Martina B: Ein Ausschnitt von der Indienreise im September 2017

Seit einigen Wochen bin ich von meiner Indienreise wieder zu Hause. Der Alltag ist bereits wieder eingekehrt. Trotzdem schweifen täglich Gedanken an die Menschen, welche ich im farbenfrohen, lebenslustigen Indien wieder getroffen und neu kennengelernt habe. Dabei tauchen häufig die Fragen auf: Wie geht es ihnen?? Was machen sie gerade? Läuft alles rund? Was haben sie für Wetter? Oder gibt es wieder neue Hindernisse, Herausforderungen und Aufgaben, die sie überwinden und bewältigen müssen?

Zurück im Alltag zu Hause werde ich oft gefragt: Wie war deine Reise??? Hast du viel erlebt? War bestimmt spannend oder nicht?
Da merke ich dann, dass ich immer wieder von Badwell, von dem Bubenheim mit 55 Jungs, welche aus sehr, sehr armen Familien aus der Umgebung stammen, beginne zu erzählen. Das Heim wird alleine von Father Ashi in Badwell geführt und geleitet. Die Jungs haben da eine Unterkunft mit dem aller, aller Nötigsten und haben dadurch die Möglichkeit die Schule besuchen, was für sie sonst kaum möglich wäre. Nach einer eindrücklichen mehrstündigen Fahrt mit dem Jeep mit unserem Reiseleiter Father Riju sind wir zu später Stunde in Badwell angekommen. Nach kurzem zügigem Hotelbezug ging es dann schnell zu den Jungs, die uns bereits erwarteten. Kaum sind wir auf dem Vorplatz des Heims angekommen, standen die quirligen, fröhlichen Jungs vor ihrem Hauseingang und begrüssten uns mit einem Willkommenslied und natürlich mit einem bunten, frischduftenden Blumenkranz, den sie jedem von uns Reiseteilnehmern um den Hals legten. So zeigten sie uns, dass wir herzlich willkommen sind.

