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So lange das Jahr noch jung ist

Liebe Leute,
so lange das Jahr noch jung ist, möchte ich mich doch mal wieder melden. Sehr turbulente Wochen und Monate liegen hinter mir. Wenn ich aus Indien zurück komme in den Irrsinn des Überflusses und des Weihnachtsrummels („haben, haben, haben müssen“), dann ist es mir, als ob ich an eine Wand geschleudert würde. Gott sei Dank lebe ich in einer Gemeinschaft, wo die Regeln der Wohlstandsgesellschaft nicht gelten. Aber auch bei uns ist vieles im Umbruch, liegt vieles im Ungewissen. So ganz aus den Problemen des Zeitgeistes können wir uns nicht davonschleichen. Auch bei uns werden alle älter.

Gemeinschaftsleben liegt nicht unbedingt im Trend der Zeit, auch wenn bei uns die Religion oder die Weltanschauung keine Rolle spielen, so lange sie offen sind für einander. Für mich als katholisches Urgestein ist dies nicht immer einfach, aber es ist die Realität unserer Zeit, ganz im Gegensatz zu andern Weltregionen. Indien ist zum Beispiel das religiöseste Land der Welt mit einer bunten Palette von Weltreligionen und besonders einer jungen, sehr engagierten Kirche.

Wethen im Mai 2008

Für uns Wethener sind Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung unsere erklärten Ziele. Auch Kunst und Musik spielen eine grosse Rolle. Menschen aus verschiedenen Ländern haben in unserem 425-Seelendorf und in der Gemeinschaft eine neue Heimat gefunden. Ich bin so stolz auf unser Dorf. Wethen ist auch ein Grenzdorf zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen (NRW). Vor 30 Jahren lieferten sich junge Katholiken von drüben mit jungen Protestanten von hier an der Dorfgrenze noch wilde Schlägereien. Jetzt wird Wethen immer bunter. Viele Menschen setzen sich ein für ein gutes Miteinander. Ich selber bin hier nie als Fremde betrachtet worden.

Die Weihnachtszeit verbringe ich jeweils in Gebet und Besinnung, Anbetung und Dank. Am Anfang, wenn ich zurück bin, denke ich bei jeder Klospülung: So viele Menschen haben pro Tag nicht so viel Wasser für sich. Und Millionen von Menschen haben nicht so gutes Essen wie unsere Hunde und Katzen und auch nicht so viel medizinische Versorgung.

Dieses Jahr musste ich mich zwei längst fälligen chirurgischen Eingriffen unterziehen, dank einer sehr engagierten Ärztin. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass mir so gut geholfen werden könnte. Ich fühle mich als neuer Mensch, aber vorerst muss ich Sorge tragen, kein Sport, kein Fahrad fahren und vor allem, nichts heben. Welche indische Frau, die nicht von der Highsociety ist, kann sich einen solchen Luxus leisten?
Ich habe allerdings auch erfahren, wie überlastet die Ärzte und Pflegekräfte sind. Was würde Deutschland machen ohne die vielen Menschen aus andern Ländern und Kontinenten, die sich hier als Ärzte und im Pflegebereich einsetzen? Wer würde die Reinigungsarbeiten übernehmen?

In meinem Wundergarten blühen schon die ersten Frühlingsblumen. Heute, am Aschermittwoch, am Beginn der österlichen (Buss)zeit, lugten die ersten wilden Osterglöcklein aus dem Boden. Schneeglöcklein und Winterlinge blühten in Überfülle. Winterjasmin und Christrosen blühten den ganzen Winter über. Ich habe es geschafft, dass in meinem Garten das ganze Jahr über etwas blüht, sehr zur Freude vieler Menschen, die vorbeigehen. Auch Wildkräuter und Blumen haben zwischen den Gartenblumen Platz. Sie wachsen einfach wie so viel anderes in unserem Leben auch wächst, ohne dass wir es planen können: Huflattich, Scharbockskraut als Bodendecker, das gelbe Schöllkraut zwischen den Vergissmeinnicht und den Tulpen, Storchenschnabel und Ehrenpreis sind schon da, wenn der Fingerhut und die andern Frühsommerblumen sich entfalten. Wie schön sind sie doch, wenn wir uns nur Zeit nähmen, sie mal ausgiebig zu betrachten. Viele Zimmerpflanzen oder auch bestimmte Gartenblumen, die wir für gutes Geld kaufen, gelten in Indien als Unkraut. Ich lasse sogar einige Löwenzahn stehen. Ich finde diese Sonnenwirbel einfach wunderbar. Einige haben allerdings Pech: sie werden mit Blatt, Stiel und Blüten zu Salat verarbeitet und verspiesen.

