Archiv der Kategorie: Allgemein

Ein Blick zurück

Liebe Leute,

Entschuldigung, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich gleichzeitig mehrere Leben miteinander lebe. Ein grosses Dankeschön allen, die mich mit Freude erwarten, begleiten, ermutigen, unterstützen, sich für die Projekte interessieren, auch meine Niedergeschlagenheit ertragen, wenn ich zurückkomme. Einen besonderen Dank an Haus Overbach, wo ich mich immer zum Gebet zurückziehen und das Erlebte wiederkäuen und aufarbeiten kann.

Ich komme ja in eine weihnachtsrummelnde, rasende Welt hinein, wo alle rennen, nur wohin? Die Orientierungslosigkeit, der Konsum, die Verschwendung, die Ansprüche. Ich komme mir oft vor, als würde ich an eine undurchdringliche Wand geschmettert. Manchmal möchte ich schreien: Wir sind eine Gesellschaft von Privilegierten!! Sogar wenn wir wenig Materielles besitzen. Den meisten Menschen auf dieser Erde geht es viel schlechter. Bei jeder Klospülung muss ich daran denken, dass viele Menschen in unserer Welt nicht soviel Wasser für sich an einem Tag haben, wie wir mit einer Klospülung verbrauchen.

Manchmal wünschte ich, dass den Leuten im Traum mal deren zukünftiger Grabstein gezeigt würde!!! Das was bleibt vom Materiellen!.

Ein grosses Danke schön an meinen grossen Freundeskreis. So viele Menschen, besonders auch Senioren, die sich engagieren, teilen, versuchen Mensch zu sein in unserer Konsumgesellschaft. All jene, die die Armen unserer Stadt oder unseres Dorfes kennen, kennen die Armen dieser Welt!

Und dann kommt regelmässig von ehemaligen Indienreisenden die Feststellung: Mich dünkt, dass der indische Mensch im allgemeinen viel zufriedener ist als wir Überflussmenschen.

Von dieser Perspektive her möchte ich nochmals zurückblicken. Was mich letztes Jahr am meisten betroffen gemacht und Spuren hinterlassen hat, war das Treffen von Frauen, die sich für Frieden und Gewaltfreiheit engagieren.

Jill Carr Harris und Rajagopal P.V.

Organisiert worden war das Ganze von Rajagopal P.V. und seiner Frau Jill Carr Harris, die beide aus der Spiritualität Gandhis leben und diese in ihrem Leben verwirklichen. Millionen von landlosen Ureinwohnern Indiens konnten mit Friedensmärschen auf ihre Not aufmerksam machen. Vielen wurde so Gerechtigkeit zuteil. Weitere Millionen kämpfen nach wie vor für ihre Rechte, immer der Gewaltfreiheit verpflichtet.

Leider konnten nie die Bilder in den Bericht eingefügt werden, den ich im Oktober geschrieben habe, was nun nachgeholt werden soll. Ich verwende nun nochmals den gleichen, leicht abgeänderten Bericht.

Am Abend des 27. September hatte ich in Bangalore den Zug nach Jalgaon im Staate Maharastra bestiegen.. Es war einmal mehr eine Reise durch verschiedene Staaten und Zeiten und Kulturen.

Wie ich am Bahnhof von Jalgaon wartete, bis jemand mich abholen würde, fiel mein Blick auf ein grosses Plakat: “Jains Irrigation”. Wenige Tage vorher hatte mich in Bangalore ein Ingenieur gefragt, ob ich nicht irgendwo Bewässerungs-Spezialisten wüsste. Ich notierte mal den Namen. Ich ahnte nicht, dass ich diesen link noch öfter brauchen würde.

Dann wurde ich in die “Gandhi Research Foundation” auf den Jainhills gebracht.

Die Jain-Religion ist eine der Religionen, die unseren Indienreisenden vorgestellt wird. Sie entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie der Buddhismus als Reformbewegung gegen das Kastenwesen des Hinduismus. Jains leben absolut gewaltfrei, sind deswegen auch strikte Vegetarier. Die ganz Strengen tragen eine Mundbinde, dass sie ja keine Mücke verschlucken, und putzen die Strasse, auf der sie gehen, ehe sie einen Schritt machen. Sie dürfen nicht in der Erde arbeiten und sind deswegen meistens gute Geschäftsleute. Es wird ihnen auch nachgesagt, dass es bei den Geschäften dann nicht mehr so genau drauf ankäme, z.B. beim Waffenhandel. Es gibt auch Jain-Mönche, die luftgekleideten. Die haben wir allerdings nicht gesehen. Jedenfalls hatte ich das Bild der lebensfernen Asketen in meinem Kopf.

Jetzt stand ich da und wähnte mich im Paradies.

Ich kam über die Schönheit des Ortes nicht aus dem Staunen heraus. Überall grünte und blühte es. Diese Hügel waren vor ein paar Jahrzehnten noch Steppe gewesen, ausgetrocknet und unbebaut. Eine intensive Spiritualität war fast greifbar.

Sogar die Affen, Languren, waren freundlicher als anderswo.

Am Morgen jubelten verschiedenste Vögel ihre Lieder zum Himmel. Am Abend hielten die Grillen und die Frösche ihr Konzert.

Ich wurde sehr herzlich von einem Dr. John Chelladurai empfangen. Wir begrüssten uns fast wie alte Bekannte und waren sofort in ein tiefes Gespräch vertieft. Ich hatte den Mann noch nie gesehen. Er kannte Professor N.S. Ramaswami, Beena Sebastian, die eigentlich auch hätte dabei sein müssen und noch einige andere. Er ist christlich erzogen worden, gehört aber keiner Kirche an. Er interessierte sich für mein Leben als Begegnungsschwester. Normalerweise werde ich ja nur gefragt, welcher Kongregation ich angehöre und warum ich kein Ordenskleid trage. Einmal lachte er mich schelmisch an, als ich über die Sauberkeit des Ortes staunte: Nicht wahr, genau so sauber wie in einem Frauenkloster… Warum weisst du das?

Er wollte mehr von meinem Leben wissen. Ich sagte, ach, ich muss ein bisschen verrückt sein. Viele haben mich immer wieder für verrückt („crazy“) gehalten, für vieles, was ich getan habe: als ich ins Kloster ging, als wir 1974 einen Biogarten anfingen, bis hin zu dem, was ich heute tue.

Er dachte ein wenig nach, dann sagte er: “Nein, nicht crazy, sondern gracy, gracily (gnadenvoll, begnadet)”.

