Abschied von den kleinen Jungs

Liebe Leute,
kürzlich erhielt ich von Pater Ashirvadam (Ashi) folgende Nachricht:
„Ich bin versetzt worden in eine Dorfpfarrei. Nach sechs Jahren habe ich Abschied genommen von den kleinen Jungs in Badwell. Ich wohne jetzt in einem Pfarrhaus, das vom Vorgänger ziemlich vernachlässigt wurde. Zuerst muss ich renovieren. In meinem Schlafzimmer fand ich drei Skorpione. Ausserdem gibt es hier auch Giftschlangen, die ich nicht besonders mag. Aber die Gegend ist sehr schön und ich bin im Glauben gewachsen und gefestigt worden“.

Ich bewundere immer wieder die Belastbarkeit vieler Inder, ihre Gelassenheit und Zuversicht! Dorf hat die Bedeutung von arm, hinterwäldlerisch. Schon die Stadt Badwell ist sehr arm, aber, und das muss man sagen, voller Leben und auch Toleranz. Hindus, Muslime, Christen, alle leben miteinander. Morgens und Abends tönt Tempelmusik durch das Städtchen, der Muezzin ruft vom Minarett und vom Kirchturm wird ebenfalls Musik, das Rosenkranzgebet oder das Evangelium des Tages gesendet. Zum Rosenkranz muss ich noch sagen: Der wurde nicht von Katholiken erfunden, sondern ist eine uralte Gebetsart, die aus Asien stammt. Hindus wie Muslime haben Gebetsschnüre, wahrscheinlich auch Buddisten und Jains.

Vor gut 10 Jahren habe ich Pater Asirvadam gleichzeitig wie Schwester Lisy kennen gelernt. Seither begleite ich ihn. Er hat mir viel geholfen, wenn ich im Staat Andrah Pradesh war, weil er selber von dort ist und die Gebräuche und die Sprache kennt. Die letzten Jahre habe ich ihn immer wieder in Badwell besucht. Letztes Jahr habe ich sogar eine kleine, ausgewählte Reisegruppe dorthin mitgenommen, denn nicht alle Leute können mit der Armut umgehen. Siehe auch: Martina B: Ein Ausschnitt von der Indienreise im September 2017 Es war eine sehr tiefe Erfahrung für alle.

Dank dieser Reisegruppe durften die Jungs mal einen grossen Schulausflug machen, weit weg von dem, was sie schon kannten. Schulausflug hiess sonst: 5km marschieren, ein wenig an einem See schwimmen oder spielen, und dann gab es noch Süssigkeiten und nachher zurück marschieren.. Jetzt wurde ein Bus angemietet, so ein schön grosser, in dem die ganze Meute Platz hatte. Den ganzen Tag waren sie unterwegs gewesen bis spät in die Nacht und hatten soviel Neues und Unbekanntes gesehen. Erst vor kurzem hatte Ashi mir geschrieben, dass sie noch jeden Tag von diesem EINEN Tag sprachen. Die andere Nachricht war gewesen, dass bis auf einen alle ihre Examen bestanden hatten.

Die Jungs im Alter ab 6 bis 15 Jahren stammen aus den abgelegenen Dörfern der Region. Meistens sind sie Bauernsöhne oder die Kinder von Lastwagenfahrern oder Rickshawdrivern. Einige sind auch Halbwaisen, deren Mütter kaum wissen, wie sie die hungrigen Mäuler sattkriegen. Sie gehören alle der katholischen Minderheit an, auch sehr armen Ethnien oder Kasten. Das Internat ist nur für katholische Jungen aus dieser Region, die sonst nicht zur Schule gehen könnten. Hier sind die Kinder unter sich, werden auch religiös gebildet und begleitet. Zuhause müssten sie arbeiten. Würde ein nahestehendes Familienmitglied krank, dann kehren sie sofort nach Hause zurück, um die Arbeit zu machen.

Die zum Internat gehörige Schule ist offen für alle. Es unterrichten LehrerInnen aller Religionen. Im Internat bekommen die Jungs 3x am Tag zu essen: einen Berg Reis mit etwas Gemüsesauce. Stühle oder Tische oder gar Besteck gibt es nicht, Betten übrigens auch nicht. Man sitzt auf dem Boden, isst mit der Hand und schläft in geschlossenen Räumen auch auf dem Boden. Etwas anderes kennt man nicht. Wichtig ist, dass man zur Schule darf. Das ist ein Privileg, vor allem, wenn es 10 Schuljahre werden.

Wichtig sind Schulbücher und Hefte und vor allem Elektrizität, dass am Abend auch die Schulaufgaben gemacht werden können. Ashi hatte einmal um einen Generator gebeten. Eine ehemalige Indienreisende machte es möglich, ein sehr nachhaltiges Geschenk, denn die Elektriziät kann zu jeder Tag- und Nachtstunde ausfallen. Ashi schrieb mir nachher, dass die Kinder, seit sie die Schulaufgaben besser und regelmässig machen konnten, deutlich ihre schulischen Leistungen steigern konnten.

