Archiv für den Monat September 2018

Abenteuerurlaub in Mysore

Mysore, die alte Koenigsstadt, ist mir sehr vertraut. Hier habe ich immer wieder bei Sr. Lisy gelebt und das Werden des Roshini-Projektes von Anfang an miterlebt mit allen Hoehen und Tiefen. Mysore ist fuer mich eine Stadt, wo Hindus, Muslime und Christen miteinander leben und miteinander feiern. Die Muslime laden zum Haj-Essen ein, bevor sie verreisen, oder zum Fastenbrechen nach dem Ramadan. Die Christen teilen den Weihnachtskuchen, und wer macht nicht mit am weltberuehmten Dasara-Fest der Hindus? Ich war nirgends an so vielen Festen anderer Religionen wie in Mysore, wovon das eindruecklichste ein Weihnachtsfest war, wo ein Hinduelternpaar dem Moerder seines einzigen Sohnes vergab, einem Terroristen, der ihren Sohn damals im Ueberfall auf das Rajhotel in Mombay erschoessen hatte. Weihnachten ist das Fest des Friedens. Wir wollen den Hass nicht weitertragen.

Hier regt sich keiner ueber verschleierte Frauen auf. Schliesslich tragen auch die vielen Ordensschwestern einen Schleier. In der Kathedrale sieht man durchaus auch Angehoerige anderer Religionen. Meistens erkennt man an der Kleidung der Leute, zu welchem Bekenntnis sie gehoeren.

Kathedrale von Mysore

Im Mysore laesst sich immer mehr Industrie nieder. Die grossen IT-Unternehmen siedeln hierher. Es ist billiger als in Bangalore, und der Verkehr ist nicht ganz so katastrophal. Mit jeder grossen Firma gibt es auch einen neuen Slum. Die Leute kommen von den Doerfern und dem Urwald, um bessere Verdienstmoeglichkeiten zu haben, was sehr oft im Slum endet… und in der Kriminalitaet. Waren es vor ein paar Jahren noch um die 80, sind es mittlerweile schon ueber 100 Slums. Das sind die Orte, welche Lisy anfing aufzusuchen und die Kinder von der Strasse zu holen. Von Anfang an musste sie vieles aushalten, Verleumdungen, Verdaechtigungen, Intrigen und viele andere Gemeinheiten. Es gibt aber auch sehr viele Menschen, welche sie mit kleinen und grossen Spenden und viel anderem Wohlwollen unterstuetzen, so dass werden konnte, was jetzt ist.

Ich hatte eigentlich vor, nur wenige Tage in Mysore zu bleiben, aber ich merkte bald, dass Lisy mich noetig hatte. Sie war praktisch allein im grossen Haus, was fuer indische Menschen sehr ungewohnt ist. Ihre Mitschwester war im Mutterhaus. Die Koechin hat sich verabschiedet, weil sie demnaechst heiraten will. Die Putzfrau war an einem Hindufest, ohne sich abzumelden. Sonst waren nur noch einige junge Maedchen im Haus. Zur gleichen Zeit fing auch der Bau des laengst geplanten Schulhauses an, damit die Dreimonatskurse fuer junge Erwachsene endlich ihr Sparflammendasein beenden und neues Feuer in’s Projekt kommt.

Das Projekt musste sich sehr veraendern, aehnlich wie das Projekt in Pakistan (siehe mein Beircht Mein Bruder heisst Yahya und ist Pakistani). Christliche (oder in Pakistan auch muslimische) Initiativen, die nicht ins Raster passen, wie Frauen- und Maedchenbildung, werden zunehmend behindert. Es werden Vorschriften gemacht, die nicht eingehalten werden koennen. Die Gebaeude sollten Vorschriften entsprechen, die baulich gar nicht finanzierbar sind. Es geht wenig um das Wohl der Kinder. Wenn sie auf der Strasse bleiben, dann ist das so. Bei staatlichen Kinderheimen wird nicht so genau hingeschaut. Man muss wissen, dass in Indien das Schul- und Bildungswesen ein grosses Geschaeft ist, das wenig mit dem Kindswohl zu tun hat. Das schlimmste aber ist, wenn GruenderInnen nicht bereit sind Trinkgelder an gewisse Stellen zu bezahlen. In der letzten Zeit haben 180 Kinderheime geschlossen. Aber die Kinder sind trotzdem nicht verlassen.

