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Bericht von Margrit Germann: Reise in den Nordosten von Indien, 26. bis 30. Nov. 2016

Mein Flug ging von Bangalore nach Guwahati. Nach drei Stunden Flugzeit war ich dort und wurde zuerst von einem kleinen, rundlichen Mann mit Mandelaugen begrüsst, indem er mir eine handgewobene Schleife und Schultertuch umhängte. Noch nie habe ich etwas gehört oder gesehen von diesem Mann!

Lisy, Rahamat die Nähschullehrerin, Vijay und seine Frau und P. Peter vom Bubenheim standen weit im Hintergrund und warteten auf mich.  Es hat sich dann herausgestellt, dass Jonas, dieser kleine rundliche Mann, unsere ganze Reise durch drei Bundesstaaten im Nordosten organisiert hat.

Viele Jahre hat Sr. Lisy im Nordosten gearbeitet, bevor sie nach Mysore berufen wurde. In den sieben Bundesstaaten im Nordosten wohnen ca. 300 verschiedene Völkerstämme mit eigener Kultur und eigener Sprache. Eigentlich ist es friedlich dort und doch gibt es immer wieder Konflikte zwischen diesen Stämmen. Vor allem gibt es ganz unwirsche, abgelegene Gebiete. Wenn es ein Ende der Welt gibt, so ist es sicher in Nagaland! Berge, Wald und Gebüsch, soweit das Auge reicht, unasphaltierte Bergstrassen und immer wieder Hangrutsche, Landwirtschaft, die nur auf kleinen terrassierten Feldern möglich ist. Man versucht der Natur abzugewinnen was irgendwie möglich ist. Ananasplantagen, Reis, Getreide, wenig Obst. Nur zwei dieser Bundesländer sind mit Eisenbahnen erschlossen.

Während dieser Zeit als Sr. Lisy im Nordosten arbeitete, kam sie durch ihre Arbeit in ganz arme, weit abgelegene Dörfer. Jonas gehört zu einem Stamm, der total von der Welt weg sind. Als kleiner Knabe wollte er eine Schule besuchen, was damals nicht für alle Kinder möglich war. Schwester Lisy hat es ihm ermöglicht in eine Klosterschule/Internat zu gehen und später eine Ausbildung zu machen.

Heute ist Jonas ein top ausgebildeter, gutverdienender Ingenieur in einer IT-Firma. Leiter von, – weiss Gott was! Ohne Sr. Lisy wäre er damals nie in eine Schule gekommen. Jonas hat sich sehr gefreut, diese Gelegenheit zu nutzen, eine viertägige Reise im Nordosten zu organisieren und alles zu bezahlen! Endlich könne er sich mal dankbar zeigen an Sr. Lisy, und es sei ihm eine grosse Ehre mit uns diese Reise zu machen.
Mit seiner Frau und seinen vier adoptierten Kindern reiste er mit uns. Zwei der Kinder, ein Mädchen 16 Monate alt, der Knabe 12 Monate, sehen aus wie Zwillinge. Dann haben sie noch ein Mädchen von 13 Jahren und eines von 17 Jahren adoptiert. Kinder, die aus seinem Stamm abgewiesen und ausgesetzt wurden. Jonas und seine Frau wollen ihnen ein schönes Leben und beste Ausbildung ermöglichen. Wir sagten zu ihm, dass es für diese vier Kinder ein Glück sei, dass sie adoptiert worden sind und sie ihnen gute Eltern seien. Da sagte er: «Was? Nicht die Kinder haben Glück, wir sind überaus glücklich und dankbar diese Kinder zu haben und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. Wir sind beschenkte Leute, diese Kinder sind unsre Freude und Glück!»

So ging dann unsere Reise in zwei gemieteten Autos mit Fahrer weiter, durch wunderbare Gegenden. Manchmal habe ich mich gefühlt wie am Vierwaldstättersee. Berge, Seen, Flüsse, blühende Kirschbäume, wunderbare Blumen und viel Wald. Durch die Nacht reisten wir zweimal im Nachtzug. Ein ganz anderes Indien! Das Land ist arm aber sauber! In diesen sieben Nordoststaaten herrscht das Matriarchat, das heisst, die Unternehmen, Fabriken, Gemeinden, Stadt, Spitäler usw. werden mehrheitlich von Frauen geleitet. Es gibt eine geregelte Kehrichtabfuhr. Möglichst für alle Kinder wird eine Gelegenheit zum Besuch der Grundschule angeboten, auch in den weit entfernten Gebieten.