Als ich Ashi letztes Jahr gesehen habe, hatte ich den Eindruck, dass er ziemlich am Ende seiner Kräfte war. Er war allein mit den 50 Jungs. Der Koch, mit miserablem Lohn und kranker Frau, half ihm dabei, was er nur konnte. Manchmal war auch noch ein Praktikant da, aber das war schon fast Luxus. Ich staunte immer über die Ordnung und Disziplin. Die älteren schauten zu den jüngeren, aber ich hatte nie den Eindruck, dass da Unterdrückung oder gar Gewalt herrschte. Nur einmal zog ich zwei Kleine auseinander. Zuerst wollte keiner reden, der eine schwieg, der andere mit der dunkleren Haut weinte. Genau darum ging es: Wer hellere Haut hat, ist etwas Besseres. Ich nahm ihre Hände in die meinen und versuchte aufzuzeigen, wie schön es ist, wenn so viele verschiedenen Farben sich mischen und sich alle an den Händen halten. „Wenn ich so lange an der Sonne Fussball spielen würde wie ihr heute, dann wäre ich jetzt ganz rot und das macht Aua! Dunkel ist viel besser“. Und dann beide noch ein wenig drücken.
Der eine der beiden war übrigens schon mal nach Amerika verkauft gewesen, aber seine armen Eltern, die sicher auch nicht viel gebildet sind, brachten es fertig, dass er zurück gebracht werden musste. In Indien begegnet man den Schattenseiten der Globalisierung auf Schritt und Tritt. Bei einer Kampagne an einem Touristenort hat mir mal ein wohlbeleibter Schweizertourist gesagt: „Ach, Frauen- und Kinderhandel gehört in Asien zur Kultur.“

Auch der Klimawandel ist hier deutlich mehr bemerkbar. Heiss war es in Andrah schon immer, aber jetzt wird es in der heissen Zeit 50 Grad und mehr. Es ist meistens viel zu trocken oder es stürmt und regnet, dass nachher alles überschwemmt ist. Die Bauern sind sehr arm, aber das Land gehört ihnen. Wie lange noch, denn sie können nicht davon leben? Ich habe mich immer gewundert, wie sie das schaffen.. Der Boden ist sehr karg mit vielen dornigen Sträuchern, wo sie ihre Kühe und Ziegenherden weiden. Andrah ist auch bekannt für die weltbesten Mangos. Inzwischen sind viele Plantagen wieder abgeholzt wegen Wassermangel.

Als ich die Buben mal nach ihren Berufswünschen gefragt habe, wollten die meisten Polizist werden oder zur Armee. Bauer wollte nur mal einer werden… Tatsächlich steht die indische Landwirtschaft vor riesigen Herausforderungen. Pro Jahr nehmen sich 12 000 indische Bauern das Leben… Allerdings auch bei uns in Europa nehmen die Suizide unter Bauern zu… Wir sind nur eine Welt!! Durch einen Freihandelsvertrag mit Indonesien können nun Agrargüter bedeutend billiger nach Indien importiert werden als es die einheimischen Landwirte schaffen zu produzieren. Die Verzweiflung ist gross. Aber nicht nur dort. Vor wenigen Monaten wurde in Deutschland eine Kampgne gestartet zur Unterstützung unserer deutschen Bauern: Derzeit verhandelt die EU mit Lateinamerika über das Handelsabkommen Mercosur. Tritt es in Kraft, bringt es Massen an Billigfleisch nach Europa und ruiniert die bäuerliche Landwirtschaft. Die Gewinner: Agrarfabriken mit Megaställen, die massiv Antibiotika und Pestizide einsetzen. Sie allein könnten mit den Agrarfirmen aus Brasilien oder Argentinien konkurrieren und würden absahnen……

Der Abschied Ashis von den kleinen Jungs ist auch ein Abschied für mich. Ich hoffe, dass sich sein Nachfolger ebenso liebevoll um die Jungen kümmern wird, wie ich auch hoffe, dass sich sein Nachfolger etwas mehr bei den zuständigen Stellen zu wehren weiss. Hoffentlich ist er ein Bauernsohn. Asi ist in der Stadt aufgewachsen.
Das Haus müsste unbedingt saniert werden. Das Essen ist seeeehr einfach. Für die kleinen Jungs fing ich an, kleine rote Münzen zu sammeln, um ihnen ein wenig besseres Essen zu ermöglichen, besonders etwas mehr Obst, jeden Tag eine Banane. Ganz viele Menschen haben den Gedanken aufgegriffen und mitgemacht. Ein ganz grosses Danke schön!! Auch wenn es in Zukunft nicht mehr für diese Jungs sein wird, so werde ich doch weiterfahren mit dem Sammeln der kleinen roten Münzen. Sie ermöglichen mir ein wenig „freies Geld“ für unerwartete Ereignisse. Manchmal kann ein Zustupf zum Beispiel für die Reparatur eines kaputten Fahrrades eines armen Händlers schon Wunder wirken. Mir liegt aber vor allem auch das Frauenhaus von Beena Sebastian am Herzen. Dort herrschte letztes Jahr grosse Not. Zwar hatten sie endlich Zuschüsse bekommen, um das Gebäude zu renovieren, aber sonst fehlt es am Nötigsten. Kurz vor Weihnachten hatte mir Beena berichtet, dass es dieses Jahr keine Weihnachtsbescherung geben würde. Es war einfach kein Geld da, während bei uns grösster Weihnachtsrummel, Überfluss und grosse Ansprüche herrschen. In meiner Not schrieb ich an eine australische Kollegin, die Weihnachten immer in Kochi verbringt und Beena mittlerweile auch kennen gelernt hatte. Sie und ihr muslimischer Rickshawdriver, ebenfalls ein Freund von mir, brachten dann Süssigkeiten zu den Frauen und Kindern. So konnte dann doch noch ein Fest gefeiert werden, oder erst recht ein Fest, eben Weihnachten.

