Indische Religionsobere wollen Hass nicht tolerieren

Indien ist für mich das religiöseste Land der Welt. Religion ist keine Theorie, sondern allgegenwärtig im Alltag. Indien ist nicht bloss ein Land, sondern ein ganzer Kontinent, eine Vielvölkergemeinschaft, ein Schmelztiegel der Religionen, Kulturen, Sprachen und Ethnien. Das geht nicht ohne Konflikte. Doch seit einigen Jahren nehmen Intoleranz und sektiererische Gewalt im ganzen Land zu. Religion wird auch dort immer mehr missbraucht von der Politik. Den folgenden Bericht aus den Vatikan-Nachrichten vom 13. April 2018 finde ich bemerkenswert:

Indien: Aufruf zu religiöser Toleranz

Mehr als 1500 religiöse Führer haben sich in Indien zu einer zweitägigen Versammlung getroffen. Sie wollen sich verstärkt dafür einsetzen, die jeweils wahren Botschaften ihres Glaubens zu verbreiten und so der wachsenden religiös-motivierten Gewalt und dem Hass entgegentreten.

Repräsentanten der Hinduisten, Muslime, Christen, Sikh, Jain und Buddhisten sowie religiöser und sexueller Minderheit haben an einer Konferenz am 11. und 12. April in Indore teilgenommen. Es wurde gemeinsam von drei Organisationen, die sich für religiöse Harmonie einsetzen, organisiert. „Wir sehen eine Zunahme von religiöser Gewalt im Land und müssen dafür eine Lösung finden. Diejenigen, die Gewalt verbreiten, sind keine religiösen Menschen. Sie verstehen die Grundsätze ihrer Religion nicht“, sagte Adil Sayeed, einer der Organisatoren. Weiter sagte er, die Menschen, die religiösen Hass verbreiteten, täten dies aus politischen Gründen oder um sich persönlich zu bereichern. Sie würden sich lediglich die Lehren und Tradition heraussuchen, die ihnen persönlich zum Vorteil gereichten, um so Hass zu verbreiten. Gewöhnliche Menschen könnten diese verfälschten Lehren glauben — so entstünde dann religiöse Intoleranz, erklärt Sayeed. Die Teilnehmer haben sich laut Sayeed dazu verpflichtet, den Angehörigen ihrer Religion die wahre Lehre ihres Glaubens nahezubringen, denn keine Religion lehre Hass und Gewalt.

Indien erlebte seit dem Amtsantritt der pro-hinduistischen Bharatiya Janata Party (BJP) im Jahr 2014 eine zunehmende religiöse Polarisierung. Die Partei propagiert sich selbst als Vorkämpfer der Hindus und unterstützt hinduistische Gruppen, um ihre Aktion zur Umwandlung Indiens in eine Hindu-Nation zu beschleunigen. Religiöse Minderheiten wie Christen und Muslime beschweren sich über vermehrte Gewalt gegen ihre Religionsgruppen. Zehn muslimische Männer wurden getötet und 2017 wurden 736 Christen attackiert, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

80 Prozent der 1,3 Milliarden Inder sind Hindus. Mit 14 Prozent stellen die Muslime die größte Minderheit dar. Christen machen gerade einmal 2,3 Prozent der Bevölkerung aus. Da 2019 die nächsten Parlamentswahlen anstehen, stellen sich die Politiker aktuell gerne als Beschützer der Religionen dar.

Eigene Erfahrungen

Schon mehrmals wurde ich gefragt, manchmal neugierig, manchmal auch gehässig, wie ich denn in Indien mit den andern Religionen umgehen könne, da ich doch so katholisch sei. Sehr gut kann ich damit umgehen, denn ich weiss, wer ich bin und wo ich stehe. Viele meinen, dass das Christentum eh nichts in Indien zu suchen hätte und wissen nicht, dass es im Süden seit dem ersten Jahrhundert Christen gibt, noch haben sie eine Ahnung, welchen enormen Einsatz die Kirchen, insbesondere Ordensleute, bei den Ärmsten der Armen, dort wo keiner hingeht, leisten, oft unter Einsatz des eigenen Lebens. Diese westliche antikirchliche Propaganda ist natürlich Wasser auf die Mühle der Ultranationalisten, denen es nicht um die Menschen, sondern um Macht und Reichtum geht. Es gibt auch Evangelikale, welche alles, was nicht ihrer Lehre entspricht, zur Hölle verdonnern und dabei Hindus und viele andern zur Weissglut bringen.