Ich genoss zwar die ersten beiden Tage, aber John fand immer etwas, das ich machen konnte, z.B. einen kurzen Lebensabriss schreiben, der dann mit 49 anderen auf der Tagung ausgestellt wurde. Am nächsten Tag wurde ich verdonnert, ein Telefoninterview für eine Tageszeitung in Bombay zu geben.

Das Essen war “pure vegetarian”, das heisst, kein Fleisch, kein Fisch und keine Eier, aber Milch in den Tee oder Kaffee und indischen Käse (Paneer) in den verschiedensten Gerichten. Das Essen war sagenhaft gut. Ich verstehe viel von vegetarischer Küche, aber das hatte ich noch nie erlebt. Es war nichts Aussergewöhnliches dabei, wie es bei uns oft der Fall ist, kein Tofu und keine veganen Schnitzel, sondern alles ums Haus herum gewachsen, Bio, jede Menge von Bohnen, Erbsen, Linsen in allen Farben und Formen..

Zu dieser Einrichtung gehört auch eine landwirtschaftliche Schule, und wenn ich richtig verstanden habe, auch ein wissenschaftliches Agrarinstitut. Das alles war gegründet und aufgebaut worden von Bhavarlal H. Jain, einem Mann aus ganz armer Familie, der sich zum Multimillionär hocharbeitete.

Er erfand die Mikroirrigation, die weniger Wasser braucht, aber effizienter bewässert. Die ganzen Jainhills, die jetzt ein grünes Paradies sind, waren einmal ausgetrocknete Hügel. Heute sind es vielfach Obstplantagen. Bhaul Jain, wie er auch genannt wird, hat seinen Reichtum nicht gescheffelt, sondern immer wieder eingesetzt für die Armen. Er hat Millionen von Bauern das Leben zum Guten gewendet. Entsprechend wird er auch verehrt. In meinem Zimmer lagen Bücher von und über ihn, die ich sofort verschlang. Leider ist er nur wenige Monate vorher verstorben. Jetzt führen seine vier Söhne den Konzern, der in 160 Ländern arbeitet: www.jains.com Es lohnt sich, den Kurzfilm anzusehen. Die Firma ist zu 100% nachhaltig, produziert auch Solarstrom und Biogas. Es war der Traum vom Gründer, dass es nie einen Krieg um Wasser geben sollte. Das war seine Gewaltfreiheit. Kurz vorher hatte ich ja den `Fast – Krieg` ums Wasser in der Gegend von Mysore erlebt, die verdorrten Felder gesehen und die Verzweiflung der Bauern mitbekommen. In Indien macht alle 25 Minuten ein Bauer Selbstmord. Aber auch in der Schweiz mehren sich die Suizide unter Bauern…..

Es war eben Festivalzeit verschiedener indischer Göttinnen. Zwei InderInnen und ich wurden eingeladen, daran teilzunehmen. Auch diese Schule war von Bhaul Jain gegründet worden. Die Schülerinnen und Schüler hatten wunderbare Tänze einstudiert. Ich staunte, mit welcher Offenheit und Engagement die verschiedenen Lehrerinnen ihre Ansprachen gestalteten: In keinem Land würden so viele Göttinnen verehrt wie in Indien, Indien würde stets als Mutterland bezeichnet und doch hätten so viele Frauen keine Rechte, würden misshandelt und missbraucht, bis hin zur Ermordung, Mädchen würden abgetrieben, nur weil sie Mädchen seien. An die Mädchen gewandt, rief eine der Lehrerinnen: “Realize your power! Realize your dignity!”

Dann wurde ein Lied gesungen zur Ehre der verschiedenen Göttinnen und auch für alle Religionen. Selbstverständlich hing auch ein Bild von Maria, der Mutter Jesu, und von Mutter Teresa bei den Bildern der indischen Göttinnen. Die Jains haben Mutter Teresa schon zu ihrer Lebzeit als Heilige, respektive als Göttin verehrt!

Noch erstaunter war ich, als ich die jungen Leute auf Englisch singen hörte: “Jesus, komm doch wieder und rette die Welt. Jesus, komm wieder und segne die Zukunft dieser Mädchen und Jungen.”

Beim Verlassen der Schule fiel mir eine einfach gekleidete Frau auf. Sie war in einen blauschwarzen Sari gekleidet und kam mir vor wie die Jungfrau Maria. Sie dankte uns, dass wir gekommen waren. Erst später sagte jemand, das wäre die Schwiegertochter von Bhaul Jain gewesen…  Ich traf sie später nochmals und war überwältigt von ihrer Natürlichkeit.

So langsam trudelten die Frauen aus den verschiedenen Ländern und Kontinenten ein.

Eines Morgens war dann auch Jill Carr Harris, die Frau von Rajagopal, da. Ich traf sie auf meinem Morgenspaziergang. Sie lud mich gleich zum Frühstück ein. Es war, als ob wir uns schon lange kennen würden.

Am Sonntag Morgen war ein Marsch mit Rajagopal und Ekta Parishad, der Bewegung, die er gegründet hat, durch Jalgaon angesagt. Ich traf ihn, als er mit einer Frau ebenfalls zum Frühstück kommen wollte, aber das war offenbar nicht bis zu den Frühstückmachern durchgedrungen, so dass er sich ohne wieder verabschieden musste. Die junge Frau im weissen Sari kam mir vor wie Schneewittchen. Erst bei näherem Hinsehen merkte ich, dass unter dem dunklen Haar doch ein paar weisse Strähnchen hervorschauten. Sie erzählte mir, dass sie Politikerin sei. Irgendwann gab es dann doch noch eine Tasse Kaffee. Rajagopal sagte mir später, dass dies die höchste Polizeichefin ihres Staates sei, und zwar wäre es ihr gelungen, Terroristen dingfest zu machen ohne sie zu erschiessen.

Der Marsch durch Jalgon war zu Ehren Gandhis, dessen Geburtstag am 2. Oktober gefeiert wird. Er endete in einem riesigen Zelt. Die ganze Prominenz, auch der Sohn von Bhaul Jain, Rajagopal und einige Vertreter anderer Religionen, darunter auch ein katholischer Priester, nahmen auf der Tribüne Platz. Wir andern gingen nach hinten ins Zelt. Da kam jemand und nahm mich bei der Hand. Zusammen mit zwei Inderinnen musste ich auf die Tribüne. Meine Knie wurden weich. Warum gerade ich? Das fragten mich nachher auch einige Inderinnen. Keine Ahnung (Friedensfrauen sind doch nicht etwas eifersüchtig?)