Die Verantwortlichen sind entsprechend erfinderisch, um am Dienst an den Armen weiter zu machen. Yahya musste seine Schulen ganz schliessen, weil die Maedchen sonst in Lebensgefahr gewesen waeren. Aehnlich wie Lisy hat er sie bei anderen christlichen und menschenwuerdigen NGOs, auch Ordensschwestern, untergebracht und sorgt jetzt so fuer sie. Lisy hat die Schuetzlinge in der aeltesten Klosterschule in Mysore plaziert, wo sie weiterhin zusammen sein koennen. Diese Schule ist laut Lisy ungefaehr 200 Jahre alt. Damals zogen viele franzoesische Familien nach Mysore. Der Maharadscha war ein grosser Foerderer dieser Schule. Er sandte seine eigenen Kinder auch dorthin. Unter den Schwestern war eine begnadete Musikerin und Taenzerin, die vom Maharadscha besonders verehrt wurde. Diese Schwester berief er aber auch in den Palast, um Musik zu unterrichten. Das waren noch Zeiten!!

Auch das Land, auf dem Kloster und Schulen stehen, war ein Geschenk des Koenigs. Das Ganze ist ein riesiges Gundstueck, sicher ein halber Quadratkilometer, angefangen vom Kindergarten bis zur Highschool. Auch mit allerlei Sportmoeglichkeiten. Lisy bezahlt dort, was sie sonst fuer ihre Kinder im Haus ausgegeben haette und besucht sie auch regelmaessig. Dann haengen sie wie Kletten an ihr. Es gibt sogar Dinge, die jetzt besser sind als vorher: Die Maedchen muessen nicht mehr den gefaehrlichen Schulweg gehen. Nicht nur gefaehrlich wegen dem Verkehr… In der neuen Schule sind sie geschuetzter. Vom Kinderheim bis zu den Schulhaeusern muessen sie den Compound nie verlassen. Sie koennen von Anfang bis Ende der Schulzeit dort sein.

Lisys Gesundheit hat in den 10 Jahren der Ueberbelastung Schaden genommen. Sie rannte, ging und machte, auch wenn es ihr eher ums Kriechen gewesen waere. Indische Projektleiterinnen haben eine unglaubliche Resilienz. Sie sind die letzten, nach deren Wohlbefinden gefragt wird. Sie lassen sich auch nichts anmerken.

Lisy war unendlich froh, dass endlich jemand ihres Vertrauens da war. Tagtaeglich kommen auch ganz viele Menschen zu ihr, die irgend etwas wollen oder bringen oder…

Aber man kann sich auch vorstellen, wie dramatisch der Abschied gewesen ist. Alle zerflossen in Traenen. So wenig sich der indische Mensch seine Gefuehle anmerken laesst, um so mehr ist was los, wenn sie ALLE lachen oder weinen.

Ich moechte allen SpenderInnen zurufen: „Gebt jetzt nicht resigniert auf. Bitte unterstuezt das Projekt weiter.“ Kein Cent geht verloren. Man hat sich klugerweise den Erfordernissen angepasst. Don Bosco, nach dessen Spiritualitaet auch Lisy lebt, sagte einmal: „Guter Kohl muss verpflanzt werden.“ Wer immer in diesem Projekt beteiligt ist, jetzt wird unsere Solidaritaet erst recht gebraucht.

Im Fruehjahr wurde der Grundstein zum Schulhaus gelegt. So werden die Dreimonatskurse fuer junge Erwachsene bald wieder aufgenommen werden. Dort sind schon ueber 2000 ausbildungshungrige junge Menachen durchgegangen, ca. 90% Maedchen. Der Rest sind Jungs. Lisy schliesst sie nicht von der Bildung aus, denn das werden eines Tages Familienvaeter. Auch in den Slums geht die Arbeit weiter, die hoffentlich mit neuen Schwestern auch wieder intensiviert werden kann. Hoffen wir, dass bald noch jemand mit dem gleichen Charisma und Eifer fuer die Armen einsteigt. Wenn Gott eine Tuer schliesst, oeffnet er oft ein Tor.

