Archiv des Autors: Schwester Myriam

Die Friedensfamilie


Drei-Generationen-Friedensfamilie

Das Projekt, bei dem ich schon am laengsten engagiert bin, ist die Cultural Academy for Peace (CAP), gegruendet und bis heute auch geleitet von Beena Sebastian. Sie stammt eigentlich aus einer „Friedensfamilie“. Ihr Vater, K.K Chandi, war anglikanischer Pastor, ein Kollege von Gandhi, der damals schon mit seiner Frau Mary um die Welt reiste, um fuer den Frieden zu werben. So reiste er 1942, mitten im Krieg, nach Daenemark. Vater Chandi ist auch der Gruender des indischen Zweiges vom internationalen Versoehnungsbund. (IFOR)

Seine Frau Mary war das erste Maedchen, welches in Kerala das Abitur machte. Sie musste einmal einige Tage ins Gefaengnis, weil sie mit einigen Kolleginnen einen Toddishop, einen Schnapsladen, im Dorf niederriss, weil dort die Maenner ihr Geld „anlegten“ und nachher im Suff zu Hause die Frauen und Kinder verpruegelten. Leider ist dieses Ehepaar heute fast vergessen, ausser in der Gegend, wo Vater Chandi einen Ashram gruendete, der damals schon oekumenisch war. Jetzt soll von der nachfolgenden Generation diese Geschichte aufgearbeitet werden. Vater Chandi starb im Alter von ueber 90 Jahren. Ich hatte das Glueck, Mutter Chandi noch zu kennen.

Von den fünf Kindern sind drei auch wieder in der Friedensarbeit engagiert. Beena war auch schon mit 999 andern Frauen fuer den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Lokale Friedenspreise hat sie bekommen.

Am besten kenne ich Beena und ihre Schwester Suseehla. Letztere war Professorin fuer Psychiatrie. Seit Jahren setzt sie sich fuer Frauenrechte und gegen Kindesmissbrauch ein. Die beiden Schwestern haben auch die Polizei unterrichtet, damit sie menschenwuerdig mit missbrauchten und gequaelten Frauen umgehen kann und auch weiss, wohin diese Frauen gebracht werden koennen. In den Schulen wurden die Kinder sensibilisiert, um Missbrauch zu erkennen oder sich davon zu befreien.

Beena hat nicht nur den Vorstand des indischen Versoehnungsbundes (FORI) viele Jahre uebernommen gehabt, sie hat auch vor ueber 30 Jahren ein Frauenhaus und etwas spaeter ein Maedchenschutzhaus aufgebaut. Beena, die eine Ausbildung als Sozialarbeiterin hat, Gestalttherapeutin ist und sonst noch vieles dazu, arbeitet unermuedlich und grundsaetzlich ehrenamtlich seit ueber 30 Jahren, sechs Tage die Woche. Frueher waren es sogar sieben. Aber jetzt hat sie drei suesse Enkelkinder… Cuckoo, die aeltere der beiden Toechter, ist in der Gegend verheiratet. Die juengere lebt mit ihrem Mann mittlerweile in Deutschland. Als junge Maedchen waren auch sie stark beim Versoehnungsbund engagiert.

Beena betont immer wieder, welch Glueck es ist, dass sie einen Mann hat, der sie in allem unterstuetzt. Zum Unterhalt des Frauenhauses bekommt sie etwas Geld vom Staat, und das Haus ist auch von diesem zur Verfuegung gestellt, aber was das heisst an Antraegen stellen und sich mit Amtsstellen herumquaelen (und das in Indien), das wissen alle, die dies als Beruf in Deutschland machen (muessen). Ihr Traum ist nach wie vor, ein Therapiezentrum aufzubauen, obwohl sie mittlerweile auch die 60 ueberschritten hat. Der Kampf um das taegliche Geld ist ein Dauerthema. Es ist auch schwieriger, Geld fuer ’solche‘ gebrandmarkten Frauen zu bekommen als fuer Kinder, deren Zukunft noch vor ihnen liegt. Auch die Loehne der Angestellten zu bezahlen ist immer wieder ein Kraftaufwand. Eine Zeitlang hatte ein Ehepaar, das die jaehrliche Reise mitgemacht hat, sich um das Jahresgehalt fuer eine Angestellte gekuemmert.