Den ganzen Tag war dann Programm im Gandhi-Zentrum, Gesänge, Tänze, Farben, Musik, man kann es nicht in Worte fassen. 50 Adivasi-Frauen wurden dabei besonders für ihren Einsatz geehrt. Wir Ausländerinnen von 30 Ländern mussten ebenfalls auf die Bühne. Von der Schweiz war eine ganze Gruppe Frauen da. Ekta Parishad wird von der Schweiz aus finanziell unterstützt.

Von dort wurde auch die Produktion einer Filmdokumentation unterstützt: From local grassroots to global action – Womens’ International Meet on Non-violence and Peace. Documentary report, India 2016, 39’07“ https://vimeo.com/204678518 Sehenswert!

Ganz bewusst waren VertreterInnen von Georgien, Armenien und Aserbeidschan eingeladen worden. Eine Palästinenserin war da. Ida kam aus Trinidad / Tobago.

Kanada war gut vertreten. Lee Ann kannte eine PAG-Kollegin von mir, mit der sie im Sudan zusammen gearbeitet hatte. Sie hatte Reinhard Voss aus Wethen im Kongo kennen gelernt und selbstverständlich kannte sie Beena Sebastian.

Kolumbianische Frauen hatten im Auftrag von Justitia et Pax mit den FARC-Rebellen verhandelt. Sie waren die grossen Heldinnen. Ein 52 Jahre dauernder Krieg war zu Ende. Am nächsten Tag kam die Nachricht, dass der Vertrag von der Bevölkerung knapp abgelehnt worden war. Die Landbevölkerung, die am meisten gelitten hatte, hatte ihn angenommen. Dennoch erhielt der Präsident den Friedensnobelpreis. Die kolumbianischen Frauen sagten darauf nur: eigentlich würde der Preis dem Volk gehören.

Eine Quäkerin aus Kenia vom AVP-Projekt war anwesend. Sie betreut in ihrer Heimat Flüchtlinge und macht Trauma-Arbeit. Einmal sagte sie: Sie hätte nie gross zur Schule gehen können. Es sei so grossartig, dass sie sich hier so wohlfühlen dürfe.

Zwei Frauen waren aus Kambodscha, einige Universitätsprofessorinnen aus Schweden und Kanada, und so weiter.

Aus Pakistan durfte leider niemand kommen. Umgekehrt dürfen auch Inderinnen nicht dorthin fahren. Beena hat es schon mehrmals versucht.

Durch alle Schichten, Bildungsstufen und Staaten waren die Inderinnen vertreten. Es gab darunter auch Anwältinnen und andere hoch studierte Persönlichkeiten. Am meisten gefielen mir die Adivasi Frauen, die kaum je zur Schule gegangen waren. Die haben ein natürliches Selbstbewusstsein und eine Begeisterung, da kann man nur staunen. Eine 90jaehrige Tamilin, Krishamma, die seit ihrem 12. Lebensjahr, fast 70 Jahre lang, sich für Landreformen eingesetzt hatte, wurde besonders geehrt. Sie wurde ‘Gold of India’ genannt.

Eigentlich fehlen die Worte, um dies alles zu beschreiben. Es gibt so viele Leute, die sich gegen alle Hoffnungslosigkeit einsetzen und durchhalten.

Es gibt auch die unterschiedlichsten Projekte, die einen für Landreformen, andere pflanzen Bäume für alle Mädchen, die nicht leben dürfen, nur weil sie Mädchen sind. Eine Frau erzählte, wie sie sich im eigenen Dorf gegen Mädchenhandel einsetzte und dabei zwischen die Fronten geriet. Eine andere setzt sich gegen das Unwesen der Tempel-Prostitution ein.

Von Ekta Parishad gibt es auch einen Zweig für Künstler. Gauri, eine hoch ausgebildete indische Tänzerin, tanzte das Leben Gandhis. Eine ganze Truppe tanzte das Leben von Kasturba, der Frau an Gandhis Seite, die viel zu wenig bekannt ist.

Eine Frau konnte leider nicht mehr dabei sein: Sie hatte sich viele Jahre für Ekta Parishad eingesetzt. Sie freute sich wahnsinnig, dass sie zum Treffen fahren durfte. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges hatte sie einen Zusammenbruch. Sofort wurde die Ambulanz gerufen. Die Frau rief aus: “Ich will nicht ins Krankenhaus. Ich will ans Treffen. Ich will mein Leben für dieses Land hingeben.” Das waren ihre letzten Worte.

Es war, als ob das Weltgeschehen sich verdichtet hätte, das Gute wie das Böse, aber immer wieder flammte die Hoffnung auf, der Wille zu “Jai Jaghat!!” Der Ruf, der immer wieder ertönte und soviel heisst wie “Sieg für die Welt.” Oder frei übersetzt könnte man auch sagen: “Wir alle schaffen das!!” Rajagopal wollte kein Land genannt haben, um Nationalismus zu verhindern.

Er ist ein bescheidener, einfacher Mann, der sowohl einen grossen Frieden als auch grosse Lebensfreude ausstrahlt. Egal, ob einer ein Maschinengewehr trägt, ob ein einfacher Bauer oder eine vornehme Frau vor ihm steht: Er begegnet jedem auf Augenhöhe in unglaublicher, aber echter Freundlichkeit. Auch er hatte eine schwere Nachricht in diesen Tagen einstecken müssen: In einem andern Staat hatte die Polizei auf Bauern geschossen, die Land besetzten. Einige waren getötet worden, andere lagen schwer verletzt im Krankenhaus.

Rajagopal setzt seine grosse Hoffnung auf die jungen Leute. Es waren auch immer eine grosse Gruppe PraktikantInnen mit dabei, junge Filmemacher und andere.

Nach drei Tagen verabschiedeten sich die meisten Inderinnen. Wir Ausländerinnen teilten uns in Gruppen auf und fuhren ins Feld. Meine Gruppe reiste nach Gwallior. Dabei kamen wir auch in Bhopal vorbei, wo heute noch die Fabrik steht, die vor etwa 30 Jahren einen schweren Chemieunfall verursachte, der bis heute noch nicht gesühnt ist.

Ich hatte das Glück, auf dieser mehrstündigen Bahnfahrt länger mit Rajagopal zu reden. Für ihn ist Verzeihen und Versöhnen sehr wichtig und gehört unbedingt zur Friedensarbeit.