Der Vorfrühling ist für mich eine sehr wichtige Zeit des nochmals Zurückspulens und des Vorbereitens für das Neue Jahr und besonders auf meine Zeit in Indien. Vieles konnte ich letztes Jahr nicht mehr schreiben, für Vieles finde ich oft auch die Worte nicht, zu unterschiedlich sind die beiden Welten, das ganz andere Denken und Empfinden in einem ganz andern Kulturkreis und Kontakt.

ICH GEHE ZUERST NACH INDIEN, UM ZU LERNEN. Das war bei dem ersten Aufenthalt so, das wird so bleiben. Und man bekommt auch einen ganz anderen Blickwinkel auf Dinge, die im Westen so toll und unantastbar erscheinen, etwa unser Individualismus. Der Zerfall der Familienbande. Da setzen die Inder grosse Fragenzeichen.

Ich habe Grossartiges erlebt, auch viel Trauriges, auf das ich gar nicht eingehen will. Das steht in den Zeitungen. Eine Frau, die letztes Jahr das 2. Mal bei der Reisegruppe war, sagte am Schluss: „In Europa wird so viel Schlechtes über Indien berichtet. Ich habe mir vorgenommen, gute Dinge über dieses Land zu berichten und so vielleicht Vorurteile abzubauen.“ Sie tut es. Mit ihrer Erlaubnis veröffentliche ich einen Beitrag von ihr, den sie in Facebook gepostet hat. Sie hat ihn von einem Eintrag der „Cultural Academy for Peace“ (CAP), dem Lebenswerk von Beena Sebastian.

„Als eine der Initiativen der Cultural Academy for Peace zur Verhinderung des Menschenhandels wurde am 25. Februar 2019 ein Strassentheater in der Touristenmeile in Ernakulam aufgeführt in Zusammenarbeit mit der Rajagiri School of Social Sciences. Menschenhandel ist nach Drogen- und Waffenhandel das drittgrößte organisierte Verbrechen auf der ganzen Welt. Laut der Regierungsstatistik geht in unserem Land alle acht Minuten ein Kind verloren.

Als verantwortungsbewusster Bürger und als Mensch ist es wichtig, dass wir uns gegen solche Gräueltaten erheben. Wir müssen zusammenstehen, um diese Grausamkeit zu beenden. Lasst uns gemeinsam in Harmonie und Einheit zusammenarbeiten, um eine Welt zu schaffen, in der Frieden und Respekt für das Leben durch gewaltfreie Strategien herrschen.“

Als Beitrag zu mehr Völkerverständigung und Solidarität organisierten Margrit Germann und ich zehn Reisen seit 2007. Etwa 130 Personen haben so dieses faszinierende Land kennen gelernt. Etwa 10% kamen mehrmals. Es waren Reisen, die vor allem der Begegnung von Mensch zu Mensch dienten. Wir lernten andere Religionen als auch eine dynamische junge christliche Kirche kennen, die sich ganz in den Dienst der Armen und Ausgegrenzten stellt. Wir erlebten Dalits, Unberührbare, die ihre Würde wiedergefunden haben und sich auf eine gewaltfreie Weise für mehr Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einsetzen, vor allem auch für die Würde ihrer Frauen, die Jahrhunderte lang von höheren Kasten sexuell ausgebeutet wurden und nach wie vor werden. Durch diese Reisen sind auch viele Freundschaften entstanden, die weitere Kreise ziehen.

10 Jahre lang hat Margrit die ganze Organisation in der Schweiz gemacht, eine immense Arbeit. 2009 lernte sie das noch in den Kinderschuhen steckende Roshiniprojekt kennen. Sofort waren sie und Schwester Lisy ein Herz und eine Seele. Mit einem fast übermenschlichen Einsatz und einem unbeugsamen Willen trotzten sie allen Widerwärtigkeiten und Rückschlägen. Margrit warb für finanzielle Unterstützung und gründete den Roshini-Verein. Heute steht ein Haus, in dem junge mittellose Frauen Unterkunft finden. Manchmal sind es einfach auch Frauen in Not, die eine Zuflucht brauchen. Bald wird das Schulhaus eingeweiht, wo eben diese Frauen eine Berufsausbildung erhalten, damit sie auf eigenen Füssen stehen können. In all den Jahren haben über 2000 von ihnen die Dreimonatskurse besucht.

