Archiv für den Monat Oktober 2015

Gruesse von Pattu und seiner Frau

Liebe Leute,

es ist schon Tradition, dass ich auf der Busfahrt von Mysore nach Cochin im Haus von Pattu uebernachte.

Pattu und seine Frau Daria

Pattu und seine Frau Daria

Pattu ist unser Herbergsvater und wir sind seine Lieblingsgruppe. Sein Homestay liegt im Urwalddorf Kutta, an der Grenze von Karnataka zu Kerala zwischen Urwald und Kaffeeplantagen.

Jedes Jahr erleben wir in Pattus Paradies zwei erholsame Tage. Er freut sich von einem Jahr zum andern auf unser Kommen und zeigt mir dann jeweils, was er wieder alles am Haus veraendert hat, damit wir uns ja wohl fuehlen. Er interessiert sich dann auch, was aus den Ehemaligen geworden ist, etwa die junge nurse, die schon 2x da war oder die Mutter des Polizisten, die letztes Jahr so viel Freude verbreitet hat. Er zieht einen Schluesselbund hervor an dem ein Schluesselanhaenger baumelt: Deutsche Polizei. Die Namen weiss er nicht mehr, aber es ist lustig, woran er sich erinnert. Ich kann die Namen gut ausmachen: Werner, Stephan, Ursula, Bernadette, etc.  Jedenfalls muessen einigen die Ohren gelaeutet haben.

Hier einige Bilder von Pattus Paradies:

Pattus "Homestay", hier leider im Regen

Pattus „Homestay“, hier leider im Regen

Herzliche Gruesse an alle, die Ehemaligen und Zukuenftigen.

Eure Schwester Myriam

„Be the change that you wish to see in the world.“ Gandhi

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Das Haus der Wunder

Liebe Leute,

mittlerweile bin ich in Mysore und im Roshini-Projekt angekommen. Fuer mich ist das Ganze das Wunder von Mysore, eine Anhaeufung von wunderbaren Fuegungen und wunderbaren Menschen, die miteinander und durch einen Glauben, der Berge versetzt, Unglaubliches vollbracht haben und nach wie vor vollbringen.

Schon bei meiner Ankunft gab es eine unerwartete Ueberraschung. Ich wurde von einem jungen Mann am Bahnhof abgeholt, den ich 8 Jahre nicht gesehen hatte. 2007 hatte ich Sr. Lisy kennen gelernt. Sie machte eben den Doktor und haette eine Karriere als Professorin vor sich gehabt. Sie wollte aber zu den Armen. Deswegen war sie ins Kloster gegangen. Verrueckt!! Ich sagte nur: Ich finde Deine Idee Klasse, aber ich habe kein Geld um Dir zu helfen. Lisy wollte erst auch gar kein Geld, sondern war einfach gluecklich, dass jemand sie  ernst nahm und nicht als bekloppt erklaerte. Diese Begegnung hat nicht nur unser, sondern auch das Leben vieler andern Menschen veraendert. Eins davon war der junge Mann, der mich vom Bahnhof abholte. Damals war er 17, wohnte am Ende der Welt und hatte keine Zukunft. Sein Vater vertrank das wenige Geld, das die Familie gebraucht haette. Lisy schickte ihn vorerst zu den Salesianern in einen 3-Monatskurs, dann arbeitete er hart, studierte daneben weiter und ist heute Ingenieur.

Das Haus der Wunder

Das Haus der Wunder

Er brachte mich ins neue Haus, wo mittlerweile 18 ehemalige Strassenmaedchen ein neues Leben gefunden haben. Einige kenne ich von frueheren Besuchen. Kaum zu glauben, wie sie sich veraendert haben. Waren diese strahlenden Maedchen jene, welche von den Schwestern zuerst stundenlang geschrubbt und entlaust werden mussten?

Ehemaliges Strassenkind

Ehemaliges Strassenkind

 

Leider sind auch einige wieder von ihren Angehoerigen zurueck ins Elend geholt worden. In diesen Faellen ist auch Lisy machtlos.