Wir besuchten Ausbildungscenter und Schulen, den Kriegsfriedhof in Kohim, Märkte, Kirchen, Stammesmuseum, bekamen Einblick in die Völkerstämme mit ihren Kulturen und trafen ganz interessante Leute. Es war sehr eindrücklich. In Guwahati und Shillong sind Fahrradrikscha ein beliebtes Verkehrsmittel. Von kirchlicher Seite wird überall sehr viel geleistet. Schulen, höhere Ausbildungen, Schulen für Behinderte und für taubstumme Kinder eine eigene Schule, Spitäler, Alterspflege etc. In einem grossen Schulungscenter werden dieselben Ausbildungskurse mit denselben Lehrplänen angeboten, wie wir es im Roshini/Don Bosco Tech anbieten. Für Schule und Ausbildung wird viel aufgebaut. Diese Schwestern und Patres arbeiten fast um Gotteslohn. Nur für die allernötigsten Grundbedürfnisse ist gesorgt. Ein primitives Zimmer, etwas zu essen, ein paar Kleider und ein Gebetsbuch – mehr haben sie nicht. Auch aus privater Initiative, vielfach von jungen Leuten, wird enormes aufgebaut. Da ist schon eine Zukunft da.

Nach intensiven eindrücklichen Tagen ging es zurück nach Mysore, wo ich noch einige Tage verbracht habe, bevor es auch für mich Zeit war heimzugehen.

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Die Situation im Roshini Center in Mysore, November/Dezember 2016

Von Margrit Germann, Förderverein Roshini
Rückblick auf meinen Aufenthalt im Roshini Center in Mysore. Nov./Dez. 2016

Zuerst darf ich Euch allen ganz liebe Grüsse von Sr. Lisy ausrichten und für jede Unterstützung ihre Dankbarkeit weitergeben.

Erfreuliches und Schmerzliches gehen jeden Tag ineinander. Es ist schön zu sehen, dass sich die Kinder im Heim gut entwickeln, sich wohlfühlen und gute Schüler sind. Sie lachen und können fröhlich sein, trotz den schlimmen Erfahrungen, Misshandlungen und Verletzungen, die sie bis zur Aufnahme ins Heim erleben mussten. Drei grössere Mädchen aus dem Kinderheim waren auf dem Heimweg nach der Schule einem Menschenhändler in die Hände geraten. Nach einem Tag des Bangens wurden sie von der Polizei aufgefunden und befreit. Das Schicksaal, einem Bordellbesitzer verkauft zu werden, blieb ihnen erspart.

Dank Spenden konnte in diesem Jahr die Umzäunungsmauer auf drei Seiten des Geländes fertig erstellt werden. Die vierte Seite wird nächstens angefangen. Die Kosten sind höher ausgefallen, da aus Sicherheitsgründen die Mauer höher als geplant gebaut wurde.

Auf dem Hausdach wurden einige m² Solarpanels angebracht zur Aufbereitung von warmem Wasser.

Auch konnte Sr. Lisy noch 10 zusätzliche Betten kaufen. Im Speisesaal fehlen noch Tische und Bänke/Stühle. Aber solches Inventar hat in Indien keine Priorität. Zum Essen und Aufgaben machen sitzen die Kinder auf dem Boden.

Es hat mich sehr gefreut, die drei Lehrer zu treffen, die bei Don Bosco Tech die Berufsbildungsklassen führen. Obwohl sie unter sehr primitiven, engen Verhältnissen arbeiten müssen, führen sie die Klassen mit grosser Leidenschaft und Überzeugung. Sie mögen es kaum erwarten, bis auf dem Roshini Gelände ein eigenes Schulhaus gebaut werden kann.

Sr. Lisy und weitere Projektleiter von Mysore haben Ende November an einem Projektleiterkurs in Guwahahty Assam teilgenommen. Es sei ein sehr intensiver Bildungskurs gewesen und für sie eine Hilfe, um die Projekte erfolgreich zu führen.