Es ist sehr schwer, Menschen für missbrauchte und misshandelte Frauen zu interessieren, am allerwenigsten, wenn sie noch psychische Probleme haben. Das ist hier so und in Indien und an vielen andern Orten erst recht. Mehrere Jahre nacheinander hat ein Ehepaar, das Beena auf der Reise kennen gelernt hatte, ein Benefizessen organisiert. Tagelang arbeiteten sie jeweils dafür. Jetzt sind die beiden in die muslimische Heimat des Mannes ausgewandert. Einmal konnte ein Jahreslohn einer Angestellten bezahlt werden, ein anderes Mal wurde eine Rikshaw gekauft, damit die Frauen das Rikshawfahren erlernen konnten. Ein Einbruch in eine Männerdomaine, aber sehr hilfreich und nachhaltig, weil diese Frauen die Augen offen halten, wenn sie Frauen sehen, die ebenfalls Hilfe bräuchten….

Seit vielen Jahren versuche ich eine Solidaritätsgruppe aufzubauen, aber das ist sehr schwierig. Jedes unserer Haustiere wird besser versorgt, auch medizinisch, als diese Frauen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich hätte einmal einer Gruppe Slumfrauen einen Vortrag über arme Frauen in Deutschland halten sollen. Zugegeben, die Anfrage kam spontan und ich hatte keine Zeit mich vorzubereiten. Es war das peinlichste, was ich je in Indien hätte tun sollen. Bei allem was ich sagte, ergänzten die Frauen: „Wir wären aber schon zufrieden, wenn wir wenigstens dies oder jenes hätten, was Eure Frauen bekommen.. So schlimm kann es bei euch nicht sein.“
Öfter als man denkt, bekomme ich gesagt: „Warum sollte man da helfen? Die Armen sollen lernen sich selber zu helfen. Sie sollen sich zusammen schliessen und Revolution machen.“ Zu lernen sich selber zu helfen, auf eigenen Füssen zu stehen, genau das lernen die Frauen doch im Frauenhaus. So weit es möglich ist, bekommen sie die Möglichkeit zu einer Ausbildung. Aber einige sind traumatisiert mit schweren psychischen Schäden, brauchen medizinische, psychotherapeutische oder rechtliche Hilfe..

Ich bin allen dankbar, die weiterhin kleine rote Münzen sammeln werden. Oft, wenn ich in mein Zimmer komme, steht ein Glas mit Münzen da, von irgend einem unbekannten Schutzelengel gebracht, oder es steht auf der Treppe oder in der Gemeinschaftsküche. Die Botschaft ist immer klar: Es gibt viele Menschen, die mit mir auf dem Weg sind, kleine Schritte tun und nicht resignieren. Euch allen drücke ich meinen grossen Dank aus. Die kleinen Münzen haben einen weitaus grösseren Wert als den Geldwert.

Eure Schwester Myriam

Credo jenseits der Religionen

Ich glaube an den Wassertropfen, denn steter Tropfen höhlt den Stein.
Ich glaube an die Steine, die ins Wasser geworfen werden, dass sie
weite Kreise ziehen.
Ich glaube an die kleinen Münzen. Jede Million beginnt mit der ersten
Münze. Wenn sie geteilt wird, werden viele reich.
Ich glaube an die kleinen Flammen. Jede von ihnen ist stärker als die
Dunkelheit.
Ich glaube an die kleinen Schritte, denn der längste Weg beginnt mit
dem ersten Schritt.
Ich glaube an die guten Gedanken, denn sie bewegen die Welt. Die guten
oder die bösen Gedanken werden unser Schicksal.
Ich glaube an die kleinen Menschen, denn wenn viele kleine Menschen
kleine Schritte tun, verändern sie die Welt.
Schwester Myriam

Credo beyond religion

I believe in the ever falling water drop. It carves the rock.
I believe in the stones which are thrown into the water. They draw big
circles.
I believe in the small coins. The first million starts with the first
one. And when they are shared, many become rich.
I believe in the tiny flames. Each one is stronger than the darkness.
I believe in the short steps. The longest way starts with the first step.
I believe in the small people. When many of them start with short first
steps, they shall change the world.
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