Daneben gibt es Slumschulen für die Kinder. Viele Kinder werden vom Roshini-Projekt finanziert, die in Internaten untergebracht werden konnten. Margrit wird sich weiterhin um das Projekt kümmern und wird auch weiterhin für jede Spende dankbar sein. Vor allem sei ihr aber an dieser Stelle ein ganz GROSSES DANKE SCHÖN gesagt. Ich hoffe, dass auch diese Freundschaft weitergeht.

Ebenfalls für Schwester Lisy gilt dieses DANKE SCHÖN. Von Anfang an war ich dabei, vertraute sie mir ihre Vision an. Sie hatte eben ihren Doktor in Indologie gemacht und musste nun ihren ganzen Mut zusammen nehmen, um ihren Vorgesetzten zu gestehen, dass sie nicht Professorin werden wollte, sondern dass sie ihr Leben im Dienst der Armen sah. Es ist unglaublich, was Menschen ausstehen müssen, die ein solches Werk in Angriff nehmen. Anfeindungen, Verdächtigungen, Verleumdungen, nichts wurde ihr erspart. Das griff natürlich auch ihre Gesundheit an. Lisy liess sich nicht unterkriegen. Immer war sie auf den Beinen, kein Weg war ihr zu weit, kein Gang zu den Ämtern zuviel. Mit ihrer ganzen Hartnäckigkeit musste sie sich gegen Bürokratie und Korruption durchsetzen und auch gegen Eifersucht in den eigenen Reihen. Es gab keinen Stein, den man ihr nicht in den Weg legte. Lisy hat damit einen neuen Weg gebaut.


Das Projekt liegt nun geordnet in jüngeren Händen (`50 Jahre alt` riecht in Indien schon sehr nach Alter!!). Lisy lebt zur Zeit in Rom. Sie macht ein Zusatzstudium, das ihr sehr gefällt. Gesundheitlich geht es ihr bedeutend besser. Später soll sie junge Schwestern ausbilden, und es wird keine Theorie sein, was sie ihnen für ihr Leben mitgeben wird.

Noch einer andern Frau möchte ich gedenken: Helen Bösch. Sie war 2x mit auf der Reise. Sie war sehr engagiert in meinem Heimatdorf für Kultur und Geschichte. Eines Tages hatte mich eine Einladung von ihr erreicht. Ich sollte einen Vortrag über Indien halten. 40 Jahre war ich kaum mehr dort gewesen. Ich hatte weiche Knie, aber ich nahm an. So bin ich dank Helen in mein Dorf zurück gekommen und habe da doch einige liebe Leute wiedergesehen und bin in freundschaftlichem Kontakt geblieben. Einmal kam sogar eine kleine Gruppe von Selzach mit nach Indien. Letztes Jahr habe ich Helen noch im Spital besucht und hoffte sie dieses Jahr wieder zu sehen. Nun werde ich ihr Grab besuchen. DANKE Helen, dass Du mich damals eingeladen hast. Auch das hat mein Leben verändert und Wunden aus meiner Kindheit heilen lassen.
Auf unserer letzten Reise nahm eine fast 80jährige Frau teil. Als sie sich vorstellte, war sie so fit, dass ich nicht nach ihrem Alter fragte. Erst auf dem Anmeldungszettel sah ich ihren Jahrgang und erschrak, aber ich wollte nun nicht mehr zurück, und ausserdem kam ihre Tochter mit. Die Seniorin kam durchaus auch an ihre Grenzen, aber sie wusste mit sich umzugehen. Oft genug waren es die jüngeren, die überfordert waren mit Eindrücken oder sich über allerlei sonst beklagten. Dann sagte die Irma ganz resolut: „Wir sind doch keine Weicheier!!“ Einmal sassen wir in einem öffentlichen Bus, als ihr Hut einfach rausgeweht wurde. „Mein Hut ist weg!“ Kurz darauf kam er wieder angeflogen. Mit Freude und Gelassenheit nahm ihn Irma wieder zu sich. Was war passiert? Der Hut war aus dem Fenster auf die Strasse geflogen, vor ein Motorrad. Der Mann stoppte, packte den Hut, fuhr dem Bus wieder nach und warf ihn dorthin zurück, woher er gekommen war. Incredible India!