Sr. Lisy und Sr. Mathilda gehören dem indischen Orden «Sisters Mary Help of Christian» an. Zusammen mit den Seminaristen von Don Bosco feierten wir am 1. Dez. im Roshini Kinderheim in einer würdigen, schlichten Feier die Eröffnung des Jubiläumsjahres «75 Jahre Schwesterngemeinschaft». Stefano Ferrando, ein italienischer Don Bosco Priester wurde vor dem zweiten Weltkrieg in Shillong-Nordostindien zum Bischof berufen. Um die unglaublich grosse Not der Bevölkerung im Nordosten zu lindern halfen ihm junge Frauen in Krankenheimen, Schulen und Familienbetreuung. Sechs von diesen jungen Frauen wurden die ersten Schwestern im neuen Orden, den Bischof Ferrando gegründet hat.

Nebst viel Erfreulichem bleiben Sorgen und tägliche Schwierigkeiten nicht aus.

Der ersehnte Monsun ist dieses Jahr im Bundesstaat Karnataka und vielen andern Gegenden fast völlig ausgeblieben. Der Grundwasserspiegel sinkt und viele Gegenden leiden unter enormer Trockenheit. Im Roshini Center sind fast 2 Hektaren Bananen zur Ernte bereit. Der Ertrag ist viel geringer. Doch Sr. Lisy hofft, nebst der Selbstversorgung wenigstens die Unkosten decken zu können.

Seit 8. November ist grosse Finanzkrise in Indien. Um den Schwarzgeldmarkt mehrheitlich zu stoppen, hat Premierminister Narendra Modi alle 500 und 1000 Rupie Banknoten als nicht mehr annehmbar erklärt. Wer solche Geldscheine hat, ist gezwungen diese auf der Bank zu wechseln. In der ersten Woche konnte man solche Geldscheine, jedoch max. 4000 Rupie pro Tag und ab zweiter Woche noch für max. 2000 Rupie pro Tag, eintauschen gegen 2000er Rupie Noten. Das erfordert stundenweise Schlange stehen vor der Bank. Mit einer 2000 Rupie Note einkaufen und bezahlen, ist fast unmöglich. Das Kleingeld ist rar geworden und darum kann beim Einkaufen kein Rückgeld gegeben werden. Viele kleine Geschäfte mussten mindestens vorübergehend, schliessen. Der Warenmarkt ist völlig zusammengebrochen. Für Kleinladen-Besitzer ist es katastrophal. Zum Vergleich: Fr. 1.- = ca. 66 Rupie.

Bis zum 30. Dezember 2016 sollten alle Inder ein Bankkonto eröffnen und nur unter Beweis, wo das Geld verdient wurde, das sie zu Hause eventuell gespart haben, kann es auf das Konto einbezahlt werden. Die Leidtragenden sind einmal mehr die Armen. Sebastian, Beena’s Ehemann, ein guter Kenner der indischen Finanzwirtschaft, hat mir gesagt, dass in Indien über 80% der Bevölkerung kein Bankkonto haben. Was heute verdient wird braucht man morgen zum Überleben.

Nebst Bananen hat Sr. Lisy eine Hektare Tomaten angepflanzt, die zurzeit reif sind und für den Frischmarkt bestimmt waren. Im Jahre 2015 war der Erlös für ein Kilo Tomaten ca. 40 Rupie. Die Preise sind nun auf 2-3 Rupie pro Kilo gefallen und können nicht verkauft werden. Es ist schmerzlich zu sehen, wie die reifen Tomaten in bester Qualität auf den Boden fallen und verfaulen. Der nötige Zusatzverdienst wird Sr. Lisy sehr fehlen. Da nichts verkauft werden kann, hat sie die Bewohner im nahen Slum aufgerufen im Roshini Center gratis Tomaten zu pflücken.

Die Landwirtschaft im Allgemeinen ist durch die Trockenheit und zusätzlich durch die Finanzkrise sehr betroffen. Zuckerrohr, teilweise auch Reis, Fächerhirse, anderes Getreide und Gemüse ist unverkäuflich geworden. Es gibt keine Ausgleichszahlungen, Subventionen oder Versicherungen. Viele Bauern die von der Landwirtschaft leben, verzweifeln. Die Suizidrate unter Bauern ist sehr hoch.

