinen Jungs in Andrah fahren wollen. „Machen wir“! Zwei MSFS, ein Wort! Die Inder haben ihre eigene Weise zu organisieren, aber im Improvisieren sind sie Weltmeister. Und das war unser Glueck. Beim Vorbereiten gab es laufend Unvorhergesehenes. Dann gab es eine Zeitlang gar keinen Kontakt mehr. Pater Riju wurde in ein anderes Haus versetzt, bekam eine andere Aufgabe. Dann der unerwartete, aeusserst schmerzliche Todesfall seines Mitbruders. Zwei Tage bevor die Gruppe ankam, musste er nochmals zu einer Beerdigung eines nahen Verwandten nach Kerala. Er tat mir so leid. Was nun? Immer wieder hoerte ich die gleichen Worte: „Vertrau, es wird alles gut!“

Ich habe noch selten jemandem so bedingungslos vertraut. Nur in einem Fall waren wir uns nie so ganz einig: Was meinte er, wenn er sagte: „In fuenf Minuten“? Waren nun fuenf „indische“ oder fuenf internationale Minuten gemeint? Im ersten Fall konnte man den Tee naemlich noch ganz gemaechlich zu Ende trinken oder sonst noch was erledigen. So vieles nahmen wir mit Humor.

Es gibt auch eine Naehschule fuer arme Frauen, damit sie ihren Lebensunterhalt verdienen koennen. Wer will, wird dann auch angestellt. P. Rijus Aufgabe ist es, das Ganze weiter auszubauen.

(Bilder anklicken zum Vergrössern)

In der Naehe gibt es auch ein Schutzhaus fuer misshandelte und verstossene Frauen, von Schwestern geleitet. Dort finden auch schwangere oder misshandelte Maedchen oder Vergewaltigungsopfer Zuflucht. Einige von ihnen besuchen die Naehschule.

Auch da wurden wir herzlichst mit Blumen empfangen, ohne dass gefragt wurde, zu welchem Bekenntnis wir gehoeren. Im Allgemeinen wurde gestaunt, wie viel christliche Praesenz hier in Indien ist und die Arbeit der jeweiligen Ordensleute wertgeschaetzt. Manchmal bin ich traurig, wenn Reisende fuer alle Religionen und Weltanschauungen offen sind, aber finden, Christen haetten hier nichts verloren. Christen gibt es seit dem Jahre 52 in Indien, als der Apostel Thomas den Spuren seiner juedischen Glaubensgenossen folgte. Indien hat auch eine sehr positive Geschichte mit den Juden. Eine Zwangsmissionierung gab es nie. Allerdings ist die portugiesische Kolonialgeschichte ein sehr dunkles Kapitel.

Was waere Indien ohne die unzaehligen sozialen Einrichtungen fuer die Aermstem der Armen? Ohne haetten verstossene Frauen keine andere Moeglichkeit als die Strasse. Das gilt fuer viele andere Arme und Ausgestossene und natuerlich die Unberuehrbaren, ganze Volksgruppen, die durch ihr „Karma“ bestimmt sind, Latrinen zu putzen und den Hoehergeborenen den Dreck weg zu machen. Wo waere das Bildungswesen ohne die Abertausenden von christlichen Schulen, meistens von Ordensleuten gefuehrt? Allein die MSFS unterrichten etwa 200 000 SchuelerInnen, ohne nach deren Religion zu fragen. Dass die Bildung der Kastenlosen nicht im Interesse vieler ist, liegt auf der Hand. Auch im Gesundheitswesen geben viele christliche Menschen, ebenfalls wieder eine grosse Anzahl von Ordenleuten, ihr Bestes.

Spontan waren wir zum Pfarreifest eingeladen. Pater Sami segnet das Reisgericht, das fuer alle von seinem Freund Sebastian gesponsert wurde:

Pater Sami segnet das Reisgericht, das fuer alle von seinem Freund Sebastian gesponsert wurde

 

(Teil 2 folgt)