2009 hatte Lisy in Mysore ihre erste Schule mit 3-Monatskursen fuer junge Leute aus den Slums und und vor allem Frauen und Maedchen angefangen. Ab diesem Jahr kamen die Schweizergruppen mit Margrit German ins Spiel. Was die beiden Frauen und viele andere seither mit ihrem Herzblut geschaffen haben, darueber kann man nur staunen. Wo viele kleine Leute viele kleine Schritte tun, da veraendert sich die Welt. Mittlerweile gibt es den Roshini-Foerderverein, der auch Spendenquittungen ausstellen kann.

Wie ich in dieses Haus kam, wehte mir ein Schwall von Liebe und Wohlwollen entgegen. Ich staunte nur noch. Das Haus ist eine Mischung von indischer Kreativitaet und schweizerischer Genauigkeit. Neben den beiden Schwestern lebt hier als Angestellte nur eine Koechin.

Alles andere wird von den Maedchen, von 5 bis 15, organisiert. Jedes hat seine Arbeit. Die ist auch wieder in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Bis morgens um 9, bis sie zur Schule muessen, ist alles blitzblank sauber, die Kleider sind gewaschen und aufgehaengt. Strassenkinder lernen frueh sich selber zu helfen und selbstaending zu sein. Das soll so auch bleiben fuer spaeter.

Noch wird ueberall gearbeitet, gehaemmert und gestrichen. Im Moment ist die Kapelle dran. Wer so aus dem Glauben lebt, braucht eine Kapelle.  Zuerst das Naheliegendste und wichtigste: Die Kueche ist fertig eingerichtet. Stuehle und Tische braucht es vorerst noch nicht.

In Indien wird eh oft auf dem Boden gegessen, Schulaufgaben gemacht, etc.. Auch geschlafen wird noch auf dem Boden.

An einem der ersten Abende kam eine Gruppe angehender AerztInnen. Ein Kollege, 23, schon Assistenzarzt, wollte seinen Geburtstag im Roshinicenter feiern. Die Gruppe brachte Abendessen fuer alle. Selbstverstaendlich sassen sie mitten unter den Kindern auf dem Boden.

Lisy rennt da und rennt dort. Da ruft ein Arbeiter, dort will jemand was. Eingerichtet sind die Zimmer der beiden Schwestern und das Gastzimmer. Gastfreundlichkeit ist oberstes Gebot. So habe ich einen wunderbaren Raum mit Bett, Tisch, Plastikstuhl und Schrank. Das muss 60 Jahre halten, sagte Lisy. Vorhang, Klobuerste und Papierkorb werden auch noch kommen.

Als ich eines Morgens aus dem Fenster schaute, sass auf einem Elektrodraht ein Eisvogel. Vor wenigen Jahren kamen hier noch Elefanten aus dem Urwald. Manchmal holte ein Lepard ein zartes Kalb aus einem Gehege. Jetzt waechst die Stadt immer weiter aufs Land hinaus.

Lisys Bananenwald

Lisys Bananenwald

Der riesige Garten ist mit allerlei Gemuese bepflanzt, ausserdem wurden zwei Bananenwaelder mit insgesamt 2600 Bananenstauden angelegt. Noch mehr Obstbaeume sollen gepflanzt werden, sobald Geld dafuer da ist. Grundwasser gibt es genug. Verschiedene Leute helfen mit, zwei Angestellte, aber auch viele freiwillig, weil sie Lisy und ihre Arbeit schaetzen. So verwurzelt sich das Projekt langsam in der Gegend. Das Gemuese und Obst wird sowohl fuer den Eigengebrauch als auch als Einkommensquelle dienen.

Schon oefter war es Gespraechsthema zwischen Lisy und mir, nicht nur auf Geld aus Europa zu vertrauen. Wer weiss, wie lange das noch gut geht. Im Moment gibt es einige interessante Ansaetze. Doch spaeter mehr davon.

