Archiv des Autors: Schwester Myriam

Nach LESE zu Weihnachten

Das Weihnachtsfest ist vorbei, doch der Sinn von Weihnachten kann jeden Tag gelebt werden: Offene Herzen, Ohren und Türen. Wenn wir ins Weltgeschehen hinaus schauen, dann wissen wir, wie nötig dies alles wäre. Weil ich immer wieder nach unseren Flüchtlingen gefragt werde, aber selber nicht in Wethen war, habe ich zwei Personen aus Dorf und Gemeinschaft gebeten, einen kleinen Beitrag darüber zu schreiben. Die Bilder sind von Werner Lüddecke. Alle Beteiligten wohnen in unserem 500-Seelen-Dorf.

Ulrike Kablowski berichtet von der Feier in der Gemeinschaft:

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Am heiligen Abend sind ungefähr 25 Personen zusammengekommen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Jeder hat etwas zum Essen mitgebracht, so dass schnell ein Buffet aufgestellt war. Nach der Begrüssung haben alle die leckeren Speisen genossen und sich in den verschiedenen Sprachen unterhalten. Es war eine schöne und lockere Atmosphäre. Anschliessend wurden traditionelle deutsche Weihnachtslieder gesungen. Reinhard begleitete den Gesang ganz spontan mit dem Klavier. Christine las die Weihnachtsbotschaft aus Jesaja 9 vor und wünschte allen eine friedliche Weihnacht. Myriam, eine junge Studentin, trug einen Sologesang vor, der alle begeisterte.
Als die Kerzen fast niedergebrannt waren, wurde an  alle ein Geschenk verteilt, eine Kerze, die liebevoll mit einem Schokoriegel und einem Buchsbaumsträusschen zusammen gebunden war. 100_2829Eliane aus Brasilien verteilte Freundschaftsringe aus Kokosnussholz.
Da schnell geklärt war, wer welche Aufräumarbeit übernimmt, gab es keinen hektischen Aufbruch, sondern jeder konnte ganz gelassen zum Gottesdienst oder nach Hause gehen. Jeder hat auf einfache Weise dazu beigetragen ein fröhliches Beisammen sein zu gestalten.

Gisela Hinkel berichtet aus der Dorfkirche:
Am Heiligen Abend wurde hier in der kleinen Wethener Kirche ein Familengottesdienst mit Krippenspiel gefeiert. Am Schluss wurden alle gebeten, sich die Hände zu reichen und den Friedensgruss in verschiedenen Sprachen zu sagen.
Gisela, die als junge Frau und eine der ersten Deutschen in Israel Freiwilligendienst geleistet hatte, fing an: Als Jesus in Bethlehem geboren wurde, war das Land von den Römern besetzt. Sie wünschten sich PAX – Frieden. Doch dort war kein Frieden. In Israel grüssen sich heute die Menschen mit Schalom – Schalomalechem – der Friede sei mit euch. In Bethlehem sprechen Christen und Muslime arabisch. Sie sagen Salam. Ein Mann aus Syrien, der eine Frau aus Moldawien geheirat hat, sprach den Friedensgruss auf russisch. Eliane schloss sich auf brasilianisch an. Jutta, die in Afrika gearbeitet hat, drückte sich in einer afrikanischen Sprache aus. Eric, dessen Vater aus Wethen stammt, die Mutter ist Chinesin, wählte seine „Mutter“sprache. Mustafa, der sein Heimatland Iran verlassen hat, weil er sich taufen lassen wollte, auch er sprach in seiner Muttersprache, Farsi. Grosse Welt in kleiner Gemeinde.

Ich selber war wie immer an Weihnachten in Haus Overbach. Am Weihnachtsabend habe ich einen sehr eindrücklichen Weihnachtsgottesdienst für junge Leute erlebt. Der Weihnachtsengel erschien nicht den Hirten, sondern einem reichen Mann, der seine Angestellten schlecht behandelte und schlecht bezahlte. Zuerst wollte er gar nichts wissen von dem Engel. Die gibt es doch gar nicht… Doch der Engel gab nicht auf und zeigte ihm, wie einer seiner Arbeiter ein Kind verlor, weil er kein Geld für Medikamente hatte. Der Engel zeigte ihm immer eindrücklichere Bilder, aber der reiche Mann liess sich erst bewegen, als der Engel ihm seinen eigenen Grabstein zeigte. Da ging er in sich und änderte sein Leben. Ich hatte den Eindruck, dass wir alle sehr betroffen waren.

Ich wünsche Euch allen ein frohes Neues Jahr mit vielen guten Erlebnissen, mit viel Freude und auch mit vielen unerwarteten Engeln, die vom Leben und vom Frieden künden.
Eure Schwester Myriam

Pflanze einen Weihnachtsbaum, oder: Die Botschaft der schwarzen Knospen

Wenn du ein reiches sinnvolles Leben fuehren willst,
dann lebe nicht fuer dich selbst, sondern fuer andere.
Gandhi

Liebe Leute,

mein Aufenthalt in Indien neigt sich dem Ende zu. Leicht faellt es mir nicht Abschied zu nehmen von so vielen ans Herz gewachsenen Menschen. In den letzten Tagen waren verschiedene Treffen der MSFS im Haus, so dass ich auch da noch viele altbekannte und auch neue Gesichter (wieder)gesehen habe. Manchmal koennen auch in kurzen Gespraechen ganz wesentliche Gedanken ausgesprochen und Steinchen ins Wasser geworfen werden, die weite Kreise ziehen koennen… Die frohen Tischrunden, das schallende Lachen, die angeregten Diskussionen und besonders das gemeinsame Beten werden mir fehlen.

Einer der MSFS, der in England studiert, hat mich explizit nach der Fluechtlingssituation in Deutschland gefragt. Man wuerde immer nur das Negative hoeren. Ich war so gluecklich, dass ich von unserer Gemeinschaft und dem Dorf sagen konnte: Wir haben bisher ein gutes Dutzend Fluechtlinge aus verschiedenen Laendern betreut, Frauen, Kinder, Maenner. Das ist etwas mehr als der allgemeine Durchschnitt. Sie sind in der Fluechtlingsgruppe, die aus Gemeinschaftmitgliedern als auch Dorfleuten besteht, sehr gut und mit viel Arbeit betreut, das stimmt, viele sind traumatisiert, aber bisher sind wir sehr zufrieden. Sie sind sehr fleissig, besuchen die Integrationskurse und fuehlen sich wohl. Im Dorf hat niemand Angst oder fuehlt sich bedroht. Sie sind angekommen. Selbstverstaendlich werden sie auch bei der gemeinschaftlichen Weihnachtsfeier dabei sein. Die Leute an der Krippe waren auch nicht christlich und die Hirten galten als hergelaufenes Gesindel.

Ich bin sehr froh, dass ich noch 14 Tage hier ausruhen, aufarbeiten, verdauen und nicht zuletzt auch wieder die beiden Reisen fuer 2017 ausarbeiten konnte.
Auch unsere Reisegruppe ist wieder zuhause. Sie haben viel Freude gebracht und auch viel empfangen. Einmal mehr habe ich erfahren, wie wichtig es ist, dass solche Gruppen von Mensch zu Mensch Hoffnung, Freude und Ermutigung bringen koennen. ‘Endlich besucht uns mal jemand. ‘ ‘Wenn Leute so weit her kommen und sich fuer uns interessieren, dann muss es doch wichtig sein, was wir am Ende der Welt oder am Rande der Gesellschaft tun”. So hat auch das Roshiniprojekt angefangen, das seither unzaehlige Leben zum Guten veraendert hat.

Die Nachhaltigkeit dieser Reise sollte nicht zu Ende sein mit der Landung in Zuerich.
Tatsaechlich ist es so, dass jedes Jahr Reisende aus frueheren Gruppen uns in Gedanken mitbegleiten.
Auch Beena Sebastian braucht Ermutigung. Einerseits ist sie unendlich dankbar fuer die grossen Spenden, die sie in letzter Zeit bekommen hat. Andererseits hat sie gerade in diesen Tagen, wo wir dort waren, erfahren, dass der Besitzer des Maedchenhauses aus Amerika zurueck kommt und das Gebaeude wieder fuer sich braucht. Wohin so schnell mit 38 Maedchen zwischen 12 und 18 Jahren, alle missbraucht, traumatisiert und einige davon schwanger? Alle warten auf Prozesse, in denen sie aussagen sollten. Sie brauchen ein Haus, in dem sie geschuetzt sind.

Gibt es jemanden in meinem Bekanntenkreis, der sich mit Plattformen auskennt, die fuer soziale Pojekte fundraising betreiben und mir helfen koennte? Vielleicht ein ruestiger Rentner/Rentnerin?

Auch das Frauenhaus ist uebervoll. Die Polizei hat gleich eine Gruppe Maedchen, die Opfer von Menschenhandel geworden waren, dorthin gebracht. Beena und ihre MitarbeiterInnen haben jahrelang die Polizei ausgebildet, wie sie mit diesen Frauen und Maedchen umzugehen haben. Das traegt jetzt Fruechte, aber es braucht auch Platz, und staatliche Hilfe waere willkommen.