Er fragte mich, wie es denn aussähe mit den Flüchtlingen in Deutschland. Man würde immer nur Negatives hören. Ich war so stolz und glücklich, ihm sagen zu können, dass in unserem kleinen Dorf die Integration klappe und die Leute sehr gut aufgenommen wären. Solche Orte und Menschen gäbe es noch viele, aber sie kommen halt meistens nicht in die Schlagzeilen, oder bestenfalls, wenn ein Flüchtling einem verunglückten AFD-Politiker das Leben rettet…

In Gwallior fuhren wir zuerst in den Ashram, wo Rajagopal angefangen hatte. Er sagte, vor 10 Jahren hätte er uns noch nicht dahin mitgenommen. In diesem Ashram leben auch zwei ehemalige Terroristen. Wie alt sie sind, wissen sie nicht so genau. Der eine war sehr jung, als er zu der Räuberbande ging. Er wäre so arm gewesen und hätte niemanden gehabt, es war seine einzige Überlebenschance. Der andere hatte ein Stück Land, das man ihm wegnahm. Darauf erschoss er diese Leute und wurde Räuber. Dank Rajagopals Vermittlung haben beide später ihre Waffen abgegeben und kamen in ein offenes Gefängnis. Dort durften jene, die Familie hatten, diese mitnehmen. Sie lernten Agrikultur, lernten lesen und schreiben. Beide sind heute alte, glückliche Menschen. Solche ehemaligen Räuber gibt es noch viele. Über 1000 haben ihre Waffen damals niedergelegt. Ganz wichtig, diese Männer haben sich mit den Menschen ausgesöhnt, denen sie Gewalt und Unheil angetan haben.

Diese Gegend, das Chambal Valley, war auch die Heimat von Poolan Devi, der Königin der Banditen, die dann viele Jahre im Gefängnis sass, dann aber ins indische Parlament gewählt wurde. Eins Tages wurde sie auf offener Strasse erschossen.

Wir haben verschiedene Dörfer besucht, in denen Menschen um ihr Land gekämpft haben oder noch tun. Immer wurden wir mit viel Freude, Gesang und Girlanden begrüsst. Wenn Leute von so weit herkommen, dann muss doch das, was sie, die Einheimischen, tun, gut sein!! Auch hier wieder wie wichtig es ist, Päsenz und Intresse zu zeigen.

In Indien gibt es noch 50 Millionen Landlose, respektive Leute, die nomadisch leben. Das heisst nicht, dass sie von der Kultur her nomadisch wären. Das gibt es auch. Es sind auch Leute gemeint, die immer einem Job, einer Überlebensmöglichkeit nachreisen, die Slums bevölkern und dann auch oft AIDS in die hintersten Dörfer bringen, wenn sie zu ihren Familien zurückkehren. Zum Beispiel: Delhi hat 15 Millionen Einwohner. Täglich kommen nochmals so viele Menschen dazu, die dort arbeiten oder Arbeit suchen.

Es sind auch Adivasis, die früher mal im Urwald lebten, Früchte und Kräuter sammelten und ein ungeheures Pflanzenwissen hatten. Sie haben für ihre Bedürfnisse auch gejagt. Dann wurde das plötzlich Schutzgebiet. Die Menschen standen ohne jegliche Lebensmöglichkeit da.

Dann gibt es jene, die sich bei Grossgrundbesitzern verschulden und dann ein Leben als Sklaven fristen müssen, offiziell verboten, aber wen stört das?

In einem Dorf, wo wir waren, erzählten die Leute, dass sie das Land schon verschrieben bekommen hatten. Da hat ihnen die Urwaldbehörde Samen von einem Dornengewächs auf die bebauten Felder gesät, das sie nur mit grösster Mühe wieder loswerden konnten.

In einem andern Dorf, auch im Urwaldgebiet (nicht alles, was als Urwald gilt, ist auch Schutzzone) mussten die Männer in einem Steinbruch arbeiten. Das Dorf besteht fast nur aus Witwen, Kindern und ein paar alten Männern. Die jungen Männer sind alle an Staublunge gestorben, Lebenserwartung 35 Jahre.

In nochmals einem andern Dorf herrscht eine Dorfchefin. Sie lernt die Polizei das Fürchten. Diese Frauen hatten ihr Land schon zugeschrieben bekommen als ein Grossgrundbesitzer wieder versuchte ihnen die Ernte streitg zu machen. Er kaufte die Polizei, welche die Frauen beim Arbeiten schikanierte und verprügelte. Eines Tages bemächtigten diese Frauen einen dieser Männer, warfen ihn zu Boden und setzten sich auf ihn. Die Aktion hatte Erfolg.

Bei dem einen Dorf konnten die Bauern ihr Land schon für sich bestellen. Früher mussten sie in die nahe Stadt fahren, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen. Jetzt führt der Highway direkt an ihrem Land vorbei. So können sie direkt verkaufen, ohne lange Wege.

Jemand fragte, was denn die Männer sagten, wenn die Frauen so selbstbewusst würden. Kurzes Stillschweigen, dann standen einige von ihnen auf und sagten, sie würden das gut finden. “Wir arbeiten zusammen, wir kämpfen zusammen um bessere Lebensmöglichkeiten.”

die Frauen….

…..die Männer, immer fein säuberlich getrennt

Schwieriger ist das Thema Schule: “Es muss uns doch jemand helfen, die Felder zu bestellen. Wir haben gar kein Geld für Schulbücher.” Es gibt aber auch Dörfer mit winzigen Schulhäuschen.

Dann gibt es auch die Männer, die im Geheimen wieder ein Stück Land verkaufen und das Geld in Alkohol umsetzen. Incredible India!

Die Döfer sind unglaublich arm. Arm an Materiellem.

Schlafzimmer im Adivasi Dorf

sauber geputzte Küche

Der Staat fördert jetzt die Latrinen.

Der Topf vorne ist zum Hände waschen.

Dass es in jedem Dorf mindestens eins dieser Häuschen gibt, dass wenigstens die Frauen geschützt sind, wenn sie mal müssen. Auch in den Städten gibt es eine Menge neue und saubere Toiletten.

Eine staatliche Müllabfuhr gibt es nach wie vor nicht, auch in den Städten nicht. Aber der Staat fördert dennoch viele Initiativen für Green India, Clean India. Der Unterschied zu früheren Jahren ist deutlich.

Der Staat hat zum Ziel, dass letztlich jeder indische Mensch ein Handy haben sollte…

Handis bis in die letzte Ecke. Das Metallgestell ist ein modernes Bett.

auch die Jeans haben das letzte Dorf erobert…, die Frauen bleiben bei ihrer farbigen traditionellen Kleidung…

Es gibt auch Dorfhäuser, in denen es Elektrizität gibt. Dort versammelt sich das ganze Dorf um den einzigen Fernseher….