Was ich bei meinen indischen FreundInnen besonders schätze, ist die Art, über Religion im Alltag zu sprechen. Man erkennt die Religionszugehörigkeit auch an der Kleidung, den Namen, an den religiösen Bildern oder Symbolen im Laden, im Auto, im Büro oder wo immer. Es kann auch vorkommen, dass ein Ladenbesitzer zuerst noch seine Andacht halten will, ehe er einen bedient. Christen beten oft einen Segen, ehe sie mit dem Auto losfahren (bei dem Verkehr!!). An mehreren Orten, wo ich jeweils länger weile, höre ich am Morgen oder auch am Abend den Gebetsruf des Muezzin. Irgendwann tönt die Musik vom Tempel herüber, an einigen Orten werden dann auch vom Kirchturm Gebete, Lieder oder das Evangelium des Tages gesendet. Ich geniesse diese Orte. So könnte es sein, Frieden auf Erden den Menschen guten Willens, verbunden mit DEM, der alles zusammenhält.. Oder eben ein Vorgeschmack auf den Himmel…

Als ich 1998 das erste Mal in Bangalore weilte, lernte ich an einem interreligiösen Treffen Professor N.S. Ramaswami (en.wikipedia) kennen. Er war ein hoher Gelehrter, ein Universalgenie, ein einfacher Mann, von dem ich sehr viel gelernt habe und der mir heute manchmal noch fehlt. Einmal sagte er mir: „Es gibt nur einen Gott. Die vielen tausend Götter im Hinduismus sind einfach verschiedene Gesichter des einen Gottes.“ Ich dachte an unsere vielen Heiligen oder Patrone, die in ihrer Verschiedenheit alle etwas von Christus in ihrem Leben verwirklicht haben. Ein anderes Mal sagte er: „Wir haben 20 Millionen von Göttern, aber was Jesus für Euch getan hat, hat keiner von den unsern für uns getan.“ Welche tiefe Erkenntnis hatte dieser Mann, wo in unserer Zeit im reichen Westen das Ärgernis des Kreuzes und Opfertod Jesu wegdiskutiert wird? Professor Ramaswami war ein grosser Verehrer von Sai baba. Er war ein hochkarätiger Brahmane, aber einmal soll er Kastenlosen die Füsse gewaschen haben. Für Ordensschwestern hatte er eine besondere Verehrung, weil die zu den Ärmsten der Armen gehen, da wo keiner hingeht. Für Konversionen hatte er allerdings kein Verständnis. Jeder soll da gut leben, wo er hineingeboren ist. Als ich ihn einmal fragte: „Wie sehen Sie den Run zum Materialismus, der sich rasant ausbreitet?“ Professor Ramaswami lächelte nur und antwortete dann: „Sie werden ihm eine Zeitlang nachrennen, aber sie werden bald genug davon haben und sich wieder auf die alten Werte besinnen.“

Als ich 2002 bei Beena weilte, verlor ich mein Professkreuz. Das bedeutet für mich soviel wie für andere der Verlust des Eherings. Ein Freund aus der salesianischen Familie schickte mir darauf eine Skizze des Kreuzes. Ich ging zu einem Silberschmied, der mir das Kreuz dann auch anfertigte, ein Hindu. Ich musste ihm jedes Detail ganz genau erklären. Als ich das Kreuz abholen ging, hatte er Traubensaft besorgt, wollte nochmals alles ganz genau wissen und dann feierten wir zusammen mit seinem Mitarbeiter ein richtiges Fest. So hat sich nie wieder jemand für mein Kreuz interessiert…

Schwester Lisy, die Gründerin des Roshini Projektes, könnte Professorin sein. Stattdessen gehört ihr Herz den Armen, den Strassenkindern, den zukunftslosen jungen Leuten, besonders den Frauen. Ihre rechte Hand ist eine Muslimin, eine wunderbare Frau. Das erste Mädchen, das wir föderten, war ein hochbegabtes, aber völlig mittelloses Hindumädchen, das heute Ingenieurin ist.

Als ich das erste Mal bei Schwester Lisy in Mysore lebte, wohnten wir im Salafistenviertel. Zugegeben, der eine Nachbar war ein Ekel, aber solche Nachbarn gibt es überall. Wenn die andern Leute in der Nachbarschaft ein Fest feierten oder sich auf die Reise nach Mekka machten, waren wir miteingeladen. An Weihnachten teilten wir mit ihnen unsern Weihnachtskuchen.
Erst zurück in Deutschland habe ich erfahren, dass die Salafisten alle böse sind. (Entschuldigung, das sind plakative Vorurteile, die ich oft zu hören bekomme, aber so krass treffen sie auf mich.)

Ein besonderes Erlebnis war die Einladung zu einer muslimischen Hochzeit. Samir war ein grosser Wohltäter von Lisy, ein Mann, der half, wo er helfen konnte. Auch ich verstand mich mit ihm ausgezeichnet. Also, wir sollten an seine Hochzeit kommen. Ausser ihm kannten wir niemand von der Gesellschaft, aber seine Schwester kam sofort auf uns zu. Lisy fiel durch ihr Ordenskleid auf, ich durch meine weisse Haut. Frauen und Männer waren getrennt. Sameer hörten wir hinter einer Wand zwar beten, aber wir sahen ihn erst, als er hereinkam, um seiner Braut den Ehevertrag zum Unterzeichnen zu bringen. Diese sass auf einer Art Bühne. Wir erkannten unsern bescheidenen Sameer kaum. Er sah aus wie ein Prinz. Er schritt würdevoll von hinten durch die Halle, doch dann bog er plötzlich zu uns beiden ab, begrüsste uns herzlichst, dann schritt er würdevoll weiter Richtung Braut. Nach der Trauung kümmerte sich wieder seine Schwester um uns, dass wir ja genug zu essen hatten.