Unsere Gruppe hat einmal mehr erfahren, wie wichtig es ist in Indien eine Gruppe zu sein. Sie kamen am Montag an. Wir wechselten das Geld, sowohl fuer die Gruppe als auch privat. Komisch, normalerweise gab es von der Bank auch kleine Noten, hunderter und darunter, die besonders fuer die Busse, die Rikshaws und kleinere Einkaeufe gebraucht werden. Diesmal gab es nur 500er und 1000er. Nun gut, kann man irgendwo auch zu Kleingeld machen. 1000 Rupien sind ungefaehr 14 Euros. Am Dienstag Abend spaet kam eine Meldung, die am Anfang niemand richtig verstand oder auch nicht ganz ernst nahm. Ab sofort waeren genau diese Noten nicht mehr gueltig. Sie muessten auf den Banken umgetauscht werden. Vorerst waren die Banken 2 Tage zu und dann standen Schlangen davor. Stundenlang musste gewartet werden. Indien ist ein Milliardenvolk. Es gab landesweit auch Menschen, die deshalb an Hitze und Erschoepfung starben. Touris, die jetzt alleine unterwegs waren, hatten es nicht besonders gut! Gott sei Dank reisen wir von ‘Mensch zu Mensch’, von einem ganzen Freundeskreis umgeben, so dass sich letztlich kein Schaden fuer uns ergab und wir unbehelligt reisen konnten.

Die ganze Aktion hatte zum Zweck, dass das viele Schwarzgeld zum Vorschein kommen sollte. Nun ja, diese Leute haben genuegend Mittel und Moeglichkeiten, ihre Schaefchen in Sicherheit zu bringen. Getroffen hat es vor allem die Armen, die kein Konto haben. Die Kleinhaendler und alle Leute, die mit kleinen Summen ihr Leben verdienen. Sie hatten ploetzlich kein Rueckgeld mehr. Die Kinderheime, das Frauenhaus, all die sozialen Einrichtungen, die fuer ihre Schuetzlinge Essen kaufen muessen, oft direkt beim Bauern, bei dem nicht mit Karte bezahlt werden kann. Trotz allem trug das indische Volk das Ganze mit Fassung und mit viel Erfindergeist, wie sie eben sind, die Leute, die jeden Tag gewohnt sind ums Leben zu kaempfen.

Ein Erlebnis hat mich ganz besonders beruehrt: Ich ging mit einer Kollegin zum Zahnarzt. Das Zaehneputzen ist hier ein wenig billiger als in der Schweiz, kostet 500 Rupien, eben ungefaehr 14 Euros. Wir hatten aber nur diese Noten, die jetzt offiziell nicht mehr genommen wurden. Nach der Behandlung rateburgerten wir, was wir nun tun sollten, mit der Karte bezahlen oder die letzten kleinen Noetchen zusammen grabschen, die wir ja anderswo unbedingt brauchten. Da stand ploetzlich wie aus dem Boden gewachsen eine Frau vor uns. Sie hatte unsere Konversation verstanden, auch wenn sie kein Deutsch sprach. Sie redete mich an: Ich bin Aerztin. Ich kann euch einen neuen 2000 Rupien-Schein geben. Gebt mir vier fuenfhunderter Noten. Ich kann wieder tauschen. Wir standen sprachlos und gluecklich da. Es stellte sich dann heraus, dass sie auch eine Bekannte von Beena war.

Aber als wir nun zahlen wollten, wehrte die Sekretaerin ab. Sie haette kein Rueckgeld. So nahm sie dann doch die 500er Note und wir hatten deren fuenfe weniger.
Noch und noch erlebten wir solche Situationen, in denen uns spontan geholfen wurde, manchmal auch von Unbekannten.

Wenn die Gruppen jeweils kommen, stolpern sie zuerst ueber jeden Muellhaufen. Da ist es schmutzig und dort ist es nicht sauber genug. Nach drei Wochen staunen sie ueber die grosse Gastfreundschaft, die Freundlichkeit und Hilfbereitschaft, die sie erfahren haben. Das ist der Unterschied zu Tourireisen.
Zum Thema Muell muss ich sagen, ja es liegt ueberall viel zu viel herum, obwohl mittlerweile sehr viel getan wird. Es gibt keine staatlich geregelte Muellabfuhr. Um so erstaunlicher sind die vielen kleinen privaten Initiativen und NGOs. Am Anfang, als ich nach Indien kam, gab es dies alles nicht. Wohin mit dem Muell, wenn es keine Muelleimer gibt? Trotz allem ist der pro Kopf-Muell sicher um einiges weniger als bei uns, wo einfach besser und diskreter entsorgt wird. Jedes Gemuese, das Obst und was weiss ich alles, das hier offen eingekauft wird, ist bei uns sorgfaeltig mit viel Verpackung umgeben, alles Rohstoffe, die dann im Muelleimer verschwinden, ohne dass man noch darueber nachdenken muesste. Ich wage zu behaupten, dass wir uns bis in 10 Jahren vielleicht wundern werden ob der Fortschritte im Recycling. Es gibt eine Menge sehr innovativer Forscher mit unglaublichen Ideen, nur dass sie weniger Geld haben als jene, die den Weltraum erforschen oder neue Waffen austuefteln. Dies soll ja nicht nur in Indien so sein…

Wir besuchten ein kleines, privates Altenheim, wo Vijay, ein verheirater Sozialarbeiter, angefangen hat, alte Leute , die niemanden haben, aufzustoebern und zu sich zu nehmen. Er ist der Bruder von Pater Peter, der die Strassenjungs betreut. Aber eigentlich arbeitet die ganze Famile, weitere Geschwister mit Familie, zusammen, um diesen alten Leuten einen schoenen Lebensabend zu bieten. Gleichzeitig unterstuetzen sie Peters Strassenjungen und Lisis Maedchen. Wer was hat, teilt es mit den andern.

Eine unserer Reiseteilnehmerinnen, die in einem Altenheim gearbeitet hat und sich dort noch ehrenamtlich engagiert, konnte es nicht fassen, wie diese alten Leute zufrieden sind, strahlen und so weit sie koennen, auch noch mithelfen. Eine Frau ist bettlaegerig, freut sich, wenn jemand vorbei kommt und singt vor sich hin.

Um dieses Altenheim finanzieren zu koennen, braucht es natuerlich viel Geld. Deshalb suchen Vijay und seine Frau Prema neue Verdienstmoeglichkeiten. Sie gibt AuslaenderInnen Kochkurse. Er moechte etwas mit Soft Tourismus machen. Wer eine individuelle Reise nach Mysore plant, koennte in dieser Familie eine sehr nette Unterkunft finden mit individueller Betreuung.

Mittlerweile bin ich daran die neuen Reisen auszuarbeiten und abzusprechen. 2017 werden es zwei sein: Eine alternative, nur fuer ehemalige Mitreisende, denn es wird aermer und waermer. Im September fahren zuerst nach Malur, oestlich von Bangalore in ein MSFS-Projekt fuer arme Frauen in den Doerfern und dann zu Asis kleinen Jungs. Anschliessend nach Hampi. Von dort nach Mysore in die Projekte, um zu sehen, was aus ihnen geworden ist und dann nach Ooti, 2000m ueber Meer. Dort ist es dann etwas kuehler.
Am ersten November-Sonntag 2017 beginnt die uebliche Reise zu den verschiedenen Projekten in Bangalore, nach Mysore und nach Cochin zu Beena Sebastian. Dieses Jahr moechte ich wenn moeglich noch ein Umweltprojekt miteinbeziehen.

Ich moechte darauf hinweisen, dass unsere Reisen keine Discounter-Reisen sind. Wir halten die Kosten absichtlich tief, damit Interessierte, die nicht so viel Geld haben, trotzdem mitkommen koennen. Wir haetten gerne Leute, die interessiert sind an Land und Leuten und ihnen auf Augenhoehe begegnen moechten. Wer gerne mehr bezahlen und damit die Pojekte unterstuetzen moechte, darf dies gerne tun. Es soll aber freiwillig geschehen. Viele Leute haben ihre Projekte auch schon. Das soll so bleiben. Margrit und ich arbeiten ehrenamtlich. Nur unsere Unkosten sollen gedeckt sein. Unsere indischen BegleiterInnen erhalten selbstverstaendlich Lohn. Wer sich interessiert, soll sich bitte melden. Die erste Gruppe wird sehr klein sein, die zweite soll wie ueblich mindestens 10 Personen, nicht mehr als 14 Personen umfassen. Wir reisen mit einem gemieteten Kleinbus, oft auch mit oeffentlichen Verkehrsmitteln, Zug, Busse, Faehren. Wir uebernachten nie in Hotels, sondern meistens in christlichen Bildungshaeusern und einige Naechte in einem Hindu Homestay mit Mehrbettzimmern.