Trotz ihres harten täglichen Kampfes ums Überleben strahlen sie eine unglaubliche Lebenskraft und Lebensfreude aus.

Keine Berührungsängste!! Man ist einfach mitten drin. In welcher Sprache nur haben wir uns unterhalten? Müssen die Ureinwohner zuerst Misstrauen und Vorurteile lernen, um in unserer Welt zu überleben?

Tempelfest für die Kinder

Die Kinder freuen sich über den Getreidefladen mit süssem Brei……

Mittagessen für die ausländische Gruppe im Adivasi Dorf. Eigentlich war es schon später Nachmittag…

Rajagopal war es wichtig, dass wir Menschen aus allen Schichten begegneten. Glaubwürdig waren mir längst nicht alle. Wir hatten auch viel mit Presse zu tun. War nicht mein Ding. Vor allem, wenn man merkte, dass diese Leute gar nicht begriffen oder begreifen wollten, worum es geht.

In den Dörfern haben wir gesehen, wie Getreide und Rupien gesammelt wurden. Jeden Tag eine Handvoll Getreide oder Reis und eine Rupie. Der Weg der kleinen Schritte. Damit soll 2018 der nächste grosse Marsch der Armen nach Delhi organisiert werden und er soll noch grösser werden als der Marsch von 2012. Trotzdem ist auch Ekta Parishad auf Geld aus dem Ausland angewiesen.

Rajagopal ist sehr darauf bedacht, dass Ekta Parishad eine Bewegung bleibt und keine politische Partei wird. Nur so können sie mit allen Seiten verhandeln.

Die Regierung hat viel versprochen, aber wenig gehalten. Rajagopal will marschieren, bis alle Verträge eingelöst sind. (Er ist auch um die 70!!) Er sagt: “Diese Leute sind es gewöhnt, am Boden, auf der Strasse zu schlafen. Sie sind es gewöhnt, grosse Strecken zu Fuss zurück zu legen. Sie sind es gewöhnt, einfach zu leben. Sie sind bestens geeignet, auf diesen Märschen durchzuhalten und ihr Recht einzufordern. Man muss mit dem arbeiten, das da ist.“

Sehr empfehlenswert zu diesem Thema ist der Film „Millions can walk

Für 2019 – 2020 ist noch ein grösseres Projekt geplant: Ein Friedensmarsch von Delhi nach Genf, der ungefähr ein Jahr dauern soll und auch durch Krisenländer wie Pakistan ,Afghanistan und die Türkei führen soll:

Crazy oder gracy? Die Vorbereitungen laufen schon. Ich mache da mit, versuche alle möglichen Organisationen und Menschen anzuschreiben, besonders katholische. Es ist mal wieder eine Heidenarbeit…

Am 9. Oktober fuhren wir nochmals ein paar Stunden mit dem Zug nach Delhi zu einem internationalen Filmfestival, hauptsächlich mit Filmen von Frauen, die sich für Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit einsetzen. Es war das erste dieser Art weltweit.

Als erstes besuchten wir die Stätte, wo Gandhis Asche ruht. Am liebsten wäre ich in stillem Gedenken noch lange dort geblieben.

Stattdessen hielt uns ein 90jaehriger Professor, der Gandhi noch persönlich gekannt hatte, einen Vortrag über seine Philosophie der Gewaltfreiheit und Frauenpower. Am Abend war dann die Eröffnung des Filmfestivals und so ging es weiter, von morgens 9 Uhr bis Abend 9 Uhr oder auch später. Ich kenne dieses Timing von internationalen Treffen bei Beena Sebastian. Die Inderinnen fühlen sich pudelwohl, aber die Ausländerinnen, vor allem jene aus dem Westen, können dann irgendwann nicht mehr, was sehr schade ist, denn was geboten wird, ist hochkarätig.

Es war auch kaum möglich, am Abend gemachte Notizen zu verarbeiten. Meistens waren wir noch irgendwo eingeladen. Einmal haben wir im muslimischen Zentrum zu Abend gegessen. Dort war auch die einzige muslimische Imamin Indiens dabei. Ein anderes Mal waren wir Gast bei der nordindischen Kirche. Das ist ein Zusammenschluss von verschiedenen evangelischen Kirchen in Nordindien. Überall wo wir waren, wurde immer wieder gebetet. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Ich konnte die Gebete auch gut nachvollziehen. An diesem christlichen Abend hat mich das Gebet ganz besonders berührt. Der Pastor begann mit: VATER .. Das erste Mal, dass ich wieder dieses vertraute VATER… hörte…

In meinem Leben habe ich noch nie so viele Filme nacheinander gesehen, immer mit guten Diskussionen dazwischen. Oft waren die RegisseurInnen anwesend. Einige Filme waren auch von Männern gedreht worden. Am meisten war ich über einen srilankischen Regisseur erstaunt und seinen Film, der nur 15 Minuten dauert, aber die Geschichte geht unter die Haut: Eine Kriegerwitwe auf Sri Lanka bringt ihrem Sohn bei, wie er bei einem Theater in der Schule einen Soldaten zu spielen hat. Zuerst kaufen sie ein grosses Spielzeug – Maschinengewehr. Dann lernt er exerzieren. Er soll seinem gefallenen Vater Ehre machen. Als sich der Junge schlafen legt, kommt unerwartet ihr Liebhaber vorbei. ER will dem Jungen das Kriegsspiel beibringen. Doch die Mutter lehnt ab, weil das Kind schon schläft. Da passiert plötzlich ein bewaffneter Überfall. Das Haus wird beschädigt, aber es wird niemand verletzt. Ganz benommen sitzt der Soldat mit der Frau in Deckung. Plötzlich bricht er in Tränen aus: Er will gar nicht mehr Soldat sein, sondern möchte mit seiner Geliebten und dem Kind in Frieden leben können. Als es draussen wieder ruhig ist, verabschiedet er sich. Wie er wenige Meter vom Haus entfernt ist, flammt das Feuer wieder auf und er wird tödlich getroffen. Am andern Morgen sieht man, wie der Junge wieder Exerzieren möchte, aber die Mutter sitzt erstarrt und gedankenverloren da…

Ob es ein Weg zum Frieden wäre, wenn alle Männer so ehrlich sein könnten und zur Einsicht kämen, dass es andere Wege zum Frieden geben muss als durch Kriege..

