Ein grosses Dankeschoen von Beena

Wie gewohnt, habe ich auch dieses Jahr eine laengere Zeit mit Beena Sebastian verbracht. Zu allererst muss ich herzliche Gruesse und einen gaaaaanz grossen Dank aussprechen an alle, die sie im letzten Jahr unterstuetzt haben.
Beena kaempft, wie die meisten Frauenschutzprojekte, mit ganz grossen finanziellen Problemen. Es ist einfacher, fuer ein Tierheim Spenden zu bekommen als fuer misshandelte und missbrauchte Frauen und Maedchen. Trotzdem leistet die Cultural Academy for peace, der auch ein Schutzhaus fuer Frauen und eins fuer Maedchen angeschlossen sind, eine unglaubliche Hilfe. Im Moment, wo das Bewusstsein fuer Missbrauch immer groesser wird, bitten so viele junge Frauen um Hilfe, dass im Frauenhaus von 45 Personen 25 Maedchen von 10 bis 18 Jahren sind, die eigentlich ihren eigenen Raum brauchen wuerden. Die juengsten sind natuerlich mit ihren Muettern dort. Im Maedchenschutzhaus sind 18 Maedchen im Alter von 12 bis 17 Jahren. Zur Zeit wissen die Verantwortlichen oft nicht, wie sie alle satt kriegen sollen, und das im hoechst entwickelten Staat von Indien, in Kerala. Dort steigen die Preise enorm. Alles wird teurer, nur die Loehne bleiben gleich. Und die Preise fuer landwirtschaftliche Erzeugnisse sind im freien Fall, seit ein Abkommen mit Indonesien ermoeglicht, dass von dort die Waren viel billiger importiert werden koennen als indische Bauern produzieren. An einem Tag war deswegen Streik. Alles stand still.

Wenn moeglich werden einige der Frauen ausgebildet, so dass sie auf eigenen Fuessen stehen koennen. So konnten im letzten Jahr fuenf junge Frauen eine einjaehrige Lehre als Krankenschwester absolvieren. Damit ist erst mal gut fuer sie gesorgt. Vielleicht schaffen sie es spaeter noch sich zusaetzlich ausbilden zu lassen, dass sie auch international als Krankenschwestern arbeiten koennten. Eine Frau ist Ernaehrungsberaterin geworden. Dieser Beruf hat in Kerala besondere Zukunftschancen, denn die Fastfood-Sucht nimmt erschreckend zu. Zum einen ist das Zeug billig, zum andern haben berufstaetige Frauen nicht mehr die Zeit zum Kochen (indische Kueche ist sehr arbeitsintensiv) und drittens moegen es viele junge Leute, besonders College-Studenten, nur noch ‚fast‘. Dementsprechend nehmen Fettleibigkeit, Krebs und viele andere Wohlstandskrankheiten erschreckend zu. Zwei Frauen lernen noch Modedesign. Das sind etwas bessere Schneiderinnen, die dann wiederum andere ausbilden koennen.

Eine weitere Angelegenheit ist es, ein Konto anzulegen, an das nur diese Frauen rankommen und sonst niemand. Sehr oft werden diese Maedchen finanziell ausgenutzt. Das „Milchkuhsystem“ ist in Kerala zwar ueblich und hat in der Vergangenheit erheblich zum Aufschwung in diesem Staat beigetragen: Einer verdient gut in der Familie, arbeitet irgendwo im Ausland und erhaelt den ganzen Clan, besonders jene, die in der Ausbildung sind. So ist Kerala zum allgemeinen Wohlstand gekommen. Heute gehen 100% der Kinder zur Schule, wenigstens zeitweise.

Alles gut und recht, aber die jungen Frauen sollen selber entscheiden koennen, was sie mit ihrem Geld machen und an wen sie es weitergeben.

Die Frauenschutzhaeuser nehmen im Moment zwar den groessten Raum ein, aber nach wie vor gibt es viele andere Aufgaben fuer die Cultural Academy for Peace (CAP).

Eine sind die Kurse fuer die Polizei, besonders die Bahnpolizei, wie man mit missbrauchten Frauen respektvoll umgeht. Aber im Moment werden ebenfalls in den Schulen sogenannte Peace Clubs gegruendet. Die jungen Leute lernen Streit zu schlichten als auch die Augen offen zu halten bei Missbrauch, gegebenenfalls auch auf andere Verbrechen, zum Beispiel Kinderarbeit, Menschenhandel, etc. Sie erfahren, was man tun und wohin man sich wenden kann.

Beena interessierte sich fuer einige Uebungen, die wir beim Projekt Alternativen zur Gewalt (PAG) in den Gefaengnissen anleiten oder die ich auch persoenlich weiterentwickelt habe. Ihr Wunsch waere schon lange, dass ich mal mit ihr zusammen einen Workshop anbieten wuerde, aber mein Englisch ist nicht dermassen ausgefeilt, wie es in diesen Kursen sein muesste. Eigentlich war mein Plan gewesen, sie mit dem PAG-Team in Kerala zu vernetzen, oder jemand vom Nordosten haette sich gerne mit dem Team in Nepal vernetzt, aber es war einfach nicht moeglich. Jetzt da ich gute Kontakte zu Rajagopal und seiner Ekta Parishad habe, wird es wohl eher in diese Richtung gehen, um so mehr dies auch von ihm persoenlich und seiner Frau Jill gewuenscht wird.