Einmal haben sie eine Rikshaw gespendet, weil Beena Rikshawfahrerinnen ausbildet. Mittlerweile ist dieses Ehepaar in die muslimische Heimat des Mannes gezogen. Unter all diesen Problemen ist die Arbeit bei IFOR etwas eingeschlafen.

Beena ist zuerst einmal der Friede in den Familien wichtig, denn sie sind die Grundlage eines gesunden Staates. In Europa wird dies heute anders gesehen. Es gibt andere Lebensformen, die eher unterstuetzt werden. „Familie ist altmodisch. Ne, das koennen wir nicht unterstuetzen.“

Wie das Roshini Projekt ist auch die CAP in einer Umbruchphase. Wie soll es weitergehen? Susheela und ihr Mann sind entschlossen, IFOR wieder aufleben zu lassen.

Viel Wert wird auch auf die Ausbildung der Frauen im Schutzhaus gelegt, dass sie auf eigenen Fuessen stehen koennen. Seit einigen Jahren werden Rikshawfahrerinnen ausgebildet, ein Einbruch in eine Maennerdomaene. Aber die Frauen kommen gut an, werden auch von den maennlichen Kollegen geschuetzt. Sie haben ein gutes Auge, wenn sie irgendwo eine Frau entdecken, die Hilfe braucht. Das ganze Projekt ist sehr nachhaltig.Bei den jungen Maedchen wird Kunst gefoerdert. Fuer gute Ideen sind sie immer zu haben. Ich hatte eine, aber konnte mich zuhause nicht mehr instruieren lassen. In unserer Gemeinschaft lebt eine Frau, die aus Teebeutelhuellen wunderbare Weihnachtskarten macht. Diese Idee wollte ich weitergeben. Deshalb nahm ich einige Exemplare dieser Karten mit. Da kam Kuckoo vorbei und setzte sich ans Werk, bis sie eine geschaft hatte. Das Muster sieht doch gut aus?! Was man aus einfachen Dingen wie Teebeutelhuellen doch alles machen kann!

 

Wichtig ist mir auch, dass Beena einmal im Jahr rauskommt. Wir gehen shopping in der juedischen Stadt mit den vielen Laeden, wo es wunderschoene handwerkliche Kunstwerke zu kaufen gibt. Wir kennen die Ladenbesitzer fast alle und sie uns. Wegen der Flutkatstrophe, die an Kochi vorbeigegangen war, kommen jetzt kaum westliche Touris, bestenfalls die Kreuzfahrtschiffe, aber deren Reisebegleiter bringen die Leute in die grossen und reichen Laeden, was die Leute, die in der juedischen Stadt Steuern zahlen, zur Rage bringt. Viele kommen aus dem Kaschmir und haben natuerlich auch eine eigene Geschichte hinter sich. Statt dass sie sich zusammenschliessen, sind sie sich sehr oft auch nicht gruen, weiss der Himmel warum. Da haben sie dann Gespraechsbedarf. Oder ein anderer hat fuerchterliche Rueckenschmerzen oder, oder… „Hallo, wir kennen uns doch von Mysore… “ Gespraechsmomente von unserem Spaziergang. Und Gingereis essen gingen wir auch noch, direkt am Meer, wo es so hoellisch stank, dass wir uns wieder ins Restaurant fluechteten. Auf meine Frage, warum das so ist, erhielt ich die Antwort: Das ist Schlamm und Dreck, der von den Fluten hierhin geschwemmt wurde. Die Fachleute kommen nicht nach mit dem Saeubern.

Die Flutkatastophe hat tatsechlich viele Nachwirkungen, aber auch sehr viele positive. Es war eine ungewoehnliche Solidaritaet, die da stattfand. Die allergroessten Helden sind die Fischersleute, die sonst eher den Ruf haben, faul und Alkoholiker zu sein. Tja, das Meer wird von den grossen Kuttern leergefischt. Die kleinen Fischer gehen leer aus. Wie sollen sie ihre Familien durchbringen? (Das fragen die Rikshawfarer auch, wenn die Touristen ausbleiben.) Die Fischer sind in all dem Elend zu den grossen Helden geworden. Sie wissen, wie man mit Wellen und Wassern umgeht. Ohne sie waeren noch viel mehr Menschen gestorben. Entsprechend werden sie jetzt auch geehrt. Es gibt da eine beruehmt gewordene Geschichte: Die Fischer fuhren mit ihren Booten durch die Strassen, um die Menschen aus den Haeusern zu retten. Aber irgendwo konnten alte Leute nicht ins Boot einsteigen, weil es zu hoch war. Da legte sich ein Fischer so ins Wasser, dass die alten Leute ueber seinen Ruecken ins Boot klettern konnten und so gerettet wurden. Jemand wollte ihm daraufhin Geld geben, aber der Mann sagte, ich hab jetzt keine Zeit dafuer. Es muessen noch viele gerettet werden..