Indien ist das religioeseste Land der Welt mit den unterschiedlichsten Religionen, die wir auch kennen lernen, inklusive Christentum, das seit dem ersten Jahrhundert in Kerala verwurzelt ist. Wer nach Indien reist und sich nicht fuer Religionen interessiert, gleicht einem Reisenden, der in die Schweiz faehrt, aber nichts von den Bergen wissen will.

Von den 10 Aufenthalten in Indien war dieser mit Abstand die strengste Zeit, eine Zeit, fuer die ich unendlich dankbar bin mit Erfahrungen, die mit nichts zu bezahlen sind. Es waren die Wochen mit Rajagopal und seiner Fau Jill. Ich hatte sogar das Privileg, bei ihnen zuhause eingeladen worden zu sein. Und ich hoffe, dass ich auch einiges dazu beitragen kann, dass der Jaijagat 2020 zustande kommt. http://www.jaijagat2020.org/global-march/


Ich kenne keinen Menschen, der die Gewaltfreiheit so konsequent lebt wie Rajagopal, der als junger Mann sich ganz bewusst in einem gewaltverseuchten Gebiet niedergelassen hat. Den ehemaligen Raeubern und Terroristen zu begegnen war fuer mich der absolute Hoehepunkt. Was der Glaube an das Gute im Menschen vermag… Dieser Glaube hat ganze Gebirge versetzt von Hass und Rache. Fuer Rajagopal ist immer die Versoehnung von beiden Seiten sehr wichtig. Immer wieder war Versoehnung Thema. Und wenn es im Kleinen moeglich war (5000 ehemalige Banditen sind allerdings keine Kleinigkeit), dann muesste es auch im Grossen moeglich sein, in Syrien, in der Ukraine, an so vielen Orten…
Selig die Friedensstifter… Was heisst Frieden? Lass mich in Frieden und ich lasse dich auch? Ich moechte nur meine Ruhe haben?! Ich kann auch keine Nachrichten mehr hoeren. Ich will in Frieden essen!!

Dieser Frieden wird mir in Europa wieder sehr schwer fallen, diese Luftblase der Behaglichkeit, in die wir uns im Westen zurueckgezogen haben.

Mehr denn je tuermen sich Fragen in meinem Herzen, die kaum jemand hoeren mag. Leider ist es auch nicht so, dass kirchliche Menschen sich besonders fuer das zentrale Thema Frieden interessieren. Papst Franziskus und der Vatikan im allgemeinen sind sehr stark in der Friedensdiplomatie engagiert, auch wenn dies an der Basis kaum angekommen ist und halt auch kaum in der Presse kommt. Es gibt zwei grosse katholische Friedensorganisationen, Pax Christi http://www.paxchristi.net/our-work/catholic-nonviolence-initiative und St. Egidio, die schon grosse Erfolge, auch an politischen Friedensschluessen vorzeigen koennen. Dies ist mir ein grosser Trost in unserer kriegsgeschuettelten Zeit mit den Massen an Fluechtlingen. Ich frage mich, was wir an Gesellschaft geworden sind, wenn ich an die Wahlen jenseits des grossen Teiches denke und auch an viele andere Laender rund um den Erdball. Die Schweizer Stimmbuerger haben sich zum Verbleib in der Nuklear-Energie ausgesprochen. Ein deutscher Bischof erhaelt Todesdrohungen, weil er in einem Interview gesagt hat, er koennte auch einen Muslimen als Bundespraesidenten sehen.

Was sind wir zu einer Stammtischspruchgesellschaft geworden!! Als Christen sind wir gerufen das Salz der Erde zu sein, nicht deren Sirup. Ich bin unendlich dankbar, so viele Menschen der verschiedensten Religionen zu kennen, die nicht aufgeben, oft auf sehr einsamen Posten wie mein schweiz-pakistanischer Bruder, dessen Schulen in Pakistan mittlerweile aus Sicherheitsgruenden geschlossen werden mussten. Das Frauenrechtsbuero und das Frauenhaus arbeiten weiter. Die Geschichten sind noch viel grausamer als bei Beena Sebastian.

Der Jaijagat 2020 soll viele dieser Menschen vereinen, andere zum Nachdenken anregen, zum sich selber auf den Weg machen Richtung Frieden und Menschlichkeit. Es soll ein Marsch der Voelker, nicht der Nationen werden!! Es soll ein grosser Sternmarsch von Delhi nach Genf werden. Hoffentlich wird es moeglich, durch die Krisenlaender zwischen Indien und Osteuropa zu wandern. Wer haette vor 30 Jahren gedacht, dass der eiserne Vorhang und die Berliner Mauer so bald fallen wuerden? Jetzt werden die Mauern wieder errichtet, zwischenmenschlich und politisch. Sie sollen und werden nicht ewig bestehen.

Was gibt mir die Kraft weiter zu machen? Sicher mein christlicher Glaube und die Freundschaft mit vielen, die auf dem gleichen Weg sind. Bald ist Weihnachten, das Fest des Friedensbringers, Friede auf Erden allen, die guten Willens sind. Um ehrlich zu sein, man wird mich auf keinem Weihnachtsmarkt sehen. Die suessen Krippen sind nicht mein Geschmack. Als ich selber noch Krippen gestaltet habe, ist das Kind in eine Hoehle gelgt worden, Stacheldraht ringsum, kaputte Flaschen am Boden, gebrauchte Spritzen waren da verstreut. Ich habe dafuer nicht nur Lob bekommen in unserer barocken Klosterkirche. Ich hatte aber auch viele Zeitungsausschnitte mit GUTEN Nachrichten ausgeschnitten und um die Krippe gelegt. Menschen konnten aufschreiben, was sie selber als befreiend und befriedend erlebt hatten. Die Leute, welche selber leere Flaschen in ihrem Alltag haben und benutzte Spritzen, sie hatten verstanden. Fuer sie war die Krippe auch gedacht, als kleiner Ort des Friedens und des Verstaendnisses.

Auch die Natur ist mir eine grosse Hilfe. Eine gute Freundin hat mir geschrieben, dass zuhause in meinem Garten der Lebensfreude, in dem moeglichst das ganze Jahr was bluehen soll, die Christrose fünf Knospen gemacht hat. Auch der Winterjasmin steht vor der Bluete. Ueberall, wo ich gewohnt habe, habe ich Winterjasmin gepflanzt, damit auch im Winter das Bluehen nicht ausgeht. Der Winterjasmin ist mein Weihnachtsbaum!! Und dann gibt es noch etwas, das meine Hoffnung taeglich staerkt: Die schwarzen Knospen an den kahlen Laub- und Obstbaeumen. Wir wissen nicht, wie hart der Winter wird noch wie lange er dauern wird, aber die schwarzen Knospen werden im Fruehling aufspringen und von neuem Leben kuenden. Sie sind auf Frucht hin angelegt. Die kahlen Baeume ueberleben den tiefsten Winter, weil sie voll inneren Lebens sind.

Die Weltgeschichte war schon immer bitter kalt und lebensfeindlich. Jesus Christus ist das Leben, auch wenn die Welt es bis heute nicht erkennen will.
Er ist das Licht in der Dunkelheit, und wer dem Licht nahe ist, kann eigentlich auch nur Licht ausstrahlen.
Bonhoeffer sagt: In allen Religionen sucht der Mensch Gott. Aber im Christentum sucht Gott den Menschen.

Am vierten Advent, falls es das Wetter zulaesst, werde ich meine Christrose und den Winterjasmin weihnaechtlich herrichten und mit Kerzen beleuchten. Eine grosse graue Kerze habe ich schon vor der Abreise besorgt. Ich verwende immer dunkle Kerzen, schwarz, blau oder andere graessliche Farben. AUCH DUNKLE KERZEN SPENDEN HELLES LICHT!!
Vielleicht werde ich einen Weihnachtsbaum pflanzen. Luther sagt: Wenn morgen die Welt untergeht, heute pflanze ich noch einen Baum. Lasst uns Weihnachtsbaeume pflanzen, ehe die Welt untergeht!!

In der Welt ist’s dunkel, leuchten sollen wir.
Du in Deiner Ecke, ich in meiner hier.
Vor etwas mehr als 55 Jahren hat eine Schulfreundin diesen Spruch in mein Kinderalbum geschrieben. Seither begleitet er mich.