Auf der Wiese vom Don Bosco Seminar werden zwei Kühe gehalten zur Selbstversorgung von Milch. Was normalerweise in dieser Jahreszeit eine grüne Wiese ist, ist nun alles braune Erde. Den Kühen werden Äste von Laubbäumen verfüttert. Wie lange noch? Bereits verlieren die Bäume die Blätter wegen der Trockenheit. Der nächste Regen/Monsun kommt Mitte Mai!

Hier lernt man schnell, was echte Probleme sind!

Gleich neben dem Eingang zum Roshini Center ist eine kleine, gut geführte Ayurveda Klinik, wo Sr. Lisy gute Medikamente für die Kinder holen kann. Ayurveda Behandlungen sind im Bundesstaat Kerala sehr gefragt und ein gutes Geschäft. Hier in Karnataka ist es, teils auch aus Aberglauben, verpönt. Dazu kommt, dass neben der Klinik vor vielen Jahrzehnten ein kleiner Friedhof war. Heute ist dort nur noch Gestrüpp. Bis heute glauben die Leute, dass diese Grabstätten schlechte Energien bis zur Klinik ausstrahlen.

Trotz allen Sorgen und Problemen ist bei Sr. Lisy und ihrem Team immer viel Zuversicht da. Klagen und jammern ist nicht ihr Ding.

Mit herzlichen Grüssen

Margrit Germann

Leider kann ich keine Fotos einfügen, da ich meine Kamera liegen gelassen habe. Hoffe, später noch Fotos zu bekommen. Sorry!

Grosswetterlage

Liebe Leute,
wir alle kennen die Aussage: „Die Kriege der Zukunft werden um’s Wasser gehen“. Beruehrt es uns? Einer der Patres sagte kuerzlich: „Es wird auch Euch treffen in Europa“. Das erinnert mich an eine Aussage, die jemand vor ungefaehr 30 Jahren zu mir machte, als wir ueber den Geburtenrueckgang und die Ueberbevoelkerung in andern Laendern sprachen: „Es wird nicht zu wenig Leute in Europa geben. Die werden von andern Weltteilen kommen, ob wir wollen oder nicht….“
cauverySchon laenger schwelt ein Konflikt in den beiden indischen Staaten Karnataka und Tamil Nadu um das Kaveri-Wasser. Es sind uralte Vertraege, dass Karnataka den Tamilen Wasser abgeben muss. Das hat wohl auch lange gut funktionniert. Der Kaveri kommt aus dem Urwald, umfliesst Mysore und schlaengelt sich durch Tamil Nadu, wo er in den Golf von Bengalen muendet.
In der Gegend von Mysore waechst viel Reis und Zuckerrohr, die viel Wasser brauchen. Zuckerrohr ist eine Schilfpflanze. Mysore ist zu einer Millionenstadt angewachsen. Auch die Acht- bis Zehnmillionenstadt Bangalore bezieht ihr Wasser durch riesige Rohre aus dem Kaveri.

Es wird auch viel Wasser vergeudet. Warum braucht Bangalore eine Snowworld? Wasserleitungen rinnen noch und noch und kaum ein Wasserhahn, der nicht tropfen wuerde. Vor einigen Jahren begleitete mich jemand, der gut rechnen konnte: Er rechnete einem Direktor von einem Bildungshaus vor, wieviel Wasser und Geld ihm taeglich und jaehrlich verloren geht. Beeindruckt hat das den guten Mann nicht. Etwas spaeter hat mich wiederum ein Direktor von einem Bildungshaus gefragt, ob ich Wuensche haette, was das Haus betraefe. Ja, hatte ich. Ich bat ihn, alle Wasserhaehne und Klospuelungen zu reparieren. Er versprach es mir und das Jahr darauf war es tatsaechlich besser. Ich bin ja mal gespannt, wie es dieses Jahr aussieht….

Es ist leider auch viel Urwald gerodet worden, besonders in den 80er Jahren, durch Korruption, illegalen Holzschlag, durch Starkstrom-traces, die durch den Urwald gezogen wurden, aber auch durch Stauseen, die laengst nicht so viel Wasser speichern wie ein gesunder Urwald. Es gab in der Gegend eine starke Opposition, aber sie blieb machtlos. Und jetzt bleibt auch noch der Monsun aus. Eigentlich waere es Ende des Monsuns, aber es hat gar nicht angefangen zu regnen, waehrend es in anderen Teilen Indiens zu schweren Ueberschwemmungen gekommen ist.