Es gibt ja nicht nur das Roshini Projekt, sondern auch das Don Bosco Childrens Home,  von einem jungen Salesianer, Pater Peter, der sich um 49 ehemalige Strassenjungs kuemmert.  Ein kleiner Junge ist im Moment noch bei seinen beiden Schwestern im Roshinicenter. Die Kinder wurden von ihrer Mutter bedroht.

Besuch von der Grossmutter

Besuch von der Grossmutter

Am Sonntag  hatte ein Kind Besuch von der Grossmutter, dem einzigen Menschen, den es noch hat und den die Grossmutter noch hat. Ihre Mutter wurde vom Vater erschlagen. Die Tante vaeterlicherseits wuenschte dem Kind den Tod. Und so weiter.

Lisy und Peter arbeiten eng zusammen, tauschen sich aus. Peter steht auch noch dem Projekt „Child friendly Mysuru“ vor, das die beiden miteinander ins Leben gerufen haben. Sie moechten, dass Mysore die kinderfreundlichste Stadt Indiens wird. Es gibt 78 Slums. In 10 davon arbeiten sie. Sie koennen ja nicht alle Kinder einfach aufnehmen. Sie bilden in den Slums Freiwillige aus, die dann auch ein wenig verdienen, wenn sie die Leute in Hygiene und Gesundheitsvorsorge unterrichten oder sonst einfache Schulstunden abhalten. Jeden Abend ist Unterricht zwischen 17 und 18.30 Uhr. Sie wollen absichtlich junge Leute animieren, um diese dann auch wieder zum selber Lernen zu ermutigen. Samstags und Sonntags sind dann oft noch noch andere Angebote.

Daneben arbeitet Peter auch noch mit Gefangenen. Eine Kollegin hatte in einer Zeitung  einen Artikel ueber die Zustaende in  indischen Gefaengnissen gelesen. Sie liess sich davon bewegen und gab mir Geld mit. Peter ist gottenfroh darum!!! Wer im Slum arbeitet, wird unweigerlich auch mit dem Verbrechen konfrontiert. Die Versuchung nach dem schnellen Geld ist bei jungen Leuten gross. Sie machen die Drecksarbeit fuer Drogendealer oder Menschenhaendler, etc.

Die Roshini-Gang. Links neben mir Pater Peter, rechts Sr. Lisy. Ganz rechts Peters Bruder Viji

Die Roshini-Gang. Links neben mir Pater Peter, rechts Sr. Lisy. Ganz rechts Peters Bruder Viji

Da gibt es aber auch einen dritten im Bunde: Viji, der aeltere Bruder von Peter. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Viji ist verheiratet und Master in Sozialarbeit. Er ist Direktor einer Schule in Bangalore. Davon kann er so einigermassen leben. Seit er seinen gelaehmten Vater zwei Jahre lang gepflegt hatte und dieser gestorben war, hat Viji ein kleines Altenheim aufgebaut, wo er alte Leute aufnahm, die niemanden hatten oder auf der Strasse lebten. Als Peter nach Mysore versetzt wurde und das Heim fuer die Jungs eroeffnete, zog Viji mit seiner Familie ebenfalls nach Mysore um. Das Altenheim in Bangalore wurde geschlossen und hier wieder eroeffnet. Da schaut ein weiterer Bruder dazu. So ist die ganze Familie aktiv in der Sozialarbeit engagiert. Das koennten reiche Leute sein. Sie suchen nach neuen Erwerbsquellen und Mithilfe. Im Moment sind deshalb nur zwei alte Leute in dem kleinen Altenheim. Einen davon habe ich kennen gelernt: Ein Mann, der durch einen tragischen Unfall beide Kinder verlor, und jetzt ist auch noch seine Frau gestorben.