Einige von den FILMEN, DIE GEZEIGT WURDEN

Diese Filme dürften alle vom Internet herunterladbar sein.

DYING DREAMS, 19 min. Sudath Abeysiriwardane, Sri Lanka.

BOXING GIRLS OF KABUL, 54 min. Ariel Nasr, Docu

DAUGHTER OF THE NIGER DELTA, 56min. Isle van Lemoen, Docu

THE WOMEN’S REVOLTION IN JEMEN, 56min. Docu, SEHR EMPFEHLENSWERT

GULABI GANG, 96min. Nishta Jain,Indien, DOCU, SEHR EMPFEHLENSWERT

THE ROAD I KNOW 59, Yirmian Arthur Yhome, Nordostindien, Docu. Dieser Film hat mich sehr berührt, weil ich diese Strasse und das Land kenne, so weit es fuer Ausländer zugänglich ist.

LYARI NOTES, 70 min. , Miriam Chandy Menacherry &Maheen Zia, Pakistan / Indien, Docu

Ich wünschte, Friedensfilmfestivals würden zur Regel werden!!! Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir kleinen Leute merken, es ist an uns eine bessere Welt zu bauen. Indien macht es uns vor.

Diese Tage in Nordindien haben mir unheimlich viel gegeben, bis heute, aber auch sehr viel abverlangt. Wohin es mich führen wird, weiss ich nicht, aber zu Ende sind diese Erfahrungen für mich noch lange nicht.

Sicher bleibe ich mit Rajagopal und vielen andern auf dem Weg.

… und ein fragender Blick Richtung Europa….

Bericht von Margrit Germann: Reise in den Nordosten von Indien, 26. bis 30. Nov. 2016

Mein Flug ging von Bangalore nach Guwahati. Nach drei Stunden Flugzeit war ich dort und wurde zuerst von einem kleinen, rundlichen Mann mit Mandelaugen begrüsst, indem er mir eine handgewobene Schleife und Schultertuch umhängte. Noch nie habe ich etwas gehört oder gesehen von diesem Mann!

Lisy, Rahamat die Nähschullehrerin, Vijay und seine Frau und P. Peter vom Bubenheim standen weit im Hintergrund und warteten auf mich.  Es hat sich dann herausgestellt, dass Jonas, dieser kleine rundliche Mann, unsere ganze Reise durch drei Bundesstaaten im Nordosten organisiert hat.

Viele Jahre hat Sr. Lisy im Nordosten gearbeitet, bevor sie nach Mysore berufen wurde. In den sieben Bundesstaaten im Nordosten wohnen ca. 300 verschiedene Völkerstämme mit eigener Kultur und eigener Sprache. Eigentlich ist es friedlich dort und doch gibt es immer wieder Konflikte zwischen diesen Stämmen. Vor allem gibt es ganz unwirsche, abgelegene Gebiete. Wenn es ein Ende der Welt gibt, so ist es sicher in Nagaland! Berge, Wald und Gebüsch, soweit das Auge reicht, unasphaltierte Bergstrassen und immer wieder Hangrutsche, Landwirtschaft, die nur auf kleinen terrassierten Feldern möglich ist. Man versucht der Natur abzugewinnen was irgendwie möglich ist. Ananasplantagen, Reis, Getreide, wenig Obst. Nur zwei dieser Bundesländer sind mit Eisenbahnen erschlossen.

Während dieser Zeit als Sr. Lisy im Nordosten arbeitete, kam sie durch ihre Arbeit in ganz arme, weit abgelegene Dörfer. Jonas gehört zu einem Stamm, der total von der Welt weg sind. Als kleiner Knabe wollte er eine Schule besuchen, was damals nicht für alle Kinder möglich war. Schwester Lisy hat es ihm ermöglicht in eine Klosterschule/Internat zu gehen und später eine Ausbildung zu machen.

Heute ist Jonas ein top ausgebildeter, gutverdienender Ingenieur in einer IT-Firma. Leiter von, – weiss Gott was! Ohne Sr. Lisy wäre er damals nie in eine Schule gekommen. Jonas hat sich sehr gefreut, diese Gelegenheit zu nutzen, eine viertägige Reise im Nordosten zu organisieren und alles zu bezahlen! Endlich könne er sich mal dankbar zeigen an Sr. Lisy, und es sei ihm eine grosse Ehre mit uns diese Reise zu machen.
Mit seiner Frau und seinen vier adoptierten Kindern reiste er mit uns. Zwei der Kinder, ein Mädchen 16 Monate alt, der Knabe 12 Monate, sehen aus wie Zwillinge. Dann haben sie noch ein Mädchen von 13 Jahren und eines von 17 Jahren adoptiert. Kinder, die aus seinem Stamm abgewiesen und ausgesetzt wurden. Jonas und seine Frau wollen ihnen ein schönes Leben und beste Ausbildung ermöglichen. Wir sagten zu ihm, dass es für diese vier Kinder ein Glück sei, dass sie adoptiert worden sind und sie ihnen gute Eltern seien. Da sagte er: «Was? Nicht die Kinder haben Glück, wir sind überaus glücklich und dankbar diese Kinder zu haben und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. Wir sind beschenkte Leute, diese Kinder sind unsre Freude und Glück!»

So ging dann unsere Reise in zwei gemieteten Autos mit Fahrer weiter, durch wunderbare Gegenden. Manchmal habe ich mich gefühlt wie am Vierwaldstättersee. Berge, Seen, Flüsse, blühende Kirschbäume, wunderbare Blumen und viel Wald. Durch die Nacht reisten wir zweimal im Nachtzug. Ein ganz anderes Indien! Das Land ist arm aber sauber! In diesen sieben Nordoststaaten herrscht das Matriarchat, das heisst, die Unternehmen, Fabriken, Gemeinden, Stadt, Spitäler usw. werden mehrheitlich von Frauen geleitet. Es gibt eine geregelte Kehrichtabfuhr. Möglichst für alle Kinder wird eine Gelegenheit zum Besuch der Grundschule angeboten, auch in den weit entfernten Gebieten.