Ich danke allen, die mich in diesem Jahr irgendwie unterstuetzt haben mit Gebet, Liebe, Hoffnung, Verstaendnis oder wie auch immer, angefangen mit allen hier in Indien, ueber Europa bis hin nach Amerika. Ich wuensche allen ein frohes , gesegnetes Fest der Menschwerdung.
Eure Schwester Myriam

Papstbotschaft: Gewaltfreiheit als Lebensstil
„Gewaltfreiheit – Stil einer Politik für den Frieden“: unter diesem Titel hat Papst Franziskus seine diesjährige Friedensbotschaft verfasst. Anlass ist der Weltfriedenstag am 1. Januar. Der Papst spricht darin Erscheinungsformen von Gewalt in der Welt an, den „schrecklichen stückweisen Weltkrieg“, wie er sagt: Kriege und Kriminalität, bewaffnete Übergriffe und Terrorismus, Menschenhandel und Vertreibungen sowie die Zerstörung der Umwelt. Zu den Missständen, die mit dem Phänomen verknüpft sind, zählt Franziskus auch die weltweite Zweckentfremdung von Ressourcen für  „militärische Zwecke“ statt sie für das Gemeinwohl einzusetzen. Gewalt mündet in Unterdrückung und neue Gewaltspiralen, hält Franziskus fest, sie taugt nicht für  die Zukunft des Planeten.
Hier mehr in Text und Ton: http://de.radiovaticana.va/news/2016/12/12/papstbotschaft_gewaltfreiheit_als_lebensstil/1277666

Zurueck in Bangalore

Liebe Leute,
hinter mir liegen zwei sehr reiche Wochen. Mit Beena habe ich eine sehr gute Zeit verbracht. Sie sagt mir immer, ich sei ihre Schwester. Wichtiger als mich in ihrer “Cultural Academy for Peace” zu engagieren, ist mir in dieser jeweils kurzen Zeit, sie mal rauszuholen, nach Mattancherry zu fahren und dort in der juedischen Stadt in Ruhe Mittag zu essen: Fritten und Seafood oder Fisch, Mango Lassie als Nachtisch, einkaufen gehen, mit den muslimischen Haendlern zu diskutieren. Und als kroenender Abschluss ein Ingwer-Eis am Meerufer zu verspeisen. Es ist das einzige Mal im Jahr, dass Beena so etwas tut. Und es tut ihr gut!! Auch so kommen laufend Anrufe, weil ein Maedchen aus dem Maedchen-Shelter urploetzlich zur Entbindung muss oder weil im Frauenhaus ein Problem entstanden ist.

Diese indischen Projektleiterinnen sind unglaublich gefordert. Sie haben einfach da zu sein. Wir haben sehr viele tiefe Gespraeche gefuehrt. Beena braucht Ermutigung. Unglaublich, was westliche Organisationen sich manchmal erlauben. Beena will auch keine Freiwilligen aus den USA mehr, die ihr durch eine Universitaet vermittelt wurden. Statt offen zu sein, lernen zu wollen, wuerden diese ihre Programme durchziehen, alles besser wissen. Und es braucht Leute, die diese Praktikanntinnen begleiten, die bezahlt werden muessen. Loehne sind schon lange ein Problem. Sind die jungen Sozialarbeiterinnen mal eingearbeitet, wird ihnen oft eine besser bezahlte Stelle angeboten und weg sind sie. Es wird kaum mehr aus Enthusiasmus, aus Ueberzeugung gearbeitet. Diese jungen Fraunen muessen ja auch verdienen. Sie werden sich eine Aussteuer leisten muessen. Alte, sehr gute Sozialarbeiterinnen sind oft ohne Rente und muessen schauen, wie sie durchkommen.

Beena wollte alles hoeren ueber das Frauentreffen in Jalgaon. Die indischen Projektleiterinnen, die oft Eigenunternehmerinnen aus Ueberzeugung sind, muessen besser vernetzt werden. Da gibt es schon viele konkrete Ueberlegungen.

Schon viele Jahre suchte ich Verbindung zu AVP Kerala. Schon letztes Jahr waere ich dort eingeladen gewesen. Ich konnte damals nicht, weil ich eine schwere Erkaeltung erwischte. Dieses Jahr waere ich eingeladen gewesen, ich konnte nicht, weil ich vier Tage wegen einer Erkaeltung keinen Fuss vor die Haustuere setzte. Im warmen Kerala bin ich immer feucht, respektive perlt der Schweiss runter. Dann kommt man in die Wohnung oder in Laeden, und es ist hoechste Aufmerksamkeit von Gastgebern, sofort den Ventilator anzumachen oder die Klimaanlage. Tja, das reicht fuer mich, um so mehr die Naechte auch so warm sind, dass auch ich nicht ohne fan auskomme… Am andern Tag laeuft die Nase…, schmerzt der Hals…

Obwohl ich meistens mehrere Monate zum Voraus melde, wann ich ungefaehr wo bin, kommen die Einladungen sehr oft so kurzfristig, dass ich sie auch nicht wahrnehmen kann.
Aber eines kann ich einplanen: am ersten Tag, wo ich in Cochin bin, gehe ich zu meinem Zahnarzt. Gesehen habe ich ihn dieses Jahr allerdings nicht. Es ging alles zu schnell. Ich habe dann Gruesse ausgerichtet. Ich betrat die Praxis und schaute mir die Schuhe an, die vor der Tuere lagen. Es waren eine ganze Menge. HM!! Ich brauchte ja nur eine Kontrolle und einmal Putzen. Eine Zahnarztpraxis darf nicht mit Schuhen betreten werden. Die Zahnarzt-Sekretaerin erblickte mich von weitem und schon sass ich auf dem Stuhl. Eine junge Zahnaerztin machte sich ans Werk, und eine halbe Stunde spaeter war schon alles hinter mir. Kosten: 7 Euro.
Etwas spaeter traf ich einen Inder, der in Rom lebt. Er erzaehlte mir lachend, dass er eben sich seine Zaehne habe putzen lassen fuer 7 Euros. Dann lachten wir beide.

In Kerala entwickelt sich etwas ganz Eigenartiges: Frueher waren Hausangestellte und KoechInnen voellig rechtlos, auch Feldarbeiter, Kokosnussbaumschneider, etc. Diese Berufe will heute niemand mehr ausueben. Alle Eltern sind moeglichst bestrebt, dass ihre Kinder zur Schule gehen und wenn moeglich studieren. Alle diese einfachen Berufe sind so Mangelware geworden, dass Wucherloehne verlangt werden koennen. So kann es vorkommen, das eine Hausangestellte oder eben jene Leute, die auf die Kokospalmen klettern, hoehere Loehne verlangen koennen als zum Beispiel ausgebildete Krankenschwestern.

Der Staat hat Kurse ausgeschrieben, dass sich wieder junge Leute melden, um die Kokospalmen zu pflegen. Es melden sich auch recht viele…., die dann in andere Laender abwandern, wo sie mit offenen Armen und noch hoeheren Loehnen empfangen werden.

Die Bauern befinden sich in einer misslichen Lage: Indien hat ein Freihandelsabkommen mit anderen suedostasiatischen Laendern abgeschlossen und importiert jetzt viel billiger als es die eigenen Bauern erzeugen koennen, landwirtschaftliche Produkte wie zum Beispiel Gummi. Vor einigen Jahren war der Preis so hoch, dass viele Farmer auf Kautschuk umgestellt haben, der jetzt nichts mehr abwirft. Die ganze Landwirtschaft ist in einer grossen Krise. Was vor einigen Jahrzehnten mit grosser Muehe erreicht worden ist und worum Millionen Bauern heute kaempfen, um eigenes Land, ist in Kerala nur noch eine Last. Man kann davon nicht mehr leben. Jedes Jahr gibt es weniger Reisfelder, ausser man ist Grossgrundbesitzer und hat Maschinen. Denn die vielen Kinder oder andere billige Arbeitskraefte gibt es nicht mehr…. Die Suizide nehmen zu.

Traurig war fuer mich auch, die Felder zu sehen, als ich im Bus von Kerala nach Karnataka zurueckfuhr. Im Sueden von Karnataka gibt es viele Kleinbauern. Das ist das Gebiet, wo der Kampf ums Kaveri-Wasser tobt. Das zentrale Gericht hat nun entschieden, dass Karnataka Wasser nach Tamil Nadu abgeben muss, wie es seit Jahrzehnten abgemacht ist. Ueberall sah ich braune vertrocknete Felder. Nur die Reisfelder, die nahe an Kanaelen liegen, waren noch schoen gruen. Trotzdem reicht das Wasser auch in Tamil Nadu nicht, um die Pflanzungen am Leben zu erhalten. Jemand in Mysore hat mir gesagt, dass sie fuerchten, schon im Januar nicht mehr genug Trinkwasser fuer die Stadt zu haben…
Ich habe kuerzlich ein Poster gesehen mit dem Text: “Vielleicht brauchst du im Leben einmal einen Architekten, einen Rechtsanwalt oder einige Male bestimmt auch einen Arzt. ABER jeden Tag brauchst du dreimal einen Bauern…”

Sei einer Woche bin ich zurueck in Vinayalaya. Ich brauchte die Ruhe und das Gebet, aber auch den Frohsinn der MSFS. Im Moment sind vier Patres da, die Deutsch sprechen. Heute hat einer diese Sprache zur momentan wichtigsten Sprache in diesem Haus erklaert. Sonst war es eine typisch indische Woche, die sehr anstrengend war. Schon in Mysore waren die Landkarten nicht in der Zaehl eingetroffen, wie ich sie brauchte. Es ist enorm schwierig, Landkarten in Indien zu finden, die wir Europaer so unbedingt brauchen. Ich gehoere auch dazu.
Dann wollte ich die Schlafsaecke fuer die Schweizer Gruppe abholen. Mitte September hatte ich sie schon zum Schneider gebracht mit dem Hinweis, dass sie Ende Oktober fertig sein muessten, wenn ich wiederkaeme. Aber aus verschiedenen Gruenden kam ich einige Tage spaeter zurueck. Am 31. Oktober wurde das hinduistische Lichterfest, Divali, aehnlich wie unser Weihnachtsfest, gefeiert: Laeden zu. Am 1. November wird der Nationalfeiertag von Karnataka gefeiert. Laeden zu. Am 2. November empfing mich der Schneider mit grossem Aufatmen: Wo ich denn gewesen waere? Er wuerde unbedingt das Muster nochmals brauchen… Einer der Patres troestete mich: “Du bist in Indien!” Am Freitag Abend konnte ich die Schlafsaecke endlich abholen, nachdem ich nochmals eine Stunde gewartet hatte und es mittlerweile dunkel geworden war. Kein Problem! Der Bruder des Schneiders brachte mich mit dem Motorrad bis zur Bahnlinie, fuehrte mich sicher ueber die Geleise und wich nicht von meiner Seite, bis ich im Tor von Vinayalaya verschwunden war. Es gibt auch einen indischen Service… Am Samstag wurden die Dinger gewaschen und oben auf dem Dach getrocknet. Jetzt liegt alles bereit, dass die Schweizer Gruppe am Montag einfliegen kann.