Auch das Frauenhaus von Beena Sebastian und ihre Friedensakademie ist offen für alle. Beena vermeidet es ganz klar, sich mit einer einzelnen Religion oder Partei oder Organisation einzulassen, auch wenn sie dadurch finanzielle Einbussen erleiden muss. Die Angestellten kommen ebenfalls aus allen Religionen. Übers Jahr hinweg werden denn auch die wichtigen Feste der einzelnen Bekenntnisse von allen gefeiert.

Beenas Vater war ein anglikanischer Pastor, ein grosser internationaler Friedensstifter und Kollege von Gandhi, heute leider vergessen. Interreligiöser Dialog ist in Indien ein Muss, wenn man für den Frieden arbeiten will. Beena hat viele Jahre für die katholische Bischofskonferenz gearbeitet, um ihr Anliegen in die Kirche einzubringen, hat aber auch mit allen andern Religionen Kontakt. Wenn die Frauen verschiedener Religionen sich zusammen tun, dann ist schon viel getan.

In Kochi habe ich auch meine muslimischen Freude, die Rickshawfahrer. Sie begleiten immer unsere Reisegruppen, zeigen verborgene Winkel, welche nur wenige Touris sehen und haben uns schon in vielen schwierigen Situationen geholfen. Der eine ist ganz stolz, dass seine Frau für eine kommunistische Partei kandidiert. Kerala ist tatsächlich das erste Land, das 1958 ein frei gewähltes kommunistisches Parlament hatte. Heute noch wechseln sich Congress Partei und die Kommunisten in der Regierung ab. Die Nationalhinduisten haben dort keine Chance. Als von Delhi die Verordnung kam, ab sofort wäre das Schlachten von Rindern im ganzen Land verboten, feierten die Keraliten ein grosses Rinder-Festival. Rindfleisch gehört zu unserer Kultur!!

In Kochi gibt es auch eine alte jüdische Stadt mit einer Synagoge aus dem 16. Jahrhundert. Was in Europa kaum bekannt ist: Indien hat eine äusserst positive Geschichte mit den Juden bis in die jüngste Zeit. Die portugiesische Kolonialzeit war die schlimmste Epoche mit Judenprogromen. Heute ist diese jüdische Kolonie leider am Aussterben. Aber in der Gegend von Goa sammelt sich eine ganz neue Gruppe Juden: Israelische Soldaten, die nach ihrem Wehrdienst die weite Welt sehen wollen und die oft erst dann auch merken, was in ihrem Land mit den Palästinensern abgeht. Wie lange es Juden in Indien gibt, weiss niemand, aber möglicherweise kamen Flüchtlinge nach der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar und der babylonischen Gefangenschaft, 600 Jahre vor Christus. Nach der Auferstehung Jesu wurden die Apostel in alle damals bekannte Welt gesandt. Diese jüdischen Gemeinden mögen der Grund gewesen sein, dass der Apostel Thomas bis nach Indien kam. Deshalb gibt es in Kerala eine der ältesten Kirchen der Welt.

Mit unsern Gruppen haben wir bis vor kurzem auch immer den Sikhtempel besucht:

Sikhismus war ein Versuch von einer Art Versöhnung zwischen Islam und Hinduismus. Daraus ist eine neue Religion entstanden. Was unsere Leute besonders beeindruckte, war die herzliche Gastfreundschaft. Viele fragten sich nachher: Würden wir auch so nett sein und eine fremde Gruppe, mit anderer Religion und aus einem andern Kontinent so gastfreundlich aufnehmen?

Letztes Jahr besuchten wir mit unserer Reisegruppe erstmals einen Ashram von Daliths, kastenlose Ureinwohner, die einer Naturreligion angehören. Sie kennen keinen üblichen Gott, sondern sind mit Mutter Erde und den Ahnen verbunden. Mit ihnen feierten wir, pflanzten Bäume und liessen uns einfach beeindrucken von der ganzen Lebensweise eines Volkes, das stets ausgegrenzt war, jetzt aber mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein auf gewaltfreie Art für seine Rechte eintritt und auch viel erreicht, aber nach wie vor sehr viel zu erdulden hat…

Von ihrer Art mit der Natur umzugehen, könnten wir alle viel lernen.

Die Daliths werden offiziel zu den Hindus gezählt, wollen es aber nicht sein. Auch sie haben das Rindfleischverbot nicht anerkannt, weil für sie die Kraft des Tieres beim Essen auf sie übergeht.

Und natürlich finde ich auch meine eigene Kirche wieder, eine ganz andere, junge, bunte, kreative und tief spirituelle Gemeinschaft. Ich erlebe Ordensleute, die ihr Leben wagen bei ihrem Einsatz für die Ausgegrenzten, Menschen, welche zu Menschen gehen, die sonst auf Grund ihrer Herkunft keine Chancen hätten auf Bildung, medizinische Versorgung und in unzähligen andern sozialen Projekten. Hier erlebe ich meine alte salesianische Spriritualität ganz neu. Je mehr ich mich ins Herz Gottes verliere, um so näher bin ich meinen Mitmenschen.

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