Als erstes brauchte Lisy nun eine neue Koechin, wenn moeglich aus dem Raum Kerala, weil fast alle im Haus aus diesem Staat kommen und auch gerne ihre heimische Kost haben. Wir gaben die Nachricht an all unsere indischen Bekannten weiter. Ich dachte sofort an Beena Sebastian, respektive an eine Frau aus dem Frauenhaus, die vielleicht froh waere und auch in Sicherheit, wenn sie etwas weiter weg arbeiten koennte. Beena schrieb mailwendend zurueck: „Ich suche auch verzweifelt eine Koechin.“ Es sei leichter in Kerala eine promovierte Frau zu finden als eine Koechin. Dann suchen wir halt in Tamil Nadu, da haben die Leute weniger Moeglichkeiten einen Job zu finden, sind aber sehr arbeitsam und fleissig. Einer „meiner“ Seminaristen, ein junger Tamile, gab uns einen entscheidenden Tip: Er hatte eine Bekannte, deren Bekannte eine Bekannte hat und zwar in Nordkerala, nur vier Stunden Busfahrt zu Lisys Haus…, die gerne wieder als Koechin arbeiten wuerde. Sie hat vor einiger Zeit den Mann verloren und hatte jetzt ihre Tochter unterstuezt, die ein Baby bekommen hat. Da sind die Muetter in Kerala immer sehr gefragt. Sofort rief Lisy dort an. Nach mehreren Gespraechen konnte sie der Frau Mut machen, zu kommen, denn sie spricht nur Malayalam, die Sprache Keralas. Die Umgangssprache in Mysore ist Kannada mit einer ganz andern Schrift. (Die vielen Keraliten sprechen natuerlich ihre Sprache und werden meistens auch verstanden. Die Muslime kommunizieren in Urdu untereinander.) Lisy riet ihr auch gleich, ihre Habseligkeiten mitzubringen, damit sie nicht nochmals wegen dem Gepaeck nach Hause fahren muss, wenn es ihr hier gefaellt. Am Samstag Morgen kam die Frau, die auch Lisy heisst, an mit einer kleinen schwarzen Tasche, sah sich in der Kueche um und machte Mittagessen. Seither steht sie in der Kueche. Mittlerweile haben wir Lisy Nr. 2 auf Tschetschy umbenannt. Das ist eine Kosebezeichnung fuer eine leibliche Schwester. Tschetschy spricht etwa so gut englisch wie ich Malayalam, aber wir verstehen uns sehr gut. Eins der wichtigsten Worte ist: NALE, morgen, ein Wort, das auch noch in andern suedindischen Sprachen vorkommt und sehr oft gebraucht wird. Nale ohne wenn und aber… Ein wichtiges Wort! Also: „Nale, bye bye; Bangalore.“ Versteht man doch, oder etwa nicht? (Am andern Tag bin ich nach Bangalore zurueck gefahren.)

Tschetschy ist wie eine Mutter zu den Girls. Sie bringt ihnen bei, dass man auch Gemuese und Obst essen sollte.. Das ist nicht mal Lisy Nr.1 gelungen. Ausserdem begleitet Tschetschy die jungen Damen am Sonntag in die Kirche, Malayalam-Messe natuerlich (ich weiss oft gar nicht, in welcher Sprache die Messe zelebriert wird..) und zum Abendgebet in unserer Kapelle. Was sein muss, muss sein!!

Tschetschy, eine wunderbare Frau

Damit Beena Sebastian nicht ganz leer ausgeht, habe ich Mahin, unsern Rickshawfahrer von Kochi gebeten, sich umzusehen. Zum einen kennt er Beena persoenlich. Zum andern lebt er auf Kochi, wo es direkt hinter den Tourianlagen Slums gibt, wo sicher Frauen froh sind, wenn sie einen Job bekommen. Ob sie dann kochen koennen, ist eine andere Frage.