Die Armee hat eine ganz grossartigen Einsatz geleistet!! Das ist etwas von einem Traum, den ich schon lange traeume: Armeen sollen nicht abgeschafft werden, wohl entwaffnet werden, das Geld, das die toedlichen Spielzeuge kosten, sollte fuer humanitaere Zwecke eingesetzt werden und die Soldaten und Soldatinnen so ausgebildet werden, dass sie in Katastrophenfaellen sofort ueberall auf der Welt eingesetzt werden koennten…

Auch die verschiedenen Religionen haben ganz anders zusammengefunden. Man hat sich einfach geholfen, wie es ging. Eine sehr grosse Rolle spielten die Handys. Die Leute warnten sich gegenseitig, oft frueher als die Medien es konnten, was auch dazu beigetragen hat, dass viele gerettet werden konnten. Aber man wird wohl nie wissen, wie viele gestorben sind. Immer noch sind viele verschollen. Leider gab es von der rechtsradikalen Seite aus dem Norden her eine ueble Verleumdungskampagne von den Nationalradikalen, die am liebsten das ganze Land zu einem rechtsradikalen Hindustaaat machen moechten. Dies waere nur Propangada der Christen und Muslimen gegen die Hindus. Gelder aus den arabischen Emiraten wurden zurueckgewiesen.

Dieser eine Tag mit Beena ist mir sehr wichtig. Als ich ihr dies mal wieder sagte, drueckte sie mir lange und fest die Haende ohne ein Wort zu sagen. Es war einer der bewegendsten Momente meines diesjaehrigen Indienaufenthaltes.

Und dann gab es noch einen Moment, der mich tief erschuetterte: Beena und ich waren ans Meer gefahren, dahin wo wir mit der Reisegruppe, die im November kommt, einen Tag verbringen wollen. Ich hatte zwar schon im Juli alle Unterlagen abgegeben und Beena hat alles gebucht, aber sicher ist sicher. Wir haben da unsere Erfahrungen. Gut, dass wir da waren!! Jetzt klappt hoffentlich alles. Aber da war etwas anders. All die vielen Jungs, die sonst beim Service helfen und tausend andere Arbeiten verrichten, waren weg. Das war sonst immer so ein froehlicher Empfang. „Wir mussten sie entlassen“, sagte der Manager. „Wir haben keine Kunden. Wir koennen die Loehne nicht mehr bezahlen…“

Bevor wir nach Hause fuhren, ich hatte naemlich einen Zahnarzttermin, wollte ich doch noch schnell ein wenig im Meer planschen. Ich kletterte auf die Tsunamimauer. Nach der damaligen Katastrophe wurde diese Mauer gebaut, auf den Sandstrand natuerlich, etwa 3 Meter hoch. Ich ueberlegte immer, was nutzt diese Mauser bei einem Tsunami? Das Meer laesst sich nicht von drei Metern Mauer abhalten. Eigenartig, das Meer droehnte so laut. Ich kletterte hoch und erstarrte. Normalerweise ist zwischen den Ozeanwellen und der Mauer etwa 50m Strand. Jetzt schlugen die Wellen an die Mauser. Ich musste mich setzen. Waere ich weiter runtergegangen, haette das Wasser mich entweder an die Mauer geschlagen oder in den Ozean hinausgerissen. Einen Moment war ich wie gelaehmt. Das ist also der Klimawandel.

Und das Meer soll ja noch mehr ansteigen….