Diese Woche vor dem Besuch ist wie die Woche vor Weihnachten: Einerseits ueberall Hektik, bis alles sauber und bereit ist. Andererseits eine riesige Vorfreude mit viel Neugierde: “Wer kommt denn dieses Jahr? Kennen wir schon jemanden?” Alle freuen sich wirklich wie auf Weihnachten. Der Schneider, der sich natuerlich auch ein Geschaeft erhofft, hat mir Suessigkeiten gegeben. Ich bin in Indien. Und meine beiden Deutschstudenten freuen sich auf die Gelegenheit, endlich diese komischen Leute aus dem Westen kennen zu lernen und ihre Sprachkenntnisse einzusetzen.

Damit verabschiede ich mich wieder fuer drei Wochen.
Herzlichste Gruesse ins so langsam winterlich werdende Europa,
Eure Schwester Myriam

Peacemaker womens meet

Anmerkung: diesem Bericht werden später noch Bilder beigefügt.

Wie ich am Bahnhof von Jagaon wartete, bis jemand mich abholen wuerde, fiel mein Blick auf ein grosses Plakat: “Jains Irrigation”. Wenige Tage vorher hatte mich doch in Bangalore ein Ingenieur gefragt, ob ich nicht irgendwo Bewaesserungs-Spezialisten wuesste. Ich notierte mal den Namen.

Dann wurde ich in die “Gandhi Research Foundation” auf den Jainhills gebracht. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus.

Die Jain-Religion ist eine der Religionen, die unseren Indienreisenden vorgestellt wird. Sie entstand ungefaehr zur gleichen Zeit wie der Buddhismus als Reformbewegung gegen das Kastenwesen des Hinduismus. Jains leben absolut gewaltfrei, sind deswegen auch strikte Vegetarier. Die ganz Strengen tragen eine Mundbinde, dass sie ja keine Muecke verschlucken, und putzen die Strasse, auf der sie gehen, ehe sie einen Schritt machen. Sie duerfen nicht in der Erde arbeiten und sind deswegen meistens gute Geschaeftsleute. Es wird ihnen auch nachgesagt, dass es bei den Geschaeften dann nicht mehr so genau drauf ankaeme, z.B. beim Waffenhandel. Es gibt auch Jain-Moenche, die luftgekleideten. Die haben wir allerdings nicht gesehen. Jedenfalls hatte ich das Bild der lebensfernen Asketen in meinem Kopf.

Jetzt stand ich da und waehnte mich im Paradies. Ich kam ueber die Schoenheit des Ortes nicht aus dem Staunen heraus. Ueberall gruente und bluehte es. Diese Huegel waren vor ein paar Jahrzehnten noch Steppe gewesen, ausgetrocknet und unbebaut. Eine intensive Spiritualitaet war fast greifbar.

Am Morgen jubelten verschiedenste Voegel ihre Lieder zum Himmel. Am Abend hielten die Grillen und die Froesche ihr Konzert. Sogar die Affen, Languren, waren freundlicher als anderwo.

Ich wurde sehr herzlich von einem Dr. John Chelladurai empfangen. http://www.gandhitopia.org/profile/DrDJohnChelladurai

Wir begruessten uns fast wie alte Bekannte und waren sofort in ein tiefes Gespraech vertieft. Ich hatte den Mann noch nie gesehen. Er kannte Professor N.S. Ramaswami, Beena Sebastian, die eigentlich auch haette dabei sein muessen und noch einige andere. Er ist christlich erzogen worden, gehoert aber keiner Kirche an. Er interessierte sich fuer mein Leben als Begegnungsschwester. Normalerweise werde ich ja nur gefragt, welcher Kongregation ich angehoere und warum ich kein Ordenskleid trage. Einmal lachte er mich schelmisch an, als ich ueber die Sauberkeit des Ortes staunte: Nicht wahr, genau so sauber wie in einem Frauenkloster… Warum weisst du das?

Er wollte mehr von meinem Leben wissen. Ich sagte, ach, ich muss ein bisschen verrueckt sein. Viele haben mich immer wieder fuer verrueckt (crazy) gehalten, fuer vieles, was ich getan habe: als ich ins Kloster ging, als wir 1974 einen Biogarten anfingen, bis hin zu dem, was ich heute tue.

Er dachte ein wenig nach, dann sagte er: “Nein, nicht crazy, sondern gracy, gracily (gnadenvoll, begnadet)”.

Ich genoss zwar die ersten beiden Tage, aber John fand immer etwas, das ich machen konnte, z.B. einen kurzen Lebensabriss schreiben, der dann mit 49 anderen auf derTagung ausgestellt wurde. Am naechsten Tag wurde ich verdonnert, ein Telefoninterview fuer eine Tageszeitung in Bombay zu geben.

Das Essen war “pure vegetarian”, das heisst, kein Fleisch, kein Fisch und keine Eier, aber Milch in den Tee oder Kaffee und indischen Kaese (Paneer) in den verschiedensten Gerichten. Das Essen war sagenhaft gut. Ich verstehe viel von vegetarischer Kueche, aber das hatte ich noch nie erlebt. Es war nichts Aussergewoehnliches dabei, wie es bei uns oft der Fall ist, sondern alles ums Haus herum gewachsen, Bio, jede Menge von Bohnen, Erbsen, Linsen.

Zu dieser Einrichtung gehoert auch eine landwirtschaftliche Schule, und wenn ich richtig verstanden habe, auch ein wissenschaftliches Agrarinstitut. Das alles war gegruendet und aufgebaut worden von Bhavarlal H. Jain, einem Mann aus ganz armer Familie, der sich zum Multimillionaer hocharbeitete. Er erfand die Mikroirrigation, die weniger Wasser braucht, aber effizienter bewaessert. Die ganzen Jainhills, die jetzt ein gruenes Paradies sind, waren einmal ausgetrocknete Huegel. Heute sind es vielfach Obstplantagen. Bhaul Jain, wie er auch genannt wird, hat seinen Reichtum nicht gescheffelt, sondern immer wieder eingesetzt fuer die Armen. Er hat Millionen von Bauern das Leben zum Guten gewendet. Entsprechend wird er auch verehrt. In meinem Zimmer lagen Buecher von und ueber ihn, die ich sofort verschlang. Leider ist er nur wenige Monate vorher verstorben. Jetzt fuehren seine vier Soehne den Konzern, der in 160 Laendern arbeitet: www.jains.com Es lohnt sich, den Film anzusehen. Die Firma ist zu 100% nachhaltig, produziert auch Solarstrom und Biogas. Es war der Traum vom Gruender, dass es nie einen Krieg um Wasser geben sollte. Das war seine Gewaltfreiheit.

Es war eben Festivalszeit verschiedener indischer Goettinnen. Zwei InderInnen und ich wurden eingeladen, daran teilzunehmen. Auch diese Schule war von Bhaul Jain gegruendet worden. Die Schuelerinnen und Schueler hatten wunderbare Taenze einstudiert. Ich staunte, mit welcher Offenheit die verschiedenen Lehrerinnen ihre Ansprachen gestalteten: In keinem Land wuerden so viele Goettinnen verehrt wie in Indien, Indien wuerde stets als Mutterland bezeichnet und doch haetten so viele Frauen keine Rechte, wuerden misshandelt und missbraucht, bis hin zur Ermordung, Maedchen wuerden abgetrieben, nur weil es Maedchen seien. An die Maedchen gewandt, rief eine der Lehrerinnen: “Realize your power! Realize your dignity!”

Dann wurde ein Lied gesungen zur Ehre der verschiedenen Goettinnen und auch fuer alle Religionen. Selbstverstaendlich hing auch ein Bild von Maria, der Mutter Jesu, und von Mutter Teresa bei den Bildern der indischen Goettinen. Die Jains haben Mutter Teresa schon zu ihrer Lebzeit als Heilige, respektive als Goettin verehrt!