Neue Freunde

In Mysore habe ich zwei neue Freunde gefunden, treuherzig, liebesbeduerftig, neugierig und total eifersuechtig, wenn es ums futtern geht. Am Fressnapf hoert die Liebe auf!

Fuer mich war es mal wieder Liebe auf den ersten Blick. Mondo ist ein aelterer Herr, belgischer Schaefer, der bei Lisy seinen Gnadenreis bekommt. Eigentlich haette er Vaterpflichten uebernehmen sollen, aber Daisy, eine Deutsche Schaefermischlingshuendin mit Golden Retriever-Blut hat einen anderen Verehrer jenseits der Mauer. Gegenseitg bebellen sie sich naechtelang, aber immer im Takt. Der eine bellt, der andere anwortet mit den gleichen Lauten. Dann ist der andere dran und der erste antwortet.

Ich war immer gut behuetet und begleitet, ob ich nun irgendwo draussen sass oder den Muell zusammen suchte und verbrannte. Der Gestank zog friedlich zu den salesianischen Nachbarn ueber die Mauern dahin… Die Hunde fanden noch manchen Leckerbissen in den Muellbergen, woher die Muellberge auch immer kommen. Wir haben die Maedchen darauf angesprochen, aber natuerlich waren sie es nicht.

Das Muellproblem ist in Indien erschreckend gross, aber kein Vergleich mit dem, was vor 20 Jahren war. Wohin soll der ganze Abfall, wenn es keine staatliche Muellentsorgung gibt? Mein Eimer mit Pet-Flaschen, Glas, Metall, steht bestimmt noch am gleichen Ort. Gewiss, viele arme Leute sammeln Aluminium, Glas, verschiedene Sorten Plastik ein, aber was macht man mit dem andern Muell, dessen Rauch friedlich zum Nachbarn rueberzieht? Muell ist das Erste, das Touris sehen und beanstanden. Aber Halt, pro Kopf produzieren wir in Deutschland und in der Schweiz bedeutend mehr Muell. Ueberall in den Strassen wird Gemuese, Obst, Fleisch ohne Verpackung angeboten. Alles saisongerecht, wuerden wir in Europa sagen. Was erntereif ist, wird verkauft. Natuerlich gibt es auch irgendwo Supermaerkte, leider. Aber da findet mich niemand, ausser eine indische Freundin / Freund moechte mir was besonderes zeigen…..

Die Millionen von Ureinwohnern, die in den Waeldern leben oder als Halbsklaven auf den Feldern schuften, leben von dem, was sie anbauen oder einsammeln. Da gibt es auch keinen Muell, respektive vergiften die meistens westlichen Konzerne Land und Wasser. Es gibt noch eine ganz andere Umweltvergiftung, die noch schlimmer ist: Die Waffen, die auch in Deutschland und der Schweiz produziert werden und nur in kriegsfreie Laender exportiert werden… (wahrscheinlich Kuechenmesser.) Juergen Graesslin sagte kuerzlich: „Wer Waffen saet, wird Fluechtlinge ernten.“

Marktbilder von der Strasse, wo Lisy wohnt, Sonntag Nachmittag:

Wenn sie sehen, dass man den Fotoaparat in Haenden hat, wollen sie alle fotographiert werden. Als Dank habe ich Bananen bekommen.

Mit dem Frischfleisch haben die meisten Europaer ein Problem. Eklig! Warum eigentlich? Am Morgen frueh und am fruehen Abend werden die Tiere geschlachtet, meistens Haehnchen und Ziegen oder Schafe.. Wie mit dem Gefluegel in den Kaefigen umgegangen wird, nun ja, aber ist das, was in unseren Schlachthoefen passiert unbedingt besser, weil wir es nicht sehen? Kaum haengt das Frischfleisch da, wird es auch gekauft und gekocht, entweder zum Mittagessen oder fuers Abendbrot. Vorraetig wird kaum gekauft. Warum auch? Morgen oder wenn wieder Geld da ist, wird wieder geschlachtet. Die Leute haben meistens auch keinen Kuehlschrank. Bei uns kommen von einem Schwein noch 40% auf den Tisch. Vieles wird in arme Laender exportiert, wo es die einheimischen Maerkte kaputt und die Menschen krank macht. Eklig!! Hier an der Strasse wird zuerst verkauft und dann wieder geschlachtet. Es wird alles aufgebraucht. An den allerletzten uebrig gebliebenen Resten tun sich die Strassenhunde und die Kraehen guetlich.