Nirgends wie durch meine Reisen nach Indien ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist auf die Gedanken zu achten und das bestmögliche zu erwarten. Es waren immer unscheinbare Gedanken gewesen, oft einfach hingeworfen. Eine Pfarrköchin sagte einmal: „Ich möchte gerne wissen, wie man in Indien lebt.“ „Dann organisiert doch eine Pfarreireise.“ Sie selber kam nie mit, aber 130 andere Leute in 10 Reisen, von denen dann viele sich um Margrit scharten, um das Roshini-Projekt aufzubauen. Oder noch früher, nach meiner Ausbildung zur Friedensarbeit, die Einladung vom Versöhnungsbund, in ein Projekt nach Kerala zu gehen. Ich hatte doch gar kein Geld so was zu tun! Oder die Gedanken von Lisy über ihre Zukunft unter den Armen. Oder eben die Einladung von Helen und meine zwiespältigen Gedanken, ob ich sie annehmen sollte.. In den kleinen unscheinbaren Dingen liegt oft der Wille Gottes. Gottes Wille ist immer Gottes Liebe. Mit diesem Wort des hl. Franz von Sales habe ich schon oft gerungen.

Einmal gab mir eine Kollegin, die ich ebenfalls von einer der Reisen kannte, ein Buch von Rajagopal, dem Mann, der in Indien Millionen von Ureinwohnern mobilisiert, um gewaltfrei für ihre Rechte und um ihr Land zu kämpfen. Ich war begeistert, nahm mit der Autorin Kontakt auf. Zur gleichen Zeit lud Margrit mich ins Kino ein, um den Film `Millons can walk` zu sehen. Heute muss ich weinen, wenn ich diesen Film sehe. Viele der Menschen, welche dort sprechen oder einfach mitmarschieren, kenne ich persönlich.

Es ist schon fast Tradition geworden, dass ich Rajagopal und seine Frau Jill irgendwann treffe, wenn ich im Lande bin. Letztes Jahr besuchte ich eine Tagung über community building. Gemeinschaften bilden, das ist die Grundlage, auf der Rajagopal seine Arbeit macht. Wir waren eine Kerngruppe von ungefähr einem Dutzend Menschen. Täglich kamen und gingen welche. Die meisten hatten indische Wurzeln. Einige leben in den USA oder Kanada. Ein junger Mann mit Schweizer- und indischem Pass war dabei, einige Franzosen und hin und wieder auch noch andere Europäer. Die meisten von uns sind in zwei Ländern oder Kontinenten zuhause. Bei mir sind es drei. Rajagopals Frau Jill stammt aus Kanada, lebt aber seit Jahrzehnten in Indien.

Einige von unserer Gruppe, hinter mir in rot Jill Carr Harris, Rajagopals Frau. Links von mir Rajagopal, rechts sitzt ein Kapuziner, der zusammen mit Rajagopal gegen alle Hoffnung einen schrecklichen Konflikt in Kerala begleichen konnte.

Rajagopal mittendrin mit Jugendlichen bei einem Dorffestival

Rajagopal ist die Einfachheit selber. Er versteht die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Er versteht es, in schwierigsten Situationen das Mensch-sein-in-Würde anzusprechen, auch unter grössten Bedrohung.

In diesem Kurs gab uns Rajagopal vier Fragen zum darüber sprechen:
Wer bin ich?
Was will ich?
Was bringe ich ein?
Was nehme ich mit?

Mir fiel auf, dass vor allem junge Europäer mit der ersten Frage ein Problem hatten. Bei der zweiten wussten sie, was sie nicht wollten, aber was wollten sie eigentlich?

Wir tauschten hauptsächlich Erfahrungen aus. Daneben wurde viel für den Jaijagat gearbeitet, den globalen Friedensmarsch, den Rajagopal vom September 2019 bis Oktober 2020 von Delhi nach Genf organisieren will. Durch die vielen Turbulenzen, durch die ich die letzten Monate hindurch gegangen bin, konnte ich mich leider nicht mehr darum kümmern. Über den neusten Stand bin ich nicht mehr orientiert. Was sagte ich bei Jill und Rajagopal zum Abschied? Die Hindus glauben an die Wiedergeburt, ein Leben nach dem andern. Ich lebe sieben Leben miteinander.

Liebe Leute,
es wird Frühling. Das Leben erwacht. Ich wünsche euch allen Ein Leben voller Leben!!
Eure Schwester Myriam

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