Beena war froh, dass ich da war. Dass sie eine Gespraechspartnerin hatte, die ihr zuhoerte. Indische Projektleiterinnen sind vor allem gefordert. Wie es ihnen privat geht, das bleibt deren Ding. Es ist schon Tradition, dass wir miteinander essen gehen. Dieses Jahr sind wir in ein kleines Cafe gegangen, das auch eine Galerie ist. Kochi und ganz besonders Mattancherry, die juedische Stadt, sind nicht nur Hotspots fuer Touristen, sondern es laeuft auch sehr viel mit Kunst. Alle zwei Jahre gibt es ueber die Jahreswende eine Biennale. Da habe ich einige Bekannte. Zu diesem Kreis gehoert auch der Galerist mit seinem Cafe.
Er hatte sehr grosses Interesse, Beena kennen zu lernen. Wir luden auch unsern Freund, den Rikshawdriver, ein. Das ist sehr aussergewoehnlich, wenn sie sich einladen lassen von uns „mehr Besseren“. Mit unsern beiden Rickshawdrivern sind wir so weit, dass die Augenhoehe stimmt und wir einen sehr vertrauten Umgang pflegen. Der eine hatte mir kurz vorher mit Traenen in den Augen gesagt, dass seine drei Jahre alte Tocher Leukaemie hat. Seine Mutter hatte einen Schlaganfall. Die muss er auch noch pflegen. Jetzt im Gespraech mit Beena kam noch ein anderes Familiendrama zum Vorschein. Auf Beenas Frage, warum er sich nicht bei ihr gemeldet haette, antwortete er auf gut indisch: Ich habe befuerchtet, dass du zuviel Arbeit hast. Auf deutsch uebersetzt heisst das eher: Ich wollte kein Verraeter von Familienangelegenheiten sein.
Idylle am Hafenbecken von Kochi (Cochin)

Mittlerweile sind es 15 Jahre, seit ich Freiwillige in der Cultural Academy of Peace (CAP) in Cochin war. Eine lange Zeit und doch so kurz, voller Erfahrungen von Freundschaft mit Beena, der ich hoechste Achtung ausspreche fuer ihren langen, ja ich wuerde sagen, lebenslangen und selbstlosen Einsatz fuer Frieden, Gerechtigkeit und Genderfragen. Mit so vielen Leidensgeschichten von Frauen bin ich konfrontiert worden und wuerde wuenschen, dass besonders wir Frauen sensibler wuerden fuer das Leid von Millionen unserer Schwestern auf der ganzen Welt.

Auch in der westlichen Welt ist viel Not unter Frauen, und doch ist kein Vergleich mit dem, was sich in vielen andern Laendern abspielt, wo die Gesetze nicht da sind oder nicht greifen.

Dies soll keine einseitige Parteinahme fuer die Frauen sein. Beena ist die erste, die immer wieder Partnerschaft als Ziel vorgibt. Es hat auch schon Kurse fuer Maenner bei der CAP gegeben. Vom Interesse her koennte es noch viel mehr geben, denn auch unter Maennern waechst das Bewusstsein, dass nur durch ein partnerschaftliches Miteinander der ersehnte Frieden wachsen kann.

Ich hoffe sehr, dass alle, die daran arbeiten, in Cochin und anderswo, einen langen Atem und viel goettliche Kraft haben, um noch lange weiter zu machen. Ich hoffe und bete, dass der lebenslange Wunsch von Beena Sebastian, ein eigenes Friedens- und Therapiezentrum zu haben, sich erfuellen moege und sich immer genuegend Menschen finden, die sich ebenso selbstlos fuer diese Ziele einsetzen.
Viel Zeit verbrachte ich einmal mehr beim Zahnarzt: vier zum Teil schwierige Wurzelbehandlungen und zwei Kronen waren dran. Vor 15 Jahren hat diese Zahnaerztin diese Zaehne schon mal aufgemotzt. Sie ist Fachfrau fuer Wurzelbehandlungen, eine wahre Kuenstlerin, ihr Mann macht die Kronen und der alte Vater plombiert meistens noch. Ein Rudel junger Zahnaerztinnen sorgt fuer Zahnhygiene und was es sonst noch so braucht in einer Zahnklinik.

Letztes Jahr wollte auch eine Teilnehmerin der Reisegruppe ihre Zaehne dort putzen lassen. Jetzt will es ihre Freundin ihr nachtun. Als dies bei der Gruppenvorbereitung zur Sprache kam, haben sich auch gleich noch vier andere angemeldet. Also, ich habe eine kleine „Zahnarztgruppe“. Nachdem mir eine junge Zahnaeztin die Zaehne wieder auf Vordermann gebracht hatte, wollte ich die Gruppe auch gleich anmelden. Das war Anfang Oktober fuer den 17. November.. Aber die junge Frau wollte absolut nicht. Man kann sich doch nicht so lange zum voraus anmelden. Man weiss ja gar nicht, was da noch alles passiert… Nachdem ich ihr erklaert hatte, dass man sich bei uns ein halbes Jahr vorher anmelden muss, hat sie dann den Termin notiert mit der Zustimmung des ganzen Rudels.
Wir sehen uns im November!!!

Eure Schwester Myriam

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