Die Leiden des neuen Nachbarn

Als ich in Mysore ankam, liefen die ersten Baumassnahmen fuer das neue Schulhaus. Natuerlich war Lisy wieder voll auf der Piste, verhandelte mit den beteiligten Baufachleuten, etc. Nur schon dieser Job waere genug fuer sie. Bald waren die Loecher fuer das Fundament gegraben.

Wenn in Indien gebaut wird, dann wird gebaut, auch samstags und sonntags, auf Grossbaustellen sogar 24 Stunden am Tag. Reicht der Tag nicht, dann nehmen wir die Nacht dazu!! Auf allen Baustellen gibt es eine Menge Wanderarbeiter, die Handlanger, arme Kerle, die von der Hand in den Mund leben und froh sind einen Job zu haben. Zum Glueck gibt es immer mehr Arbeitgeber, denen es wichtig ist, dass keine Kinder arbeiten muessen und denen durchaus das Wohl der Arbeiter wichtig ist. Ihnen geht es viel besser als den illegalen Fluechtlingen in Spanien und Italien, die als Erntehelfer wie Sklaven in unmenschlichen Verhaeltnissen gehalten werden, auch in Biobetrieben. Es gibt aber eben auch Wanderarbeiter MIT Familien, die immer den Baustellen nachreisen muessen. So haben die Kinder keine Moeglichkeit in die Schule zu gehen.
Das geht aber durch! Eben habe ich vernommen, dass das Kinderdorf Kengeri der MSFS, das von einigen von uns ebenfalls unterstuetzt wird, ebenfalls Probleme hat. Eigentlich sollte das ein Ort sein, der ein Heim ist und bleibt, wo die Kinder, auch wenn sie erwachsen sein werden, wieder HEIM kommen koennen. Auch sollten Jungen und Maedchen miteinander aufwachsen. Es war ein ganz modernes Konzept, das von einer Spanischen Universitaet ausgezeichnet wurde. Leider zu modern. Jetzt muss ein zweites Haus gebaut werden.

Die Unternehmen, welche im Roshini-Projekt engagiert sind, sind samt und sonders saubere Unternehmen. Ich habe mehrere Gespraeche mit den Bauherren mitbekommen und bin sehr beeindruckt von der Haltung dieser Maenner. Die Wanderarbeiter sind trotzdem da,

Ganz hinten rechts im Bild ist das Zelt der jungen Arbeiter. Im Moment wird im Bild ganz hinten links ein kleines Haus aus Stein gebaut, damit sie besser geschuetzt sind. Als es in einer Nacht stundenlang aus allen Wolken goss mit durchgehendem Donnergrollen und Blitzen, einer nach dem andern, stand Lisy auf und ging zu den Wanderarbeitern hinunter. Die meisten schliefen selig im Trockenen. Die sind bauerfahren genug, um ein Zelt so aufzustellen, dass es nicht so schnell vom Winde verweht oder den Regen durchlassen wuerde. In diesem Fall sind es junge, unverheiratete Maenner aus dem Nordosten. Dort gibt es auch viele Leute, meist muslimische Fluechtlinge aus Bangladesh, die oft schon viele Jahre dort sind, sich aber nie registrieren liessen, wahrscheinlich meistens auch Analphabeten sind. Jetzt sollten sie sich registrieren lassen, sonst werden sie rausgeschmissen. Auch hier eine humanitaere Katastrophe, die an der Weltoeffentlichkeit und an den Menschenrechten vorbeigeht. Change.org und Avaaz haben sich allerdings dafuer sehr stark gemacht. Ich moechte alle ermuntern, besonders Senioren, welchen es langweilig ist oder die meinen, sie waeren zu alt fuer solche Dinge. Diese Internet-Initiativen haben oft eine grosse Wirkung.