Wir besuchten Ausbildungscenter und Schulen, den Kriegsfriedhof in Kohim, Märkte, Kirchen, Stammesmuseum, bekamen Einblick in die Völkerstämme mit ihren Kulturen und trafen ganz interessante Leute. Es war sehr eindrücklich. In Guwahati und Shillong sind Fahrradrikscha ein beliebtes Verkehrsmittel. Von kirchlicher Seite wird überall sehr viel geleistet. Schulen, höhere Ausbildungen, Schulen für Behinderte und für taubstumme Kinder eine eigene Schule, Spitäler, Alterspflege etc. In einem grossen Schulungscenter werden dieselben Ausbildungskurse mit denselben Lehrplänen angeboten, wie wir es im Roshini/Don Bosco Tech anbieten. Für Schule und Ausbildung wird viel aufgebaut. Diese Schwestern und Patres arbeiten fast um Gotteslohn. Nur für die allernötigsten Grundbedürfnisse ist gesorgt. Ein primitives Zimmer, etwas zu essen, ein paar Kleider und ein Gebetsbuch – mehr haben sie nicht. Auch aus privater Initiative, vielfach von jungen Leuten, wird enormes aufgebaut. Da ist schon eine Zukunft da.

Nach intensiven eindrücklichen Tagen ging es zurück nach Mysore, wo ich noch einige Tage verbracht habe, bevor es auch für mich Zeit war heimzugehen.

Die Situation im Roshini Center in Mysore, November/Dezember 2016

Von Margrit Germann, Förderverein Roshini
Rückblick auf meinen Aufenthalt im Roshini Center in Mysore. Nov./Dez. 2016

Zuerst darf ich Euch allen ganz liebe Grüsse von Sr. Lisy ausrichten und für jede Unterstützung ihre Dankbarkeit weitergeben.

Erfreuliches und Schmerzliches gehen jeden Tag ineinander. Es ist schön zu sehen, dass sich die Kinder im Heim gut entwickeln, sich wohlfühlen und gute Schüler sind. Sie lachen und können fröhlich sein, trotz den schlimmen Erfahrungen, Misshandlungen und Verletzungen, die sie bis zur Aufnahme ins Heim erleben mussten. Drei grössere Mädchen aus dem Kinderheim waren auf dem Heimweg nach der Schule einem Menschenhändler in die Hände geraten. Nach einem Tag des Bangens wurden sie von der Polizei aufgefunden und befreit. Das Schicksaal, einem Bordellbesitzer verkauft zu werden, blieb ihnen erspart.

Dank Spenden konnte in diesem Jahr die Umzäunungsmauer auf drei Seiten des Geländes fertig erstellt werden. Die vierte Seite wird nächstens angefangen. Die Kosten sind höher ausgefallen, da aus Sicherheitsgründen die Mauer höher als geplant gebaut wurde.

Auf dem Hausdach wurden einige m² Solarpanels angebracht zur Aufbereitung von warmem Wasser.

Auch konnte Sr. Lisy noch 10 zusätzliche Betten kaufen. Im Speisesaal fehlen noch Tische und Bänke/Stühle. Aber solches Inventar hat in Indien keine Priorität. Zum Essen und Aufgaben machen sitzen die Kinder auf dem Boden.

Es hat mich sehr gefreut, die drei Lehrer zu treffen, die bei Don Bosco Tech die Berufsbildungsklassen führen. Obwohl sie unter sehr primitiven, engen Verhältnissen arbeiten müssen, führen sie die Klassen mit grosser Leidenschaft und Überzeugung. Sie mögen es kaum erwarten, bis auf dem Roshini Gelände ein eigenes Schulhaus gebaut werden kann.

Sr. Lisy und weitere Projektleiter von Mysore haben Ende November an einem Projektleiterkurs in Guwahahty Assam teilgenommen. Es sei ein sehr intensiver Bildungskurs gewesen und für sie eine Hilfe, um die Projekte erfolgreich zu führen.

Sr. Lisy und Sr. Mathilda gehören dem indischen Orden «Sisters Mary Help of Christian» an. Zusammen mit den Seminaristen von Don Bosco feierten wir am 1. Dez. im Roshini Kinderheim in einer würdigen, schlichten Feier die Eröffnung des Jubiläumsjahres «75 Jahre Schwesterngemeinschaft». Stefano Ferrando, ein italienischer Don Bosco Priester wurde vor dem zweiten Weltkrieg in Shillong-Nordostindien zum Bischof berufen. Um die unglaublich grosse Not der Bevölkerung im Nordosten zu lindern halfen ihm junge Frauen in Krankenheimen, Schulen und Familienbetreuung. Sechs von diesen jungen Frauen wurden die ersten Schwestern im neuen Orden, den Bischof Ferrando gegründet hat.

Nebst viel Erfreulichem bleiben Sorgen und tägliche Schwierigkeiten nicht aus.

Der ersehnte Monsun ist dieses Jahr im Bundesstaat Karnataka und vielen andern Gegenden fast völlig ausgeblieben. Der Grundwasserspiegel sinkt und viele Gegenden leiden unter enormer Trockenheit. Im Roshini Center sind fast 2 Hektaren Bananen zur Ernte bereit. Der Ertrag ist viel geringer. Doch Sr. Lisy hofft, nebst der Selbstversorgung wenigstens die Unkosten decken zu können.

Seit 8. November ist grosse Finanzkrise in Indien. Um den Schwarzgeldmarkt mehrheitlich zu stoppen, hat Premierminister Narendra Modi alle 500 und 1000 Rupie Banknoten als nicht mehr annehmbar erklärt. Wer solche Geldscheine hat, ist gezwungen diese auf der Bank zu wechseln. In der ersten Woche konnte man solche Geldscheine, jedoch max. 4000 Rupie pro Tag und ab zweiter Woche noch für max. 2000 Rupie pro Tag, eintauschen gegen 2000er Rupie Noten. Das erfordert stundenweise Schlange stehen vor der Bank. Mit einer 2000 Rupie Note einkaufen und bezahlen, ist fast unmöglich. Das Kleingeld ist rar geworden und darum kann beim Einkaufen kein Rückgeld gegeben werden. Viele kleine Geschäfte mussten mindestens vorübergehend, schliessen. Der Warenmarkt ist völlig zusammengebrochen. Für Kleinladen-Besitzer ist es katastrophal. Zum Vergleich: Fr. 1.- = ca. 66 Rupie.

Bis zum 30. Dezember 2016 sollten alle Inder ein Bankkonto eröffnen und nur unter Beweis, wo das Geld verdient wurde, das sie zu Hause eventuell gespart haben, kann es auf das Konto einbezahlt werden. Die Leidtragenden sind einmal mehr die Armen. Sebastian, Beena’s Ehemann, ein guter Kenner der indischen Finanzwirtschaft, hat mir gesagt, dass in Indien über 80% der Bevölkerung kein Bankkonto haben. Was heute verdient wird braucht man morgen zum Überleben.