Schon vor 3 Jahren habe ich die Probleme ums Wasser mitbekommen. Die ersten, die keines mehr kriegen, sind die Slumbewohner. Die Bauern haben nicht genug fuer ihre Felder. Da kam auch noch der Gerichtsentscheid aus Bangalore, dass eine bestimmte Menge nach Tamil Nadu abgelassen werden muesse. Das war zu viel. Hunderte von Leuten sprangen unterhalb des Dammes ins Wasser oder setzten sich im tieferem Wasser in ihre kleinen Nussschalenboote. Waeren die Schleusen wirklich geoeffnet worden, waeren Hunderte ertrunken.

In dieser Zeit waren auch alle Strassen blockiert und die Zuege durften nicht mehr fahren. Damals habe ich eine sehr abenteuerliche Busfahrt nach Bangalore erlebt, weil der Bus immer neue Wege suchen musste, um weiter zu kommen. Schliesslich hatte er sich total verfranst und musste Leute von der Strasse fragen, welchen Weg er nehmen sollte. Statt drei hatten wir fuenf Stunden. Es wurde dunkel und eine Zeit, wo ich nicht mehr im Bus sitzen mag, ausser es waere eine Uebernachtreise. Letztlich war es dann eine Erfahrung, wie ich immer wieder behuetet und gefuehrt werde, fuer die ich bis heute sehr dankbar bin.

Auch die letzte Zeit waren Streiks wegen dieser Wassergeschichte. Tamil Nadu verlangt Wasser. Letztes Wochenende verbrachte ich in Kengeri, ca. 25km westlich von Bangalore in den Einrichtungen der MSFS. Am Montag wollte ich nach Mysore fahren, etwa 150 km in 3 Stunden. Zwei Patres, die nach Bangalore City fuhren, nahmen mich mit zum Busbahnhof und setzten dann ihren Weg fort. Ich erwischte einen guten Bus, der sehr schnell vorwaerts kam, denn es war erstaunlich wenig Verkehr. Ungefaehr in der Mitte der Strecke fuhr er in eine Busstation, aber da niemand da war, fuhr er auch gleich weiter, wollte weiterfahren, doch an der Strasse stand die Polizei und liess niemanden durch. Es standen auch schon andere Busse da. Unser Fahrer stieg aus, grosses Palaver mit der Polizei, dann kam er zurueck, setzte sich ans Steuer und lachte schallend. Die Leute um mich herum wussten offenbar Bescheid, aber in dieser Gegend sprechen viele Leute nicht mehr englisch. So wartete ich ab. Viele Menschen stiegen aus. Da zischte auf dem Highway ein moderner AC Bus vorbei. Der Fahrer sah ihn, guckte empoert, liess den Motor an und im Nu war der Bus wieder voller Leute. Die Polizei liess ihn allerdings nicht durch. Die Leute rotteten sich immer mehr um die Polizei zusammen. Da stieg ich auch aus und mit mir eine Tibetanerin. Einmal mehr ein Schutzengel, der zur rechten Zeit am rechten Ort war. In der Naehe von Mysore ist eine grosse Tibetanische Kolonie. Wir gingen zu einer Polizistin in Kaki Sari und fragten um Rat. Sie sagte, wir sollten eine Rikshaw nehmen und zum Bahnhof fahren, dort wuerde ein Zug bereit stehen. Sie brachte uns zu einer Rikshaw und los ging die Reise. Ich hatte eine grosse Tasche und meine Kollegin zwei grosse Koffern, aber in einer Rikshaw hat immer alles Platz. Schon bei der ersten Kreuzung war ebenfalls eine Blockade. Der Rikshawfahrer drehte um und fuhr wie viele andere durch ein enges humpeliges Naturstraesschen hoppel hoppel, bis er wieder auf eine einigermassen Strasse kam. Zack vor unserer Nase stellte jemand das Motorrad quer und wollte auch diesen Fluchtweg sperren. Da schrie ihn die Tibeterin an in einem Ton, dass er schnell den Weg frei machte. Wir kamen durch und weiter ging’s Richtung Bahnhof, den wir auch zeitig erreichten. Meine Kollegin loeste die Fahrkarten. Es stand ein endlos langer Zug da, der schon fast voll war. Man sah weder Anfang noch Ende. Wir hatten noch 10 Minuten Zeit und wollten deshalb nach hinten gehen. vielleicht war dort noch etwas mehr Platz. Da, ein verraeterischer Ton. Sogleich warfen wir unser Gepaeck bei der erstbesten Tuere rein und sprangen hinter her. Aufatmen!!.. und schon fuhr der Zug. Was soll denn ein voller Zug anderes tun als abfahren?