Für die Jungs ging es dann langsam schlafen… Wir wurden zum Nachtessen eingeladen, der Tisch war reichlich gedeckt mit Reis, einem Eintopf und frischem Gemüse. Ja wenn ich ehrlich bin, habe ich schon recht leer geschluckt, als ich die Küche mit deren sehr schlichter, einfacher und zweckmässiger Einrichtung sah… Meine Gedanken waren: „Also, wenn ich diese Tage ohne jegliche Magendarmprobleme überstehe, dann habe ich eine gute Abwehr…“. Ja, es hat mich dann beruhigt, das vorbereitete Essen wurde alles heiss gekocht… und der Rohkost, der ich nicht traute, konnte ich ausweichen. Ja, und der „Appenzeller“ in meinem Gepäck sei Dank. Die Küchenablagen bestehen aus einfachen Holzbrettern, die mit Zeitungspapier abgedeckt werden, darauf standen die Pfannen und die allernötigsten Küchenutensilien. Die Wände wurden gezeichnet von den brodelnden, spritzenden Kochtöpfen. Der Kochherd war ein einfaches Gasrechaud mit zwei Kocheinheiten, auf dem täglich für drei Mahlzeiten Reis gekocht werden. Mir wurde dabei einfach nur unser Luxus zu Hause bewusst, und ich dachte immer wieder während dem Essen: „Also zu Hause muss niemand mehr eine Küche erneuern und umbauen, welche angeblich nach 25 Jahren ihren Dienst tat…“ Diese indische Küche – keine Ahnung, wie lange diese schon ihren Dienst tut.
Ja nichts desto trotz, alle Mahlzeiten in dieser Küche schmeckten trotzdem sehr gut, das Überwinden, das Essen zu probieren, hat sich gelohnt und die Magendarmprobleme blieben zum Glück aus. Wieder einmal mehr so typisch, wie doch die Aussage zutreffend ist: „Das Auge isst mit.“ Wie mich doch das beeinflussen lässt…
Für mich umso erstaunlicher und bewundernswerter, wie sich Father Ashi mit seinem Küchengehilfen und dessen Familie um die 55 Jungs alleine kümmert und sorgt. Das Haus, in dem alle gemeinsam wohnen, ist zweckmässig und sehr einfach eingerichtet. Es verfügt kein bisschen Luxus.
Am letzten Tag in Badwell ging es dann mit den Jungs auf die Schulreise. Das war für die Jungs eine Aufregung, sie konnten es kaum erwarten, bis es los ging. Solche Ausflüge weg vom Alltag gibt es für sie so viel wie gar nie… So durften sie wieder mal etwas sehr Spezielles erleben. Ich denke, von den Erinnerungen werden die Jungs noch lange zehren können.
Um rund 6.00 Uhr mussten alle bereit sein. Mit Bus und Auto ging es dann los, nach Gandikota im Staat Andhra Pradesh, das direkt zwischen Hügeln am Pennar Fluss liegt. Gandikota selber besteht aus vielen sehr alten Tempeln und Ruinen.
Sobald wir nach einer kurvenreichen, eindrücklichen Fahrt beim Eingang von Gandikota standen, die Bustür geöffnet wurde, rannten die Jungs voller Freude los. Gefahren und Ängste kannten sie nicht…. Schnell standen schon die ersten Jungs auf den Dächern und Terrassen der unterschiedlichen Ruinen und schauten zu uns mit einem lachenden Gesicht und riefen: „Picture, Picture, Picture“ Fotos mit den Jungs auf den Ruinen konnten nicht genug gemacht werden. Sahen sie die geknipsten Fotos von sich, funkelten ihre Augen noch stärker. Es erfreute mich sehr, dass die Jungs so eine Freude hatten an diesem Ausflug…. Sie konnten kaum genug kriegen… sie rannten fleissig und schnell umher. Auch die brütende Hitze störte sie nicht… mir rann der Schweiss nur so runter… ich war den Schattenplätzen sehr dankbar.
Nach rund drei Stunden waren alle Ruinen und Wege mit Sicht auf den Fluss besichtigt. Alle versammelten sich wieder beim Bus und Auto. Die Fahrt ging weiter, zu einem grossen Baum, der ausreichend Schatten spendete. Da gab es ein feines Mittagessen bestehend aus einem Reiseintopf. Jeder von uns bekam einen Teller voll mit Reis, der sichtlich genossen wurde.
Kaum hatten die Jungs den Reis verschlungen, rannten sie los zu den „Beerenbüschen“ von der nahen Umgebung. Dort pflückten sie emsig die Beeren. Mich erstaunte, wie sie genau wussten, was essbar ist und was nicht. Auch die Beeren sind mal eine grosse Abwechslung für sie.

War das Mittagessen wieder aufgeräumt, ging die Fahrt weiter zu den Belum Caves. Das ist ein riesen Höhlensystem, dies wurde noch nicht vor allzu langer Zeit entdeckt. Waren die Tickets besorgt und verteilt, so ging es los in die Höhle… für die quirligen, aufgeweckten Jungs auch eine komplett neue Erfahrung. In der Höhle war eine schwüle, drückende Hitze so um die 35 Grad… die Jungs störte dies nicht, sie waren immer noch voller Energie. Ich war froh, war die Wärme ausgeglichen und nicht wechselhaft und das „Lauftempo“ langsam. Die Höhle war sehr eindrücklich, teils sehr grosse Buchten und „Räume“ mit breiten Wegen, und teils dann wieder schmale Wege… wo wir uns durchschlichen und uns ducken mussten, damit wir die ganze Höhle besichtigen konnten. Diese Höhle wurde über viele, viele Jahrhunderte vom Grundwasser geformt. Nach dem Besuch der Höhle genossen wir zum Abschluss mit den Jungs noch eine Eiscreme. Die Jungs konnten sich nochmals austoben auf dem riesen Gelände und Fussball spielen. Ich brachte den Jungs zwei Fussbälle mit… mich hat es sehr erstaunt und stimmt mich heute immer wieder nachdenklich, welche Freude ein Ball bei den Jungs auslösen konnte. Laut Ashi haben die Jungs schon länger nach einen Ball zum Spielen gefragt, aber es gibt keine Bälle in Badwell zu kaufen. Das Geld reicht in dieser Gegend nur für das Allernötigste wenn überhaupt, für Spielzeug bleibt kein Geld mehr übrig. Ich konnte auch auf dem Markt kein Spielzeug und Bälle finden zum kaufen. Auch Ashi bestätigte mir, es gäbe in Badwell keine Bälle zu kaufen, er müsste dafür 30 Minuten mit seinem Motorrad fahren. Auch im Haus, in dem die Kinder wohnen, sind Spielsachen grosse Mangelware, ich konnte keine entdecken. Umso mehr erfreute ich mich für die Kinder für die Bälle und die mitgebrachten Buntstifte.