Nebst Bananen hat Sr. Lisy eine Hektare Tomaten angepflanzt, die zurzeit reif sind und für den Frischmarkt bestimmt waren. Im Jahre 2015 war der Erlös für ein Kilo Tomaten ca. 40 Rupie. Die Preise sind nun auf 2-3 Rupie pro Kilo gefallen und können nicht verkauft werden. Es ist schmerzlich zu sehen, wie die reifen Tomaten in bester Qualität auf den Boden fallen und verfaulen. Der nötige Zusatzverdienst wird Sr. Lisy sehr fehlen. Da nichts verkauft werden kann, hat sie die Bewohner im nahen Slum aufgerufen im Roshini Center gratis Tomaten zu pflücken.

Die Landwirtschaft im Allgemeinen ist durch die Trockenheit und zusätzlich durch die Finanzkrise sehr betroffen. Zuckerrohr, teilweise auch Reis, Fächerhirse, anderes Getreide und Gemüse ist unverkäuflich geworden. Es gibt keine Ausgleichszahlungen, Subventionen oder Versicherungen. Viele Bauern die von der Landwirtschaft leben, verzweifeln. Die Suizidrate unter Bauern ist sehr hoch.

Auf der Wiese vom Don Bosco Seminar werden zwei Kühe gehalten zur Selbstversorgung von Milch. Was normalerweise in dieser Jahreszeit eine grüne Wiese ist, ist nun alles braune Erde. Den Kühen werden Äste von Laubbäumen verfüttert. Wie lange noch? Bereits verlieren die Bäume die Blätter wegen der Trockenheit. Der nächste Regen/Monsun kommt Mitte Mai!

Hier lernt man schnell, was echte Probleme sind!

Gleich neben dem Eingang zum Roshini Center ist eine kleine, gut geführte Ayurveda Klinik, wo Sr. Lisy gute Medikamente für die Kinder holen kann. Ayurveda Behandlungen sind im Bundesstaat Kerala sehr gefragt und ein gutes Geschäft. Hier in Karnataka ist es, teils auch aus Aberglauben, verpönt. Dazu kommt, dass neben der Klinik vor vielen Jahrzehnten ein kleiner Friedhof war. Heute ist dort nur noch Gestrüpp. Bis heute glauben die Leute, dass diese Grabstätten schlechte Energien bis zur Klinik ausstrahlen.

Trotz allen Sorgen und Problemen ist bei Sr. Lisy und ihrem Team immer viel Zuversicht da. Klagen und jammern ist nicht ihr Ding.

Mit herzlichen Grüssen

Margrit Germann

Leider kann ich keine Fotos einfügen, da ich meine Kamera liegen gelassen habe. Hoffe, später noch Fotos zu bekommen. Sorry!

Geldwechsel und Hilfsbereitschaft

Für die Reise „von Mensch zu Mensch“ fliegt im 2016 eine Gruppe von 10 Personen nach Indien. Nach unserer Ankunft am Montag übernimmt ein freundlicher Mensch den Geldwechsel für uns alle und auch für das Gemeinschaftsbudget von Margrit. Am Abend sind wir zum Essen eingeladen. Pater Henrys Handy klingelt und er wird ziemlich nervös. Danach erfahren wir, dass die 500-Rupien-Noten ab Morgen Dienstag nicht mehr verwendet werden können und die Noten bei der Bank gewechselt werden müssen. Dies sei vermutlich eine Massnahme gegen Schwarzgeld. Hoppla. Heute morgen gewechselt und heute abend kommt diese Nachricht. Wir haben fast ausschliesslich 500er Noten (die ganze Gruppe ca. 2’000 500er Noten!). Margrit bleibt ruhig und meint, da finden wir schon eine Lösung. Und so kommt es auch. Wir erfahren eine grosse Hilfsbereitschaft. Oft ziehen die Läden und Restaurant es vor, die Noten trotzdem zu nehmen und dann selber zur Bank zum Wechseln zu gehen. Ist immer noch besser, als nichts zu verkaufen.

Kurz vor der Abreise nach Indien flattert bei mir eine Einladung zur Zahnreinigung ins Haus. Im Blog von Myriam lese ich, dass sie alle Zahnbehandlungen in Indien machen lässt. So entschliesse ich mich, die Zahnreinigung in Indien in der Zahnarzt-Praxis von Myriam machen zu lassen. Myriam begleitet mich per Rikscha hin. Gleich zu Beginn fragen wir, ob wir mit 500-Rupien-Noten bezahlen können. Nein, geht nicht. Mit Kreditkarte wär’s möglich. Wir warten ein paar Minuten. Da kommt eine Frau in schönem Sari auf uns zu. Sie habe gehört, dass wir Probleme mit der 500-Rupien-Note hätten. Sie würde uns für 4 x 500 Rupien eine 2’000er Note geben. Sie sei Ärztin und könne dann schon irgendwie wechseln. Wir sind total verblüfft, und klar, wir nehmen das nette Angebot gerne dankend an.

zahnaerztinnenNach der Behandlung möchte ich mit der 2’000er Note bezahlen. Die Behandlung kostet 500 Rupien, was etwa 7 Euro sind! (Bei uns in der Schweiz werden wir locker CHF 120.- los). Doch sie haben kein Wechselgeld. So sage ich: entweder die 2’000er oder 500-Rupien-Note. So nimmt die Assistentin die 500er Note. So konnte ich in kurzer Zeit 5 x 500 Rupien wechseln.

Beim Wechseln auf der Bank ist meistens eine lange Warteschlange. Banken erkennen wir jeweils an der ca. 30 Meter langen Schlange von Menschen, welche vor teilweise noch geschlossenen Banken anstehen. Und das dauert und dauert…  Die ersten paar Tage konnten pro mal 4’000 Rupien getauscht werden, danach nur noch 2’000, da das gedruckte Geld knapp wurde. Ein riesiger Aufwand für wenig Geld. Dazu muss ein Zettel ausgefüllt werden und eine Kopie des Passes wird angeheftet. Ab Neujahr muss jeder Inder ein Konto eröffnet haben, um die 500-Rupien-Noten zu wechseln. Ob das klappt?
Doch wir Reisenden können uns nicht beklagen. Wir haben so viel Entgegenkommen und Hilfsbereitschaft erlebt. Schlimmer ist es für die indische Bevölkerung. So viel Zeit mit Anstehen wird verplempert und 2’000 Rupien pro Tag sind nicht viel.

Eine tolle Reise ist zu Ende mit vielen schönen Eindrücken und Begegnungen. Es gäbe noch viel zu erzählen.
Noch lange wird diese Reise nachklingen.
Karin und Helen