Etwas vom Ersten, das neu gemacht werden musste, war die Elektrizitaet. Irgendwie sind die beiden Hauser, das von Roshini und das der Salesianer miteinander verbandelt. Die indischen Elektriker sind Kuenstler, um aus den bestehenden Anlagen die richtigen Draehte auseinanderzupuhlen und was neues daraus zu machen. Manchmal sind sie Lebenskuenstler und manchmal Todeskandidaten.

Es war ein Samstag Morgen. Ich schrieb auf Lisys Laptop, der frisch geladen und somit nicht ans Stromnetz angeschlossen war. Lisy machte Miitagessen. In der Kueche ist es hell genug, und gekocht wird mit Gas.. Alles andere waere Gott versucht, wollte man zum richtigen Zeitpunkt ein Essen auf dem Tisch haben.. Ploetzlich kam Lisy angeschossen. „Man hat den Strom abgestellt und nichts gesagt. Mensch, was mach ich jetzt. Wir haengen mit den Salesianern zusammen und ich habe den Rektor nicht vorgewarnt. Das gibt wieder ein Theater.“ Der neue Rektor, ganz im Gegensatz zum vorhergehenden, und Lisy sind sich noch nicht unbedingt gruen. Ploetzlich war die Elektrizitaet wieder da. Lisy atmete tief durch. „In dem Fall muss ich nicht rueber gehen“. Ich lud noch schnell den Laptop wieder auf. Dann war die Elektrizitaet wieder weg. Pater Rektor soll geschaeumt haben. Aber der Stom kam nicht wieder. Lisy erzaehlte nur, dass die Fachleute mit einem Draht nicht zurecht kaemen. Die ganzen Bauprofis und Baupromis waren da. So langsam wurde es Nacht. Es wird hier schnell Nacht. Lisy stellte ueberall Kerzen auf, denn mittlerweile waren die Maedchen da, die Hausaufgaben machen mussten.

Essen kochen war kein Problem, geht gut im Kerzenlicht.

Pater Rektor schickte seinen Fahrer, um zu sehen, was bei uns eigentlich los war. Es war stockdunkel und zum Schrecken des neugierigen Besuchers tauchte aus der Dunkelheit auch noch ein Ungeheuer auf, der Schaeferhund namens Mondo, der sonst bestenfalls Grashuepfer faengt. Er war auch neugierig ueber die naechtliche Aufregung. Die meisten Inder haben keine positive Beziehungen zu Hunden. „Die sind alle boese.“ Der Spion von nebenan zollte Fersengeld und verschwand.

Gegen 22 Uhr war die Elektrizitaet wieder da. Ich frohlockte. Lisy sagte: „Nein, kein Grund, das Licht ist nur bei uns da. Bei den Nachbarn ist es dunkel.“ Da konnten wir uns nicht mehr halten und lachten Traenen. Der Bauingenieut kam etwas kleinlaut vorbei und sagte, heute ware es nicht mehr moeglich zu reparieren, aber sie wuerden es am Sonntag frueh machen. Einer der Arbeiter hatte nun doch zwei Draehte miteinander verwechselt. Bei uns war nichts mehr am Strom gewesen, aber bei den Salesianern war der PC explodiert und wohl sonst kleinere Sachen in Brand geraten. Als wir rueber guckten, hatten unsere Nachbarn aber irgendwie doch eine Lichtquelle gefunden, die bis zum Morgen auch reichte. Morgens um sieben waren die Elektriker wieder da, fanden die Schadensquelle schnell und bald war die Leitung repariert. Wer den Schaden an den Geraeten uebernahm, weiss ich nicht..

Mittlerweile bin ich wieder in Bangalore. Mit geht leider die Zeit viel zu schnell vorbei. Ich bin 14 Tage zu spaet dran mit meinem Program, aber das macht den MSFS nichts aus. Sie tun alles, damit ich mich nicht uebernehme, so als waere ich eine von ihnen. Sollte mich mal jemand besuchen kommen, dann ist hier der Wegweiser. Wir wohnen direkt gegenueber…

Herzlichst Gruesse aus Bangalore mit dem angenehmen Klima,

Eure Schwester Myriam

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