Es war eine sehr schoene und ruhige Fahrt. Meine tibetische Kollegin machte mir noch ein Kompliment, das mir bis unter die Zehennaegel gut tat. Sie hatte nach meiner Nationalitaet gefragt und meinte dann: Du hast ein sehr schoenes Englisch, das ich gut verstehe. Deine Landsleute verstehe ich sonst nie..  Ja klar, ich habe mich total auf das Indian English eingelassen, ueber das bei uns schon mal gelaechelt wird…

Am Abend sahen wir dann im Fernsehen, was wirklich war. In Chennai, der Haupstadt in Tamil Nadu, durch die der Kaveri gar nicht fliesst, hatten Tamilen die Karnataka-Bank zerstoert und ein Auto aus Karnataka angegriffen. Augenblicklich war in Bangalore die Hoelle los. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Tamilische Busse und Lastwagen wurden in Brand gesetzt und die Tamilen-Bank verwuestet. Von einem tamilischen Busunternehmen wurde die ganze Flotte venichtet, die einen sagen 35 Busse, die andern sagen 65 Busse, sinnlose Gewalt pur. Dann wurde der highway gesperrt. In der Zeitung waren auch ganze Seiten, die von Leuten berichteten, die all den Gestrandeten in Bangalore halfen, indem sie Schlafplaetze anboten, Kranke in die Spitaeler fuhren, etc. Die Solidaritaet hat auch funktioniert.

Am Dienstag feierten die Muslime ihr Opferfest. 30 000 kamen zum Gebet zusammen und beteten fuer den Frieden. Viele Laeden blieben geschlossen, die muslimischen, weil fuer sie Hochfest war und die Tamilischen, weil sie Angst hatten vor Pluenderern.

onam1Heute, Mittwoch, ist das Hochfest der Keraliten, Onnam, das von allen Religionen gefeiert wird. Die bunten Blumenteppiche sind weltweit bekannt.

Am Donnerstag ist einmal mehr Generalstreik. Der oeffentliche Verkehr ist stillgelegt und die Laeden bleiben geschlossen. Am Freitag kann ich dann hoffentlich nach Bangalore zurueckkehren.

Uebrigens, waehrend ich geschrieben habe, hat es tatsaechlich einige Minuten geregnet…

So viel zu unserer Grosswetterlage,
herzlichst, eure Schwester Myriam

Gut angekommen… und zuhause

Liebe Leute,

Nach einem guten Flug bin ich sicher in Bangalore gelandet. Fast moechte ich sagen, nach Hause gekommen. Sogar der Jetlag blieb mir erspart. Ich war zwar sehr muede, bin frueh schlafen gegangen und am Morgen war ich frueh wach wie zuhause auch. Jetzt bin ich schon mitten drin im Gewusel.

Dennoch blicke ich nochmals sehr dankbar auf die letzten Wochen zurueck. Ich bin so dankbar ueber meinen grossen Freundeskreis, ohne den ich diese Einsaetze gar nicht leisten koennte. Manchmal beneide ich mich selber darum. Es ist so ermutigend mit Menschen gleicher Wellenlaenge auf dem Weg zu sein. Es muss ja nicht unbedingt nur in Indien sein.

Als ich neun Jahre alt war, hat mir eine Schulfreundin ins Album geschrieben:

In der Welt ist’s dunkel,
Leuchten muessen wir.
Du in Deiner Ecke, ich in meiner hier.

Dieser Satz hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.

In unserer Welt sterben taeglich 40 000 Kinder an Hunger und durch Armut bedingte Unhygiene. Noch nie waren so viele Millionen Menschen auf der Flucht Wir koennen doch einfach nicht weiterleben als wuerde uns das alles nichts angehen.

