Weihnachten ist, wenn …

Liebe Leute,
ich bin wieder gut in Duesseldorf gelandet und in Wethen angekommen. Ein Stueck Herz und viele liebe Menschen sind in Indien zurueckgeblieben mit ihrem taeglichen Kampf ums Ueberleben. Ein Stueck Indien ist in meinem Herzen nach Wethen gekommen, wo ich liebevoll erwartet wurde.

Was ist denn Weihnachten? Welchen Sinn macht die Geburt Jesu in meinem Leben?
Wenn ich im Dunkel der Zeit das Licht der Liebe, der Wertschätzung und des Friedens erfahre und auch weitergebe. Wenn ich in diesem Licht den Bruder oder die Schwester erkenne, das Antlitz Jesu entdecke, denn ER ist es IMMER. Mein Herz muss der Ort sein, in dem Jesus geboren werden will, selbst wenn dieses Herz manchmal aussieht wie ein Stall, in dem Ochs und Esel hausen. Hauptsache, die Türe steht offen für Hirten und Könige.

Vor fast 60 Jahren hat mir eine Schulkollegin ein Gedicht in mein Album geschrieben, das mich bis heute begleitet:

In der Welt ist’s dunkel, leuchten müssen wir.
Du in Deiner Ecke, ich in meiner hier.

Diese Worte haben mich mein Leben lang begleitet.

Weihnachten ist, wenn Vinayalaya festlich geschmückt wird.

Weihnachten wird, wenn unsere Krippenbaufachingenieure am Werkeln sind. Wieviele Menschen in Indien und anderswo würden sich glücklich schätzen, wenigstens soviel Platz zum Leben wie in dieser Krippe zu haben…

Weihnachten ist, wenn es in meinem Garten mitten im Winter blueht und alle, die es sehen, sich daran freuen. Der Winterjasmin lässt grüssen.

Weihnachten ist, wenn eine junge Mutter im Slum sich ueber ihr Kind freut.

Weihnachten ist, wenn in traurigen Kinderaugen das Licht aufscheint.

Weihnachten ist, wenn jene, die draussen wohnen…
Wollen wir sie ueberhaupt? Auch in Deutschland nimmt die Obdachlosigkeit zu. Der junge Klosterbruder konnte es kaum fassen, als ich ihm davon erzaehlte.. Auch die Hirten haben draussen gewohnt, waren als Gesindel verschrien…, aber dann kamen Engel…

Weihnachten ist, wenn Menschen verschiedener Kulturen, Generationen und Sprachen sich verstehen und miteinander feiern.

Weihnachten ist, wenn Frauen, die ein sehr schweres Leben hinter sich haben, so offen und mit Freude auf die Fremden zugehen koennen…

Im Frauenhaus von Beena Sebastian wird es diese Weihnacht keine Bescherung geben. Ihre Aufklärungskampagne in den Schulen, bei der Polizei und an vielen andern Orten über Missbrauch, Gewalt in den Familien, Kinderarbeit, etc. trägt dermassen Früchte, dass immer mehr Frauen und junge Mädchen ihr Schweigen brechen und in die Schutzhäuser flüchten. Doch die staatlichen Stellen leisten keine finanzielle Hilfe. Das Geld reicht kaum mehr für die nötigsten Dinge. Das Essen muss auf Kredit eingekauft werden. Aber sie werden feiern, singen und tanzen, denn es ist Weihnachten.
Vielleicht kommt irgendwo ein Lichtlein her…

Weihnachten war, als die Daliths, die Ureinwohner Indiens, ein Volk, das jahrhundertelang diskriminiert und verachtet wurde, ‚unberuehrbar‘ war, Freude und Wuerde ausstrahlen und gelernt haben, das eigene Geschick in die Hand zu nehmen.

Sie freuten sich ueber die Leute aus Europa, die ihnen Wertschaetzung erwiesen und die ploetzlich merkten, welch reiche Kultur sie hier finden,

wieviel Gastfreundschaft, Herzensfreude und Zufriedenheit die Menschen erfuellt und auf uns ueberging.

Traenen flossen. Zusammen pflanzten wir einen Friedensbaum. Friede auf Erden allen Menschen, die sich Frieden wuenschen!!

Ich wuensche allen eine erfuellte, freudenreiche Weihnachtszeit, das ganze Neue Jahr hindurch.

Eure Schwester Myriam

Weihnachtssternhecke im Bergdorf Kutta, an der Grenze zu Kerala

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