Ein weiterer für mich persönlicher Höhepunkt der Reise war der Besuch des Roshini-Projekts, das Sister Lisy führt. Ich war gespannt darauf, wie das neu gebaute Haus aussieht. Nach einer langen Fahrt mit dem Nachtzug kamen wir in Mysore an. Da wurden wir von unseren indischen Freunden abgeholt und zu Sister Lisy begleitet. Freudig und herzlich wurden wir von Sister Lisy empfangen, es war so richtig schön. Nach unserem Zimmerbezug konnten wir ein köstliches indisches Mittagessen geniessen. Über den Tag konnten wir die ersten Eindrücke des neuen Hauses gewinnen und etwas ruhen.

Am Abend wurden wir von den rund 25 Mädchen freudestrahlend begrüsst. Die Freude über unseren Besuch zeigten sie durch verschiedene Tänze in farbenfrohen bunten Kleidern.


Jeder aus unserer Gruppe bekam eine persönlich selbstgestaltete Karte und wurde nochmals begrüsst. Dies hat mich sehr berührt. Diese Karte steht nun in meinem Wohnzimmer, und ich denke so täglich an die Girls. Am zweiten Tag besuchten einige aus der Gruppe den Mysorepalast. Ich blieb zurück bei Lisy und genoss die Ruhe. Während ich so vor dem Hauseingang verweilte, bekam ich „Besuch“ von einem Mädchen, etwa 5 Jahre alt. Sie wohnt erst seit kurzem gemeinsam mit ihrer Mutter im Roshini-Projekt. Zu diesem Zeitpunkt besuchte sie noch keine Schule und war deshalb alleine zu Hause. Die andern Kinder besuchten die Schule. Die Geschichte des Mädchens und ihrer Mutter hat mich sehr berührt, Sister Lisy hat sie mir kurz erzählt. Der Ehemann und Vater hat die Familie verstossen, da die Ehefrau die Haare aus unerklärlichen Gründen verloren hat und nun immer ein Kopftuch tragen muss. Irgendwie fanden die Mutter und ihr Mädchen den Weg zu Sister Lisy, wo sie jetzt Unterschlupf bekommen haben. Das Mädchen sass dann bei mir, sie brachte ein Schulheft mit, das sie mir zeigte, dort schrieb sie zum Üben fein säuberlich und korrekt die Zahlen von 1 bis 100 und das ganze Alphabet rein. Ganz zu meinem Erstaunen sprach das Mädchen englisch, ich konnte mich dann immer besser mit ihr unterhalten. Unter anderem fragte sie mich, wie mein Name und der Name der Gruppenmitglieder ist. Ich schrieb dem Mädchen die Namen in ihr Heft und schnell schrieb sie diese Namen nach. Das Mädchen schien mir sehr wissensgierig und sehr lernwillig zu sein. Mit dem Mädchen ging ich dann auf die Dachterrasse. Ich genoss von dort oben den Ausblick und sie wich nicht von meiner Seite. Sie schien die Aufmerksamkeit für sich alleine zu geniessen.
Während der ganzen Reise durften wir überall, wo wir hinkamen, grosse Gastfreundschaft erfahren und wurden herzlich willkommen geheissen und wurden für Kaffee und Essen eingeladen. Für mich am bewundernswertesten: je weniger die Inder haben, je höher die Gastfreudschaft.

Nochmals ganz herzlich Dank an unsere indischen Freunde für ihre grossartige Begleitung, Unterstützung und Hilfsbereitschaft. Es war eine super spannende Reise, welche mir in noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Mit herzlichen Grüssen,
Martina

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