Noch erstaunter war ich, als ich die jungen Leute auf English singen hoerte: “Jesus, komm doch wieder und rette die Welt. Jesus, komm wieder und segne die Zukunft dieser Maedchen und Jungen.”

Beim Verlassen der Schule naeherte sich uns eine Frau. Sie war in einen einfachen blauschwarzen Sari gekleidet und kam mir vor wie die Jungfrau Maria. Sie verabschiedete sich von uns und dankte, dass wir gekommen waren. Sie fragte mich, woher ich kaeme. Aus der Schweiz. Ach, da waere sie eben vor kurzem gewesen. Erst spaeter sagte jemand, das waere die Schwiegertochter von Bhaul Jain gewesen… Die arbeiten mit Materialien aus der Schweiz. Ich traf sie spaeter nochmals und war ueberwaeltigt von ihrer Einfachheit…

So langsam trudelten die Frauen aus den verschiedenen Laendern und Kontinenten ein. Bei mir im Zimmer schlief eine Philippinin, die auf hoechster Ebene mit den muslimischen Rebellen verhandelt und hofft, auch bald zu einem Waffenstillstand zu kommen. Ich sprach sie auf den Praesidenten an. Ach, die Medien wuerden immer nur das Schlimme berichten. Sie wuerde ihn schon seit seiner Kindheit kennen. Er haette ein loses Mundwerk. Das muesste er noch lernen, aber sonst waere er besser als sein Ruf. Er haette in den wenigen Wochen seiner Amtszeit ein Abkommen mit den Kommunisten ausgehandelt, was der vorhergehende Praesident nie fertig gebracht haette.

Diese Frau war so begeistert von der Tagung, dass sie spontan fuer naechstes Jahr ein Treffen der womens peace maker auf den Philippinen organisieren will. Und dann wird hoffentlich Beena dabei sein!

Am andern Morgen war dann auch Jill Carr Harris, die Frau von Rajagopal, da. Ich traf sie auf meinem Morgenspaziergang. Sie lud mich gleich zum Fruehstueck ein. Es war, als ob wir uns schon lange kennen wuerden.

Am Sonntag Morgen war ein Marsch mit Rajagopal und Ekta Parishad, der Bewegung, die er gegruendet hat, durch Jalgaon angesagt. Ich traf ihn, als er mit einer Frau ebenfalls zum Fruehstueck kommen wollte, aber das war offenbar nicht bis zu den Fruehstueckmachern durchgedrungen, so dass er sich ohne wieder verabschieden musste. Die junge Frau im weissen Sari kam mir vor wie Schneewittchen. Erst bei naeherem Hinsehen merkte ich, dass unter dem dunklen Haar doch ein paar weisse Straehnchen hervorschauten. Sie erzaehlte mir, dass sie Politikerin sei. Irgendwann gab es dann doch noch eine Tasse Kaffee. Rajagopal sagte mir spaeter, dass dies die hoechste Polizeichefin ihres Staates sei, und zwar waere es ihr gelungen, Terroristen dingfest zu machen ohne sie zu erschiessen.

Der Marsch durch Jalgon war zu Ehren Gandhis, dessen Geburtstag am 2. Oktober gefeiert wird. Er endete in einem riesigen Zelt. Die ganze Prominenz, auch der Sohn von Bhaul Jain, Rajagopal und einige Vertreter anderer Religionen, darunter auch ein katholischer Priester, nahmen auf der Tribuene Platz. Wir andern gingen nach hinten ins Zelt. Da kam jemand und nahm mich bei der Hand. Zusammen mit zwei Inderinnen musste ich auf die Tribuene. Meine Knie wurden weich. Warum gerade ich? Das fragten mich nachher auch einige Inderinnen. Keine Ahnung (Friedensfrauen sind doch nicht etwas eifersuechtig?)

Den ganzen Tag war dann Programm im Gandhi-Zentrum, Gesaenge, Taenze, Farben, Musik, man kann es nicht in Worte fassen. 50 Adivasi Frauen wurden dabei besonders fuer ihren Einsatz geehrt. Wir Auslaenderinnen von 30 Laendern mussten ebenfalls auf die Buehne. Von der Schweiz war eine ganze Gruppe Frauen da. Ekta Parishad wird von der Schweiz aus finanziell unterstuetzt.

Ganz bewusst waren VertreteInnen von Georgien, Armenien und Aserbeidschan eingeladen worden. Eine Palaestinenserin war da. Ida kam aus Trinidad / Tobago.

Kanada war gut vertreten. Lee Ann kannte eine PAG-Kollegin von mir, mit der sie im Sudan zusammen gearbeitet hatte. Sie hatte Reinhard Voss aus Wethen im Kongo kennen gelernt und selbstverstaendlich kannte sie Beena Sebastian. Diese hatte leider absagen muessen.

Kolumbianische Frauen hatten im Auftrag von Justitia et Pax mit den FARC-Rebellen verhandelt. Sie waren die grossen Heldinnen. Ein 52 Jahre dauernder Krieg war zu Ende. Am naechsten Tag kam die Nachricht, dass der Vertrag von der Bevoelkerung knapp abgelehnt worden war. Die Landbevoelkerung, die am meisten gelitten hatte, hatte ihn angenommen. Dennoch erhielt der Praesident den Friedensnobelpreis. Die kolumbianischen Frauen sagten darauf nur: eigentlich wuerde der Preis dem Volk gehoeren.

Eine Quaekerin aus Kenia vom AVP-Projekt war anwesend. Sie betreut in ihrer Heimat Fluechtlinge und macht Trauma-Arbeit. Einmal sagte sie: Sie haette nie gross zur Schule gehen koennen. Es sei so grossartig, dass sie sich hier so wohlfuehlen duerfe.

Zwei Frauen waren aus Kambodscha, einige Universitaetsprofessorinnen aus Schweden und Kanada, und so weiter.

Aus Pakistan durfte leider niemand kommen. Umgekehrt duerfen auch Inderinnen nicht dorthin fahren. Beena hat es schon mehrmals versucht.

Durch alle Schichten, Bildungsstufen und Staaten waren die Inderinnen vertreten. Es gab darunter auch Anwaeltinnen und andere hochstudierte Persoenlichkeiten. Am meisten gefielen mir die Adivasifrauen, die kaum je zur Schule gegangen waren. Die haben ein Sebstbewusstsein und eine Begeisteung, da kann man nur staunen. Eine 90jaehrige Tamilin, Krishamma, wurde ausgezeichnet, die seit ihrem 12. Lebensjahr sich fuer Landreformen einsetzt. Sie wurde ‘Gold of India’ genannt. Sie sprach englisch und hindi, obwohl sie als Maedchen bestimmt nicht in der Schule war.

Eigentlich fehlen die Worte, um dies alles zu beschreiben. Es gibt so viele Leute, die sich gegen alle Hoffnungslosigkeit einsetzen und durchhalten.

Es gibt auch die unterschiedlichsten Projekte, die einen fuer Landreformen, andere pflanzen Baeume fuer alle Maedchen, die nicht leben duerfen, nur weil sie Maedchen sind. Eine Frau erzaehlte, wie sie sich im eigenen Dorf gegen Maedchenhandel einsetzte und dabei zwischen die Fronten geriet. Eine andere setzt sich gegen das Unwesen der Tempelprostitution ein.

Von Ekta Parishad gibt es auch einen Zweig fuer Kuenstler. Gauri, eine hochausgebildete indische Taenzerin, tanzte das Leben Gandhis. Eine ganze Truppe tanzte das Leben von Kasturba, der Frau an Gandhis Seite, die viel zu wenig bekannt ist.

Ein Frau konnte leider nicht mehr dabei sein: Sie hatte sich viele Jahre fuer Ekta Parishad eingesetzt. Sie freute sich wahnsinnig, dass sie zum Treffen fahren durfte. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges hatte sie einen Zusammenbruch. Sofort wurde die Ambulanz gerufen. Die Frau rief aus: “Ich will nicht ins Krankenhaus. Ich will ans Treffen. Ich will mein Leben fuer dieses Land hingeben.” Das waren ihre letzten Worte.

Ich koennte natuerlich noch lange erzaehlen. Es war, als ob das Weltgeschehen sich verdichtet haette, das Gute wie das Boese, aber immer wieder flammte die Hoffnung auf, der Wille zu “Jai Jaghat!!” Der Ruf, der immer wieder ertoente und soviel heisst wie “Sieg fuer die Welt.” Oder frei uebersetzt koennte man auch sagen: “Wir schaffen das!!” Rajagopal wollte kein Land genannt haben, um Nationalismus zu verhindern.

Er ist ein bescheidener, einfacher Mann, der sowohl einen grossen Frieden als auch grosse Lebensfreude ausstrahlt. Egal, ob einer ein Maschinengewehr traegt, ob ein einfacher Bauer oder eine vornehme Frau vor ihm steht: Er begegnet jedem auf Augenhoehe in unglaublicher, aber echter Freundlichkeit. Auch er hatte eine schwere Nachricht in diesen Tagen einstecken muessen: In einem andern Staat hatte die Polizei auf Bauern geschossen, die Land besetzten. Einige waren getoetet worden, andere lagen schwer verletzt im Krankenhaus.