Es gehoert zu meinem Morgengebet darueber nachzudenken. Gebet darf nicht abgehoben sein.

Es ist ein Privileg, dass ich in einem kuscheligen Bett in Sicherheit schlafen kann.
Es ist ein Privileg, dass Wasser aus dem Duschkopf fliesst und ich das Klo spuelen kann.
Es ist ein Privileg, auf den Schalter druecken zu koennen und schon brennt das Licht.
Es ist ein Privileg, dass ich Rentnerin bin und nicht von Sozialhilfe abhaengig bin.
Es ist vor allem auch ein Privileg, dass meine Gesundheit so gut ist, dass ich mit 65 Jahren jedes Jahr noch nach Indien fliegen kann. Wenn ich so bei meinen Jahrgaengern umschaue, ist das gar nicht selbstverstaendlich.

In diesem Bewusstsein kann ich den Tag in Frieden und Dankbarkeit beginnen.

Damit ich es nicht vergesse: Die 15,8 kg kleiner roter Muenzen, die ich auf die Bank geschleppt hatte, ergaben 68,31 Euros. Asi freut sich, fuer seine Jungs wieder Obst kaufen zu koennen. Solch ein Luxus!!

Drei Tage vor meiner Abreise wurde unser Server von Hackern angegriffen, so dass kein Mailverkehr mehr moeglich war. Das fehlte mir gerade noch. Wir sind ja so abhaengig von diesen Dingern. Als es wieder klappte, erhielt ich eine mail:

Stell Dir vor, Du hast keine E-Mailadresse mehr…
Dann existiert man ja nur noch bei denen, die Dich im Herzen tragen.

Unmittelbar vor meiner Abreise hatte ich noch ein Erlebnis, das mich tief gluecklich gemacht hat. Es war Oldtimer-Trecker-Treffen im Dorf. Wir sind mit unseren syrischen Kurden und den beiden Iranis hingegangen. Diese Trecker werden mit so viel Liebe, ja fast zaertlich gehegt und gepflegt, das verbindet und hat auch einen grossen sozialen Aspekt. Ich habe zwar keinen Trecker, aber ich weiss, wen ich fragen kann, wenn mein Koffer klemmt oder die Kuehlschranktuer nicht mehr zugeht.

Treckertreffen1Es war ein total frohes Fest. Unsere Schuetzlinge waren mitten drin. Der kleine Mohamad, eben mal 5 Jahre alt versuchte sich mit andern Kindern auf einem Rasenmaeher-Trecker. Die Geschwindigkeit war vorgegeben, aber lenken und das Gaspedal druecken mussten die Kinder selber. Fuer den kleinen Kerl musste das Sitzchen zuerst zurecht gedrueckt werden, dass er mit dem Fuss aufs Pedal kam. Er sass wie ein Koenig auf dem Gefaehrt. Kaum zu glauben, was diese Menschen alles durchgemacht haben. Jetzt sind sie froh mit dabei. Unsere Fluechtlingsgruppe leistet eine bemerkenswerte Arbeit. Es ist auch nicht alle Tage Treckerfest, sondern da sind die Traumata der Vergangenheit, Aengste um Familienangehoerige, die noch in den Krisengebieten leben, das Hin-und hergerissen werden zwischen Hoffnung und Panik, das Beiberecht zu bekommen. Unsere Gegend erhielt eine Auszeichnung wegen guter Fluechtlingsbetreuung. Unser kleines Dorf liegt sogar etwas ueber dem Durchschnitt an Aufgenommenen.

Ich selber bin ja auch Auslaenderin, fast ueberall auf der Welt, ausser in den wenigen Wochen, wo ich in der Schweiz weile.