In Kerala bin ich gut vernetzt und verbunden. Auf Kochi, bei den Rikshawdrivern und Strassenhaendlern bin ich bekannt wie ein roter Hund. Die Rickshawdriver sind eine Welt fuer sich. Einerseits Schlitzohren, aber wenn man ihr Vertrauen erworben hat, was nicht so ganz einfach ist, dann kann man goldene Herzen entdecken. Rickshawdriver sind meistens arme Kerle. Es reicht zum Allernoetigsten, mehr auch nicht. Babu ist einer von ihnen. Jetzt hat er wenigstens eine bessere Wohnung. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Mutter, die schon seit 10 Jahren wegen eines Schlaganfalles im Bett liegt. Er muss sie fuettern wie ein kleines Kind und auch sonst alles machen.

Das kleine Maedchen darf nur zum fotographieren so unbeschwert in die Kamera schauen. Sonst muss sie immer noch Mundschutz tragen. Vor einem Jahr hatte sie noch Leukaemie. Man wusste noch nicht, ob sie es schaffen wurde…

Die Frau auf diesem Bild, die so fleissig arbeitet, ist ein Glueckspilz.
Nicht nur Kerala ist von der Flutkatastrophe betroffen gewesen. Den suedlichen Teil von Karnataka, Goorg heisst die Gegend, nahe an der Grenze zu Nordkerala, hat es ebenfalls erwischt, allerdings ohne Tote, aber mit schweren Erdrutschen. In dieser Gegend wird vor allem Kaffee angebaut. Jaehrlich stroemen 1000de von Plantagenarbeitern aus dem Nordosten hierhin, um etwas zu verdienen. Sie waren am Arbeiten, als das Unglueck geschah. Deshalb konnten sie auch alle den Berg hinauf entkommen und standen vor dem Nichts. Viel hatten sie ohnehin nicht zu verlieren gehabt. Der Plantagenbesitzer machte sich aus dem Staub, besser aus der Matsche, die den Berg herunter kam und floh in seine Villa in Bangalore… die ArbeiterInnen ueberliess er dem Schicksal. Diese Frau hatte zum Glueck eine Bekannte, die eine Bekannte hatte… so kam sie zu Schwester Lisy, die eben froh um eine Gaertnerin war…

Ach ja, Zahnarzt-Termine hatte ich auch noch. Jetzt sollte es wieder einige Jahre halten…

Bitte Schuhe ausziehen, ehe man die Praxis betritt!! Das verwendete Material kommt aus Deutschland und der Schweiz:

Eindruecke von Kerala: Vernetzt und verbunden…

Hier lebt man nicht nur in verschiedensten Welten, sondern auch in verschiedenen Zeiten. WE ARE ALL ONE!! Ich wuenschte, dass wir ueber die ganze Welt hinweg EINE Friedensfamilie wuerden. So etwas durfte ich dann einige Tage spaeter erfahren bei einem Seminar von Jill und Rajagopal. Rajagopal duerfte der greosste Friedensmensch unserer Zeit nach Gandhi sein. Das Thema war tatsaechlich: global community and local community.

Wir haben mit vier Fragen gearbeitet, mit denen sich eigentlich jedermann auseinandersetzten sollte, sowohl als Gemeinschaft als auch als Indivduum:
Wer bin ich? Was will ich? Was bringe ich mit? Was nehme ich mit!

Es ging auch um den Jaijagat, den globalen Marsch von Delhi nach Genf, 2019 bis 2020. Die Vorbereitungen sind schon heftig im Gange. Bei der Vernetzung mische ich kraeftig mit. Ich hoffe, dass dieser Marsch, der wie ein Sternmarsch mit tausenden von Leuten aus Asien, Afrika und Europa in Genf eintreffen wird, das Bewusstsein staerkt, dass keiner zu klein und unbedeutend ist, sich fuer den Frieden zu engagieren und es so Tausende von Mit- Laeufern im positiven Sinne geben wird. Wir sind mehr als man denkt!! FRIEDEN GEHT! Wir sind EINE Menschheitsfamile.

Davon werde ich zu einer spaeteren Zeit mehr berichten. Mir ist die Zeit zu knapp geworden. Die ersten Indienreisenden aus Deutschland sind schon da. Im Moment fliegen die Schweizerinnen am Himmel Richtung Bangalore. Ab morgen werde ich kaum mehr Zeit fuer Korresponzenz haben bis Ende November. Danke fuer alle, die an uns denken und fuer uns beten.

Mit herzlichen Gruessen, Eure Schwester Myriam

Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen ist. (Albert Einstein)

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