Rajagopal setzt seine grosse Hoffnung auf die jungen Leute. Es waren auch immer eine grosse Gruppe PraktikantInnen mit dabei, junge Filmemacher und andere.

Nach drei Tagen verabschiedeten sich die meisten Inderinnen. Wir Auslaenderinnen teilten uns in Gruppen auf und fuhren ins Feld. Meine Gruppe reiste nach Gwallior. Dabei kamen wir auch in Bhopal vorbei, wo heute noch die Fabrik steht, die vor etwa 30 Jahren einen schweren Chemieunfall verursachte, der bis heute noch nicht gesuehnt ist.

Ich hatte das Glueck. auf dieser mehrstuendigen Bahnfahrt laenger mit Rajagopal zu reden. Fuer ihn ist Verzeihen und Versoehnen sehr wichtig und gehoert unbedingt zur Friedensarbeit.

Er fragte mich, wie es denn aussaehe mit den Fluechtlingen in Deutschland. Man wuerde immer nur Negatives hoeren. Ich war so stolz und gluecklich, ihm sagen zu koennen, dass in unserem kleinen Dorf die Integration klappe und die Leute sehr gut aufgenommen waeren. Solche Orte und Menschen gaebe es noch viele, aber sie kommen halt meistens nicht in die Schlagzeilen, oder bestenfalls, wenn ein Fluechtling einem verunglueckten-AFD Politiker das Leben retten wuerde…

In Gwallior fuhren wir zuerst in den Ashram, wo Rajagopal angefangen hatte. Er sagte, vor 10 Jahren haette er uns noch nicht dahin mitgenommen. In diesem Ashram leben auch zwei ehemalige Terroristen. Wie alt sie sind, wissen sie nicht so genau. Der eine war sehr jung, als er zu der Raeuberbande ging. Er waere so arm gewesen und haette niemanden gehabt, es war seine einzige Ueberlebenschance. Der andere hatte ein Stueck Land, das man ihm wegnahm. Darauf erschoss er diese Leute und wurde Raeuber. Dank Rajagopals Vermittlung haben beide spaeter ihre Waffen abgegeben und kamen in ein offenes Gefaengnis. Dort durften jene, die Familie hatten, diese mitnehmen. Sie lernten Agrikultur, lernten lesen und schreiben. Beide sind heute alte, glueckliche Menschen. Solche ehemaligen Raeuber gibt es noch viele. Ich habe einen Mitarbeiter von Rajagopal gebeten, ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben und ihr Credo an die Gewaltlosigkeit und was sie anderen Gefangenen raten wuerden. Versprochen ist es. Ich hoffe, es wird auch gemacht werden. Ganz wichtig, diese Maenner haben sich mit den Menschen ausgesoehnt, denen sie Gewalt und Unheil angetan haben.

Diese Gegend, das Chambal Valley, war auch die Heimat von Poolan Devi, der Koenigin der Banditen, die dann viele Jahre im Gefaengnis sass, dann aber ins indische Parlament gewaehlt wurde. Eins Tages wurde sie auf offener Strasse erschossen.

Wir haben verschiedene Doerfer besucht, in denen Menschen um ihr Land gekaempft haben oder noch tun. Immer wurden wir mit viel Freude, Gesang und Girlanden begruesst. Wenn Leute von so weit herkommen, dann muss doch das, was sie tun, gut sein!!

In Indien gibt es noch 50 Millionen Landlose, respektive Leute, die nomadisch leben. Das heisst nicht, dass sie von der Kultur her nomadisch waeren. Das gibt es auch. Es sind auch Leute gemeint, die immer einem Job, einer Ueberlebensmoeglichkeit nachreisen, die Slums bevoelkern und dann auch oft Aids in die hintersten Doerfer bringen, wenn sie zu ihren Familien zurueckkehren. Zum Beispiel: Delhi hat 15 Millionen Einwohner. Taeglich kommen nochmals so viele Menschen dazu, die dort arbeiten oder Arbeit suchen.

Es sind auch Adivasis, die frueher mal im Urwald lebten, Fruechte und Kraeuter sammelten und ein ungeheures Pflanzenwissen hatten. Sie haben fuer ihre Beduerfnisse auch gejagt. Dann wurde das ploetzlich Schutzgebiet. Die Menschen standen ohne jegliche Lebensmoeglichkeit da.

Dann gibt es jene, die sich bei Grossgrundbesitzern verschulden und dann ein Leben als Sklaven fristen muessen, offiziell verboten, aber wen stoert das? Alle 25 Minuten macht ein indischer Bauer Selbstmord.

In einem Dorf, wo wir waren, erzaehlten die Leute, dass sie das Land schon verschrieben bekommen hatten. Da hat ihnen die Urwaldbehoerde Pflanzensamen auf die bebauten Felder gesaet, ein Dornengewaechs, das sie nur mit groesster Muehe wieder loswerden konnten.

In einem andern Dorf, auch im Urwaldgebiet (nicht alles, was als Urwald gilt, ist auch Schutzzone) mussten die Maenner in einem Steinbruch arbeiten. Das Dorf besteht fast nur aus Witwen, Kindern und ein paar alten Maennern. Die jungen Maenner sind alle an Staublunge gestorben, Lebenserwartung 35 Jahre.

In nochmals einem andern Dorf herrscht eine Dorfchefin. Die bringt der Polizei das Fuerchten bei. Die Adivasis hatten die Landrechte schon, als ein reicher Mann sich an sie heranmachte. Er sagte ihnen, sie sollten das Land bebauen. Er wuerde ihre Waren dann verkaufen. Gesagt, getan. Nur dass die Dorfleute nie Geld gesehen haben. Als sie sich wehrten, kam die Polizei, die bestochen worden war und schlug die Frauen grausam. Irgendwann gelang es ihnen, einen Polizisten zu ueberwaltigen und zu Boden zu werfen. Dann setzten sich die Frauen auf ihn, so dass er gar nichts mehr tun konnte.

Bei dem einen Dorf konnten die Bauern ihr Land schon fuer sich bestellen. Frueher mussten sie in die nahe Stadt fahren, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen. Jetzt fuehrt der highway direkt an ihrem Land vorbei. So koennen sie direkt verkaufen, ohne lange Wege.

Jemand fragte, was denn die Maenner sagten, wenn die Frauen so selbstbewusst wuerden. Kurzes Stillschweigen, dann standen einige Maenner auf und sagten, sie wuerden das gut finden. “Wir arbeiten zusammen, wir kaempfen zusammen um bessere Lebens-moeglichkeiten.”

Schwieriger ist das Thema Schule: “Es muss uns doch jemand helfen, die Felder zu bestellen. Wir haben gar kein Geld fuer Schulbuecher.” Es gibt aber auch Doerfer mit winzigen Schulhaeuschen.

Dann gibt es auch die Maenner, die im Geheimen wieder ein Stueck Land verkaufen und das Geld in Alkohol umsetzen. Incredible India!

Die Doefer sind unglaublich arm. Der Staat foerdert jetzt die Latrinen. Dass es in jedem Dorf wenigstens eins dieser Haeuschen gibt, dass wenigstens die Frauen geschuetzt sind, wenn sie mal muessen. Auch in den Staedten gibt es eine Menge neue und saubere Toiletten.

Eine staatliche Muellabfuhr gibt es nach wie vor nicht, auch in den Staedten nicht. Aber der Staat foerdert dennoch viele Initiativen fuer Green India, Clean India. Der Unterschied zu frueheren Jahren ist deutlich.

Der Staat hat zum Ziel, dass letztlich jeder indische Mensch ein Handy haben sollte… Es gibt auch Dorfhaeuser, in denen es Elektrizitaet gibt. Dort versammelt sich das ganze Dorf um den Fernseher….

Rajagopal war es wichtig, dass wir Menschen aus allen Schichten begegneten. Glaubwuerdig waren mir laengst nicht alle. Wir hatten auch viel mit Presse zu tun. War nicht mein Ding. Vor allem, wenn man merkte, dass diese Leute gar nicht begriffen oder begreifen wollten, worum es geht.

In den Doerfern haben wir gesehen, wie Getreide und Rupien gesammelt wurden. Jeden Tag eine Handvoll Getreide oder Reis und eine Rupie. Der Weg der kleinen Schritte. Damit soll 2018 der naechste grosse Marsch der Armen nach Delhi organisiert werden und er soll noch groesser werden als der Marsch von 2012. Trotzdem ist auch Ekta Parishad auf Geld aus dem Ausland angewiesen. Rajagopal ist sehr darauf bedacht, dass Ekta Parishad eine Bewegung bleibt und keine politische Partei wird. Nur so koennen sie mit allen Seiten verhandeln.