Vinayalaya2Jetzt bin ich in einer andern Welt, in Vinayalaya, wo ich jedes Jahr ankomme und auch mich wieder verabschiede. Das Haus gehoert den Missionaren des Heiligen Franz von Sales, MSFS, die die gleiche salesianische Spiritualitaet leben wie ich. Dieser Orden wurde in Frankreich gegruendet, heute sind es ungefaehr 1200 Mann, davon 95% Inder, die auf allen Kontinenten taetig sind, hauptsaechlich ls Seelsorger und in der Bildung, vom Kinderdorf, bis zum Hochschulprofessor. Diese Maenner leben aus einer tiefen, frohmachenden Christusverbundenheit, mit beiden Fuessen auf dem Boden der Realitaet. Allein in Indien haben sie um die 200 000 Kinder unter ihren Fittichen. (Was waere Indien ohne die vielen christlichen Schulen, die sich um die Armen kuemmern!!!)

Die ersten Tage möchte ich mich ganz tief in diese intensive, frohmachende Spiritualität hineinfallen lassen, die hier gelebt wird. Lebenskraft und Lebensfreude pur. Ich werde sie die nächsten Monate brauchen.

Kaum hatte ich das Haus betreten, stellten sich zwei junge Priester vor, die sich auf Europa vorbereiten. Sie haetten gerne etwas Nachhilfe in Deutsch. Beide beherrschen die Sprache schon sehr gut und arbeiten mit einem unglaublichen Fleiss und Interesse. Brauche ich selber noch Nachhilfe, dann frag ich einen Kurzzeit Studenten aus der Schweiz um Hilfe. Mit ihm spreche ich unsern Schweizer Dialekt. Seine Eltern sind vor Jahren mit ihm von Kerala in die Schweiz eingewandert. Mittlerweile besitzt er den Schweizerpass und hat Militaerdienst geleistet, auch wenn er nicht aussieht, als waere er im Emmental geboren. Wir vier haben unendlich viel Spass zusammen. Der junge Mann nimmt naemlich sein Smartphonel zu Hilfe, wenn ich mit Erklaeren nicht mehr nachkomme, weil die Vorstellung fehlt, etwa wie Rotkohl und Wienerwuerstchen oder Kroete, wie Kroete im Hals. Was ist denn eine Kroete? Das Mobile macht’s bildlich bildlich.

Einmal sagte einer meiner Studenten: Unsere Lehrerin ist nett. Das hoerte einer, der kein Deutsch versteht und rief aus: Ich habe verstanden!! Internet!
Das ist die junge Generation!!

Heute sassen wir in einem Park und sangen: Stille Nacht, heilige Nacht.
Zum Glueck habe ich auf dem Duesseldoerfer Flughafen noch das Buch gekauft: Meinen Hass bekommt ihr nicht, von Antoine Leiris. Dieses Buch lesen wir jetzt zusammen. Es ist mit einfachen Worten geschrieben. Jedenfalls so lange man nichts erklaeren muss…

Wie nah die Weltwirklichkeit ist, habe ich in einem Gespraech mit einem unserer Patres hier erfahren. Er war in der Olympia-Mall in Muenchen. Als er nach Augsburg zurueck fuhr, hoerte er im Radio, dass dort was war…

Unser Hausoberer hat in Fribourg studiert. Mit ihm spreche ich vor allem Franzoesisch. So koennen wir beide mal wieder ueben…

Noch einige Nachrichten von Beena Sebstian: Sie ist am 18. August das 3. Mal Oma geworden. Das bedeutet in Indien noch viel mehr als bei uns in Europa. Wenn es moeglich ist, kommt die hochschwangere Tochter einen Monat vor der Niederkunft nach Hause zur Mutter. Dort wird sie beraten, gehaetschelt, gepflegt und massiert. Dasselbe auch nach der Geburt. Da taucht dann auch die ganze Familie auf und muss verkoestigt werden. Famile ist nicht wie bei uns zu verstehen, sondern da kommen Heerscharen… Ich habe es letztes Mal bei Beena erlebt.

Die Kurse in der Cultural Academy for peace laufen natuerlich weiter. Haben sie viele Jahre die Polizei im Umgang mit den Frauen ausgebildet, bieten sie jetzt Kurse an fuer Maenner, um haeusliche Gewalt zu verhindern. Diese Kurse werden so gut besucht, dass sie gar nicht alle Interessierten beruecksichtigen koennen. Fotos von zwei Workshops gibt es hier: gender-violence-survivors (PDF).

Fuer heute will ich schliessen. Weiterschreiben koennte ich noch lange. Aber Morgen ist auch noch ein Tag.

Mit den allerherzlichsten Gruessen,
Eure Schwester Myriam