Bilder des Alltags

Liebe Leute,
Es ward Abend und es ward Morgen, naechster Tag! Auch in Indien ticken die Uhren vorwaerts, oft schneller als man denkt. Jetzt bin ich schon 10 Tage bei den Missionnaren des hl. Franz von Sales (MSFS) in Bangalore, so als waere ich ueberhaupt nicht weg gewesen.

Mein Zimmer, so als ob’s daheim waere!
Die ersten drei Tage habe ich nur geschlafen. Jetzt geht es mir wieder gut. Jetlag over. Wir haben eine angenehme Waerme. In der Nacht ist es fast schon kuehl. Ich brauche meine Wolldecke und den Bettueberwurf dazu.

Ich habe ungewoehnlich viele bekannte Gesichter gesehen, bei den Patres als auch im Viertel, zum Beispiel meine Blumenfrauen

und den Apotheker:

Meine Laeden habe ich auch schon alle abgeklappert. In der Naehe von Vinayala gibt es einen sehr schoenen Bioladen mit vielen alten Getreiden.

Hier koennte ich Brot backen!! Leider gibt es keinen Backofen, aber sonst eine tolle Kueche mit zwei suessen Koechinnen aus dem Nordosten,

die wunderbar kochen.

Refektorium

So muss ich den Fisch und den Kohl zuhause auch mal machen! Einen kleinen Teil des Gemueses kommt sogar vom hauseigenen Garten. Pater Rektor ist ein leidenschaftlicher Gaertner und Gefluegelzuechter. Sein Garten ist auf einem Betondach in Plastikeimern und abgeschnittenen Reissaecken.

Er hatte auch schon Salat angepflanzt, was sonst hier kaum bekannt ist (und das einzige ist, das mir hier fehlt.)
Durch den Verkehr schwebe ich auch schon wieder, als waere ich nie weggewesen. Hier muss man nicht wissen was links oder rechts ist, sondern wo Platz ist, um sich durchzuschlaengeln. Ich geniesse und bestaune ja den indischen Verkehr. Schade, dass ich Euch das taegliche Verkehrskonzert nicht rueberbringen kann: Das Gehupe der Autos, das Rattern der vorbeifahrenden und hupenden Zuege, weil die Leute ueberall ueber die Gleise latschen. Manchmal steht auch eine Kuh drauf.

Die Flugzeuge zischen ueber uns weg und die Strassenkoeter werden die halbe Nacht nicht muede, ausgerechnet vor unserm Haus ihre Rudelkaempfe mit viel Gebell auszutragen. Mein Zimmer geht nach hinten, wo es schoen gruen ist mit hohen Baeumen. Am Morgen um fuenf fangen dort die Frauen an, die Waesche zu klopfen. Manchmal hoert man auch die Voegel singen oder die Streifenhoernchen zwitschern.
Wofuer ich am meisten dankbar bin, ist die tiefe salesianische Spiritualitaet, die mich hier umgibt, ein Brunnen lebendigen Wassers, spruehenden Lebens, eine tiefe Gottverbundenheit und ein frohes Miteinander. Diese Maenner stehen mit beiden Fuessen auf der Erde, nehmen am Weltgeschehen teil, sie beten miteinander, sie singen miteinander, aber sie koennen auch lachen und sich gegenseitig aufziehen. Manchmal ist auch die Schwester dran…

Unser hauefigstes Thema ist im Moment Kerala. Pater Rijou war ja mit einem Jahrgang des Priesterseminars unten gewesen, um beim Aufraeumen zu helfen. Von den MSFS-Haeusern wurde keines verschuettet. Die sind mit Menschen gefuellt, die alles verloren haben, mittlerweile 450 in einem Haus, in dem sonst 30 Studenten wohnen. Vor kurzer Zeit habe ich eine Geschichte von einem Pfarrer geschickt: Bruecken bauen, keine Mauern. Es gibt noch andere Geschichten, wo menschliche Mauern niedergerissen und mitmenschliche Bruecken gebaut wurden.