Die Regierung hat viel versprochen, aber wenig gehalten. Rajagopal will marschieren, bis alle Vertraege eingeloest sind. Er sagt: “Diese Leute sind gewoehnt, am Boden, auf der Strasse zu schlafen. Sie sind gewoehnt, grosse Strecken zu Fuss zurueck zu legen. Sie sind gewoehnt, einfach zu leben. Sie sind bestens geeignet, auf diesen Maerschen durchzuhalten und ihr Recht einzufordern. Man muss mit dem arbeiten, das da ist.

Fuer 2019 – 2020 ist noch ein groesseres Projekt geplant: Ein Friedensmarsch von Delhi nach Genf, der ungefaehr ein Jahr dauern soll und auch durch Krisenlaender wie Pakistan und Afghanistan fuehren soll.

Crazy oder gracy? Die Vorbereitungen laufen schon.

Am 9. Oktober fuhren wir nochmals ein paar Stunden mit dem Zug nach Delhi zu einem internationalen Filmfestival fuer friedensengagierte Frauen, das erste seiner Art weltweit.

Als erstes besuchten wir die Staette, wo Gandhis Asche ruht. Ich war sehr beruehrt von dieser Staette und waere am liebsten in stillem Gedenken dort geblieben. Stattdessen hielt uns ein 90jaehriger Professor, der Gandhi noch persoenlich gekannt hatte, einen Vortrag ueber seine Philosophie der Gewaltfreiheit und Frauenpower. Am Abend war dann die Eroeffnung des Filmfestivals und so ging es weiter, von morgens 9 Uhr bis Abend 9 Uhr oder auch spaeter. Ich kenne dieses Timing von internationalen Treffen bei Beena Sebastian. Die Inderinnen fuehlen sich pudelwohl, aber die Auslaenderinnen, vor allem jene aus dem Westen, koennen dann irgendwann nicht mehr, was sehr schade ist, denn was geboten wird, ist hochkaraetig.

Es war auch kaum moeglich, am Abend gemachte Notizen zu verarbeiten. So ist das allermeiste, was ich niederschreibe, aus dem Kopf. Nach Tagen konnte ich die Notizen oft nicht mehr zuordnen.

Am Abend waren wir meistens noch irgendwo eingeladen. Einmal haben wir im muslimischen Zentrum zu Abend gegessen. Dort war auch die einzige muslimische Imamin Indiens dabei. Ein anderes Mal waren wir Gast bei der nordindischen Kirche. Das ist ein Zusammenschluss von verschiedenen evangelichen Kirchen in Nordindien. Ueberall wo wir waren, wurde immer wieder gebetet. Das ist eine Selbstverstaendlichkeit. Ich konnte die Gebete auch gut nachvollziehen. An diesem christlichen Abend hat mich das Gebet aber ganz besonders beruehrt. Der Pastor began mit: VATER.. Das erste Mal, dass ich wieder dieses vertraute VATER… hoerte…

In meinem Leben habe ich noch nie so viele Filme nacheinander gesehen, immer mit guten Diskussionen dazwischen. Oft waren die RegisseurInnen anwesend. Einige Filme waren auch von Maennern gedreht worden. Am meisten war ich ueber einen srilankischen Regisseur erstaunt und seinen Film, der nur 15 Minuten dauert, aber die Geschichte geht unter die Haut: Eine Kriegerwitwe auf Sri Lanka bringt ihrem Sohn bei, wie er bei einem Theater in der Schule einen Soldaten zu spielen hat. Zuerst kaufen sie ein grosses Spielzeug-Maschinen-gewehr. Dann lernt er exerzieren. Er soll seinem gefallenen Vater Ehre machen. Als sich der Junge schlafen legt, kommt unerwartet ihr Liebhaber vorbei. ER will dem Jungen das Kriegsspiel beibringen. Doch die Mutter lehnt ab, weil das Kind schon schlaeft. Da passiert poetzlich ein bewaffneter Ueberfall. Das Haus wird beschaedigt, aber es wird niemand verletzt. Ganz benommen sitzt der Soldat mit der Frau in Deckung. Ploetzlich bricht er in Traenen aus: Er will gar nicht mehr Soldat sein, sondern moechte mit seiner Geliebten und dem Kind in Frieden leben koennen. Als draussen wieder alles ruhig ist, verabschiedet er sich. Als er wenige Meter vom Haus entfernt ist, flammt das Feuer wieder auf und er wird toedlich getroffen. Am andern Morgen sieht man, wie der Junge wieder Exerzieren moechte, aber die Mutter sitzt erstarrt und gedankenverloren da…

Ob es ein Weg zum Frieden waere, wenn alle Maenner so ehrlich sein koennten und zur Einsicht kaemen, dass es andere Wege zum Frieden geben muss als durch Kriege..

DYING DREAMS, 19 min. Sudath Abeysiriwardane, Sri Lanka.

Diese Filme duerften alle vom Internet herunter ladbar sein.

BOXING GIRLS OF KABUL, 54 min. Ariel Nasr, Docu

NO MORE TEARS,SISTER, 78min. Sri Lanka Helene Klodawsky, Docu

DAUGHTER OF THE NIGER DELTA, 56min. Isle van Lemoen, Docu

DAUGHTERS OF THE FOREST, 56min. Samantha Grant,Paraguay, Docu

THE WOMEN’S REVOLTION IN JEMEN,56min. Docu, SEHR EMPFEHLENSWERT

INVOKING JUSTICE, 87 min. Indien Deepa Dhanraj, Docu, Musliminnen in Suedindien kaempfen um ihr Recht.

WOMEN OF TIBET, A QUIET REVOLUTION, 57min. Rosemary Rawcliffee, Docu

GULABI GANG, 96min. Nishta Jain,Indien, DOCU, SEHR EMPFEHLENSWERT

THE ROAD I KNOW 59, Yirmian Arthur Yhome, Nordostindien, Docu. Dieser Film hat mich sehr beruhrt, weil ich diese Strasse und das Land kenne, so weit es fuer Auslaender zugaenglich ist. Hier moechte John mit Hilfe von AVP Peace groups aufbauen.

LYARI NOTES, 70 min. , Miriam Chandy Menacherry &Maheen Zia, Pakistan / Indien, Docu

Ich wuenschte, Friedensfilmfestivale wuerden zur Regel werden!!!

Ich hatte noch einen Tag laenger in Delhi bleiben wollen, wenn ich schon da war. So koennte ich endlich mal den Taj Mahall sehen. Ich war gottenfroh, dass ich diesen Tag noch hatte, aber nicht fuer den Taj Mahall, sondern um ein wenig abschalten zu koennen.

Am 15. Okt. flog ich nach Kerala. Vor dem Flughafen gab es noch eine Schreckenssekunde: Das Fugticket war von der Schweiz aus bestellt worden. Ich druckte es auf deutsch aus. Datum: 15. Okt. Der Watchman vor dem Flughafengebaeude machte mir klar, dass das gar nicht geht. Es muss oct, mit c geschrieben sein. Er liess mich nicht ins Gebaude rein. Ich musste zuerst zum Indigo Buero, wo es dann allerdings gar kein Problem war, das Ticket nochmals auf englisch auszudrucken… Ich hatte genuegend Zeit einberechnet. Die Maschine startete mit einer Stunde Verspaetung und kam mit einer Stunde Verspaetung in einem verregneten, aber Gott sei Dank, recht kuehlen Kerala an. Ich hatte richtigerweise drei Tage im Cherai Beach Resort gebucht, um ausruhen zu koennen und mir einige Ayurveda Massagen verpassen zu lassen, um meine harten Ruecken- und Beinmuskeln wieder fit zu kriegen. Das Cherai Beach Resort ist ein wunderbarer Ort, im Osten ein See, im Westen das Meer, im Osten wunderbare Sonnen- und Vollmondaufgaenge, im Westen sinkt die Sonne am Abend ins Meer, dazwischen ein Landstreifen von ungefaehr 100 Metern.

Ich kam ziemlich k.o. an. Beena hatte die drei Tage fuer mich reserviert, da es ueber mail weder fuer mich noch fuer die Gruppe moeglich war. Da muss jeweils Beena ran.

Als ich auf die Anmeldestelle zu ging, schauen mich zwei braune Augenpaare gross an: “Wer bist Du denn?” “Nee, keine Anmeldung.” Ich verwies auf Beena Sebastian. “Wer ist das?” “Schweizergruppe?” “Nie gehoert.” Ich gab dem jungen Mann mein Handy. Er soll sie mal anrufen. Da zischte der Manager aus seinem Buero, begruesste mich ueberschwaenglich, gab Anweisungen, Discount (schliesslich bringe ich ihm im November die siebte Gruppe, macht mehr als 100 Ayurveda-Massagen). Jetzt klappte aber alles ganz schnell.

Ich genoss die Tage am Meer aus vollem Herzen, am Morgen frueh, wo ich auch mal einen Delphin sah und Abends spaet. Dazwischen ging ich Schwimmen oder schlief mich einfach aus. Am dritten Tag holte Beena mich ab. So hatte sie auch mal einen Tag frei. Dann hiess es bei Sebastians: “Welcome back home!!”

Herzliche Gruesse von Eurer Schwester Myriam aus dem warmen und feuchten Kerala.