Lisy, Peter und Viji unterstuetzen sich wo sie nur koennen. Im Moment ist die grosse Bitte nach Freiwilligen aus Europa, die in allen drei Projekten mithelfen wuerden. Das koennten auch Leute im reiferen Alter sein. Die Kinder sollten zum Teil auch psychologisch betreut werden. Oder junge Leute, die mit den Kindern Sport machen wuerden oder irgendwie kreativ mit ihnen arbeiten koennten. Lisy wuenschte sich noch jemanden, der sich gut mit PCs auskennt und ein wenig fundraising machen wuerde. Ich bin mit einer Organisation in Kontakt, aber ich bin auch offen fuer andere Ideen.

Ich sass lange mit den dreien zusammen. Es geht auch um die Idee, ob sie nicht Gaeste haben koennten in einem sanften Tourismus, wie ich es mit meinen Gruppen pflege, Menschen, die kommen um zu lernen. Die vielleicht auch an christlichem Leben interessiert oder sonst auf der Suche sind. Da sind wir noch am Entwerfen. Doch vorerst wende ich mich an ehemalige Leute aus unseren Gruppen, die schon ein wenig Erfahrung mit Indien haben. Hier, wo Lisy wohnt, ist es unglaublich still und angenehm. Viji wuerde sich um verschiedene Sehenswuerdigkeiten kuemmern, auf die Interessen abgestimmt. Prema wuerde gerne Kochkurse geben, wovon schon die kommende Schweizergruppe profitieren kann. Ich stelle mir auch vor, dass es fuer individuelle Leute sein koennte, fuer die unser jetziges Reiseangebot zu streng ist und die dazwischen mehr Ruhe haben moechten.

Und nicht zuletzt waere es fuer mich eine Freude, wenn etwas von dem weiterginge, was ich aufgebaut habe. Tourismus in einer Win-Win-Situation, die fuer alle etwas bringt. Sicher soll es auch so guenstig sein, dass Interessierte kommen koennen, die nicht so viel Geld haben. Wem das Angebot zu guenstig ist, darf das uebrige Geld gerne spenden.

Gestern sind wir vier, die ‚Roshini Gang‘, in ein urspruengliches Karnatakadorf gefahren. Dort wird auch der alte Baustil noch gepflegt. Das ganze Dorf gehoert einer speziellen Hindu-Kaste an, die alle Vegetarier sind. Eine grosse Dorfgemeinschaft mit einer ueberwaeltigenden Gastfreundschaft. Sie bauen viel Gemuese und Blumen an, zum Teil als Selbstversorger, zum Teil leben sie davon. Sie haben einen Fischteich und bauen jetzt eine Huehnerfarm fuer 1000 Huehner fuer die Nichtvegetarier, um besser leben zu koennen. Das Land gehoert ihnen, was gar nicht selbstverstaendlich ist. Sie koennte man vielleicht auch in das Projekt einbinden.

Diese Leute essen kein Fleisch, aber viele Milchprudukte. Die Kuehe sind den ganzen Tag draussen, kommen aber am Abend ins Haus. Das hat mich so beeindruckt.

Blitzblanker Kuhstall mit Wohnzimmer

Blitzblanker Kuhstall mit Wohnzimmer

Wenn man zur Haustuere rein kommt, ist zuerst der Stall, so sauber geputzt, dass man vom Boden essen koennte. Dann ist gleich die Sitzecke vom Wohnzimmer, zu der auch ein moderner TV-Bildschirm gehoert. Dann kommt die weitere Wohnung der Grossfamilie, alte Eltern und drei verheiratete Soehne. Zur Wohnung gehort auch ein kleines Tempelchen. Bisher habe ich nur eine indische Wohnung ohne eine Gebetsecke oder sonst ein Heiligtum gesehen. Das war eine juedische Wohnung.

Meine Zeit neigt sich hier auch schon wieder dem Ende zu. Das naechste Mal werde ich mich aus Kerala melden.

Ein herzlicher Gruss an alle, Eure Schwester Myriam

„Be the change that you wish to see in the world.“  Gandhi