Die Fischer sind immer arme Leute. Die Meere sind leer gefischt. Sie wissen kaum, wovon sie leben sollen. Sie troesten sich mit Alkohol und lungern herum. Deswegen sind sie auch als faul verschrieen.. Die Fischer sind verachtete Leute, halt kernig und etwas ungehobelt vom harten Leben auf der See. Durch diese Katastrophe sind sie zu Helden geworden. Sie wissen, wie man mit Wasser umgeht. Sie eilten zu Hilfe, wo sie nur konnten, denn sie sind Fachleute. Sie haben Unsaegliches geleistet.

Zum Teil war die Katastrophe auch selbstgemacht. Einer unserer Patres hat erzaehlt, jetzt seien die Fluesse sauber. Er haette in Kerala noch nie so klares Wasser gesehen. All der Muell wurde ins Meer hinausgeschwemmt, Muell, der grosse Teile der Abwasserkanaele verstopfte. In den Staedten sind unter den Buegersteigen ueberall Abwasserkanaele, in Wirklichkeit sind es Muellkippen. Wenn in Ernakulam, dort wo Beena lebt, ein Platzregen runterkommt, ist sofort alles ueberschwemmt, weil diese Kanaele verstopft sind. Das Wasser verschwindet dann aber auch rasch wieder, denn das Meer ist nahe. Diesmal ist es nicht verschwunden, sondern staute sich mit noch mehr Muell und Dreck mit all den Folgen. Und schon droht die naechste Katastrophe: Das Wasser kam sehr rasch. Damit wurden auch Millionen von Maeusen und Ratten ertraenkt und weggeschwemmt. Viele sicher ins Meer, viele aber auch an die Raender der ueberschwemmten Gebiete, wo sie nun liegen in ueber 30 Grad Hitze und vergammeln. Das ist schlecht fuer all die Helfer, aber auch fuer Kinder, die im Matsch spielen. Eigentlich wollte ich die naechste Woche nach Kerala, aber ich darf nicht. Das Rattenfieber (siehe: https://www.nzz.ch/panorama/kerala-indien-epidemie-von-rattenfieber-befuerchtet-ld.1417127 ) grassiert, und das sei schlimmer als Dengue. Beena hat mir versichert, dass ich in zwei Wochen kommen darf. Bis dahin sei aufgeraeumt. Bis die Reisegruppe im November kommt, sei die Gefahr behoben.

Es ist unglaublich, die Resilienz, welche diese InderInnen haben. Die Keraliten sind aehnlich wie die Schwaben: „Schaffe, schaffe, Haeusle baue.“ Nur der Aufbau wird Jahre dauern: allein die weggerissenen Strassen im Bergland und erst alle verschwundenen Haeuser.. Viele Menschen haben absolut alles verloren ausser ihrem Leben. Und Tote gab es Hunderte. Wahrscheinlich wird man nie wissen wieviele, und jetzt noch das Rattenfieber. Aber auch die Leute, die jetzt in ihre Haeuser zurueckgehen, um zu sehen was uebrig geblieben ist, sind in Gefahr. Etwa 70 Personen sind an Schlangenbissen gestorben. Die Schlangen haben auch ihre Hoehlen verloren. So waren die zerstoerten Haeuser ein willkommener Unterschlupf, bis die Menschen kamen…

Aber es geht eine riesige Solidaritaetswelle durchs ganze Land. In den Pfarreien wurde gesammelt. Die MSFS haben in ihren Gemeinschaften gefastet und das Geld gespendet. Ich denke, die Katastrophe hat trotz allem viele Bruecken gebaut und Mauern niedergerissen, die nicht sein muessen. Morgen werde ich nach Mysore fahren und dort allerlei erledigen. Wie ihr seht, nuetze ich meinen dreimonatigen Urlaub in Indien gut aus!!! Ich muss nur bereit sein, jeden Morgen das Geplante moeglicherweise wieder ueber den Haufen zu schmeissen.

Allerherzlichste Gruesse an alle und lieben Dank fuer die vielen mails,
Eure Schwester Myriam

Advertisements